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16 01/03

Jim Jarmusch und der Tod von Popkultur im Film

Ab 9. März 2016 läuft über das gesamte Frühjahr verteilt eine Jim-Jarmusch-Retrospektive im Filmmuseum München. Post-Industrial-Hipness mit einer stilisierten Sonnenbrillen-Nostalgie, die in jedem Bild mit lässigen Shirts und Zigaretten im Mundwinkel die Freiheit und Langeweile eines elitären und doch weitverbreiteten Lebensgefühls vermitteln will: "It's Screamin' Jay Hawkins, and he's a wild man, so bug off."


(Jim Jarmusch im Dezember 2013; Copyright: Michael Schilling / CC BY-SA 3.0 / Public Domain via Wikimedia Commons)

Eine Jarmusch-Retro zu kuratieren, ist gewissermaßen ein Meta-Projekt, da man einen Kurator kuratiert. Denn letztlich agiert Jarmusch in seinen Filmen wie ein DJ, der musikalische Erfahrungen, filmische Referenzen, Selbstreflektionen und Kunstgeschichte in einem filmischen Körper sammelt. Dabei haben wir es gleichzeitig mit ernst gemeinten und satirisch gebrochenen Einflüssen zu tun. Man könnte sagen, dass er eine intelligentere und weniger populäre Variante von Kanye West darstellt.

Aber diese Attraktivität des filmischen Popdiskurses, die verwischten schwarzen Lidschatten Comics lesender Frauen, die müden Augen vor den Fernsehern, das Meta-Referenzielle des Kinos hat inzwischen von seiner Magie verloren. Jarmusch wurde bei seinem letzten Film Only Lovers Left Alive billiges Name-Dropping vorgeworfen (das Haus von Jack White, wow!) und er selbst versank in diesem Film in eine Melancholie des Verlusts. Es ist ein Verlust, denn bei allem Schaden, den diese Millionen kleinen Wanna-Be-Tarantinos-und-Jarmuschs dem Filmbereich angetan haben, hielten diese Fans doch ein Lebensgefühl aufrecht, das am Kino hing. Kein cinephiles Elitedenken, sondern eine Wahrnehmung von Film, die auf den Alltag übergreift. Der "Generation X-Tango till you‘re sore"-Eskapismus. Hier muss man natürlich aufpassen, dass man nicht zu vieles durcheinanderwirft, vor allem bei Jarmusch, den man nur schwer in eine Ecke stellen kann. Super-8-Konzertfilme, Jean-Pierre Melville infizierte Hip-Hop-Auftragskiller mit Brieftauben, Samurai-Büchern und Wu-Tang-Vibes, William Blake im spirituellen Western-Reigen, Comics, Nikola Teslas Erfindungen, äthiopische Jazzmusik und The Sons of Lee Marvin.


(Trailer zu Only Lovers Left Alive)

