Klarheit und Ambivalenz - B-Roll Blog - kino-zeit.de - das Portal für Film und Kino
17 20/03

Klarheit und Ambivalenz

Anfang des Jahres sah sich John Carpenter genötigt, der ganzen Welt seinen eigenen Film zu erklären. Das ist insofern bemerkenswert, als dass die meisten Künstler kaum etwas so sehr hassen, wie ihre Kunst festnageln zu lassen und ihre eindeutige Intention zu entblößen. Sie können dadurch meist wenig gewinnen: Wer sich zu genau festlegt, macht es für sein Publikum schwerer, einen individuellen Blick auf die eigene Schöpfung zu entwickeln. Kunst lebt immer von Interpretationsspielraum und Grauzonen. Doch manchmal kann die Mehrdeutigkeit der eigenen Kreation unangenehme Auswüchse entwickeln.


(Filmstill aus Fight Club. Copyright: Fox Deutschland)

So stellt Carpenter dann auch in aller Öffentlichkeit klar: „Sie leben handelt von Yuppies und ungehemmtem Kapitalismus. Der Film hat nichts mit jüdischer Weltkontrolle zu tun, das ist Verleumdung und eine Lüge“. Ein frustriertes, wütendes Statement, das sich gegen die Antisemiten richtete, die den Film seit Jahren für sich vereinnahmen wollen.

Die Geschichte des Kinos ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Wobei die Frage bleibt, ob man einen Film denn wirklich missverstehen kann: Ein Bild – eine Szene, ein Film gar – hat nie nur eine Bedeutung. Es handelt sich um hochkomplexe Zeichensysteme in einer ultrakomplexen Welt, in der die Interpretation des Autors immer nur eine unter vielen ist. Manche Deutungen sind naheliegend, andere abwegiger, doch die intuitivste Erklärung ist nicht immer die richtige. Diese Offenheit erlaubt es auch Menschen, deren Weltanschauung wenig mit der des Künstlers gemein hat, sich etwas anzueignen, dass er nicht für sie bestimmt hat.

Sie leben erzählt die Geschichte des arbeitslosen Ölarbeiters John Nada, der eine besondere Sonnenbrille entdeckt, mit deren Hilfe er erkennen kann, dass eine geheime Alien-Invasion im Gange ist. Dystopien, Horror- und Science-Fiction-Filme arbeiten oft mit solchen offen angelegten Metaphern. Unabhängig von George Orwells ursprünglichen Absichten verweist heute nahezu jedes politische Lager auf seinen Roman 1984, um die jeweilige Gegenseite zum großen Unterdrücker zu erklären. Und jeder, der sich abseits eines (wie auch immer gearteten) Mainstreams sieht, kann Sie leben als Kritik an jenen sehen, welche die Realität verschleiern. (Ein ähnliches Schicksal hat Matrix ereilt, dessen Rote-Pillen-Symbolik heute von verschiedenen Gruppen verwendet wird.)

Es ist nicht allzu weit hergeholt, aus Carpenters Filmen auch eine Angst vor dem Fremden und Anderen herauszulesen, welches sich unentdeckt in der Gesellschaft verbirgt. Wer also ohnehin schon glaubt, von muslimischen Schläfern, einer „zionistisch besetzten Regierung“ oder Reptiloiden verfolgt zu werden, wird die Aliens des Films mit diesen Feindbildern ausfüllen. Der Philosoph Slavoj Žižek vertritt in dem Dokumentarfilm The Pervert’s Guide to Ideology eine andere Interpretation. In der Einstiegsszene erklärt er Carpenters SciFi-Thriller zu einem „vergessenen Meisterwerk des linken Hollywoods“. In den Sonnenbrillen, die plötzlich die wahre Aussage von Werbebotschaften und Filmen erkennen lassen, sieht er ein Sinnbild für einen ideologiekritischen Blick auf die Welt.


(Szene aus The Pervert’s Guide to Ideology)

Carpenters Reaktion war Sieg und Niederlage zugleich für seine antisemitischen Provokateure. Einerseits wurden sie von einer angesehenen Autorität bezüglich des Films widerlegt, andererseits wurde ihnen die Aufmerksamkeit zuteil, die sie für ihre Position suchen. Interpretation kann auch die Absicht verfolgen, eine Erfahrung zugunsten einer Ideologie in den Staub der Tagespolitik hinabzuziehen. In Bezug auf einen Film wie Sie leben hört sich das hochtrabend an, aber die Aneignung und Deutung eines Kunstwerks dient immer auch seiner Profanisierung.

Die Antwort des Filmemachers legt aber vor allem einen nicht ganz aufgelösten Widerspruch frei. Die gängige und naheliegende Antwort auf die Frage, ob Künstler an der Zweckentfremdung ihrer Kreationen durch Extremisten eine Mitschuld tragen, lautet: Natürlich nicht! Wer Kunst nach ihrer Interpretation durch die Dümmsten und Schlechtesten bewertet, schraubt unweigerlich Stützräder an Rennmaschinen. Nur wer auf den kleinsten gemeinsamen Nenner abzielt, jedes Risiko scheut und pastellfarbene Banalitäten aneinanderreiht, eckt nicht an. Nur wenn es keinen Standpunkt gibt, kann dieser nicht falsch gedeutet werden. Das ist alles richtig. Doch in manchen Fällen macht man es sich mit dieser Antwort zu leicht. Es ist selten Zufall, welche Art von Mensch welche Art von Film als Spiegel der eigenen Gedankenwelt versteht.

