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15 23/06

Monster statt Menschen - Wie der Blockbuster lernte, sein Publikum zu hassen

Es brauchte nicht viel, um die gesamte Welt in Angst und Schrecken zu versetzen: Drei Hai-Puppen von etwa 1,5 Meter Länge, die nicht einmal vollständig funktionsfähig waren. Als Steven Spielbergs Der weiße Hai am 20. Juni 1975, also vor ziemlich genau 40 Jahren, erstmals einem breiten Publikum gezeigt wurde, wusste noch niemand, wie hoch die Wellen des Films letztendlich schlagen würden.


(Filmstill aus Jurassic World; Copyright: Universal Pictures Germany)

Auf den ersten Blick war es wenig mehr als ein B-Film, ein Creature Feature unter vielen, dem aus unerfindlichen Gründen ein A-Budget überlassen worden war. Allein für die Werbekampagne wurde die damals ungeheuerliche Summe von 1,8 Millionen Dollar ausgegeben, 700.000 davon für Fernsehwerbung. "Don't go into the water." ("Gehe nicht ins Wasser."), warnte die unheilschwangere Tagline, die fast zu einem geflügelten Wort wurde.

Spielbergs Film läutete die Ära des Sommerblockbusters ein. Vor Der weiße Hai war es üblich, Erfolg versprechende Filme zunächst in ausgewählten Kinos in großen Städten zu zeigen, um dann, unterstützt von Mundpropaganda, langsam zu expandieren. Ein breiter Kinostart galt als Flucht nach vorn; als verzweifelter Kraftakt, um der Kritik und der öffentlichen Meinung zuvorzukommen und so viel Geld wie möglich einzunehmen, bevor alle merkten, wie schlecht die Produktion eigentlich war. Doch Der weiße Hai begann groß, nur um dann immer weiter zu wachsen und kehrte die Veröffentlichungspraxis für immer um. Seit dem ist traditionell der Sommer die Jahreszeit, in der die größten Produktionen auf ein zahlungsbereites Publikum losgelassen werden. (Auch wenn immer wieder spekuliert wird, ob sich dieses Modell nicht längst überlebt hat.)

Vielen Kritikern der Zeit war der Film ein Graus: Zu plump, zu gewalttätig. Die L.A. Times tat ihn als billigen Trash ab, in der New York Times beklagte Stephen Farber eine neue "pawlowsche Hundeschule der Filmemacherei". Und Molly Haskell, die Kritikerin der Village Voice erklärte, sie fühle sich wie "eine Ratte, der man eine Schocktherapie verpasst hat". Doch einige Filmjournalisten erkannten mehr in dem vermeintlich trivialen Abenteuer. Pauline Kael verliebte sich in die parodistischen Spielereien mit Heldentum und Männlichkeit und fühlte sich an Woody Allens Frühwerk erinnert. Und Roger Ebert erklärte: "Steven Spielbergs Der weiße Hai ist ein sensationell wirkungsvoller Actionfilm, ein furchterregender Thriller, der umso besser funktioniert, weil er mit Charakteren bevölkert ist, die zu Menschen entwickelt werden, die wir kennen und lieben lernen."

Damit fasst er greifbar zusammen, was einen guten Blockbuster wohl immer ausmacht: Im Kern von Schrecken und Katastrophen, Zerstörung und Krieg, liegt immer etwas Humanes. Oder, wie es der deutsche Philosoph Hermann Krings in Was heißt wertvoll formuliert: "Im Kino steht der Mensch auf dem Spiel." Man kann es als Mindeststandart für gelungene Unterhaltung sehen. Natürlich geht es im Blockbuster-Kino vor allem um Geld, fast nie um Kunst. Aber solange das Publikum auf der Leinwand sich selbst begegnet, in welcher Form auch immer, kann vieles verziehen werden. Es ist eines dieser Dinge, die man erst wirklich bemerkt, wenn sie fehlen.


(Jeder Sommer-Blockbuster der letzten 40 Jahre)

Mittlerweile sind Jaws und der Sommer-Blockbuster 40 Jahre alt. Spielberg ist nicht mehr das siebenundzwanzigjährige Wunderkind, sondern längst im Rentenalter. Auch wenn er noch aktiv ist: Die Kinosäle der Welt gehören einer neuen Generation von Massenunterhaltern. Zum Beispiel dem 38 Jahre alten Colin Trevorrow. Dessen Jurassic World bricht an den Kinokassen gerade sämtliche Rekorde: Neben dem erfolgreichsten Startwochenende (erstmalig über 500 Millionen Dollar) und dem erfolgreichsten zweiten Wochenende aller Zeiten, hat der Dinosaurier-Actionstreifen nun auch so schnell wie kein anderer zuvor (in 13 Tagen) die Marke von 1 Milliarden Dollar Einspielergebnis erreicht.

