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17 06/08

Locarno 2017: "The Dead Nation" von Radu Jude

Man könnte die letzten drei Filme des Rumänen Radu Jude als eine Trilogie der vergrabenen Geschichte(n) bezeichnen. In Aferim!, Scarred Hearts und jetzt auch The Dead Nation hat das neue Goldkind des Rumänischen Kinos einen ganz individuellen Weg gefunden, um hinter die Mechanismen von Bildern zu schauen. 


(Bild aus The Dead Nation; Courtesy: Filmfestival Locarno 2017)

Er konfrontiert die flirrende Schönheit einer Postkartenerinnerung mit Realitäten, die darin verloren gehen. Damit sind sowohl Bilder eines kulturellen Gedächtnisses gemeint, als auch tatsächliche Bilder wie jene der Costică-Acsinte-Kollektion, die auf der Bildebene von The Dead Nation zum Einsatz kommen. Hinter diesen Bildern verbirgt sich etwas, das in der gegenwärtigen Geschichtsschreibung Rumäniens nur allzu gerne vergessen wird: Rassismus. Jude kombiniert dieses politische Begehren mit sinnlichen und abstrakten Ansätzen. Sein neuester Film geht dabei am weitesten.  

The Dead Nation besteht aus in Rumänien recht bekannten Fotografien von Costică Acsinte, die das Leben in Slobozia, im Südosten Rumäniens von den 1930ern bis in die späten 1950er Jahre dokumentieren. Acsinte arbeitete in seinem eigenen Studio viel mit Glasplatten und in seinem Werk vermag man leicht die Idylle und Romantik einer ländlichen, vorkommunistischen Vergangenheit erkennen. Allerdings verstecken die Fotografien auch etwas beziehungsweise beinhalten es nur für den genauen Betrachter: Etwa die Geschichte des Antisemitismus in Rumänien, die der Filmemacher mit Ausschnitten aus dem Tagebuch des jüdischen Doktor und Poeten Emil Dorian als Voice-Over begleitend einsetzt. Darin geht es um das tägliche Leben als Jude in einer von einer extrem rechten Regierung dominierten Umgebung. Es öffnet sich eine Lücke zwischen dem, was man sieht und dem, was man hört. Soghaft trocken entsteht das Gefühl einer wütenden Anklage.


Trailer zu The Dead Nation

Ein Großteil des Films, der sein System aus alltäglichen Bildern im Stil von Familienalben und nur scheinbar nicht dazugehörigen Kommentaren über die Verbrechen an jüdischen Menschen gnadenlos und bewusst redundant durchzieht, ist in den Jahren von 1937 bis 1944 angesiedelt. Die Literatur von Dorian wurde vom anti-semitischen Regime verboten, das in Rumänien zu Beginn der 1940er Jahre regierte. Nachdem Jude mit Max Blecher einem herausragenden jüdischen Autor in Scarred Hearts eine Stimme gab, ist ein ähnliches Bestreben in The Dead Nation erkennbar. Es sind wichtige, zu selten gehörte Stimmen und Jude leistet mit seinen Filmen ganz nebenbei eine sehr wertvolle Vermittlungsarbeit. Blecher und Dorian wurden teilweise ins Englische und Französische übersetzt, aber dennoch sind sie im Westen nicht als die Schriftsteller bekannt, die sie sind. 

Von Jahr zu Jahr werden die Erzählungen noch brutaler während die Bilder sich nicht wirklich verändern. In ihrer bloßen Anzahl werden die kalten Daten der verschwiegenen Gräueltaten unerträglich. Es wird klar, dass es in The Dead Nation nicht wirklich um einen Ansatz geht, der etwas zeigen will, was vergraben wurde. Vielmehr geht es darum, etwas zu begraben, was gezeigt wird. Die ästhetische Reinheit und gewissermaßen Unschuld der Bilder wird von Judes Ansatz radikal hinterfragt. Dennoch ist es interessant, dass die Kollektion das Projekt offiziell unterstützt.


(Bild aus The Dead Nation; Courtesy: Filmfestival Locarno 2017)

Das könnte unter anderem daran liegen, dass der Film niemals didaktisch ist. Vielmehr überlässt er dem Betrachter die Entscheidung, ob man lieber die Bilder betrachtet oder dem Voice-Over lauscht. Eventuell findet man sich auch exakt in der Leerstelle wieder, die sich zwischen den beiden Gestaltungsebenen auftut. Dort wird das Sehen an sich hinterfragt und man bekommt das Gefühl, wirklich Bilder zu sehen, die nie gemacht wurden. Bilder einer Ungerechtigkeit, Bilder eines Schweigens.

Diese Leerstelle öffnet sich nicht nur zwischen dem Sehen und dem Hören. Sie entsteht auch zwischen dem banalen Leben der Menschen und dem immensen Gewicht der Geschichte. Wie im Kino von Hou Hsiao-hsien entwickelt sich in Jude auf der einen Seite ein Bestreben nach filmischer Geschichtsschreibung und auf der anderen Seite ein großes Interesse für die Geschichten am Rand der Geschichte. Wie vielen großen Filmemachern ist auch ihm klar, dass Geschichte nicht einer Ideologie ihrer Betrachtung folgen kann im Kino, sondern der individuellen und ambivalenten Wahrnehmung von Individuen, die in und mit ihr lebten. Die detailreichen Fotografien von Acsinte spiegeln in dieser Hinsicht die Mise-en-Scène in Judes letzten Filmen. Sein Stil ist keiner, der dramaturgische oder moralische Ideen betont. Vielmehr versucht er stilistisch gegen solche Ideen zu arbeiten, um eine Sinnlichkeit zum Vorschein zu bringen, an der Geschichtsbücher nicht interessiert sind. Dadurch ermöglicht er einen in sich gebrochenen Blick auf eine problematische Geschichte.

(Patrick Holzapfel)