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17 31/03

Ohne Hoffnung gibt es keinen Grund für Pessimismus - Die Getriebenen in Aki Kaurismäkis Filmen

Es sind Außenseiter, Ver- und Getriebene, von denen Aki Kaurismäki erzählt. Sie sind von der Gesellschaft entfremdet und suchen einen Weg für sich. Schon in seinem ersten Film, Crime and Punishment (1983), in dem er alleine Regie geführt hat, steht mit dem Schlachthausarbeiter Rahikainen ein Mann im Mittelpunkt, der sich durch die moralischen und praktischen Konsequenzen eines Mordes an den Rand der Gesellschaft manövriert hat. Diese Tat definiert sein Verhältnis zu seiner Umwelt neu. Hatte er schon vorher Schwierigkeiten, mit seinen Mitmenschen zu kommunizieren, hat er sich nun von ihnen noch weiter entfremdet. Einzig die Verbindung zu einer Zeugin seiner Tat und einem Polizisten sind ihm geblieben.


(Aki Kaurismäki; Copyright: Soppakanuuna / CC BY-SA 3.0)

Diese Struktur wird in Kaurismäkis Filmen wiederkehren, sie ist ein bestimmendes Merkmal: Stets zu einem frühen Zeitpunkt werden seine Protagonisten von den Routinen und Menschen getrennt, die ihren Alltag bestimmen. In Ariel (1988) wird Taisto arbeitslos und sein Vater begeht Selbstmord, das Mädchen in der Streichholzfabrik (1990) entschließt sich, ein Kleid zu kaufen, der Mann ohne Vergangenheit (2002) wird zusammengeschlagen, verliert seine Erinnerung und muss gänzlich neu anfangen. Wiederholt führt eine Reise zur Entfremdung (die Leningrad-Cowboys-Filme, Tatjana (1994) und Juha (1999)).

Zweimal hat diese Struktur im Verlauf von Kaurismäkis Filmschaffen eine Umdeutung erfahren: Anfangs war die Entfremdung ein gewollter Akt – Rahikainen entscheidet sich zu dieser Tat, in Calamari Union flüchtet sich die Gruppe verarmter Männer in ein Fantasieland –, doch sie wird im Lauf der Jahre zunehmend durch Arbeitslosigkeit und/oder Gewalt von außen herbeigeführt. Kaurismäkis Protagonisten gehörten schon immer der Arbeiterklasse an, sozial höher gestellte Figuren werden als gewissenlos und abstoßend (Crime and Punishment; Lichter der Vorstadt) entworfen. In den ersten Filmen wird die Arbeit als repressiv und einengend empfunden, sie trägt zur Unterdrückung der Protagonisten bei, aus der sie sich befreien. Doch Mitte der 1990er Jahre wird die Arbeit zu einem zentralen Faktor für die Identität und den Alltag von Kaurismäkis Figuren. In Wolken ziehen vorüber (1996) verlieren Ilona und Lauri nicht nur jeweils ihre Anstellung, sondern damit auch den Kontakt zu ihren Freunden und Kollegen sowie die Routine ihres Alltags. Sie müssen also sowohl eine neue Arbeit finden als sich auch ein neues Leben aufbauen.

Die zweite Änderung vollzieht sich mit Le Havre (2011). Hier gibt es nicht nur einen Außenseiter, sondern zwei: den Schuhputzer Marcel Marx, dessen Frau krank im Krankenhaus ist, und den illegalen Einwanderer Idrisssa, der Gabun verlassen hat, um in England ein anders Leben anzufangen. Seine erste Reise hat ihn in die Entfremdung geführt. Am Ende wird es eine zweite Reise für ihn geben, die ihn vielleicht in ein besseres Leben bringt. Indem Kaurismäki also seinen Blick globaler werden lässt, verdoppelt er seine Struktur.


(Trailer zu Le Havre)

Noch deutlicher wird es in Die andere Seite der Hoffnung (2017). Hier treffen zwei Vertriebene, zwei Getriebene, zwei Suchende in Finnland aufeinander. Zum einen Khaled, ein junger Mann auf der Flucht, der sich zu Beginn aus einem riesigen Kohleberg auf einem Schiff wühlt und erst einmal auf die Suche nach einer Dusche geht. Zum anderen Waldemar Wikström, ein Vertreter für Herrenhemden, der seine Frau verlässt, sein Lager verkauft, bei einem illegalen Pokerspiel Geld gewinnt und sich ein Restaurant kauft. Diese beiden Männer werden sich treffen. Khaled ist mittlerweile auf der Flucht, weil sein Asylantrag abgelehnt wurde, nachdem Syrien als „sicher“ erklärt wurde – was die Fernsehberichterstattung, die nach dieser Entscheidung des Gerichts eingeblendet wird, zynisch konterkariert – und landet in Wikströms Restaurant. Zwei Getriebene, die auf eine neue Heimat hoffen, verbinden sich in einem Restaurant, in dem schon in Wolken ziehen vorüber ein Happy End zu finden war.