Aus der heutigen Perspektive ist Der weiße Hai lediglich ein kleiner Fisch. Mit diebischem Vergnügen lässt Trevorrow Jaws in einer Szene zu Beginn von Jurassic World an seinen gewaltigen Mosasaurus verfüttern. Sicher sieht der Regisseur in dieser Referenz eine Geste der Zuneigung, eine ironische Verbeugung vor Spielberg und seinem Werk. Doch was in dieser Szene tatsächlich geschieht, ist deutlich düsterer: Eine neue Generation von Blockbustern kannibalisiert die alte. Die Vergangenheit des Blockbusters dient hier nur noch als Gradmesser für die Ausmaße seiner Gegenwart. Denn natürlich geht es in Jurassic World nicht nur um Dinosaurier: Es ist ein Blockbuster über Blockbuster.


(Trailer zu Jurassic World)

Nur wenige Jahre nach den Ereignissen von Jurassic Park hat man einen neuen Dinosaurier-Freizeitpark eröffnet. Natürlich hat er sich zu einem gewaltigen Erfolg entwickelt: Wer möchte nicht einmal die gewaltigen Urzeitechsen besichtigen, harmlose Jungtiere streicheln und sich hinter sicheren Panzerglasfassaden (oder eben Kinoleinwänden) vor einem T-Rex gruseln? Als die Handlung einsetzt, besteht die Anlage seit über 10 Jahren und ist ein erfolgreiches Franchise geworden. "Jedes Mal wenn wir eine neue Attraktion präsentiert haben, stiegen die Besucherzahlen", erklärt die berechnende, kalte Karrieristin Claire (Bryce Dallas Howard). Doch das zeigt vor allem, dass selbst Dinosaurier dem Gesetz der verminderten Wiederkehr unterliegen: Das Publikum gewöhnt sich an alles und will im Anschluss mehr. 

Man muss kein großer Cineast sein um zu wissen, dass Fortsetzungen und sogar neue Blockbuster gerne der Logik von "Höher, schneller, weiter" folgen. Auf einen kleinen, klaustrophobischen Horror-Film wie Alien folgt gerne ein scheppernder Actioner wie Aliens, aus einer Weltraumkreatur werden viele. Zumindest Studios und Regisseure halten ihr Publikum für Extremsportler oder Drogensüchtige, die immerzu dem nächsten High nachjagen. Auf den Blockbuster T-Rex folgt in Jurassic World die stärkere, fiesere Fortsetzung mit dem sprechenden Namen Indominus Rex – der unbeherrschbare König. Dass das genetisch veränderte Monster außer Kontrolle gerät, war anscheinend schon bei der Namensgebung klar. Was es von seinem "herkömmlich" geschaffenen Vorgänger unterscheidet: Es tötet zum Vergnügen.

Wer gnädig ist, kann in dieser Charakterisierung einen kurzen Moment der Selbstreflexion erkennen: Für das Blockbusterkino waren die letzten Jahrzehnte vor allem eine Epoche von zunehmender Brutalisierung, Militarisierung und immer neuem Zynismus. (Eine Studie der Ohio State University zeigt: Filme mit dem Alterssiegel PG-13, das von den Studios bei großen Veröffentlichungen nahezu immer angestrebt wird, sind heute in der Regel deutlich gewalttätiger als solche mit dem eigentlich schärferen "R"-Rating.) Vor allem aber hat das Blockbuster-Kino gelernt, seine Zuschauer zu hassen.

Manchmal ist es fast verstörend, mit welcher Freude Jurassic World sein eigenes Publikum verspeisen lässt: Genau die Menschen, die durch ihr Konsumverhalten den Indominus Rex herbeigeführt haben, bekommen am eigenen Leib zu spüren, wie ihr Wunsch nach Spektakel sich zum Alptraum wandelt. Wo 1993 der titelgebende Jurassic Park noch menschenleer blieb und die Anzahl der T-Rex und Raptoren-Opfer im einstelligen Bereich lag, werden heute schreiende, panische Massen attackiert.


(Trailer zu Godzilla)

Bereits im vergangenen Jahr argumentierte der US-Filmkritiker David Ehrlich, Gareth Edwards Reboot von Godzilla stelle eine neue Inkarnationsform des großen Sommerfilms dar: Den ersten post-humanen Blockbuster. "Wir haben es hier mit einem 160 Millionen Dollar studio tentpole-Film zu tun, in dem Perspektive über Plot hinwegtrampelt und Charaktere nicht von ihren Handlungen definiert werden, sondern von ihrer Bedeutungslosigkeit", urteilt Ehrlich über die Neuverfilmung von Ishirō Hondas Genre-Auseinandersetzung mit der unzähmbaren Macht der Atomenergie. Man kann das als mutig empfinden: Den Schwerpunkte der Geschichte von menschlichen Bezugspunkten lösen, um einen geopolitischen, universellen Standpunkt einzunehmen, oder auch den der Kreaturen. Man kann darin aber auch den Ausdruck einer wachsenden Distanz von Produktion und Regisseuren zum eigenen Publikum sehen. Ein Film wie Jurassic World ist nicht mehr post-, sondern fast schon anti-human.

