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14 30/04

Lob der Ungeselligkeit - Monster, Gewalt und gute Laune: Die Genrefilm-Kolumne

Mitte März gab es auf kino-zeit.de eine wunderbare Kolumne, die das gemeinsame Kinoerlebnis anpries und dabei gebührenden Applaus erntete. Alles andere wäre bei einer Seite, die KINO-zeit.de heißt, auch ziemlich komisch. Das gemeinsame Erleben und Diskutieren, der erinnerungswürdige Ereignischarakter, das abgedunkelte Eintauchen - natürlich, klar, selbstverständlich. Genauso wie die abwechslungsreiche S-Bahn-Fahrt davor, das Anstehen, die speckigen Sessel, der ungeduschte Nebenmann und die hämische Finalmeinung ausdrucksstarker Kollegen drei Sekunden nach Filmende.

Erst gestern war ich mal wieder im Kino, in dem wunderbaren Boyhood von Richard Linklater, und nicht zum ersten Mal stieg in mir der Wunsch auf, ein Lob der Ungeselligkeit anzustimmen. Ein Lob auf große Fernseher, an die man sich einfach ganz nahe heransetzt. Ein Lob auf blaue Scheiben, die menschliche Schwächen unterbezahlter Filmvorführer unmöglich machen. Ein Lob auf leise Käsebrote, weiche Sofas, die Pausentaste, hemmungslos obskure Nischenfilme und verständnisvolle Nachbarn, wenn der Zeiger mal wieder auf 11 steht.

Aber gut, die neuesten Infos zur Lebenssituation ausgesucht höflicher Zeitungsverkäufer, die auch gerne Naturalien annehmen, haben ebenfalls etwas. "People watching" in der S-Bahn, und dann natürlich ein paar Minuten zu spät kommen, was mit der ersten Sitzreihe bestraft wurde - eigentlich eine Folterstellung, doch in dem gestern besuchten Kino, dem FK66 in Charlottenburg, die einzige Option für Menschen über Normalnull. Endlich einmal wieder Griesel, das fehlt ja bei vielen bearbeiteten Blu-Rays leider, und dazu dann Schwenks wie mit dem Wischmop. Ich habe Richard Linklater wiederholt gedankt, dass die Wackelkamera nicht seins ist.

Ebenfalls nicht seins sind vernuschelte Dialoge, das war angenehm klar und knusprig, aber halt auch nur medium laut - im Gegensatz zu richtig laut, was meine versummten Ohren einfach dringend brauchen und zu einem vollständigen Filmerlebnis selbstverständlich dazugehört. Aus einem mir unklaren Grund gibt es immer wieder Leute, die laute Explosionen monieren, woraufhin fleißige Kinomitarbeiter sofort reagieren und einen "akzeptablen" Mittelweg austarieren, der keinesfalls die unvermeidlichen Schmatzgeräusche auffängt. Pressevorführungen mögen hier noch einigermaßen zivilisiert ablaufen, aber am Samstag Abend bekommt "Surround" eine vierte Dimension - und ich begebe mich mal wieder auf die Suche nach dem Lautstärke-Kästchen in der Wand.

Wo man natürlich nicht ran darf, aber auch nicht wirklich daran gehindert wird. Viele können ja gar nicht mehr aufstehen, so beladen sind sie mit Junk Food, und wenn bereits bei der Werbung klar ist, dass hier kein Putz wackeln kann, sind es bis zum akustischen Glück nur wenige Meter. Husch husch, schnell wieder zurück in den durchaus komisch riechenden Sessel, dann kann es auch schon losgehen - mit dem Versuch, entgegen aller bekannten Umstände (=Telefonen, Mampfen, Stinken, Bildmatsch, etc.), das Kinoerlebnis doch noch zu erhaschen, festzuhalten und nach dem Abspann in geselliger Runde mit bleibenden Eckpunkten zu versehen: "War viel zu lang." "Eine Frisur im Wandel der Zeit." "Wieso sind alle Männer in dem Film dumme Säufer?" "Der Schnauzer von Ethan Hawke ist fast so tragisch wie die Popper-Frise von Patricia Arquette."

