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17 27/12

Liebe Filmmenschen, ich wünsche mir ... - Die Kino-Zeit-Kolumne

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Die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr - "zwischen den Jahren" wie es so schön heißt und mich seit diesem Jahr an Peter Kurth denken lässt - ist immer besonders ruhig und verführt mich dazu, gleichermaßen zurück - wie vorauszublicken auf das, was war und was kommen mag. Daher schreibe ich jetzt noch einen allerletzten Wunschzettel in diesem Jahr an die Filmmenschen dort draußen. Wenngleich es natürlich vieles gibt, was ich nicht mehr sehen will, gibt es aber doch auch einiges, was ich viel häufiger sehen will. 


(Trailer zu Die Spur)

Also verdränge ich die Gedanken an Wonder Womans Kostüm in Justice League und komme stattdessen zu meinem größten Wunsch: Ich möchte mehr Frauen sehen - auf, vor und hinter der Leinwand. Dazu gehört, dass ich mir mehr Kolleginnen wünschen, die über Thriller und Krimis schreiben, dass ich mir Frauen wünsche, die sich dem Genrekino widmen. Es ist auffallend, dass bei den Pressevorführungen bei Thrillern und Kriminalfilmen in der Regel noch weniger Frauen sind als ohnehin schon bei anderen Filmen. Über die Gründe kann ich nur spekulieren - es mag an der Auftragslage, dem doch männerdominierten Klima in diesem Bereich liegen oder an persönlichen Schwerpunkten, vielleicht ist es auch eine Mischung aus allem. Aber gerade in diesem Genre brauchen wir mehr weibliche Stimmen in der professionellen Rezeption. 

Aber natürlich nicht nur dort, sondern auch in der Produktion. Natürlich können auch Männer gute Frauenfiguren schreiben - und haben das 2017 auch gezeigt. Aber ich bin überzeugt, dass wir durch mehr Drehbuchautorinnen und Regisseurinnen mehr und bessere Frauenfiguren bekommen und sicher auch andere Arten von Spannung und Thrill. Das hat beispielsweise Cate Shortlands Berlin Syndrom gezeigt. Ihre Hauptfigur Clare (Teresa Palmer) hat so viele Facetten und ist nicht einfach ein Opfer oder Anlass für grausame Folterszenen. Ganz im Gegenteil: In den unheimlichsten Sequenzen des Films werden ihr die Fingernägel bzw. die Haare geschnitten. Es ist hier ein Akt der Sorge und der Nähe, der pervertiert wird - und sich deshalb wie ein Schlag in die Magengrube anfühlt. 

Zu sehen ist es auch in Agnieszka Hollands Die Spur, der am 4. Januar 2018 in den Kinos startet, aber 2017 bei der Berlinale lief. Hier steht eine Seltenheit im Mittelpunkt eines Thrillers: Eine ältere Frau, eine pensionierte Brückenbauingenieurin, die allein lebt und für die Umwelt sowie gegen Misogynie und Tierquälerei kämpft. Dass auch Männer gute Frauenfiguren schreiben können und sie zudem neue Seiten an bekannten Geschichten offenbaren, hat in diesem Jahr Das Land der Heiligen gezeigt: Fernando Muraca, der das Drehbuch mit Monica Zapelli geschrieben hat, widmet sich den Frauen im Umfeld der `Ndrangheta und beweist, dass gerade im Zusammenhang mit organisiertem Verbrechen die Perspektive der Frauen fast nie erzählt wird und spannende Einblicke ermöglicht. 

Solche Figuren will ich sehen - und nicht eine Emma Gould in Live by Night, bei der sich Sienna Miller zwar die Seele aus dem Leib spielt, aber trotzdem hübsches Accessoire bleibt. Dass es auch anders geht, haben in diesem Jahr beispielsweise Free Fire und Logan Lucky gezeigt. In ersterem ist die von Brie Larson gespielte Justine mindestens genauso badassig wie alle anderen Männer, in zweitem wird aus der hübschen Mellie Logan - gespielt von Riley Keough - keine Männerfantasie und aus Bobbie Jo Chapman (Katie Holmes) kein Männer-Ex-Frau-Alptraum, sondern sie dürfen mehr Facetten haben.


