Locarno 2017 - Logbuch, Tag 2 - B-Roll Blog - kino-zeit.de - das Portal für Film und Kino
17 08/08

Locarno 2017 - Logbuch, Tag 2

Das Vogelzwitschern in meinem Hotelzimmer am Morgen ist beinahe unerträglich laut. Allein die Tatsache, dass es von Zufriedenheit beseelt ist, lässt mich noch einige Sekunden in der aufgehenden Sonne schlafen. Ich frage mich, wo sie sind, diese lauten Begleiter meiner Zeit hier in Locarno. Leider kenne ich mich nicht gut genug aus und vermag nicht zu erkennen, um welche Vogelart es sich handelt. Ihre Stimmen sind eher hoch, sie wirken aber nicht wie schreiender Nachwuchs. Sie klingen erwartungsfroh, als würden sie etwas vorbereiten.


(Copyright: Locarno Festival / Massimo Pedrazzini)

Die Kinos sind sehr gut gefüllt, einige Male komme ich gerade noch rein. Ich spreche mit einer älteren Französin (sie könnte auch aus der Schweiz kommen, aber in dem Sprachengemisch von Locarno kenne ich mich nicht aus), die mir stolz erzählt, dass sie seit zwei Jahren nicht im Kino war. Einige Amerikaner sind aus ihrem Hotel ins Kino gejoggt, ein Freund erzählt mir, dass er zwischen den Filmen in seinem Hotelzimmer trainiert habe und ich habe den See gesehen.  

Eine Begegnung mit dem Oppositionsführer aus der Demokratischen Republik Kongo: Es ist Spätnachmittag, wenig Rast. Wenn man über die Stege im Festivalbereich geht, wandert man durch eine Wasserdampfwolke, die zur Kühlung der geschlauchten Festivalelite bereitgestellt wird. Zusammen mit zwei Mitarbeitern steht der Oppositionsführer mit schwarzem Anzug im Schatten neben der großen Schlange, die auf Das Kongo-Tribunal wartet. Er stößt unabsichtlich an ein Fahrrad, das zu Boden fällt. Er versucht es wieder aufzustellen, aber das Fahrrad gehorcht ihm nicht so Recht. Er legt es unauffällig auf die Wiese und nimmt ein bisschen Abstand von der Situation. Niemand scheint ihn bemerkt zu haben. Einer seiner Mitarbeiter schwenkt zum vierten Mal mit seinem Mobiltelefon die Menschenmenge ab, die den Film sehen will und der andere hält vor sich eine riesige Zeitung, ob er sie liest oder als Sonnenschutz nutzt, ist nicht erkennbar. 


(Bild aus Das Kongo-Tribunal; Courtesy: Locarno Festival)

Diese drei Männer beschäftigen mich. Das hat zweierlei Gründe. Zum einen wird der Oppositionsführer später vor gespannt lauschenden, entspannten Westeuropäern eine flammende Rede über Massenmorde in seiner Heimat halten und dafür einen schallenden Applaus ernten, dessen Echo wohl nicht bis ins Gewissen derer vordringt, die sich am selben Abend für 35 Schweizer Franken einen wohligen Salat gönnen. Zum anderen, weil sie mir womöglich bei meiner Suche nach den richtigen Leoparden helfen können. Denn nicht nur gibt es im Kongo Leoparden, sondern angeblich auch Ausweitungen des Geheimbunds der Leoparden-Menschen, die auch an den berühmten Leopardenmorden beteiligt waren. Jacques Tourneurs Film The Leopard-Man hat sich davon zumindest inspirieren lassen. 

Zunächst scheint es mir etwas unnötig, einen Mann, der hier in sehr ernster und wichtiger Mission ist, mit einer solchen Frage zu belästigen. Die Fiktion eines mit Leoparden überfüllten Locarno, das Fauchen, das ich gestern aus einer Gasse vernehmen konnte, all das, kann doch nur wie ein Scherz wirken, auch wenn es nicht so gemeint ist. Ich lasse also davon ab, aber später bereue ich es. Denn ist es nicht so, dass jede Veränderung mit einer Fiktion beginnt. Zeigt nicht der Film Das Kongo-Tribunal, mit seinem fiktiven Tribunal, dass aus der Fiktion etwas entstehen kann und dringlich muss? Ich weiß es nicht. Natürlich beschäftigt man sich im Umfeld der Künste gerne mit der Kraft der Fiktion. Aber gleichermaßen hat sie etwas austauschbares, banales an sich. Viele Filme hier zeigen das, wenn ihre eigentliche Fiktion jene der Originalität ist. Als wären sie vom Himmel gefallen. Sie verwechseln Fiktionen mit Selbstinszenierung. Ihre Filme auch. 

(Patrick Holzapfel)