• Blogs
  • )
  • B-Roll
  • )
  • "Oh, Captain, My Captain" – Zum Tod von Robin Williams
14 12/08

"Oh, Captain, My Captain" – Zum Tod von Robin Williams

Es ist ein untrügliches Anzeichen dafür, wie sehr sich ein Schauspieler in die Herzen und Hirne seines Publikums gespielt hat, wenn ein Satz oder vielmehr vier Wörter ausreichen, um sofort eine ganze Kaskade von Erinnerungen und Emotionen über ihn in Gedächtnis zu rufen. Im Falle von Robin Williams, dessen Todesnachricht - man kann es nicht anders sagen - die Welt in einen Schockzustand versetzt hat, waren dies ohne Zweifel die Worte aus Der Club der toten Dichter, die seine Schüler über ihren Lehrer sage, als sie ihre Tische besteigen, um ihm ihre Ehre zu erweisen: "Oh, Captain, my Captain..."


(Robin Williams Stern am Hollywood Walk of Fame; Creative Commons 2.0)

Die Nachricht vom Tode von Robin Williams hat - und das ist wahrlich keine Übertreibung - die Welt erschüttert. Der US-Präsident Barack Obama brachte es vielleicht noch ein klein wenig treffender auf den Punkt, als er den Verstorbenen folgendermaßen beschrieb: "Robin Williams was an airman, a doctor, a genie, a nanny, a president, a professor, a bangarang Peter Pan, and everything in between.  But he was one of a kind. He arrived in our lives as an alien - but he ended up touching every element of the human spirit.  He made us laugh.  He made us cry.  He gave his immeasurable talent freely and generously to those who needed it most - from our troops stationed abroad to the marginalized on our own streets."

Am 21. Juli 1951 in Chicago geboren wuchs Williams als Sohn eines leitenden Angestellten in der Automobilindustrie und einer Modeagentin in wohlhabenden Verhältnissen auf. Es scheinen aber eher traurige Kindheitstage gewesen zu sein, die geprägt waren von dem Gefühl der Einsamkeit. Hört man heute Sätze wie den folgenden: "I used to think the worst thing in life is to end up all alone. It's not. The worst thing in life is to end up with people who make you feel alone", dann ahnt man, dass dieses Gefühl der Verlorenheit von Kindheitstagen an eine feste Konstante in seinem Leben war.

Ein Gegengift gegen die Einsamkeit schien Robin Williams in der Schauspielerei gefunden zu haben, wobei sich auch hier eine gewisse Eigensinnigkeit zeigt, eine Lust am Experiment mit der Bereitschaft, die Möglichkeit eines Scheiterns in Kauf zu nehmen. Nach dem College brach er zuerst ein Studium der Politikwissenschaft, dann eins in Theaterschauspiel ab, um sich lieber als Stand-Up-Comedian zu versuchen. In seinen originellen Improvisationen, seiner Spontanität als Darsteller und seiner ausdrucksstarken Mimik sollte ihn diese Herkunft noch über seine gesamte Karriere begleiten.

Seine Filmkarriere begann an Amerikas führender Schauspielschule Julliard´s, es folgten Auftritte in SitComs wie Happy Days und Fernsehauftritte, etwa in der Richard Pryor Show. Vor allem aber wurde er bekannt als jener freundliche Alien, von dem Barack Obama in seinem Statement spricht, als Mork vom Ork / Mork and Mindy

(Mork & Mindy, Season 1, Episode 1)

War seine erste Filmrolle in Robert Altmans Popeye noch ein Flop, waren John Irvings Garp und wie er die Welt sah (1982) sowie Moskau in New York (1984) sowohl künstlerisch als auch kommerziell deutlich erfolgreicher.


(Die Schlussszene aus Garp und wie er die Welt sah)

Als unkonventioneller Radiomoderator Adrian Cronauer aus Good Morning, Vietnam und inspirierender Lehrer John Keating aus Der Club der toten Dichter berühmt geworden, gewann er 1998 für seine Rolle als Therapeut Sean Maguire in Gus van Sants Good Will Hunting den Oscar als bester Schauspieler.


(Die besten Szenen aus Good Morning, Vietnam)


(Die berühmte Szene im Park aus Good Will Hunting)

Unvergessen bleibt Robin Williams auch als stacheliges Kindermädchen Mrs. Doubtfire und in seiner Rolle als einsamer Fotolaborant Mr. Parish in One Hour Foto - und gerade diese beiden Filme zeigen die enorme Bandbreite seines Könnens - von höchster (und manchmal auch höchst alberner) Komik bis hin zu tiefster Tragik reichte die Klaviatur der Emotionen, die Williams spielerisch bediente.

