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17 27/04

In der Zwickmühle - Die kino-zeit-Kolumne

Wo fing es an und wann? / Was hat dich irritiert? / Was hat dich bloß so ruiniert?

Selbst wer den Song von Die Sterne noch nicht kannte – spätestens seit Marie Kreutzers herrlicher Beziehungsdramödie Was hat uns bloß so ruiniert? ist das Lied nicht ganz zufällig im Bewusstsein zumindest einiger Kinogänger wieder aufgetaucht und hat sich seitdem als Ohrwurm im Gehörgang und Langzeitgedächtnis festgesetzt.


(Bild aus Was hat uns bloß so ruiniert?; Copyright: Movienet Filmverleih)

Was nicht allein am Text und der Melodie liegt, sondern vor allem daran, dass sich der Refrain so passgenau in unser gegenwärtiges Lebensgefühl fügt und einen immer stärker werdenden Eindruck beschreibt, der sich fast täglich auf fatale Weise zu bestätigen scheint: Eigentlich, so könnte man meinen, geht es uns verdammt gut. Und dennoch sind wir in vielerlei Hinsicht dabei, es nach Kräften zu vermasseln. Der derzeitig tobende Kampf um demokratische Grundwerte, für die Wahrheit und gegen alternative Fakten, für Toleranz und gegen Hass und Ausgrenzung spricht Bände und lässt einen ob der Härte und der teilweisen Niedertracht, mit der er geführt wird, fassungslos zurück.

Dagegen muten die fast schon zur Gewohnheit gewordenen Hiobsbotschaften aus dem Bereich des Kinos und der Welt des Films recht bescheiden an – und doch stellt sich die Frage, ob es nicht vielleicht so etwas wie allgemein gültige Strategien gibt, mit denen man sich den Herausforderungen in der gegenwärtigen Welt annehmen kann.

Ohne sie vollständig gleichsetzen zu wollen: Was die Sphären der Politik und des Films derzeit eint, ist ein tiefgreifendes Gefühl der Verunsicherung: Alte Denkmuster und Regeln scheinen außer Kraft gesetzt zu sein, neue Akteure sind aufgetaucht, die polarisieren und spalten, weil sie anders agieren, als es den bisherigen Gepflogenheiten und geschriebenen wie ungeschriebenen Gesetzmäßigkeiten entspricht. Was genau sie im Sinn haben, weiß man noch nicht, denn viele ihrer Ankündigungen sind irgendwo zwischen nebulös und größenwahnsinnig einzuordnen.

Diese Unsicherheit zeigte sich, als vor kurzem das Programm des diesjährigen Filmfestivals in Cannes vorgestellt wurde. Es erhob sich ein Raunen, weil neben den vertrauten Namen unter den anwesenden Produzenten und Verleihern auch Amazon Studios, Netflix und andere Player zu finden sind, die sonst eher bei einer anderen Veranstaltung an der Croisette, den beiden Fernseh- und Contentmessen Mip-TV und MipCom anzutreffen sind. In diesem Jahr aber kommen nun gleich zwei Fernsehserien zu der Ehre, auf dem größten Filmfestival der Welt zu laufen: Zum einen wird David Lynchs mit Hochspannung erwartete Fortsetzung von Twin Peaks zu sehen sein (zumindest zwei Folgen davon). Und zum anderen gibt sich auch Jane Campions Top of the Lake 2 die Ehre. Gut möglich, dass sich dahinter schlicht strategische Erwägungen des Standortmarketings verbergen, denn ab 2018 soll parallel zur MIPTV  ein Fernsehfestival stattfinden und damit der gestiegenen Bedeutung des Formats TV-Serie Rechnung tragen. Nur: Ist das wirklich ein Grund, die eine Marke zu verwässern, um die andere zu etablieren? Oder sollte man sich nicht eher auf das besinnen, was Cannes berühmt gemacht hat?


(Teaser Trailer zu Twin Peaks Staffel 3)

Noch verzwickter freilich ist die Lage bei vier weiteren Produktionen, die sich allesamt in der Selection Officielle wiederfinden: Netflix geht mit Noah Baumbachs The Meyerowitz Stories und Bong Joon-Hos Okja an den Start, Amazon steuert mit Todd Haynes’ Wonderstuck und Lynn Ramsays You Were Never Really Here zwei weitere Teilnehmer bei. Ganz so neu, wie viele Medien tun, ist diese Entwicklung beileibe nicht: Bereits 2013 trat mit Steven Soderberghs Behind the Candelabra / Liberace - Zu viel des Guten ist wundervoll eine Fernsehproduktion an. Und wenn wir uns erinnern: Im vorigen Jahr waren es sogar noch mehr Filme, die den Exotenstatus genossen, wobei Amazon da eindeutig die Nase vorne hatte: Neben Woody Allens Cafe Society liefen noch Nicolas Winding Refns The Neon Demon, Jim Jarmuschs Doppelpack Gimme Danger und Paterson sowie Park Chan-wooks The Handmaiden in Cannes. Nun könnte man meinen, die Produktionsfirmen dieser Filme seinen nicht wichtig, denn alle diese Filme waren (oder sind wie im Falle vom Gimme Danger) ganz regulär in den deutschen Kinos zu sehen. Auch für den 2017er Cannes-Jahrgang ist anzunehmen, dass die Netflix- und Amazon-Filme (zumindest in den USA, wo das schon festzustehen scheint) in den Lichtspielhäusern gezeigt werden. Allerdings stellt sich die Frage, wie lange das noch der Fall sein wird. Denn womöglich ist die Kinoauswertung nur eine Strategie, um den Übergang zum reinen Streaming zu gestalten.  Denn längst kommen nicht alle Filme, die die Plattformen erwerben, ins Kino.

Vor kurzem schrieb David Ehrlich bei Indiewire eine lesenswerte Analyse, die durchaus glaubhaft angetrieben war von einer Sorge um das Los vieler Filme, die in der stetig weiter anschwellenden Library der Plattform schlicht begraben werden würden.

Das alles sind besorgniserregende Entwicklungen. Manchmal stehe ich selbst ratlos vor dem, was sich in den kommenden Jahren noch an Herausforderungen stellen wird. Schon jetzt stellt sich immer wieder die Frage, wie geht man am besten um mit dem Angebot an Serien und Filmen, das durch Netflix und Amazon immer größer wird? Wie gehe ich um mit der Reizüberflutung, die sich tagtäglich ins Postfach ergießt – in Form von PR-Lobpreisungen, Trailern und Anfragen jedweder Art? Ignorieren? Auf den Zug aufspringen? Oder irgendwas Halbgares zwischendrin? Ganz ehrlich, ich weiß es nicht.

Nur eines weiß ich gewiss: Weder in der Politik noch in Bezug auf die Digitalisierung des Films und des Kinos ist es eine Option, sich irre machen zu lassen oder den Kopf in den Sand zu stecken. Vielmehr sollten wir uns hier wie dort auf die starke und breite Basis besinnen, die wir haben, die Werte, die nach wie vor Bestand haben, die Ideen, die uns geprägt haben. Das hilft uns dabei, die Zukunft, so ungewiss sie auch sein mag, wieder klarer zu sehen.

(Joachim Kurz)