Locarno 2017 - Logbuch, Tag 4 - B-Roll Blog - kino-zeit.de - das Portal für Film und Kino
17 10/08

Locarno 2017 - Logbuch, Tag 4

Ich muss träumen: Statt einer Katze, in deren Blick ich einen Leoparden finde, starre ich in das erstarrte Antlitz einer sterbenden Frau in Wang Bings Mrs. Fang. Der Film zählt bisher zum absolut Besten in Locarno, weil er sich im Gegensatz zu vielen anderen Filmen hier nicht selbst als Kunst definiert, sondern schlicht etwas filmt, was er sieht. In diesem Fall eine sterbende Frau und ihre Familie, die sie in den Tod geleitet. Dabei verharrt die Kamera des chinesischen Filmemachers immer wieder auf der erstarrten Grimasse der an einer raren Form von Alzheimer erkrankten Frau. Zunächst kommt einem dieser Close-up zu nahe. Er stellt auch eine moralische Frage: Darf man sich so dem Tod nähern? Doch nach und nach entpuppen sich eine Zärtlichkeit und eine Frage, die sich zwischen Leben und Tod entfaltet, in den Zügen der Frau. Immer wieder stehen ihre Nächsten um sie herum und fragen sich, ob sie schläft oder wacht, ob sie noch lebt.


(Bild aus Mrs. Fang; Copyright: Locarno Festival / Wang Bing)

Ähnliches mag man sich auch in Jean-Claude Rousseaus Kurzfilm Si loin, si proche fragen. Eine Art Engführung von Leinwand und Landschaft beziehungsweise dem Kino und der tatsächlichen Präsenz an einem Ort, in diesem Fall Japan, das Japan von Ozu und das von Rousseau: Mittendrin der Filmemacher selbst als Reisender und Träumender. Vielleicht auch als Sterbender? Es scheint mir, dass die Welten zwischen Leben und Tod dieses Jahr eine besondere Rolle in Locarno spielen. Vielleicht auch passend im Todesjahr von George A. Romero. Das beginnt bei einem schrecklichen Film wie Der Mann aus dem Eis und im zum Leben erweckten Mythos des Ötzi, setzt sich fort über die unheimliche Menschenleere und Wiedergeburt aus dem Schatten der Natur in Phantasiesätze von Dane Komljen oder den mysteriösen Vorgängen im brasilianischen As Boas Maneiras bis hin zum einzigen Cannes-Wettbewerbsfilm, den man in Locarno dieses Jahr sehen kann, Wonderstruck von Todd Haynes. Als ich das Screening des wundersamen Blitzeinschlagfilms verlasse, man ahnt es, blitzt es. Ich wache auf.

Das sensible Spiel zwischen Nähe und Ferne, das Wang Bing in seinem Film vollzieht, wage auch ich mit dem Festival. Am Abend wandere ich begleitet von weiteren Blitzen hinauf in Richtung San Bernardo. Die Wolken um den See werden blau, ab und an drückt sich ein helles Mondlicht durch die schnell wandernde Wolkendecke. Es ist ein steiler, enger Weg. Von den Gewittern abgetragene Felsstücke liegen auf der Straße, entfernt hört man die Musik vom Piazza Grande. Dort oben in einer Spitzkehre steht wieder eine Katze. Sie starrt mich an. Ich komme ihr nahe, mache eine Nahaufnahme. Doch statt einer Offenbarung zwischen Leben und Tod oder der von mir erhofften Verwandlung in einen Leoparden erfahre ich dort nur, dass ihr all das egal ist. Sie hört etwas hinter sich und verschwindet in der Nacht.


(Bild aus Good Luck; Courtesy: Locarno Festival)

Es ist Nacht und alle Farben sind verschwunden. Locarno ist im internationalen Vergleich wohl das Festival mit dem auffälligsten Farbbranding. Gelb regiert hier. In den Filmen wird selten wirklich mit Farben gearbeitet. Am ehesten noch wird mit dem Kontrast zwischen Farbe und Schwarz-Weiß gespielt wie in Ben Russells Good Luck. Wir scheinen uns in einem Zeitalter zu befinden, in dem die Kraft von Farben von Filmemachern weniger genutzt wird, als jene der Schatten. Das ist auch deshalb interessant, weil das digitale Medium, in dem die meisten arbeiten, seine Stärken eher in den Farben als in der Dunkelheit hat. Beim Blick in die Augen der Katze auf dem Berg kann ich allerdings sehen, dass auch die Dunkelheit voller Farben ist.

(Patrick Holzapfel)