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15 18/11

Immer diese Trailer - Über die Gabe der vorschnellen Beurteilung - Die kino-zeit.de-Kolumne

Neulich, nach dem Trailer für The Ridiculous 6: Ich gebe dem Drang nach, einen Link auf Facebook zu setzen und dazu, unter anderem, "Was für ein schwachsinniger Rotz" zu schreiben. Adam Sandler ist für mich das roteste aller roten Tücher und jeder Funke Hoffnung, dass der Mann bei Netflix mal etwas anderes probiert, wird in den zwei Minuten des Trailers souverän versenkt. Die Chancen, dass dieser Film gut wird und auf meine Wunschliste kommt, verharren bei null.


(Trailer zu The Ridiculous 6 von Frank Coraci)

Der Nächste bitte, schnell schnell – zumindest bis dann ein Kommentar auftauchte, der mir in der letzten Zeit häufiger begegnet ist: "Möchte auch die Gabe besitzen, einen Film beurteilen zu können, bevor man ihn gesehen hat. Mann, was hätte ich mir alles sparen können. […] Jeder Film verdient eine Chance." Und, als gedachte Konnotation: "Dieses Lesen im filmischen Kaffeesatz ist spaßbefreites Profimaulen." Also alles erstmal mies machen und sich dann eine Meinung auf der Basis von zwei Minuten bilden. Was einfach nicht geht und per se unseriös ist. Denn selbst bei Pixels (noch so ein Sandler-Film...), in dem Kevin James den Präsidenten der USA spielt, könnte es zumindest theoretisch sein, dass alles, was der Trailer zeigt, erst im großen Zusammenhang des kompletten Werkes schlaue Lachstürme hervorruft.


(Trailer zu Pixels von Chris Columbus)

Aber natürlich. Aber natürlich ist das zumindest theoretisch möglich, wenn denn das Marketing-Team entweder mehr Humor als Adam Sandler in seiner ganzen Karriere beweisen würde oder man grundsätzlich immer an das Gute glaubt, vielleicht sogar als Teil einer Lebenseinstellung. Ich bewundere diejenigen, die selbstverständlich erstmal alles positiv sehen, auch wenn dabei ein gewisser verstrahlter Drall nach vorne bohren sollte, der eigentlich einen Briefkasten vor dem präferierten Kinosessel bedingt. Im Kino wohnen und sich selber ein komplettes Bild machen. Ein Geschenk nicht nach der Verpackung beurteilen. Auf die oftmals reißerische, zynische, polemische und unehrliche Werbung nicht reinfallen. Und sich damit einem gefährlichen Jonglage-Spiel entziehen, dessen Keulen "Einschätzung" und "Vorfreude" heißen.

Doch wirklich, warum sollte man das tun? Trailer an sich sind meistens sehr unterhaltsam und diese Keulen stiften im besten Fall eine empörte Diskussion, die Teil des Spiels ist und selbst an ihren hysterischen Rändern, wenn zum Beispiel Marvel mal wieder als Olymp jeder Blockbuster-Anstrengung ausgerufen wird, noch zum Lachen einlädt. Zwei Minuten als Sprungbrett für einen Diskurs über menschliche Schwächen und, im besten Fall, eine wohlfundierte Argumentation, die diese kuriose Mischung aus Erwartung und Warten auf einen spannenden Punkt bringt. Der beweist, dass es sehr wohl möglich ist, Trailer zu lesen. Sie zu deuten, sie einzusortieren und ihnen, falls sie in falscher "Sicherheit" wiegen sollten, das Fell über die glitzernden Ohren zu ziehen.


(Trailer 1 zu The Jimmy Show von Frank Whaley)

All das kann man lernen, indem man Trailer versteht und sich dann irgendwann nicht mehr wundert, warum die gerade noch beschwingte romcom namens The Jimmy Show im nächsten Trailer auf einmal ein latent depressives Beziehungsdrama ist. Und generell so gar nicht den Abend erhellen möchte, obwohl doch Ethan Hawke mitspielt – ein Mann, der sicherlich positive Assoziationen erzeugen kann, aber dazu halt auch ein Umfeld braucht, das nicht beliebig genug ist, um daraus je nach Gemütszustand zwei völlig verschiedene Filme zu machen.


(Trailer 2 zu The Jimmy Show)

Wenn man einen guten Trailer so definiert, dass er eine positive Erwartung erzeugt, dem Film gerecht wird und dann innerhalb dieses Rahmens bitte noch etwas Neues probiert, darf auch durchaus eine (durchlässige) Kausalkette zur Qualität eines Films gespannt werden. Dass das Trailer-Marketing kreative Höchstleistungen erreicht, weil die Vorlage gar so bräsig ist, erscheint zugleich unwahrscheinlich und schwammig genug, um eine ideale Ergänzung zu der ganzen Glaskugel-Aktion hier zu bilden. Was macht einen Trailer gut? Woran merkt man, dass der beworbene Film gut ist? Oder eben nicht gut? Oder eigentlich gut, aber dann doch wieder nicht, weil andere Umstände das Flop-Barometer nach oben treiben?

