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16 25/01

Kontroversen, Konsenswerke und Coming of Age - Sundance-Telegramm Nr. 3

Die Bezeichnung "Sundance-Film" wird von einigen Leuten stets mit einem Gesichtsausdruck verwendet, als hätten sie gerade in eine Zitrone gebissen. Die Geringschätzung wird in der Regel damit begründet, dass es sich bei vielen Beiträgen des Festivals um gefällig-schräge Tragikomödien handle, die sich ihren schweren Themen mit (allzu) großer Leichtigkeit widmeten und deren Figuren zu gewollt-exzentrisch in Szene gesetzt seien. Wiewohl Maggie's Plan nicht zu den Werken zählt, die hier ihre Uraufführung feiern (da diese bereits auf dem TIFF 2015 stattfand), trifft diese wenig schmeichelhafte Beschreibung auf Rebecca Millers New-York-City-(Anti-)Romanze in Teilen durchaus zu.


(Still aus Maggie's Plan von Rebecca Miller; Courtesy of Sundance Institute)

Auf Basis des noch nicht veröffentlichten Romans von Karen Rinaldi präsentiert der Film das Leben der von Greta Gerwig verkörperten Titelfigur, die sich ein Kind wünscht, aber keinen Partner hat. Der Gurken-Entrepreneur (!) Guy (Travis Fimmel) ist bereit, als Spender für eine künstliche Befruchtung zu fungieren. Doch dann lernt Maggie John (Ethan Hawke) kennen – einen Anthropologieprofessor mit schriftstellerischen Ambitionen, der unglücklich mit der dänischen Akademikerin Georgette (Julianne Moore) verheiratet ist. Der erste Akt verläuft noch gänzlich vorhersehbar, nach einem Zeitsprung kommt es zu einigen hübschen twists und turns. Miller setzt insgesamt zu sehr auf den Dialog und vertraut zu wenig auf die visuelle Vermittlung; sämtliche Motivationen werden in Worte gefasst. In einzelnen Momenten ist Maggie's Plan aber äußerst komisch und treffend. Und man muss sich natürlich fragen: Will man einen Film, in welchem Julianne Moore mit dänischem Akzent spricht und wie Cruella De Vil gekleidet ist, allen Ernstes verpassen?

Zu zwei Filmen folgen hier auf kino-zeit.de in den nächsten Tagen noch ausführliche Kritiken; beide gehören bisher zu den kontroversesten Beiträgen des Jahres 2016: Todd Solondz rief mit seinem makabren Humor in Wiener-Dog gegen Ende Entrüstung im Publikum hervor ("You've got to be shitting me!", kommentierte eine Zuschauerin lautstark, "I hated the ending!", meinte eine andere später); Swiss Army Man von Dan Kwan und Daniel Scheinert wurde in Salt Lake City mit frenetischem Beifall bedacht, soll im Eccles Theatre in Park City aber einige Personen dazu bewogen haben, das Lichtspielhaus frühzeitig zu verlassen. So viel sei bereits verraten: Dieser Film wartet mit Einfällen auf, die man sich kaum in Worte zu fassen traut, da sie wirklich sehr, sehr weird sind.


(Cast und Crew von Swiss Army Man im Grand Theatre in Salt Lake City, darunter das Regie-Duo Daniel Scheinert und Dan Kwan sowie die beiden Hauptdarsteller Daniel Radcliffe und Paul Dano; Copyright: Andreas Köhnemann)

Ein Werk, das ebenfalls eine "What the f*ck?!"-Reaktion auszulösen vermag, ist das harte Coming-of-Age-Drama Goat von Andrew Neel, welches auf den Memoiren von Brad Land beruht. Es schildert die Situation eines Teenagers (stark: Ben Schnetzer), der in die Studentenverbindung seines älteren Bruders (Nick Jonas) aufgenommen werden möchte und dafür grausame Initiationsriten in der sogenannten Hell Week über sich ergehen lassen muss. Während etliche US-College-Komödien den Spaß des Campuslebens in den Mittelpunkt rücken, befasst sich Neel in seiner Adaption mit dem Hazing (zu Deutsch etwa: Schikane) unter jungen Männern und den fragwürdig-gefährlichen Vorstellungen von Maskulinität. Der Tonfall ist überwiegend ernst – lediglich an einer Stelle schaut überraschend James Franco vorbei, der den Film auch mitproduziert hat und ohne dessen Beteiligung wohl kein Festival mehr denkbar ist. In der Rolle eines fluchenden, grölenden Ex-Verbindungsmitglieds sorgt er für ein wenig (Irr-)Witz.


(Still aus Goat von Andrew Neel; Copyright: Ethan Palmer)

Zwischen den Filmsichtungen ist auf dem Sundance Film Festival (wie auf allen großen Festivals) das Herumstehen in langen Warteschlangen angesagt. Dabei erfahre ich in kurzen Plaudereien immer mal wieder, wofür Deutschland angeblich weltberühmt ist: Diane Kruger, Anne-Sophie Mutter, Einstürzende Neubauten und, natürlich, its capital – Amsterdam! In Park City bin ich beim Warten zumeist von Menschen umgeben, die von den Wetterverhältnissen ebenso überfordert sind wie ich selbst, weil sie entweder aus anderen Teilen der USA oder anderen Ländern kommen ("It's freezing! I'm not a fan!", teilt mir etwa eine Frau mit, die mir in Kombination mit ihrer Begleitung aus irgendwelchen Gründen wie eine ältere, viel nettere Version des Schwesternpaares aus Krampus vorkommt und die sich von der Eiseskälte nicht davon abhalten lässt, einen Stadtplan aus ihrer Jacke hervorzuholen, um mir sehr detailreich zu erklären, wo sich das Eccles Theatre befindet). In Salt Lake City komme ich dagegen häufiger mit Einheimischen ins Gespräch, die oft interessante Geschichten auf Lager haben – etwa über eine Vergangenheit als Missionar in Deutschland (am Bodensee) Ende der 1980er Jahre. Daraus könnte man einen Film machen – auch einen "Sundance-Film". Und Letzteres sage ich ganz ohne zitronensaures Gesicht.

(Andreas Köhnemann)