Wer Interviews mit Menschen liest, die beim Privatfernsehen tätig sind, bekommt oft zu hören: "Nein, ich selbst schaue mir das nicht an." Denn natürlich sind die Teams hinter Berlin – Tag & Nacht, X-Diaries oder Verdachtsfälle nicht ihre eigene Zielgruppe. Sie arbeiten für ein nicht näher definiertes Publikum, mit dem sie wenig verbindet. Blockbuster-Regisseuren wird es oft nicht anders gehen - auch in der Kreativbranche wird entfremdete Arbeit geleistet. Was sollen Produzenten über Zuschauer denken, die noch für den größten Unsinn ins Kino rennen?

Filmstudios sind mittlerweile dazu übergegangen, unbekannten und oftmals unerfahrenen Regisseuren wichtige Filme mit einem gewaltigen Budget anzuvertrauen. Carl Rinsch, Joseph Kosinski, Marc Webb, James Gunn – die Liste ist lang. Gareth Evans Debütfilm Monsters hat nach eigenen Angaben deutlich unter 500.000 Dollar gekostet, sein Godzilla-Reboot hingegen um die 160 Millionen. Collin Trevorrows letzter Film Journey of Love - Das wahre Abenteuer ist die Liebe hatte ein 750.000 Dollar-Budget, Jurassic World hingegen hat in der Produktion etwa 150 Millionen verschlungen.

Dass immer mehr frische Gesichter mit Megabudgets ausgestattet werden, hat verschiedene Gründe: Zuerst einmal fallen die mittelgroßen Produktionen, an denen Regisseure beweisen konnten, dass sie auch mit mehr Mitteln umgehen können, immer mehr weg. Zwischen gewaltigen Eventfilmen, die nahezu jeden ansprechen sollen und dem Arthouse-Programm liegt zunehmend weniger. Im Umgang mit Megabudgets unerprobte Filmemacher werden ausgewählt, weil sie grundlegendes Talent bewiesen haben, vor allem aber, weil sie leichter durch die Produzenten zu kontrollieren sind. Wer bisher mit dem Nötigsten auskam, kann nicht anders, als angesichts dreistelliger Millionenbeträge Demut und Dankbarkeit zu zeigen. Etablierte Filmemacher neigen hingegen zum Widerstand und zu einer eigenen Vision. Edgar Wright, der Ant-Man drehen sollte, hat sich von Marvel in einer späten Phase des Projekts im Streit getrennt - dass er seine künstlerische Vision kompromittiert sah, wäre eine naheliegende Erklärung.


(Filmstill aus Man of Steel; Copyright: Warner Bros. GmbH)

Wenn nun also zuvor eigenständige Kreative in eine Maschinerie eingebunden werden, lernen sie unweigerlich, die zu hassen, die für ihren Fortbestand verantwortlich zeichnen: Ihr eigenes Publikum. In Der weiße Hai sterben gerade einmal acht Lebewesen, eines davon der Hai selbst. In Filmen wie The Avengers oder Man of Steel werden fast ohne Konsequenzen ganze Städte vernichtet, in Godzilla und vor allem Jurassic World gehört diese Auslöschung sogar fest zum Konzept. "Der Tod eines Mannes ist eine Tragödie, aber der Tod von Millionen nur eine Statistik." Es gehört zu den großen Treppenwitzen der Geschichte, dass dieses Zitat nicht etwa von Gandhi oder Einstein stammt, sondern ausgerechnet von Stalin.

In den 40 Jahren seit seiner Entstehung hat sich der Blockbuster vom beherrschbaren, fast schon harmlosen Hai zum Indominus Rex verwandelt, der aus reiner Freude tötet. Nie hat er die Masse so sehr verachtet wie heute. Niemand sieht sich gerne als Teil von ihr, ist gerne Mitglied der stumpfen Herde, auf welche das moderne, aufgeklärte Individuum gerne hinabblickt. Masse, das sind die anderen. Niemand will durchschnittlich sein, wir sehnen uns nach dem Besonderen und Einzigartigen. Dabei übersehen wir gerne, dass auf der Leinwand gerade wir sterben. Wir sind keine Kino-Helden, wir sind nicht der muskulöse Dinosaurierflüsterer Owen. "Es geht nicht um Kontrolle. Es ist eine Beziehung, basierend auf Respekt." Er spricht von seinen Raptoren, die Zuschauer des Films sind nicht gemeint. Und darin liegt dann wahrscheinlich auch das Problem.

(Lucas Barwenczik)