Ein interessantes Beispiel ist Fight Club: David Finchers Thriller traf viele Kinogänger in einer seltsamen Phase ihres Lebens. Die Adaption des gleichnamigen Romans von Chuck Palahniuk passte perfekt in die Welle pathosschwangeren Düsterkitschs, mit dem die Generation X auf die Clinton-Jahre reagierte. Eine popkulturelle Epoche vor den Anschlägen vom 11. September 2001 und der Finanzkrise, in der die Monotonie und Mediokrität des Arbeitslebens als größtmögliche Schmach für das Selbstbild einer weißen Mittelschicht galt. Nie wog die Gefangenschaft in der Bürozelle schwerer, davon zeugen Artefakte wie Mike Judges Alles Routine (Office Space), Oscargewinner American Beauty von Sam Mendes oder Matrix von den Wachowski-Schwestern.


(Filmstill aus Alles Routine. Copyright: Fox Deutschland)

Fight Club ist mittlerweile in verschiedensten Formen mit einer solchen Regelmäßigkeit und Vehemenz „missverstanden“ worden, dass man sich fragen muss, ob an den falschen Auslegungen nicht doch etwas dran sein könnte. Es ist ein Film über einen Kult, der selbst zum Kultfilm wurde. Die Geschichte des unerfüllt und namenlos lebenden Protagonisten (Edward Norton) und seinem düsteren Spiegelbild Tyler Durden, der eine stetig wachsende Gruppe von Aussteigern um sich schart, ist durchaus unterhaltsam. Natürlich macht erst die Verführungskraft Durdens den Film interessant. Wäre er ein offensichtlich psychotischer Widerling, hässlich und uncharismatisch, würden wir die Menschen, die ihm folgen, einfach für verrückt halten.

Seine Rekrutierungsversuche wirkten auch abseits der Leinwand. Die Welt ist voll von Durden-Jüngern. Damit sind nicht nur die tatsächlichen „Fight Clubs“ gemeint, die nach Veröffentlichung überall auf der Welt aus dem Boden schossen. Oder Fans, die nach dem konsumkritischen Kinobesuch eines der vielen im Film beworbenen Produkte erwarben. Sondern vor allem die begeisterten Jugendlichen und Erwachsenen, die ihre Zimmer mit konsumkritischen Brad-Pitt-Unterwäschepostern tapezierten und Tyler Durdens noch konsumkritischere Glückskekssprüche zitierten. Alles, was du besitzt, besitzt irgendwann dich. Erst nachdem wir alles verloren haben, haben wir die Freiheit, alles zu tun. Und eben auch: Ihr seid nichts Besonderes. Ihr seid keine wunderschönen, einzigartigen Schneeflocken.

In den vergangenen Monaten ist wieder einmal öfter über Fight Club geschrieben und diskutiert worden, vor allem im Zusammenhang mit der amerikanischen Alt-Right-Bewegung. Der lose Zusammenschluss verschiedener politisch rechter Gruppen bedient sich großzügig an der Rhetorik des Films. Die Beschimpfung vermeintlich zu empfindsamer Gegner als „Schneeflocken“ (Snowflakes) mag – entgegen der Behauptungen von Autor Palahniuk – älter als der Roman sein, doch ihre aktuelle Form und Präsenz ist gewiss durch Erfolg und Bekanntheit des Films bedingt. Selbst konservative Politiker von Kellyanne Conway bis hin zu Mike Huckabee führen sie im Mund. In einer Szene des Films schickt Tyler Durden seine Gefolgsleute, wenig liebevoll „Weltraumaffen“ getauft, in die Welt hinaus, um Schlägereien anzuzetteln. Als eine Art Hausaufgabe. Der Durchschnittsbürger soll ihre Sprache lernen, einen Geschmack ihrer Lebensweise. Die endlosen zornigen Kommentare, die das Netz heute beherrschen, sind die Social-Media-Variante dieser Angriffe. Es liegt eine bittere Ironie darin, dass sich die krude Ideologie, geboren aus einer Sehnsucht nach körperlicher Selbsterfahrung, doch wieder vor allem digital entlädt.

Haben sie Finchers Film missverstanden? Oder ist der Film daran gescheitert, sich mit seiner eigenen Figur kritisch auseinanderzusetzen? Wird der gewalttätige Sektenanführer vom Film affirmiert, weil seine Taten so ästhetisch ansprechend und cool sind, weil sie vitaler und mitreißender wirken, als es jeder andere Lebensentwurf je sein könnte? Fast wie ein Mantra beten es viele: Depiction is not endorsement. Darstellung allein bedeutet nicht die Billigung des Gezeigten. Aber diese Aussage kann auch als Deckung missbraucht werden. Die Darstellung des Schlechten ist auch nicht automatisch Kritik daran. Gerade die Tatsache, dass Kunst vieldeutig ist, sollte es möglich machen, einen Film für bestimmte Aspekte und Ansätze zu kritisieren und für andere zu loben. Wenn die Stimme des Künstlers heute wirklich nur eine unter vielen ist, dann kann er sie bedenkenlos einsetzen. Für seine Aussagen gilt dasselbe wie für alle anderen Formen des Ausdrucks: Er muss riskieren, missverstanden zu werden.


(Filmstill aus Fight Club. Copyright: Fox Deutschland)

Die Frage sollte sein: Wo ist Ambivalenz eine künstlerische Entscheidung und wo ist sie nur Ausdruck von Feigheit oder fehlender Ausdrucksfähigkeit? Es gibt keine Tat, mag sie noch so grausam und absonderlich sein, in die sich Menschen nicht verlieben können. Am Ende des Films steht der namenlose Protagonist in Fight Club vor explodierenden Hochhäusern und wird von der Musik der Pixies umweht. Seinen inneren Tyler Durden mag er hinter sich gelassen haben, doch der im Zuschauer blickt mit glänzenden Augen auf das explosive Spektakel.

(Lucas Barwenczik)