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16 29/01

Intensiv & tragikomisch - Sundance-Telegramm Nr. 6

Am 26. Januar 2016 feierten zwei Beiträge der U.S. Dramatic Competition ihre Premieren im Eccles Theatre in Park City: The Free World von Jason Lew sowie The Intervention von Clea DuVall. Beide Filme wurden vom Publikum mit großer Begeisterung aufgenommen - und das völlig zu Recht.


(Drehbuchautor und Regisseur Jason Lew, Produzentin Laura Rister, Hauptdarstellerin Elisabeth Moss, Hauptdarsteller Boyd Holbrook und Nebendarstellerin Octavia Spencer bei der Premiere von The Free World im Eccles Theatre in Park City; Copyright: Andreas Köhnemann)

Das Wort "intense" wird hier auf dem Sundance Film Festival sowohl vonseiten der Filmemacher_innen und Schauspieler_innen als auch vonseiten des Publikums ziemlich häufig in Q&As verwendet und ist in vielen Fällen wohl ein ähnlich nichtssagender Gemeinplatz, wie es im Deutschen etwa die Bezeichnungen "spannend" oder "interessant" sein können. Doch auf The Free World trifft das Attribut der Intensität wirklich genau zu: Im Regiedebüt von Jason Lew - der das Drehbuch zu Gus Van Sants Coming-of-Age-Drama Restless (2011) verfasst hat und auch als Schauspieler tätig ist - glaubt man, jede Träne und jeden Schweißtropfen auf den Gesichtern der Darsteller_innen auch auf der eigenen Haut zu spüren. Lew und die Kamerafrau Bérénice Eveno lassen einen die (wenigen) fröhlichen und zahlreichen schmerzhaften Momente so sehr mitempfinden, dass man am Ende unsagbar erschöpft - und zugleich überaus beeindruckt - ist.

Im Mittelpunkt der Erzählung steht der Ex-Sträfling Mo Lundy (a talent to watch out for: Boyd Holbrook), der nach seiner Entlassung ein zurückgezogenes Dasein führt - bis Doris Lamb (Elisabeth Moss) in sein Leben tritt: die Frau eines kürzlich getöteten Polizisten. Die Mischung aus Drama, Romanze und Kriminalfilm ist mehr als die Summe ihrer Teile: Lew und seinem Team ist ein Werk gelungen, das ohne Übertreibung in einem Atemzug mit Klassikern wie Bonnie und Clyde (1967) oder Badlands (1973) genannt werden kann. Eine ausführliche Kritik wird in Kürze folgen.


(Die Drehbuchautorin, Regisseurin, ausführende Produzentin und Schauspielerin Clea DuVall bei der Premiere von The Intervention im Eccles Theatre in Park City; Copyright: Andreas Köhnemann)

Bezüglich der zweiten Premiere muss ich gestehen: Diesen Film habe ich eigentlich schon geliebt, bevor ich ihn kannte - und er hätte sehr, sehr viel falsch machen müssen, um diese Liebe zu zerstören. Es handelt sich um das Drehbuch- und Regiedebüt der Schauspielerin Clea DuVall, die hoffentlich jeder aus Nineties-Schöpfungen wie The Faculty oder Durchgeknallt (oder vielleicht auch aus dem Oscar-Sieger Argo) kennt. Im Jahre 1999 bildete sie mit Natasha Lyonne in Jamie Babbits Satire But I'm a Cheerleader - Weil ich ein Mädchen bin das höchstwahrscheinlich schönste Liebespaar des queeren Kinos - und nun kommt es in DuValls Dramödie The Intervention zur Wiedervereinigung des Schauspielerinnenduos vor der Kamera, abermals als Paar. Ihre Figuren gehören zu einer Clique, die sich in einem Ferienhaus aufhält, wo die titelgebende Intervention stattfinden soll: Ein seit langer Zeit unglückliches Ehepaar (verkörpert von Cobie Smulders und Vincent Piazza) soll davon überzeugt werden, sich scheiden zu lassen.


(Clea DuVall und ihre Cast-Mitglieder Melanie Lynskey, Ben Schwartz, Jason Ritter, Natasha Lyonne und Vincent Piazza; Copyright: Andreas Köhnemann)

Das Skript von DuVall gesteht allen Beteiligten Raum zur individuellen Entfaltung zu; unterschiedliche Stimmungen werden mühelos miteinander verbunden - und das Ensemble zeigt sich äußerst spielfreudig. Ein Film mit vergleichbarer Prämisse wurde am Tag zuvor im Rose Wagner Performing Arts Center in Salt Lake City gezeigt: Joshy von Writer-Director Jeff Baena versammelt einen All-Star-Cast der Indie-Szene (darunter Thomas Middleditch, Alex Ross Perry sowie in Mini-Rollen Joe Swanberg, Lauren Graham und Aubrey Plaza), um auf der Leinwand ein Kumpel-Wochenende aus dem Ruder laufen zu lassen. Der mit improvisierten Dialogen realisierte Film schlägt gegen Ende noch höhere Gefühlstöne als The Intervention an und demonstriert, dass die Mumblecore-Bewegung immer noch Sehenswertes und Originelles hervorzubringen vermag.

(Andreas Köhnemann)