Am einfachsten kann sich einer Meinung tatsächlich durch den Trailer selbst angenähert werden: Ist es mal wieder ein 2½-Minuten-Epos, das ALLES zeigt und mit "In a world..." beginnt? Folgt der Trailer der klassischen Drei-Akt-Struktur (die Idee des Films wird vorgestellt – der Plot und die Personen werden angerissen, Anteasern der Höhepunkte – money shots, schnelle Schnitte, PENG) oder geht da irgendwie mehr? Wer ist zu sehen, was ist zu sehen? Und natürlich, besonders wichtig: Was sagt das berühmte Bauchgefühl?

Zugegebenermaßen, bei einem 100-Millionen-Dollar-plus-Film mal eben auszubrechen, ist ein ungeheurer Luxus, den sich eigentlich nur Filme leisten können, die einfach gnadenlos gut sind oder so bekannte Namen vorweisen, dass leichtes Ankitzeln vielleicht sogar besser ist als das Ausfahren der Ellbogen und Verbraten sämtlicher Trumpfkarten. Ein schönes Beispiel hierfür ist der erste Trailer für Alles steht Kopf, der einzig von dem Pixar-Namen und einer exemplarischen Szene lebt, die (positive) Fragezeichen hervorruft. Auch der Shining-Trailer und die The-Master-Trailer gehen in diese Richtung, wohingegen zum Beispiel der The-Amazing-Spider-Man-Trailer alles viermal auf die Stulle schmiert.


(Trailer zu The Amazing Spider Man von Marc Webb)

Und zwar mit so viel Peng, dass es eindeutig Mitleid erzeugt. Mehr, mehr, immer noch mehr, bis auch dem letzten Zuseher klar ist, dass hier jemand auf einer Insel aus Gold steht und wie ein Bekloppter mit den Armen fuchtelt. The Amazing Spider-Man ist einfach kein Star Wars – Das Erwachen der Macht, dessen erster Trailer bewusst reduziert war und gerade deswegen die Erwartungen durch die Decke getrieben hat. Das ist ein immer noch absolut positiv besetzter Name, Star Wars, weswegen die bis jetzt überschaubare Trailer-Flut auch deutliches Understatement verbreitet: "Wir wissen schon, wie toll der Film ist. Und wenn ihr wie die Bekloppten hinter jeder neuen Sekunde aus ausländischen Trailern her hechelt, macht euch das höchstens selber müde."

Apropos: die Marketing-Strategie. Lässt der Trailer auch mal einen money shot aus? Wie lang ist der Trailer, wie viele Trailer gibt es? Die größere Medien- und Angebotsvielfalt lässt sicher den Wunsch reifen, alles nochmal länger und öfter zu platzieren, um überhaupt aufzufallen, doch irgendwann, zum Beispiel beim fünften Ant-Man-Trailer, könnte trotzdem mal der Verdacht purer Verzweiflung durchkommen. Weil das Tracking am Boden ist, weil der Film klar weniger spektakulär als The Avengers ist, weil ohne das Wort "Marvel" eine bessere Videopremiere rausschauen würde. Penetrante Präsenz kann *auch* auf einen glasklaren Hit hindeuten, doch alles unter Bond & Co., das einem so richtig mit Anlauf serviert werden soll, hat öfter als seltener schwitzende Produzenten im Hintergrund.


(Trailer zu Ant-Man von Peyton Reed)

Eng mit kreisrunden Achselflecken zusammenhängend ist auch der Kontext des Trailers, der vor allem bei bewanderten Filmkennern das Fadenkreuz schärft. Wer spielt in dem Film mit, wie waren die letzten Filme des Regisseurs/Hauptdarstellers, in welches Genre passt der Film, welche Assoziationen schafft der Trailer? Um noch einmal The Ridiculous 6 zu bemühen, auf der Haben-Seite steht hier lediglich die irre Besetzung, inklusive zum Beispiel Harvey Keitel oder Nick Nolte, die durch ihre Statur die Hoffnung wecken, dass diesmal mehr als pinkelnde Hirsche drin sind. Auf der Soll-Seite dagegen sind Adam Sandler anzutreffen, dessen Präsenz einem wirklich den Leberknödel in der Suppe gefrieren lässt, die Schublade namens "amerikanische Komödie", die in den letzten Jahren fast nur noch zotigen Schrott hervorgebracht hat, und natürlich die Trailer-Tendenz zu debilen "Gags", die perfekt ins bekannte Raster passt.

