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14 04/11

"Kleine Menschen, große Charaktere" - Interview mit Veit Helmer

Mit der Nasenbärbande feiert Veit Helmer Individualität und grenzenlosen Einfallsreichtum. Irgendwann ist in Bollersdorf, dem Schauplatz von Quatsch und die Nasenbärbande, nichts mehr heil. Doch was übrig ist, lässt sich kreativ umbauen. Mit dem Regisseur Veit Helmer (Baikonur, Absurdistan) sprach Stefan Otto.

Was war denn Ihr Antrieb, Quatsch zu schreiben und zu drehen?
Veit Helmer: Die Idee stammt von meinem Sohn und mir. Als mein Sohn vier Jahre alt war, wollten wir ins Kino gehen, aber es lief nur Animationsfilmkäse. Ich hatte irgendwie etwas Schöneres erhofft. Dann dachte ich, ja gut, dann muss ich das selber drehen. Mein Sohn hat dann eine Liste verfasst mit allen Fahrzeugen, die in dem Film vorkommen sollen. Also, das Müllauto, der Traktor, die Lokomotive, das Schiff und der Kran. Und als ich ihn gefragt habe, was die ganzen Autos machen sollen, hat er gesagt: Unfälle. Dann kommt die Feuerwehr. Das war das Grundgerüst, alles andere kam dazu. Zum Beispiel die Idee, den Film in einem Ort spielen zu lassen, der sehr inspiriert ist von Haßloch in der Pfalz.

Haben Sie vorab in Haßloch recherchiert?
Wir haben in der Zeitung dort einen Aufruf gemacht, und es haben sich Leute gemeldet, die uns etwas über Haßloch als Testmarkt erzählt haben. Wir haben uns von realen Vorkommnissen inspirieren lassen. Dadurch wurde das Drehbuch noch etwas fundierter.

Was hat Sie da inspiriert?
Dort sind neue Produkte im Supermarkt versteckt, es gibt spezielle Werbespots und die Einwohner, die die neuen Produkte testen, kriegen jede Woche eine Fernsehzeitschrift umsonst. Das sind alles Dinge, die in einer gewissen Weise ein schöner Unterbau für Quatsch waren.

Wie war die Zusammenarbeit mit den Kindern?
Nachdem wir über ein halbes Jahr lang mit tausend Kindern geprobt hatten, fiel die finale Auswahl nicht sehr schwer. Die sechs Hauptdarsteller sind durch ihre besonderen Charaktere schon hervorgestochen. Kleine Menschen, große, starke Charaktere. Und deswegen würde ich sagen, die Kinder haben mir die Arbeit sehr leicht gemacht. Weil sie einfach begriffen haben, dass es bei diesem Film darum ging, frech zu sein, und dann durften die Kinder mal so richtig, ja, Quatsch machen. Das waren phantasievolle, mutige, furchtlose Kinder, die die Lok gefahren haben und das Schiff, die im Müllauto und im Feuerwehrauto saßen.


(Bild aus Quatsch und die Nasenbärbande von Veit Helmer, Copyright: Farbfilm Verleih)

War die Arbeit mit dem Nasenbären schwieriger?
Es waren zwei Nasenbären, die Quatsch gespielt haben: Elvis und Sunny. Ich habe die beiden ein Jahr vor Drehbeginn kennengelernt und sie im Film dann viele Dinge machen lassen, die sie sowieso schon konnten. Das Drehbuch wurde zum Teil extra daraufhin geschrieben. Um die Dinge zu trainieren, die ich mir dann noch habe einfallen lassen, hatten die Nasenbären und die Tiertrainerin dann ein Jahr Zeit. Also, es war eigentlich sehr einfach mit den Nasenbären. Die haben uns alle, die beim Dreh dabei waren, immer wieder überrascht, weil sie doch wirklich sehr talentiert waren.

Wie war denn die Arbeit am Drehort? Muss man sich das so vorstellen, dass Sie den ganzen Ort auf den Kopf gestellt haben?
Wir haben den Film in Buckow gedreht, in der Märkischen Schweiz bei Berlin. Die Menschen dort waren doch überrascht, was es bedeutet, wenn man da mit einem Filmteam über Wochen den Marktplatz absperrt und dort ein Schwimmbad baut, das man mit Erdbeer-Milkshake füllt. Ich glaube, sie haben am Anfang den Dreh sehr genossen und waren am Ende aber auch wieder froh, als wir fertig waren.

Wieviel wurde denn in Quatsch getrickst?
Die Kinder machen das ganze Dorf kaputt. Zum Teil haben wir echte Fahrzeuge gekauft, die dann von Stuntfahrern verunfallt wurden, wie das Müllauto und den Traktor. Bei anderen Unfällen haben wir Miniaturen verwendet, wie bei der Lokomotive, dem Schiff und dem Feuerwehrauto. Nur beim Kran, der in das Haus fällt, und der fliegenden Lokomotive wurde mit dem Computer getrickst. Es gab sozusagen verschiedene Ebenen, die reale Ebene, wo wirklich Autos kaputtgegangen sind, die altmodischen Modellbau-Tricks und die Computertricks.

Und wenn die Kinder auf den Kran hochsteigen?
Das ist Greenscreen. Die Kinder waren nie in gefährlichen Höhen. Wir haben im Studio ein Kranteil aufgebaut und den grünen Hintergrund dann mit Hilfe des Computers durch eine Aufnahme vom Dorf von oben ersetzt. Aber Greenscreen gab es ja auch früher schon, noch vor Zeiten des Computers. Das ist jetzt nicht der modernste Trick, eher einer aus der Mottenkiste.

Quatsch hat sehr viele Figuren und noch mehr ganz kurze Szenen. Haben Sie vorher mal bei Ihrem Sohn oder irgendwo anders nachgeforscht, wieviel Kinder als Zuschauer eigentlich aufnehmen und verarbeiten können?
Ich glaube, die Anzahl der Szenen ist kein Problem. Kinder lieben assoziative Narration. Der Film ist jetzt nicht das durchgängige Drama, sondern folgt eher einer kindlichen Denkweise, die eher sprunghaft ist und nicht unbedingt erwachsenenlogisch folgerichtig. Es gibt Ebenen, die können von kleinen Kindern nicht in voller Gänze intellektuell begriffen werden: Was ist Durchschnitt? Was ist Mittelmaß? Diese Ebenen, meine ich. Aber es gibt auch Ebenen, die verstehen Erwachsene nicht. Dass aus einem kaputten Kran eine Achterbahn werden kann oder dass man ein Müllauto zu einer Fahrradfabrik umbauen kann, das sind Dinge, die verstehen Kinder besser als Erwachsene.

 

Wer nun neugierig auf den Film geworden ist: Hier ist schon einmal der Trailer zu Quatsch und die Nasenbärbande, der am 6. November 2014 in den deutschen Kinos startet. Wir finden: Einen so guten und rundfum empfehlenswerten deutschen Kinderfilm hat es lange nicht mehr gegeben.