(Bild aus Die andere Seite der Hoffnung; Copyright: Pandora Filmverleih)

Durch die Verdopplung der Struktur erweitern sich die Themen. Schon immer hat Kaurismäki eine ganze Bandbreite an gesellschaftlichen Themen verhandelt, zur Arbeitslosigkeit, Polizeigewalt und Amtswillkür kamen mörderische Schlägerbanden, die erst Obdachlose, dann Ausländer zu Tode prügeln wollen. Und dazu – wohl gemerkt nicht an ihre Stelle – treten seit den 2010er Jahren Menschenschmuggel, Asylrecht, Einwanderung und Passfälschung. Nun trifft nicht mehr nur ein desillusionierter Arbeiter auf die finnische Mittel- oder Oberschicht oder auf den finnischen Staat, sondern Geflüchtete aus Afrika und Syrien auf das alte Europa. Nicht mehr nur die finnische Arbeiterin wird bei dem Antrag auf Arbeitslosengeld von einem Angestellten des Staates gedemütigt, sondern ein Richter verkündet mit ausdruckslosem Gesicht, dass Syrien ein sicheres Herkunftsland sei. Was gleich bleibt, ist Demütigung, Ignoranz und Gleichgültigkeit – und Kaurismäkis Appell an Gemeinschaft und Solidarität.

Kaurismäki erweitert somit seine Filme narrativ, stilistisch macht es indes keinen Unterschied, ob er von einer finnischen Arbeiterin oder einem jungen Gabuner erzählt. Vielmehr arbeitet er weiter mit einer wiederkehrenden Farbpalette, in der Grau, Schwarz und Weiß auf Blau- und Grüntöne treffen. Die Ausstattung lässt sich zeitlich schwer einordnen, da sich immer wieder Objekte in ihr finden, die nicht dazu gehören. Dazu charakterisiert sie die Figuren: in Lichter der Vorstadt ist das Apartment des Protagonisten im Stil der 1960er Jahre eingerichtet, das des Antagonisten Lindholm hingegen mit Glas und Chrom, so dass es eher an die 2000er Jahre erinnert. Dadurch wird zwar der Eindruck der Zeitlosigkeit erweckt, zugleich aber finden sich stets sehr konkrete Hinweise auf die zeitliche Verankerung der Filme. In Wolken ziehen vorüber wird von der Exekution des nigerianischen Theaterschriftstellers Ken Saro-Wiwa im Fernsehen berichtet, die am 10. November 1995 stattgefunden hat, in Das Mädchen in der Streichholzfabrik wird von dem Tiananmen-Aufstand berichtet, der am 4. Juni 1989 war, in Le Havre gibt es ein Close-up von einer Zeitung, die Al Qaida erwähnt und das Datum 15. März 2007 trägt. Dennoch sind andere Insignien der Gegenwart völlig ausgespart: es gibt keine Handys, keine modernen Computer usw.

Diese Brüche finden sich auch in der Musik, in der Soumi-Rock, Billie Holiday bis zu finnischen und argentinischem Tango sowie Tschaikowsky zu hören sind – und in Die andere Seite der Hoffnung erstmals syrische Gitarrenklänge. Mit der low-key-Lichtsetzung und der minimalistischen, ordentlichen Rahmensetzung seines Stamm-Kameramannes Timo Salminen erinnern die Filme an längst vergangenes Filmemachen. Aber auch hier unterlaufen Einstellungen mit Personen, die nicht vollständig im Bildrahmen sind, oder leere Räume diesen Eindruck. Hier beginnt ein komischer Effekt, der durch Kaurismäkis Schauspieler, die sich stets langsam bewegen und nur wenig sprechen, unterstützt wird. Hier finden zugleich eine erzählerische Rationalisierung, die auf Bilder statt auf Worte vertraut, und eine emotionale Trübung statt, die zu der düsteren, minimalistischen Beleuchtung der Räume passt. Seine Figuren, so scheint es, sind völlig versunken in ihre triste Realität.


(Bild aus Die andere Seite der Hoffnung; Copyright: Pandora Filmverleih)

Doch es ist nicht alles Melancholie in seinen Filmen, sondern es gibt auch viel Märchenhaftes. Wenngleich sich seine Charaktere durch die Hoffnungslosigkeit des Alltags treiben lassen, so hoffen sie doch auf eine Besserung. In einem Interview mit dem Guardian sagte Kaurismäki einmal „When all hope is gone, there is no reason for pessimism“. Deshalb enden seine Filme meist mit einem Happy End, das so nur in seinen Filmen möglich ist. In Wolken ziehen vorüber finden die Protagonisten in einem Restaurant nicht nur Arbeit, sondern mit ihren wiedereingestellten KollegInnen auch ihr soziales Umfeld wieder, in Der Mann ohne Vergangenheit erwartet den Protagonisten ein neues Glück. In Le Havre gelingt letztlich eine weitere Flucht – und erfolgt eine wundersame Genesung der kranken Frau. Und auch in Die andere Seite der Hoffnung gibt es eine Schwester, die vielleicht ihr Glück findet. Denn ob Kaurismäki von einem Mann ohne Erinnerung, einer arbeitslosen Chefkellnerin, einem Schuhputzer in Frankreich oder einem syrischen Geflüchteten erzählt – seine Filme verbindet die Liebe des Regisseurs zu den Menschen.

(Sonja Hartl)