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16 27/04

Netflix & Amazon Prime - der Horror mit dem Horror - Die kino-zeit.de-Kolumne

Irgendwie war es früher eben doch besser. Oder zumindest übersichtlicher. Abseits des Kinos begegnete man Filmen in Videotheken, im Fernsehen und auf Filmbörsen. Ende. Ganze ohne Kacheln schieben, einloggen und Empfehlungsalgorithmus. Auf dem Weg in die Horrorabteilung huschten so viele andere Cover vorbei, da konnte man schon mal ausscheren. Abseits des Mainstreams in den B-, C-, Indie- und wtf-Wald abdriften. Mit dem Neugier-Fuß dem Algorithmus ein Bein stellen. Und damit, sofern denn die örtliche Theke nicht von einem ehemaligen Tankwart betrieben wurde, der Filmsozialisierung selbstbestimmte Kanten bescheren.


(Eine Videothek in Salzburg; Copyright: Arne Müseler / CC BY-SA 3.0 de / Public Domain via Wikimedia Commons)

Ein klassischer Werdegang, vom Mainstream zu Mystics in Bali. Diese geschmackliche Entwicklung ist auch heute noch möglich, wenn man denn nur die allerorts zu vernehmenden Jubelklänge über Netflix und Amazon Prime in offene Mitgliedschaften umsetzt. Was hier an Serien geboten wird, ist einfach der heiße Scheiß, und nach dem Binge-Marathon warten gleich noch filmische Füllhörner. Egal, wie abseitig der Geschmack auch sein mag, einfach nur den Namen des Kostümdesigners in die komfortable Suchmaske eingeben und schon startet die große Ray-Dennis-Steckler-Retro. Noch nie lag die gesammelte Filmgeschichte und -gegenwart so handlich zu Füßen wie JETZT.

Oder auch nicht. Denn das, was da im letzten Absatz verzapft wurde, ist natürlich völliger Humbug. Der heiße Scheiß namens Netflix und Amazon Prime bietet abseits der zugkräftigen Serien ein geradezu lächerliches Sammelsurium an filmischen Lückenbüßern, die spätestens im Horrorbereich einer hingeknallten Grabbelkiste ähneln. Stand 20.4.2016 finden sich bei Amazon Prime 155 Horrorfilme, darunter einer aus den 1960er Jahren (Seconds), zwei aus den 1970er Jahren (Der weiße Hai und Nosferatu) und vier aus den 1980er Jahren (Das Ding, Blutige Schreie, Friedhof der Kuscheltiere und Maniac). Der überwiegende Teil des Angebots wird aus den letzten Jahren rekrutiert, wobei hier wiederum der überwiegende Teil obskurem C-Schotter à la Curse of the Witching Tree, Bordello of Blood - Death Tales oder Paranormal Resurrection vorbehalten ist.


(Trailer zu Paranormal Resurrection)

Mit anderen Worten: Es ist eine Katastrophe. Und wenn da nicht diese kuriose 1980er-Jahre-Kombination aus Maniac und Blutige Schreie wäre, könnte man überhaupt nicht darüber lachen. Das ist kein Angebot, sondern ein Offenbarungseid – der von Netflix noch souverän unterboten wird. Insgesamt sind hier gerade mal 71 Titel vertreten, inklusive Sharknado 1, 2 und 3, Doom und The Chosen. Sehenswerte Filme, wie z.B. Hush oder The Nightmare stehen ganz entspannt neben A Haunted House 2 (aber NICHT Teil 1!?) oder Resident Evil (nur Teil 1, der Rest?). Auch bei anderen Genres bekleckern sich die beiden Streaming-Bosse nicht gerade mit Ruhm, doch im Horrorbereich herrscht glatte Arbeitsverweigerung. Der Empfehlungsalgorithmus der Einkäufer bei Amazon Prime und Netflix sendet außerhalb der Serien nur schwarzen Rauch.


