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14 13/08

Locarno 2014: "...some Sundance bullshit"

So langsam neigt sich das Locarno Filmfestival dem Ende entgegen. Zumindest für Beatrice Behn, die bald wieder nachhause reisen wird - mit im Gepäck hat sie aber noch eine ganze Menge Eindrücke und Filmkritiken, die sie aber erst noch verarbeiten muss. Doch eins nach dem anderen, noch ist es ja noch nicht so weit...

 
(Listen Up Philip von Alex Ross Perry)

10:30 Uhr

Ugh! Mein Tag beginnt mit einer Art Woody Allen Film, der noch prätentiöser und noch neurotischer ist als Allen in seinen allerbesten Zeiten. Oder wie die Dame neben mir nach dem Film zu sagen pflegt: "This is some big ass Sundance bullshit." Listen Up Philip ist der neue Film von Alex Ross Perry nach The Color Wheel, den ich vor zwei Jahren hier gesehen habe. Und noch ganz okay fand, wenn auch die unfassbaren Sprachkaskaden und der passiv-aggressiv-neurotische Ton mich ein wenig genervt hat. Aber das war ja die Kindergartenvariante von Listen Up Philip. Jason Schwartzman gibt sich zwar alle Mühe die Hauptrolle gut auszufüllen, grundsätzlich macht es das aber noch schlimmer. Aber ich glaube wir haben hier ein kulturelles Problem, ich glaube dieser Film ist einfach so extrem amerikanisch, dass man sich als Europäer eher abwendet, da er da Unangenehmste - den unendlichen Narzissmus und Egoismus - kanalisiert und das ist nicht so ganz unser Ding.


(Trailer zu Listen Up Philip)

Wie auch immer, ich fühl mich von diesem Film unangenehm bedrängt und verkrieche mich erstmal ins Pressezelt...

10:34 Uhr

...nur um zu lesen, dass Robin Williams tot ist. Wow. Da merkt man mal wieder, wie sehr man sich in einer kleinen Blase bewegt, wenn man gänzlich in so ein Festival eintaucht. Wenn dann die Außenwelt plötzlich mit solchen Nachrichten eindringt, ist man ganz schockiert, dass es sie noch gibt.

Und dann erfahre ich noch, dass Roman Polanski, der hier einen Film vorstellen, eine Masterclass geben und seinen Preis fürs Lebenswerk erhalten sollte, nicht kommen wird. Für das Festival eine kleine Katastrophe. Die Geschichte dahinter ist wiederum eine voller Politik und Meinungen, die sich hochgeschaukelt haben. Schon vor dem Festival haben nämlich einige lokale und nationale Schweizer Politiker gegen Polanski und die Preisvergabe gewettert. Aufgrund seiner Verurteilung wegen Kindesmissbrauch sollte man ihn nicht einladen, ihm keinen Preis geben. Dazu muss man sagen, dass Polanski verurteilt ist und gesessen hat, nachdem er Jahre lang mehr oder weniger flüchtig war. Die Frage ist also wieder die der Kunst vs. des Privatlebens des Künstlers und inwieweit man diese getrennt oder zusammen betrachten sollte. Wäre er gekommen, wäre das aber auch sehr spannend gewesen. Immerhin sollte ausgerechnet Mia Farrow mit ihm seinen Film Venus im Pelz ankündigen. Mia Farrow - die Frau, die sich zusammen mit ihrem Sohn Ronan erst letztens öffentlich darüber geäußert hat, dass ihr Ex Woody Allen Kinder missbraucht haben soll, kündigt mit Polanski einen Film an.

15:51 Uhr

Wow. Einfach nur wow. Herr Lattimer und ich torkeln aus dem Kino, unsere Hirne sind zu 100% voll mit Pedro Costas neuem Film Cavalo Dinheiro. Es gibt eine kleine Regel bei Kunstfilmen: Je kürzer die Synopsis des Filmes, desto komplexer und schwieriger der Film." Die Synopsis zu Cavalo Dinheiro liest sich folgendermaßen: "While the young captains lead the revolution in the streets, the people of Fontainhas search for Ventura, lost in the woods."

Entsprechend schwierig ist hierzu etwas zu sagen. Außer, dass dieser Film etwas unglaubliches macht: er löst sich auf. Je mehr man ihn schaut, desto mehr zerfließen die Grenzen der Geschichte, der Zeit, der Protagonisten. Ein Mann irrt durch ein Hospital, er hat ein Nervenleiden. Wir erkennen in ihm den Protagonisten eines altern Costa Filmes aus seiner Fontainhas-Reihe, nur dieses Mal ist er stark gealtert und hat einen Tremor. Sein Körper zittert von seinem Nervenleiden und die Korridore des Krankenhauses führen ihn mal in die Vergangenheit, mal in die Gegenwart, mal in die Realität, mal in einen Traum. Bald ist es auch egal wo sie hinführen, ob nach außen oder innen, oben oder unten. Alles zerläuft ineinander und es bleibt nur ein alles umgebendes Gefühl von saudade - einer Art von Wehmut, die über menschliche Grenzen hinaus geht. Und so sind auch wir als Zuschauer in diesem Film aufgegangen, sind mit geschmolzen. Umso schwieriger wird es, wenn der Film vorbei ist und man aus dem Kino tritt und sich erst einmal wieder konstituieren muss.


(Bild zu Cavalo Dinheiro von Pedro Costa, Courtesy: Filmfestival Locarno 20414

23:01 Uhr

Ich trete wieder aus dem Kinosaal, dieses Mal aber mit einem ganz anderen Gefühl, nämlich dem von Ekel und Wut. Peter Luisis Schweizer Helden. Dieser Film ist der Inbegriff eines "Feel-Good-Movie" wobei der Feel-Good-Anteil hier vor allem für die reichen, weißen Schweizer gedacht ist. Der Film erzählt die Geschichte einer eben solchen Frau: Sie ist Schweizerin, reich, weiß und ziemlich gelangweilt, nachdem ihr Mann sich von ihr getrennt hat. Um ihr Image und ihre Selbstachtung aufzupolieren will sie mit einer Gruppe Asylbewerber das Theaterstück Wilhelm Tell aufführen. Denn Asylbewerber haben ja sonst keine Probleme. Das Ganze wird alsbald zu einer kleinen Sensation, denn die Presse kriegt natürlich Wind vond er Sache und wittert eine Story. Im einzigen wirklich selbst-bewussten Augenblick des Filmes fragt ein Reporter die Dame, ob sie das nicht einfach nur für sich macht, um sich besser zu fühlen und um Aufmerksamkeit zu bekommen. Und er weist darauf hin, dass die Asylbewerber doch nur vorgeführt würden wie Tiere. Was der Film bis dato genau so schon getan hat. Aber zu viel denken darf nicht sein. Die Kritik verläuft im Sande und die Aufführung findet statt, obwohl Menschen abgeschoben werden, ihren Verstand verlieren und Familien zerbrechen. Aber das is Wurst, das Theaterstück war toll. Ganz ehrlich: Ich möchte mich übergeben. Das ist wirklich ein unglaublicher Zynismus, vor allem, wenn man sich die unfassbare Schweizer Immigrationspolitik einmal anschaut. Zum Glück bin ich morgen nicht mehr da und muss mir anhören, wie 7.500 Menschen auf der Piazza Grande darüber lachen werden.


(Trailer zu Schweizer Helden)

Manchmal erschreckt es mich, das Kino. Manchmal vergesse ich, dass es eben auch ein Instrument für Propaganda und Reaktionismus ist.

(Beatrice Behn)