Wenn die Popkultur im Film in einer Krise ist, dann liegt das vielleicht nur daran, dass sie im Alltag an Bedeutung verloren hat. Oder eher daran, dass das Kuratieren von ihr im Zeitalter sozialer Medien und des Internets keine große Relevanz mehr hat. Wenn Film bei Jarmusch auf einer oberflächlichen Ebene mit Synthese zusammenhängt, dann krankt es in einer zeitgenössischen Wahrnehmung genau daran. In der Regel kann man seinen Laptop öffnen, um eine solche, individuell angepasste Synthese zu erleben. Was Jarmusch in diesem Kontext rettet ist, dass in seinen Mixtapes immer schon die Vergangenheit präsent ist, er gewissermaßen immer auch vom Verlust der Dinge erzählt, die er feiert. Dennoch gelingt es ihm immer weniger ein Generationengefühl zu vermitteln. Ist das ein Problem? Jarmusch hat immer versucht, über und durch die Popkultur etwas über die USA zu erzählen. In vielerlei Hinsicht versteht er die Nation als einen sich selbst feiernden Referenzkörper. Er ist neben dem frühen Spike Lee einer der herausragenden Filmemacher für schwarze Kultur und einer der wenigen, die immer wieder in den Harmonien und Disharmonien zwischen Europa und Amerika arbeiten. Damit ist er ein Verwandter des derzeit größten chinesischen Filmemachers Jia Zhang-ke. Dieser zeigt in Filmen wie Unknown Pleasures (wie so gern bei Jarmusch eine musikalische Referenz im englischen Titel) oder Mountains May Depart immer wieder den Einfluss westlicher (Pop-)Kultur auf. In solchen DJ-Arbeiten steckt also weit mehr als das Zusammenstellen persönlicher Vorlieben. Es ist eine Beobachtung von Lebensrealitäten, die erkennt, wodurch Menschen beeinflusst werden. Der Tod von Popkultur im Film hängt also auch an diesen Lebensrealitäten. Streng genommen müsste ein Filmemacher wie Jarmusch heute mit Twitter- und Facebook-Feeds arbeiten. In anderen, mit Jarmusch verwandten Szenen wie dem HipHop ("In fact, get an Xbox Live, that fun, Before I come, I'm calling your sister, When she comes over, I take picture, Instantly put it on Instagram and suplex her off a building if I get banned" ) sind diese Einflüsse längst angekommen. Aber vielleicht ist es auch gut, dass Jarmusch sich dann lieber in ein Bedauern stürzt, weil der Verlust und die Zeitlichkeit womöglich die genuin filmischen Aspekte der Popkultur zum Vorschein bringen.


(Trailer zu Mountains May Depart von Jia Zhang-Ke)

Aber Popkultur im Film ist natürlich mehr als nur ein anekdotisches Verarbeiten im Dialog und das Aufzeigen ihrer Auswirkungen durch Szenenbild, Kostüm oder Verhaltensmuster. Ein weiterer Aspekt ist, dass das modernistische Wissen über die eigene Gemachtheit nicht zwangsläufig – wie zum Beispiel bei Miguel Gomes oder Abbas Kiarostami – in der Form sichtbar wird, sondern in den Figuren und ihren Dialogen. Diese reflektieren frei nach dem Motto: "Wenn ich in einem Film wäre, würde ich dieses oder jenes sagen" ihre eigenen Aussagen. Ein Verwandter von Jarmusch in dieser Hinsicht ist Richard Linklater. In dessen Boyhood kann man sehr gut den Tod von Popkultur im Film ablesen. Es ist ein Film, der wie vieles bei Jarmusch über sich hinausweist auf eine Welt, in der es Musik, Politik und so weiter gibt. Er definiert Identifikation über das Teilen von Erlebnissen, die zum einen an allgemeinen Erfahrungen und zum anderen an popkulturellen, modischen Erfahrungen hängen. In Linklaters Betonung von allgemeinen Wahrheiten liegt der hilflose Versuch diese Einflüsse von Coldplay bis Arcade Fire im Loch der Identifikation zu verstecken, in der wir sie nicht mehr hören oder sehen müssen, sondern lediglich verstehen sollen, dass sie Ausdruck einer bestimmten Zeit waren oder sind.


(Trailer zu Boyhood von Richard Linklater)

Damit wird dem Kino sowohl seine Fähigkeit zu Zeigen als auch zu Vermitteln abgesprochen. Obwohl Jarmusch vom gleichen Virus befallen ist, gibt es bei ihm ein deutlich ernsthafteres Bestreben solche kulturellen Einflüsse zu zelebrieren, er kuratiert subjektiver und gewissenhafter und statt eines pauschalen und im heutigen Zeitalter schwer haltbaren Generationenbildes liefert er eher ein Stimmungsbild, das der Idee verschrieben ist, dass es Kunst gibt. Außerdem muss man sagen, dass die popkulturellen Verweise bei Jarmusch aus der Notwendigkeit seiner Dramaturgie entstehen, die eben die mundänen Zwischenräume der Außenseiter-Existenzen beleuchten. Das gilt zwar in gewisser Weise auch für Linklater, aber dieser versucht sie in eine beobachtete Natürlichkeit zu setzen, während einem Jarmusch bereits zuzwinkert und somit glaubwürdiger erscheint. Das Gegenteil dieser Dramaturgie der popkulturellen Zwischenräume kann man in The Big Short von Popkultur-Spezialist Adam McKay feststellen. Hier wird Popkultur in Form von diversen Stars, die Zusammenhänge erklären, im direkten Dialog mit dem Zuseher außerhalb der eigentlichen Dramaturgie eingesetzt. Eine sichtliche Wende von einem Filmemacher, der Figuren erschuf, die völlig in diesen popkulturellen Welten gefangen waren und zum Beispiel behaupteten, dass Highlander einen Oscar für den besten Film aller Zeiten verdient habe. Dabei ist er auch ein extremer Stilist, was ihn immer wieder in die Hipster-Regionen eines Nicolas Winding Refn oder Xavier Dolans bringt.

