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13 26/09

Nicht hinschauen: "Sitzplatzerhöhung" - Die Kinderfilm-Kolumne

Wer neugierige Teenager sein eigen Herz und Blut nennt, der kennt vermutlich die Bettelei darum, doch unbedingt diesen Actionfilm sehen zu dürfen, der erst ab 16 Jahren freigegeben ist, oder gar jenen Horrorfilm - und der elterliche Inquisitor, der zu verbieten sich bemüßigt fühlt, ahnt doch im Grunde seines Herzens: Beim besten Freund wird der große Bruder ein etwas weiteres Herz haben - und das passende Alter für die Videothek.

(Copyright: Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft GmbH)

Und trotzdem kommen wir Eltern ja nicht drum herum, diesen und jenen Film für unsere Kinder in bestimmtem Alter verbieten zu wollen und zu müssen. Dass das sinnvoll ist, steht außer Frage - die ersten Gedanken dazu hatte ich mir ja schon in meiner vergangenen Kolumne hier gemacht.

Der zentrale Orientierungspunkt ist dabei für die meisten Erziehungsberechtigten, wer will es ihnen verdenken, die schwarze Zahl auf weißem, gelbem, grünem, blauen, rotem (das klingt wie ein Kinderlied) Hintergrund, deutlich auf jeder DVD-Hülle zu erkennen: die Alterseinstufung der "Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft". Diese FSK ist ein armer, von allen Seiten geprügelter Hund.

Die eigene Industrie, die ihr ihre Erzeugnisse eigentlich "freiwillig" (so steht's ja im Namen) zur Kontrolle vorlegt, ist mit ihr ziemlich oft nicht glücklich, und mit ihr die Fans und Freundinnen etwas härterer Filmkost - denn was die FSK oft nicht einmal ab 18 Jahren freigibt, ist manchmal doch etwas eigenartig. Im Ausland gefeierte, wenn auch brutale Filme bekommt man hierzulande oft nur geschnitten zu sehen.

Das soll hier nicht das Thema sein (dass Tanz der Teufel für einen sechsjährigen womöglich nicht der richtige cineastische Initiationsritus ist, darf wohl weitgehend unbestritten sein, so lange einem der ruhige Schlaf eines Kindes (und seiner Eltern) nicht völlig wurscht ist), aber es weist den Weg dazu, warum diese Institution zuweilen seltsame Entscheidungen trifft: In den Gremien der FSK sitzen eben nicht nur cinephile 25-jährige, sondern neben Menschen aus der Filmwirtschaft auch Vertreter von Kirchen und Verbänden, die mit einer etwas anders ausgerichteten Sorgenfalte auf die Filme blicken.

Sie macht es trotzdem auch den Filmskeptikern nicht recht. Spektakulär brachte sich vor drei Jahren die Frankfurter Allgemeine gegen die FSK in Stellung, indem sie bei einer Reihe von Filmen, die ab 12 Jahren freigegeben worden waren, bemängelte, diese seien allenfalls (zumindest in den Augen ihrer konservativen Redakteure wie Florentine Fritzen  und Volker Zastrow, auch diese nicht eben Filmspezialist_innen) für Jugendliche ab 16 zuträglich. Sie knüpfte dabei an die Debatte um Til Schweigers Keinohrhasen an, der zunächst für 6-jährige zugänglich war, dann aber auf 12 hochgestuft wurde - wegen Sexszenen und sexuell konnotierter Sprache. Aber auch Alex Rühle waren die FSK-Einstufungen, wie er in der Süddeutschen schrieb, kürzlich nicht mehr geheuer - vor allem wegen der Gewaltszenen in vielen Filmen.

Die zentrale Frage, die sich hier auftut, und in der SZ und FAZ in seltener Einmut dazu tendieren, den reglementierenden Staat anzurufen, ist natürlich: Wie weit kann, soll und darf der Staat den Zugriff von Kindern und Jugendlichen auf bestimmte Filme reglementieren? Die FSK ist in diesem Sinne eine unvollständige Lösung, weil sie zwar Grenzen festlegt, die für Kino und DVD-Verkauf gelten; diese sind aber eben Altersuntergrenzen und „explizit keine pädagogischen oder ästhetischen Empfehlungen für eine bestimmte Altersstufe", wie es auf der FSK-Website heißt. Stattdessen gilt die Vorgabe des Jugendschutzrechtes, Filme und Ähnliches Kindern nicht zugänglich zu machen, "die geeignet sind, die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen oder ihre Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit zu beeinträchtigen".

Der Staat mischt sich bewusst nicht so sehr ein, weil er - Kunst und Rede sind ja frei, die Erziehung auch - sich nicht ohne Weiteres einmischen darf. Verantwortlich für diese Dinge sind, ja doch, die Eltern - aber diese brauchen natürlich selbst Anleitung und Hilfe. Wo soll die aber herkommen?

Die Einstufungen der FSK taugen schließlich nur sehr bedingt zur Orientierung. Sie sind zum einen viel zu grob, um wirklich hilfreich zu sein. Schon FSK 0 heißt ja nicht, dass man den Film Säuglingen zeigen sollte, und zwischen FSK 6 und FSK 12 klafft die Zeit der gesamten ersten sechs Schulklassen - was sich in dieser Zeit bei den Kindern tut, verwickelt und entwickelt, kann diese sehr grobe Einteilung überhaupt nicht abbilden.

Zugleich ist eine feinere Abstufung - die dann ja auch immer Verbote beinhalten würde - weder praktisch durchsetzbar noch wünschenswert. Denn es ist ebenfalls kein Spezialwissen weniger Eltern, dass der einen Sechsjährigen Freude des anderen Achtjährigen Schreckgespenst ist, will sagen: Kinder unterscheiden sich in ihrer Entwicklung auch so sehr, dass starre Gerüste nichts helfen.

Dass die Verantwortung so wieder bei den Eltern landet, ist auch sonst sinnvoll. Ich habe zum Beispiel kürzlich beschlossen, dass ich meinen Kindern Arielle, die Meerjungfrau nicht zeigen werde, bevor sie etwas älter sind - weil ich zutiefst entsetzt war ob des unfassbar rückständigen Geschlechtermodells, das der Film reproduziert und propagiert. Aber solche Entscheidungen können und dürfen nicht Angelegenheit des Staates sein.

Sollen wir uns also immer hinsetzen und alle Sachen vorher ansehen? Wer hat denn, bitteschön, dafür die Zeit? Das schaffe ich auch nicht immer, und ich mache das quasi beruflich. Tja, und damit gehört ein Teil der Verantwortung eben auch uns Filmkritiker_innen. Filmkritik am Kinderfilm muss vielleicht ein wenig mehr als für andere Filme auch Dienstleistung sein - für Eltern. Damit sie schon vorher verstehen, was ihr Kind erwartet, wenn sie sich - hoffentlich gemeinsam, denn so ist Film am schönsten - diesen Film ansehen.

Und, ganz ehrlich, wir sollten den Eltern auch öfter und deutlicher sagen, wenn der Streifen furchtbarer Schrott ist, der Lebenszeit raubt und Kinderaugen misshandelt.

(Rochus Wolff)

Rochus Wolff ist Filmkritiker, Feminist und Vater, nicht notwendigerweise immer in dieser Reihenfolge. Für sein Kinderfilmblog sieht er sich regelmäßig Kinderfilme an, die er seinen Kinder lieber nicht zeigen würde, freut sich aber stets über Anregungen, welche Filme er ihnen nicht vorenthalten sollte.