(Trailer zu Mrs. Doubtfire)


(Trailer zu One Hour Foto)

Die Liste der eindrucksvollen Filmmomente, die Robin Williams immer wieder erschuf, ließe sich endlos fortsetzen, ganz sicher zählen auch sein Auftritt in Terry Gilliams König der Fischer und Christopher Nolans Insomnia  - Schlaflos.


(Deutscher Trailer zu König der Fischer)


(Szene aus Insomnia - Schlaflos)

Es ist freilich wie verhext: Je mehr man sich bemüht, die Filme aufzuzählen, die Robin Williams zu etwas ganz Besonderem machte, umso mehr bekommt man das Gefühl, dass dies eine Arbeit ist, die eigentlich nie endet.

Zuletzt spielte er im dritten Teil der Nachts im Museum-Reihe und der Weihnachtskomödie Merry Friggin' Christmas mit; beide Filme befinden sich noch in der Post-Produktion.

Vielen wird Robin Williams aber auch als begnadeter und durchaus giftiger Stand-up Comedian in Erinnerung bleiben, hier beispielsweise widmet er sich den Quellen des deutschen Humors. Vorsicht, das könnte empfindsamen Seelen vielleicht einige Schmerzen bereiten.


(Robin Williams über deutschen Humor)

"Oh, Captain, my Captain..." Diese vier Worte, von Robin Williams in Dead Poets Society eindrucksvoll deklamiert, sind so sehr zum Synonym für die große Schauspielkunst Robin Williams geworden, dass man gerne vergisst, dass sie eigentlich von Walt Whitman stammen und dem ermordeten amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln zugedacht waren:

O Captain my Captain! our fearful trip is done;
The ship has weather'd every rack, the prize we sought is won;
The port is near, the bells I hear, the people all exulting,
While follow eyes the steady keel, the vessel grim and daring:

But O heart! heart! heart!

O the bleeding drops of red,

Where on the deck my Captain lies,

Fallen cold and dead.

O Captain! my Captain! rise up and hear the bells;
Rise up-for you the flag is flung-for you the bugle trills;
For you bouquets and ribbon'd wreaths-for you the shores a-crowding;
For you they call, the swaying mass, their eager faces turning;

Here Captain! dear father!

This arm beneath your head;

It is some dream that on the deck,

You've fallen cold and dead.

My Captain does not answer, his lips are pale and still;
My father does not feel my arm, he has no pulse nor will;
The ship is anchor'd safe and sound, its voyage closed and done;
From fearful trip, the victor ship, comes in with object won;

Exult, O shores, and ring, O bells!

But I, with mournful tread,

Walk the deck my Captain lies,

Fallen cold and dead.


(Die berühmt gewordene Szene aus Der Club der toten Dichter / Dead Poets Society)

Eines aber ist sicher. So traurig sein Tod uns auch machen mag, die meisten Erinnerungen an ihn werden verbunden sein mit einem Lächeln und mit dem Gefühl, dass es einmal eine ganze Weile einen Menschen auf diesem Planeten gab, der es verstand, die Menschen zu berühren. Der sie zum Lachen brachte und zum Weinen - und bei dem beides selbstverständlich miteinander verbunden war - die ganze Leichtigkeit und die drückende Schwere des Daseins. Jemanden, der uns in seinen besten Momenten (und derer gab es wahrlich viele) daran erinnert hat, was es bedeutet Mensch zu sein, der uns etwas lehrte, das heute von allen Seiten unter Beschuss steht, das unmodern geworden ist in diesen gnadenlosen Zeiten: Solidarität und Mitgefühl.

Ich weiß nicht, ob man aus dem Tod eines Menschen etwas lernen kann. Falls dem so wäre, dann sollten wir aus dem Tod von Robin Williams eine Lehre ziehen: Hinter die Fassade der Menschen zu schauen, uns darum bemühen, sie zu erkennen in ihrem Schmerz, ihrer Einsamkeit und Verlorenheit. Und uns dann um sie zu kümmern...

Der Captain hat das Boot verlassen. Das Schiff, auf dem wir fahren, scheint nun verlassen zu sein. Auf jeden Fall fehlt jemand, der sehr wichtig war... und immer sein wird. Gute Reise!

(Joachim Kurz)

(Ein kleiner persönlicher Nachtrag: Ich habe keine Ahnung, ob Robin Williams diesen Song von Smokey Robinson & the Miracles kannte - er ist seit vielen Jahren eines meiner Lieblingslieder. Von nun an wird mit dem Song und seinen Zeilen wie Now there's some sad things known to man / But ain't too much sadder than / the tears of a clown / When there's no one around für immer Robin Williams verbunden sein. Danke. Für alles!


(Smokey Robinson & the Miracles: "Tears of a Clown")