Trailer zu Ocean`s Eight

Logan Lucky führt dann auch zu meinem zweiten Wunsch: Dieser Film ist der Beweis dafür, dass manche Subgenres nicht tot zu kriegen sind, wenn man weiß, was man tut. Eigentlich schienen die heist movies nicht zuletzt dank Soderbergh ziemlich ausgelutscht, nun aber hat er einen cleveren, unterhaltsamen Film gemacht, der tatsächlich Lust auf mehr macht - und die Vorfreude auf Ocean`s 8 noch mehr steigert. Ich wünsche mir, dass Filmemacher mit Ideen und Mut auch in den ausgelutschtesten Subgenres noch etwas bewegen wollen. Dass es geht, hat Ben Young mit Hounds of Love gezeigt, der die altbekannte Geschichte eines jungen Mädchens, das von einem psychopathischen Killerpaar festgehalten wird, spannend inszeniert, indem die Kamera in den blutigen Momenten wegschaut und der Thrill allein über die Tonspur und die Imagination entstehen. Der Österreicher Stefan Ruzowitzky wandelt in seinem Die Hölle - Inferno sehr sicher auf Hitchcock- und Giallo-Pfaden und lässt das nächtliche Wien zur perfekten Kulisse spannender Verfolgungsjagden werden. Dabei beweist er, dass im Serienkillerthriller weiterhin Ansätze zur Modernisierung stecken - wenn man denn seinen Pfad auf seine Weise folgt. Und sogar in dem eingangs erwähnten Zwischen den Jahren gelingt Lars Henning eine spannende Verbindung aus Sozial- und Krimidrama. Tatsächlich gab es sogar im vielgescholtenen deutschen Kino einige Ansätze: Khaled Kaissars Luna zum Beispiel zeigt in seinem Anfang ungeheures Potential, das sich dann in Glaubwürdigkeitsproblemen und zu viel Drama verheddert. Und in Detour macht Nina Vukovic sehr deutlich, wie viel Sog entsteht, wenn nicht jede Leerstelle gefüllt wird. Hiervon will ich mehr sehen - gerade im Kino.

Deshalb wünsche ich mir neue Blickwinkel. Wie bedeutsam die Perspektive sein kann, aus dem eine Geschichte erzählt wird, hat Fatih Akin in diesem Jahr mit Aus dem Nichts bewiesen. Es gelingt ihm hier vor allem durch die starke Identifikation mit seiner Hauptfigur eine Spannung zu erzeugen, die in Verbindung mit seiner Inszenierung sogar ein an sich langweiliges deutsches Gerichtsverfahren zu einer emotionalen Angelegenheit macht. Eine andere Perspektive macht auch den an sich durchschnittlichen Die Nile Hilton Affäre interessant. Zunächst bewegt er sich auf vertrauten hardboiled-Pfaden: Es gibt einen hartgesottenen, vom Leben desillusionierten Polizisten, der durch eine brutal ermordete Schönheit auf einen reichen Verdächtigen trifft und von korrupten Vorgesetzen umgeben ist. Aber Regisseur Tarik Saleh transportiert dieses Figurenarsenal effektiv und atmosphärisch dicht ins Ägypten des Jahres 2011 und nutzt damit ein wesentlich Potential des guten Kriminalfilms: Er kann ein korruptes System erforschen und die gegenseitigen Abhängigkeiten zeigen, so dass die Mechanismen einer Gesellschaft offengelegt werden. Ähnlich nutzt auch Operation Duval - Das Geheimprotokoll die Stilmittel des Paranoia-Thriller der 1970er Jahre, um über die Machenschaften des Geheimdienstes und den Rechtsruck innerhalb der Politik zu erzählen. Und damit komme ich zu einem weiteren Wunsch: Ich würde mich sehr freuen, wenn es wieder mehr gesellschaftskritische Kriminalfilme gäbe. Es ist oft zu lesen, dass der Krimi das Mittel ist, eine Krise zu dekonstruieren, aber das greift zu kurz: Mit dem Krimi lassen sich gesellschaftliche Entwicklungen sezieren - und es gibt fraglos ausreichend gesellschaftliche Missstände, die sich der Krimi vornehmen könnte. Das fängt alleine hierzulande beim NSU und den Verbindungen zu deutschen Behörden an und hört bei dem Zustand im Pflegesystem noch lange nicht auf. 

Mehr Frauen, neue Perspektiven, frische Herangehensweise und Mut zu Experimenten wünsche ich mir somit nicht nur für 2018. Das gilt natürlich auch für den Tatort. Aber das ist ein anderes Thema ... 

(Sonja Hartl)