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17 21/06

Kino lieben heißt Kino zerlegen - Die kino-zeit-Kolumne

Ist das Internet eine Brutstätte verächtlicher Geschmacksurteile, die die Filmkunst mit Füßen treten? Darüber diskutierten kürzlich Teile der deutschsprachigen Cinephilie auf Facebook. Anlass war die Wortmeldung eines bekannten Filmwissenschaftlers, der "aggressiv anmutende Abqualifizierungen" künstlerischer Werke in Online-Reviews beklagte. Den Verfassern fehle der "Respekt vor dem Filmemachen", ihre missfällige Kritik habe "meist mehr mit den Personen selbst als mit den Werken" zu tun. Die "hasserfüllte Aburteilungskultur" ließe sich demnach zurückführen auf "mangelnde Resonanz" und eine "Unfähigkeit, selbst schöne Dinge zu erschaffen". Willkommen beim Bullshit-Bingo der Filmkritik.


(Der Filmkritiker Anton Ego aus Ratatouille; Copyright: Walt Disney Studios Motion Pictures Germany)

Viel Zustimmung erhielt der Beitrag unter anderem von Filmemachern selbst, Widerspruch seitens der Kritisierenden bzw. Kritisierten gab es lediglich vereinzelt. Urteile jedweder Art vermittelten immer etwas von sich, nämlich die "Kunstauffassung" und "Haltung zur Welt" des Rezipienten, lautete ein Gegenargument. Die meisten der Einigkeit demonstrierenden Reaktionen wirkten so, als habe endlich eine lang unter Verschluss gehaltene Wahrheit das Licht der Welt erblickt. Grundtenor: Anstelle des harschen Umgangs mit künstlerischen Werken solle eine bedingungslose Wertschätzung für deren mühevolle Erschaffung treten. Ein Film, hieß es sogar konkret, verdiene schon Bewunderung für seine bloße Existenz, "egal wie gut oder schlecht man ihn subjektiv finden mag".

Recht erwartbar verlief die weitere Diskussion (öffentlich unzugänglich, daher an dieser Stelle ohne namentliche Erwähnung). Es ging einerseits um "selbsternannte Filmkritiker" und "unkreative Menschen", die auf "irgendwelchen Plattformen unqualifizierten Wortmüll“ absonderten, andererseits um "Hass und Ignoranz", die Personen dem Kino entgegenbringen, weil sie "in ihrem Leben nie etwas geleistet haben und nie für etwas kämpfen mussten". Schließlich richtete sich das Augenmerk nicht mehr auf "irgendwelche Plattformen" (Amazon sowie Facebook und andere soziale Medien), sondern grundsätzlich auf die Legitimität von Bewertungen. Es sei zwar interessant, über das Filmemachen zu diskutieren, schrieb der Initiator der Debatte. Zu urteilen jedoch halte er für "problematisch".

Vielleicht mag die Abweichung von Filmwissenschaft und Filmkritik, der Unterschied also zwischen der Erforschung eines Gegenstandes und seiner Einschätzung, ausschlaggebend für eine solche Haltung sein. Bemerkenswert war allerdings die konsensfähige Rigorosität, mit der vorgeblich im Sinne des Kinos für weniger statt mehr Diskurs geworben wurde. Derlei Reproduktion von Klischees (der Kritiker als verhinderter Künstler, sein Urteil als Ausdruck persönlicher Unzufriedenheit) kennt man für gewöhnlich von denkfaulen User-Kommentaren oder Pamphleten sich beleidigt fühlender Filmschaffender. In cinephilen Kontexten sind sie hingegen schon deshalb erstaunlich, weil es dort immer auch um die Lust an unterschiedlichen und meinungsstarken Positionierungen geht.

Das geäußerte Unverständnis bezieht sich, was die Sache noch gebieterischer macht, nicht allein auf Filmkritik. Vielmehr gilt es jedem, der öffentlich über das Kino richtet, sich damit zur angeblichen Steigerung des Selbstwerts "über den verletzlichen anderen" erhebe und "Zerstörung und Gewalt" (!) betreibe. In diesem küchenpsychologischen Befund steckt, ungeachtet seiner feindsinnigen Haltung gegenüber der kritischen Auseinandersetzung mit Kunst, eine große Unaufrichtigkeit. Denn Arbeit und Leidenschaft fließt in Degeto-Schmonzetten ebenso wie in Querfront-Singles von Xavier Naidoo. Und natürlich käme kein Urteilsverweigerer auf die Idee, über diese Werke ein schlechtes Wort zu verlieren, weil sie stets die Achtung vor dem Künstler wahren.

Bezeichnenderweise sind derart unumschränkte Positionen und Versuche, urteilsfreudige Ansätze in teils auch autoritärer Manier zu desavouieren, ihrerseits von (Vor-)Urteilen und Unterstellungen durchsetzt. In einem 2006 veröffentlichten Text über ihr filmkritisches Selbstverständnis fragte sich Christina Nord, wie sie umgehen solle mit ermüdenden Mainstream-Produktionen, die zu ignorieren keine Lösung sei. Sie verwies auf eine Diskussion über den vermeintlichen Gegensatz von "emphatischer Schreibweise" und "kritisch-analytischer Anstrengung", die unter deutschen Kritikern zu Beginn der 1990er Jahre geführt wurde – mit offenbar ähnlichen Argumenten.

