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14 08/04

Kino erlesen - Eine kleine Filmbuchlektüre

Über Filme kann man nachdenken, über Filme kann man reden, über Filme kann man Filme drehen, über Filme kann man schreiben. Um neue Literatur über Filme und angrenzende Bereiche geht es in Zukunft in der Filmbuchlektüre unter dem Titel "Kino erlesen".

Mit einem aufsehenerregenden Friseurbesuch im Jahr 1928 beginnt Stefan Ripplinger sein Büchlein Mary Pickfords Locken - Eine Etüde über Bindung (Verbrecher Verlag). Damals berichtete sogar die New York Times auf ihrer Titelseite, wie die Schauspielerin sich von ihren langen Korkenzieherlocken trennte und einen Bob schneiden ließ. Aus einem viktorianischen Mädchen wurde eine annäherungsweise androgyne Dame des Jazz Age. Einige Exemplare ihrer verlorenen Pracht gingen direkt an Museen. "Mein Essay", schreibt Ripplinger (I can see now - Blindheit im Kino), "kann keine filmhistorische Untersuchung und will keine Starbiografie sein. Er ist bloß eine Etüde über Bindung." Er liefert dann doch einen anregenden und in aller Kürze (89 S.) eindringlichen Blick auf Mary Pickfords Filmografie entlang ihrer Haare. Sie müssen fallen, als die Provinz-Melodramen wie Pollyanna oder Little Lord Fauntleroy, deren Star sie gewesen ist, von der kleinbürgerlich-urbanen Komödie abgelöst wurden.

(Stefan Ripplinger: Mary Pickfords Locken - Eine Etüde über Bindung. Verbrecher Verlag 2014, 96 S., 12,00 Euro, ISBN 9783943167825)

Flic Flac von Hanns Brodnitz bietet gewissermaßen die notwendige Ergänzung zur Biografie Kino intim des Berliner Theaterdramaturgen, Kinodirektors und Filmkritikers Brodnitz, die 2005 im Verlag Hentrich & Hentrich erschien. Hier sind nun, wie es ganz zutreffend im Untertitel heißt, Aufsätze, Kritiken, Glossen zu Theater, Film und Alltag aus verschiedenen Tageszeitungen und Zeitschriften versammelt. Bis Brodnitz, der unter anderem Direktor des Kinos Mozartsaal am Berliner Nollendorfplatz war, 1933 als Jude verfolgt wurde, schrieb er als "geschmackvoller Publikumsmensch", an den Zuschauern orientiert und an deren Weiterbildung interessiert. 1944 wurde er nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

(Hanns Brodnitz: Flic Flac - Aufsätze, Kritiken, Glossen zu Theater, Film und Alltag. Hentrich & Hentrich Verlag, 240 S., 19,90 Euro, ISBN 978-39556501939

Einblicke in eine Welt, die bislang verschlossen gehalten wurde, erlaubt Friedrich Wilhelm Murnau - Die privaten Fotografien 1926-1931(Schirmer/Mosel). Größtenteils von ihm selbst aufgenommen (bisweilen ist allerdings auch er auf ihnen zu sehen) zeigen sie unter anderem Eindrücke aus dem Park von Sanssouci, aus New York, Los Angeles und auf Tahiti, wo sie rund um die Dreharbeiten von Tabu entstanden. Besonders privat erscheinen freilich die Aufnahmen junger Männer mit und ohne Badehose bei Ausflügen in die Umgebung von Berlin oder später in L. A. Zusammen ergeben die Bilder, die zum Teil auf erst vor 20 Jahren aufgefundene stereoskopische Negative zurückgehen, Einblicke in die persönliche Perspektive des in visionären Bildern denkenden Filmemachers.

(Guido Altendorf/Werner Sudendorf/Wolfgang Theis (Hg.): Friedrich Wilhelm Murnau - Die privaten Fotografien 1926-1931. Verlag Schirmer/Mosel, 120 S., 34 Euro, ISBN 978-3-8296-0655-4)


Die vierteljährlich erscheinende Neue Rundschau widmete ihr letztes "Heft" (eigentlich ein Buch) von 2013 einem Zeitgenossen Murnaus: Ernst Lubitsch. Im Editorial wundert sich Alexander Roesler, das über den Regisseur von Sein oder Nichtsein bislang recht wenige Bücher geschrieben wurden und leistet sogleich mit dem von ihm und fünf weiteren Kollegen herausgegebenen Buch einen Beitrag dazu, öffentlich zu machen, wie innovativ Lubitsch wirklich war. Überwiegend in Übersetzungen aus dem Englischen vereint die Neue Rundschau (Heft 4, 2013, S. Fischer Verlag) zehn Texte über Ernst Lubitsch, unter anderem von Elisabeth Bronfen und Slavoj Žižek.

(Hans-Jürgen Balmes/Jörg Bong/Alexander Roesler/Oliver Vogel: Ernst Lubitsch. Verlag S. Fischer, 192 S., 12 Euro, ISBN ISBN 978-3-10-809095-1)

Eine echte Fundgrube ist Band 33 der Jahrbücher für Literatur und Psychoanalyse: Film und Filmtheorie (Königshausen & Neumann). Er versammelt eine Bibliografie zu "Film und Psychoanalyse" und neun Beiträge, die auf der psychoanalytisch-literaturwissenschaftlichen Arbeitstagung zum Thema "Film und Filmtheorie" im Mai 2013 in Freiburg vorgestellt und diskutiert wurden. In den Texten, unter anderem von Marcus Stiglegger, Mechthild Zeul und Gerhard Schneider geht es um Psycho und Spellbound von Hitchcock, um Él von Buñuel, um Smultronstället von Bergman, Fatih Akins Gegen die Wand, Darren Aronofskys Black Swan, Christopher Nolans Inception und ein paar andere Filme.

(Astrid Lange-Kirchheim/Joachim Pfeiffer (Hg.): Film und Filmtheorie (Freiburger literaturpsychologische Gespräche, Band 33). Verlag Königshausen & Neumann, 356 S., 38 Euro, ISBN 978-3-8260-5398-6)

Interessante Lektüre für Filmfreunde findet sich überraschend auch im interdisziplinären Handbuch Phantastik. In dem dicken, nicht ganz billigen, aber wertvollen Band finden sich neben all den Beiträgen, die man erwarten kann, auch einige Einträge, die mit Film zu tun haben. Texte, unter anderem von Georg Seeßlen und Marcus Stiglegger über den phantastischen Film, die Poetik des Horrors, über Mumie, Zombie, Vampir und Werwolf.

(Hans Richard Brittnacher, Markus May (Hg.); Phantastik - Ein interdisziplinäres Handbuch. Verlag J. B. Metzler, 647 S., 64,95 Euro, ISBN 978-3-476-02341-4).

(Stefan Otto)