(Trailer zu A Haunted House 2)

Aber warum ist das so? Wie können sich diese beiden Anbieter mit breiter Brust hinstellen und auf den millionenfachen Jubel ihrer Abonnenten bauen? Ganz einfach: Weil es den meisten Leuten schlichtweg egal ist, was sich da ganz unten hinter der Kachel "Horror" verbirgt. Weil es immer noch zahlreiche Alternativen gibt, von den letzten Videotheken über Filmbörsen bis hin zu YouTube, Mubi & Co. Und weil Netflix und Amazon Prime für Serien stehen, und das Angebot hier so breit und qualitativ hochwertig ist, dass die Kunden damit bereits zufrieden sind. Die Streaming-Welt ist ein Empfehlungsalgorithmus, zu mehr reicht weder die Zeit noch die fortschleichende Bequemlichkeit.

Würden diese Empfehlungen, die da Kachel um Kachel Abstufungen des Bewährten präsentieren, auf eine Videothek übertragen, wäre der ganze B-, C-, Indie- und wtf-Wald mit einem Schlag abgeholzt. Der immer gleiche Geschmack bekommt die immer gleichen großen Filme vorgesetzt, auf Entdeckungen oder Empfehlungen, die auch mal ein Genre überspringen, wartet man vergebens. Horror hat da einfach keinen Platz, denn die subjektive Empfindung suggeriert, dass das sofort, gleich und bunt Präsentierte schon ausreicht. Die Kacheln ziehen mainstreamige Gelegenheitsseher heran und die Suchfunktion, die zumindest ohne Browser-Unterstützung ihren Namen in keiner Weise verdient, nährt diese Einstellung noch weiter. Wer hier vermutet, dass das extra so madig gemacht wurde, um die Massen gar nicht erst nach Löchern im Angebot suchen zu lassen, dürfte durchaus richtig liegen.

Aber wie geschrieben, warum sollten Netflix und Amazon Prime etwas ändern? Ist es für diese Unternehmen überhaupt wünschenswert, ein alles umfassendes Streaming-Angebot zu stemmen, das dann auch ein Freitag-der-13.-Binge-Watching ermöglicht? Wenn man mal das Horror-Angebot nach Verleihern aufdröselt, kommt eine ziemliche kurze Liste heraus – bedingt wohl durch die miserablen Konditionen, die geboten werden, aber auch durch die konservativ zu nennende Einkaufspolitik. O-Ton Netflix: "Jeder Titel, den wir einkaufen, soll zunächst einmal die bestehenden Mitglieder interessieren. Unser Ziel ist es nicht, in die Breite zu gehen, ansonsten könnten die niedrigen Preise nicht gehalten werden. Was wir suchen, sind Titel, die relativ zu den Lizenzkosten die meisten Zuschauer bringen. In diesem Sinne werden auch die Rechte für bestehende Titel nicht erneuert, sofern sie nicht genug gesehen werden."

Übersetzung: Dass Nischen wie das Horrorgenre in Zukunft ausgebaut werden, kann man vergessen. Ganz im Gegenteil, die Vielfalt des Angebots dürfte sogar noch weiter abnehmen. In den USA ist der Katalog von Netflix zwischen 2014 und 2016 um satte 31 Prozent geschrumpft. Die Gründe hierfür sind die Konkurrenz durch andere Streaming-Anbieter, die die Preise steigen lassen und, analog zu einer Videothek, eine stärkere Konzentration auf "sichere" Hits bewirken und vor allem die zunehmende Fokussierung auf "original content". Den können sie nämlich kontrollieren und für ihn müssen sie keine Lizenzgebühren zahlen. Schon jetzt dürfen Daumen gedrückt werden, dass unter den sagenhaften 31 neuen Serien, die Netflix 2016 produzieren möchte, auch ein paar neue Binge-Klassiker dabei sein werden.