Nun ist die Idee von Popkultur im Film natürlich keine wirklich neue Idee, aber man kann schon sagen, dass die Generation um Jarmusch und ihm folgend Tarantino neue Maßstäbe erreicht hat. Das gelang ihnen vor allem deshalb, weil sie sich nicht nur als Liebhaber von Popkultur verstanden haben, sondern auch des Kinos. Wenn nach ihnen Filmemacher folgten, die sich wiederum an ihnen orientierten, war klar, dass etwas verloren gehen musste. Was Jarmusch und Tarantino zum Beispiel eint, ist der meta-referentielle Umgang mit Casting. Sie besetzen selten Rollen ohne vorherige Rollen der jeweiligen Schauspieler mitzudenken. In seinem problematisch-uninteressanten The Hateful Eight liefert Tarantino ein Muster für diesen Umgang mit Casting. Die Assoziationen, die man allein mit Kurt Russell in diesem Film haben kann, sind immens. Dabei geht es sowohl um Referenzen innerhalb des Tarantino-Universums als auch um die ganze Filmgeschichte. Wenn man sich die Besetzung von Jarmusch in Coffee and Cigarettes ansieht, dann stellt man ganz ähnliches fest. Natürlich hat es solche Dinge schon viel früher gegeben, man denke an manche Besetzung von Nicolas Roeg oder Jean-Luc Godard, ohne den ein Text über Popkultur und Kino nicht mal annähernd schreibbar wäre.  Wenn man sich heute Godard-Filme der 1960er ansieht, dann bekommt man ein Zeitbild. Ähnliches gilt wohl für den Jarmusch der 1980er/1990er Jahre. Godard hat diese Art Kino in der Folge beendet. Jarmusch nicht.  Das bedeutet nicht, dass es keine Einflüsse und über sich selbst hinausweisende Eskapaden mehr gegeben hätte bei Godard – ganz im Gegenteil. Doch zum einen ver- und entfremdete Godard die popkulturellen Elemente in seinen Filmen und zum anderen argumentierte er an der Ordnung von deren Realität vorbei in eine politische Verspieltheit und Wut, eine Überforderung und Überfüllung, die das Kino (nicht die Popkultur!) für tot erklärte.


(Bild aus Coffee and Cigarettes von Jim Jarmusch; Copyright: Kinowelt Home Entertainment)

Doch Jarmusch und andere folgten dennoch seinem Beispiel und verkleideten sich selbst in Rockstars. Wo sind die Fotos von Godard und Jarmusch, auf denen man nicht so sein will wie sie? Und so spielen sie weiter ihre Musik und viele Menschen (das ist eine Unterstellung) mögen sie, weil sie ihren Geschmack mögen. Es ist passend, dass einer der größten Jukebox-Regisseure der Filmgeschichte, Martin Scorsese, einmal "Geschmack" als eine der wichtigsten Eigenschaften eines Filmemachers nannte. Mit diesem Geschmack springt man in die Herzen der Zuseher, die sich dann in den Bewegungen eines Gefühls verlieren können, bei dem Bilder und Musik zusammen tanzen und dem Kino nochmal etwas geben können oder konnten wie in Partyszenen, bei Hausputzszenen bei David O. Russell oder Tanzeinlagen bei Jim Jarmusch. Es fällt allerdings auf, dass viele solche Filme eher Gefühle der Vergangenheit evozieren, sie betten diese Bewegungen in eine Nostalgie. Der Filmemacher bleibt ein DJ, aber die Musik hat sich verändert.

(Patrick Holzapfel)