Jawohl, das war jetzt wieder Boyhood, und immerhin erst wieder auf der Straße, als sich tausende und abertausende Filmstunden über drollige Nebensächlichkeiten ausließen. Das Kinoerlebnis in maximal einer Minute, sofern denn die geröteten Augen und der steife Hals noch Aufmerksamkeit ermöglichen. Mir kommt es immer öfter so vor, als müsste sich das Filmerlebnis gegen das Kinoerlebnis behaupten, und die beschworene Geselligkeit gibt dem ungefilterten Zugang dann noch den Rest. Zwischen Spaß und Ablenkung, Austausch und Poserei. Wenn jemand neben mir alle fünf Minuten Notizen aufkritzelt, natürlich mit einem Leuchtkuli, dann ist das in einer Schublade mit SMS-Tippen und "wer war das jetzt nochmal?"

Zuhause, alleine auf der weichen Couch, umringt von kräftigen Boxen und vor der Nase ein imposanter Fernseher: Das Lob der Ungeselligkeit braucht kaum weitere Argumente - außer vielleicht noch die Möglichkeit, den O-Ton mit englischen Untertiteln zu ergänzen. Und natürlich die zig mal größere Filmauswahl, die das Kino schon lange abgehängt hat und eigentlich nur noch auf Festivals ansatzweise erreicht wird. Im Pulk aber wieder, mit "Ausverkauft"-Schildern, dicht gedrängtem Warten und ungemein sinnvollen q&a-Fragen ("der Charakter von Simon Yam - ist das eine demolierte Antithese zu Clint Eastwoods Dirty Harry"?). Als Antwort: "nein", gefolgt von allgemeinem Gekicher. Solche Momente sind gerne wunderbare Erinnerungen, doch den Film dazu (PTU) schaut man dann doch lieber nochmal auf Scheibe.

Das Lob der Ungeselligkeit macht Film ungefiltert erlebbar und beschert mir immer wieder wunderschöne Momente, an die ich mich sehr wohl gerne erinnere. Für den ganzen Schrott dazwischen gibt es dann die Stopp-Taste und die Gewissheit, keine wertvollen Lebensstunden mit Anfahrt, Abfahrt und Anstellen verschwendet zu haben. Optional, also quasi als Schnittmenge, ist es auch gerne möglich, liebe Freunde auf die Couch zu bitten, die das mit der Ungeselligkeit überhaupt nicht unterwandern, sondern Audiokommentare nur dann von sich geben, wenn der Film konsensmäßig in den Orkus fließt. Oder einfach nur verdattert in die Kissen atmen, weil die 11 mal wieder Überstunden fahren muss.

Und trotzdem, auch ein Hoch auf das Kino, am besten um 10 Uhr vormittags oder elf Uhr Nachts. An einem Mittwoch. Dass Under The Skin ganz aktuell nun doch keinen Kinostart bekommt, ist natürlich eine betrübliche Entscheidung, doch ebenso zeigt sich hier, dass die "Kathedrale Kino" (TM) kaum noch die Stellung hat, die ihr besonders gläubige Leinwandchristen immer noch andichten wollen. Wer das Heimkino nach wie vor pauschal als zweitbeste Option abstuft, nennt entweder seinen Fernseher "Laptop" oder ist einfach ein überaus geselliger Mensch, der alle Ausgaben des Straßenfegers im Regal hat. Das was Geselligkeit positiv bewirken kann, verschwindet immer mehr hinter den Vorzügen der Ungeselligkeit, egal ob diese nun auf Filmgenuss, Cocooning oder Faulheit basiert. Eigentlich eine traurige Entwicklung - aber auch eine Entwicklung, die das Kino selbst mitgeprägt hat.

(Martin Beck)

(Martin Beck ist freier Journalist und Übersetzer. Des weiteren leitet er reihesieben.de, wo ein guter Teil von den Filmen bestritten wird, die auch Thema dieser Kolumne sein werden.)