Die Frage wäre demnach, was stattdessen gewollt ist. Wenn Reflexion mit Distanz gleichgesetzt wird (und Kritikübende entsprechend pathologisiert werden), erscheint nur das reine Wohlgefallen – egal, ob tatsächlich empfunden oder eben verordnet – satisfaktionsfähig. Jubilierende Kinotexte allerdings, bei denen das Schwärmen zur hohlen Emphase gerinnt, dürften kaum im Interesse eines ernsthaften Umgangs mit Film liegen, der Neugier wecken und nicht das Profilierte zum Marginalisierten umdeuten möchte. Enthusiasmus kann wunderbar sein, Zwangsaffirmation hingegen ist nichts anderes als erkenntnisfeindlich, antiintellektuell und das Ende der Kritik. Wer statt Müll nur noch Meisterwerk schreit, sagt immer noch sehr wenig. Oder überhaupt nichts.

"Liest man die Kritiken von denen, die sich damit brüsten, nur von der Lust geleitet zu werden, so stößt man auf miserable Dinge, leere Adjektive, Ausrufezeichen, Lautmalereien, auf Dinge, die zu signieren man sich schämen und der Werbung vorbehalten müsste", zitierte Christina Nord den französischen Filmkritiker Serge Daney. Der Satz erinnert an ein Zitat von Pauline Kael, die den Kritiker als "einzige unabhängige Quelle in der Kunst" und den Rest schlicht als Werbung bezeichnete. Nicht jede Alternative zur "Aburteilungskultur" ist gleich PR der Filmindustrie, ein schwärmender Text muss nicht zur gedankenlosen Empfehlungsschreibe verkommen. Angesichts hartnäckiger Bemühungen um Einflussnahme aber sollte es ein Bewusstsein für den Unterschied zwischen Leidenschaft und strategischer Begeisterung geben.

Mitunter kann es nämlich kompliziert werden, den ersehnten und aus vollem Respekt für das Filmemachen erwachsenen Enthusiasmus von jenen Angeboten zu trennen, die durch gesponserte Inhalte und Abhängigkeiten von Anzeigenkunden eine denkbar unredliche Liebe zum Kino vermitteln. Die von manchen Magazinen gepflegte Kein-Verriss-Politik (an der natürlich gar nichts politisch, höchstens opportun ist) kommt da noch obendrauf. Treffend schrieb Marcel Reich-Ranicki in seiner Textsammlung Lauter Verrisse, dass das Verhältnis der Deutschen zu Kritik durch "prononciert antikritische Tendenzen in hohem Maße gestört" sei. Es trage "häufig geradezu neurotische Züge", weil "werten mit abwerten und urteilen mit verurteilen" durcheinandergebracht werde.

Diese Verwechslung fand auch konstant in der Debatte auf Facebook statt, kritische Auseinandersetzung wurde dort vielfach als Überheblichkeit des Kritisierenden missverstanden. Vor einigen Jahren sprach die Redaktion des deutschsprachigen Printmagazins Deadline, das Filme bewertet, also kritisiert, in Zusammenhang mit Verrissen von einer "Miesmachermentalität und egomaner Wichtigtuerkeit". Begründet wurde der Verzicht auf negative Urteile scheinbar nobel: "Wer sind wir denn, dass wir als Schreiber und Journalisten uns selbst in den Mittelpunkt stellen und rechthaberisch einen Film verurteilen? Dieser Hass und die Eigendarstellung mancher Leute im Schreiberdschungel hat bei uns nichts zu suchen." Das ganze Interview findet sich bei Hard Sensations.

Verrisse, so Reich-Ranicki, streben eine "aggressive Verteidigung der Kunst" an. Das wirklich interessante, nämlich den spezifischen Eigenheiten eines jeden Films gegenüber aufgeschlossene Verhältnis zum Kino sollte daher keines der bloßen Euphorie sein. Filmkritisches Denken ist dissensfähig, offen für Widersprüche und Reibungen. Die eigene Begeisterung zu überprüfen, heißt nicht, sie zu beschränken. Überzeugungskraft gewinnt sie vielmehr erst durch die Bereitschaft, das Schöne auch gegen das möglicherweise Hässliche abzuwägen. Wer Kino liebt, muss Kino auseinandernehmen, und dazu gehört auch dessen gelegentliche Zerstörung. Auf dem Papier, an der Kamera – oder über beide Wege, wie es die Kritiker der Cahiers du cinéma eindrücklich vorgemacht haben.


(Jean-Luc Godard; Copyright: Gary Stevens / CC BY 2.0)

Bedauerlich ist an dieser Verengung filmkritischer Auseinandersetzung nicht zuletzt die Unfähigkeit, zwischen scharfer Kritik und billiger Häme zu unterscheiden. Bemüht sarkastische Formate von YouTube-Kanälen wie CinemaSins ("Everything wrong with") oder Screen Junkies ("Honest Trailers") erschöpfen sich tatsächlich im reinen Spott, dessen geistlose Gehässigkeit nicht den geringsten Wert besitzt und selbst nur hohle Emphase ist. Der deutsche TV-Sender Tele 5 präsentiert mit SchleFaZ ("Die schlechtesten Filme aller Zeiten") ein ähnlich dummes Format, das von billiger Aufmerksamkeitsökonomie zehrt. Gerade um solchen Schreihälsen nicht das Feld zu überlassen, braucht es mehr Kritik, Reflexion und Urteilsfähigkeit.

(Rajko Burchardt)

Bisherige Kommentare

(Anzeige: 1 von insgesamt 1)
Von: Max Roth am: 21.06.17
Ahoi Mr. VV! Danke für die klaren Worte, die mir gerade wieder bewusst machen, wie sehr mir bei vielen Kritiken eine ernst gemeinte Diskussion, eine Debatte darüber fehlt. Also in den Besprechungen angebrachte Argumente. Vielleicht höre ich deshalb lieber Podcasts, bei denen durch mindestens zwei Sprecher zumindest eine Diskussion entsteht. Ich denke da spontan an den critic.de-Podcast zu Cannes. Filmische Grüße Max