Die Chancen dafür stehen eher mittelprächtig, wie immer, wenn nach einer rauschenden Startphase die Konsolidierung kommt, verbunden mit Börsennotierungen, Sicherheitsdenken und steigenden Preisen. Netflix wird in Amerika die Flatrate auf 16 Dollar pro Monat anheben, weil die Kunden bereits millionenfach an der Angel hängen und die Alternativen weiter abnehmen. Nach dem Videothekensterben, das ganz klar mit dem Aufstieg der Streaming-Angebote zusammenhing, folgt jetzt die Ausdünnung auf ein eigenständiges Programm, das für die Videotheken zumindest früher keine ernsthafte Konkurrenz bedeutet hätte. Nun aber ist 12 Uhr bereits durch und der Kunde steht, wenn er denn unbedingt Der Exorzist sehen möchte, vor verschlossenen Türen. Pech gehabt. Bis der Reiz des Neuen, die anfängliche Spielerei mit den Cover-Wischereien durch ist, kommt man schon kaum mehr aus der warmen Couch-Kuhle heraus.

Natürlich gibt es immer noch Alternativen. Kein Mensch muss bisher auf Horrorschund verzichten, nur weil Amazon Prime und Netflix das Zuschauerinteresse auf eine mainstreamige Eisbergspitze reduzieren. Doch die große Entwicklung, die ja so gerne von den Streaming-Befürwortern als mutwilliges Meckern abgetan wird, zielt geradewegs auf eine Ausdünnung speziell der Filmgeschichte und kleinerer Genres. Für Amazon Prime und Netflix sind Serien wichtig, Eigenproduktionen und spektakuläre Rechteeinkäufe, die die Konkurrenz spätestens dann schwächen, wenn die irren Preise, die hier aufgerufen werden, bei den Produzenten eine nicht unbedingt marktgerechte Verschiebung der Ansprüche hervorrufen. Wenn alle auf einmal die Jackpot-Deals für Manchester by the Sea oder Wiener-Dog wollen, haben die Streaming-Player mindestens für eine der Vielfalt ganz sicher abträgliche Verschiebung der "going rates" gesorgt.

Was also bleibt? Ganz sicher die bunten Kacheln, die auf den matten Erinnerungen an den letzten Videothekenbesuch ein schönes Gefühl eines neuen Zeitalters verbreiten. Ebenso hilfreich sind natürlich VPN-Dienste, die dem miserablen Nischenangebot eine weltweite Dimension geben und so zumindest ein paar mehr Kirschen auf den Kuchen bringen. Einfach mal auf uNoGS.com gehen, wo das komplette Netflix-Angebot serviert wird, und mittels "select all" auf einmal aus klar über 800 Horrortiteln auswählen. Inklusive sogar Der Exorzist, den gibt es nämlich zum Beispiel bei Netflix Island oder Netflix Amerika. Natürlich ohne deutschen Ton. Und natürlich auch nur den ersten Teil. Wer sich also ernsthaft Teil 2 antun möchte, muss wieder eine andere Karte seines filmischen Versorgungsblatts ausspielen. Was schon noch geht. Selbst wenn es bedeuten sollte, mitten am helllichten Abend das Haus zu verlassen und der letzten Theke im Ort einen mühsamen Höflichkeitsbesuch abzustatten.


(Trailer zu Der Exorzist 2)

Es ist gar nicht mal so abwegig, dass sich spezialisierte Videotheken, die eben genau die ungeliebten Genres besetzen und einen filmgeschichtlichen Anspruch pflegen, auch weiterhin halten können. Die breite Masse dürfte selbst bei nachlassender Qualität der Serien ans Binge-Streaming verloren sein, aber das waren ja früher auch die, die vor den riesigen Leihwänden in der Videothek standen und sich die 93. Kopie von Keinohrhasen gesichert haben. Für das Genrepublikum heißt es nun halt noch stärker als zuvor, sich selbst sein eigenes Puzzle zu schmieden und die Angebote dort mitzunehmen, wo sie liegen. Dass mal irgendwann die einzige Alternative für kleine Horrorfilme oder ältere Produktionen Torrent-Dateien werden, ist eine wortwörtliche Horrorvorstellung, die auf jeden Fall vermieden werden sollte.

(Martin Beck)

Martin Beck ist freier Journalist und Übersetzer. Des Weiteren leitet er reihesieben.de.