Dass es auch bei The Ridiculous 6 Leute gibt, die hier voller Vorfreude sind, ist dabei nur recht und billig und speist sich aus den unergründbaren Geschmackswirren, die zum Beispiel bei mir jedem Slasher einen wohlwollenden Vorsprung geben. Sobald eine Jason-Maske ins Bild rumpelt, garniert mit "ki ki ki ma ma ma", ist der Rest geschenkt und kommt umgehend auf die "to watch"-Liste. Das Gleiche gilt natürlich auch bei allen möglichen anderen roten Knöpfen, wie ikonischen Helden à la James Bond oder bestimmten Genre-Erwartungen, die über eine besonders schöne Explosion zum Beispiel die Actionfans abholen können. Persönliche Vorlieben machen allgemeingültige Einordnungen vollkommen unmöglich und erzeugen somit höchstens Tendenzen, die sich vorwiegend auf die Qualität des Gezeigten berufen, beziehungsweise auf die Fähigkeit des Gezeigten, Emotionen zu erzeugen.

Wenn im Trailer für eine Komödie gelacht wird, dann ist ein guter Film zu erwarten, ganz einfach. Und wenn es ein Trailer schafft, dass man wirklich gebannt den Werberahmen vergisst, dann ist sogar ein großartiger Film zu erwarten – ebenfalls ganz einfach. Ein besonders schönes Beispiel hierfür (das dann aber letztendlich nicht ganz den Erwartungen gerecht wurde) ist der Trailer für Das erstaunliche Leben von Walter Mitty, der einfach ein Füllhorn an Fantasie verspricht, wunderschöne Bilder von Island zeigt, die sympathische Seite von Ben Stiller betont und – extrem wichtig – diesen grandiosen Song von Of Monsters and Men einbaut. Und damit, wie so oft, nochmal eine ganz eigene, völlig auf den Bauch zielende Assoziationsebene aufmacht.


(Trailer zu Das erstaunliche Leben von Walter Mitty von Ben Stiller)

Das mit der Musik ist tatsächlich eine ganz große Nummer, die Trailer wirklich beherrschen kann. Wenn bei Mad Max: Fury Road Dies Irae ertönt, dann ist das quasi eine himmlische Bestätigung all der wahnsinnigen Bilder, wenn bei The Social Network Scala ihr Creep-Cover intonieren, ergibt das mehr süffisanten Unterton als jeder Sorkinismus, und wenn bei Watchmen, einem meiner all-time Lieblingstrailer, Billy Corgan zu knödeln anfängt, erhöht das den Anspruch des "Anderen" bereits beim ersten Ton.


(Trailer zu Watchmen von Zack Snyder)

Und genau das ist letztendlich das Hauptargument für einen guten Trailer und damit die Hoffnung auf einen guten Film: Weg mit der klassischen "In a world"-Struktur, die schon auf zwei Minuten L-A-N-G-E-W-E-I-L-E posaunt, hin zu *etwas* anderem – gerne auch innerhalb eines kommerziellen Rahmens. Der Trailer für Mission: Impossible – Rogue Nation zum Beispiel verziert seine steilen Actionbilder mit diesem drängenden Ticken, Cloverfield setzt auf die Unmittelbarkeit der Ereignisse und The Raid 2 spielt in einer Gefängniszelle, nur unterbrochen von ganz, ganz kurzen Krachfetzen.

Ja, da schaut man doch gerne hin, natürlich immer im Verbund mit den anderen genannten Aspekten. Die Bedeutung von Trailern ist inzwischen immens wichtig, auch wenn sie es immer noch nicht schaffen, einen Schrottfilm vor dem Absturz nach dem ersten Wochenende zu bewahren. Irgendwie passt da ganz gut ins Bild, dass ich in den letzten Wochen immer wieder von einer Challenge gelesen habe, bis zum Start von Star Wars keine Trailer mehr für den Film zu sehen. Im besten Fall lösen Trailer eine Euphorie, einen Fan-Jubel aus, der gerade deshalb so schön ist, weil die "alles ist erstmal gut"-Sager in der klaren Minderheit sind. Nein, längst nicht alles ist erstmal gut. Sogar das wenigste ist erstmal gut. Und genau deswegen sind dann die Trailer, die wirklich treffen, nochmal viel besser als gut.

Also auf jeden Fall eine Challenge, bei der ich selber übrigens auch mitmache. Der erste Trailer ist noch gut im Hinterkopf und der Blutdruck zeigt stabile Werte. Es geht also und erzeugt sogar den Wunsch, dass irgendwann eine Marketing-Kampagne nur noch aus einem Versprechen besteht. Erste Tafel: "Lasst euch überraschen". Zweite Tafel: "Im Kino". Der Filmtitel und Ende. Was die Erwartungshaltung, genährt durch das damit demonstrierte Selbstbewusstsein, eigentlich durch jede Decke donnern lassen müsste. Hach, "in a (better) world ...".

(Martin Beck)

Martin Beck ist freier Journalist und Übersetzer. Des Weiteren leitet er reihesieben.de.