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16 24/01

"Im Kino gewesen. Geweint." - Sundance-Telegramm Nr. 2

Bei meiner Anreise aus Deutschland sah ich im Flugzeug einen Film: eine überladen-lärmige Großproduktion (Pan von Joe Wright) auf kleinstem Bildschirm. Alles an dieser audiovisuellen Erfahrung fühlte sich falsch an. Die Vorführung von Other People im Grand Theatre in Salt Lake City war nun gewissermaßen das Gegenerlebnis: ein "kleiner" Film auf großer Leinwand. Und alles – wirklich alles – stimmte.


(Still aus Other People von Chris Kelly; Copyright: Brian Burgoyne DP)

Es ist möglich, dass Other People in Deutschland lediglich eine DVD-Auswertung erhalten wird. Doch dieser Mix aus tiefer Tragik und absurder Komik – erdacht und inszeniert von Chris Kelly – vermag jeden Millimeter einer noch so großen Kinoleinwand mit Leben auszufüllen. Und Leben, das heißt hier: Liebe, Schmerz, Angst, Frustration, Wut, Freude, Zärtlichkeit, Spaß, Peinlichkeit – und vieles, vieles mehr. Im Sundance-Katalog schreibt Festivaldirektor John Cooper, das Sundance Film Festival sei "a celebration of the artists and the audiences that make up the independent film community". Genau das ist an diesem Abend in Salt Lake City – und vermutlich ebenso in Park City, wo das Werk als Eröffnungsfilm diente – passiert: Ich war Teil einer Feier, einer traurigen und lustigen zugleich. Neben Kellys klugem und subtilem Film waren nicht zuletzt all meine Mitzuschauer_innen ein Grund zum Feiern, da sie die Vorführung umso wertvoller machten: das kollektive Lachen, das nicht selten ein abruptes Ende fand, weil Schönes hier oft in harten Schnitten in Schreckliches übergeht, oder das gemeinschaftliche, hör- und spürbare Mitfühlen, -leiden und -schämen. Wer ernsthaft behauptet, die Sichtung eines Films sei eine passiv-anspruchslose Angelegenheit, guckt schlichtweg die verkehrten Filme – und sollte unbedingt Other People in einem voll besetzten Lichtspielhaus sehen.

Im Zentrum der Geschichte steht David (Jesse Plemons), der bald 30 wird. Die Beziehung zu seinem langjährigen Freund Paul (Zach Woods) ist gerade zerbrochen, die Jobaussichten als Comedy Writer in New York City sind schlecht, das Verhältnis zu seinem Vater (Bradley Whitford) ist seit seinem Coming-out distanziert und auch zu seinen beiden jüngeren Schwestern (Madisen Beaty und Maude Apatow) hat er keine enge Verbindung. Der wichtigste Mensch in Davids Leben ist seine energische Mutter Joanne (Molly Shannon). Aber – und das stellt all den anderen Mist weit in den Schatten – Joanne ist todkrank; sie hat Krebs. Bereits in der Einstiegsszene werden wir mit ihrem Tod konfrontiert (ehe eine Rückblende beginnt, die Joannes letztes Lebensjahr einfängt) – und schon hier kommt es zu einem unfassbaren Stimmungsbruch, indem die Banalität des Alltags in eine hochgradig emotionale Situation einbricht.

Mit Ich und Earl und das Mädchen war schon im letzten Jahr ein Film im Sundance-Programm vertreten, der sich dem Thema Tod widmet und dabei eine Verschmelzung von Tragik und Komik vornimmt. Doch während das (hervorragend gespielte und zweifellos originelle) Werk von Alfonso Gomez-Rejon auf Niedlichkeit und coole Cleverness setzt, um dem Schrecken zu begegnen, wirkt Other People ehrlicher und echter. Der Film trägt, wie Chris Kelly beim Q&A mitteilte, autobiografische Züge – was gewiss nicht zwangsläufig ein Qualitätssiegel ist. In diesem Fall hat es aber wohl dazu beigetragen, dass alle Figuren als Charaktere erkennbar werden, die nicht nur eine narrative Funktion zu erfüllen haben. Neben Hauptdarsteller Jesse Plemons (Black Mass) ist insbesondere Molly Shannon eine Sensation. Die Comedy-Expertin (bekannt aus der Show Saturday Night Live und eine häufig zum Einsatz kommende Nebenakteurin in etlichen guten und schlechten Komödien) spielt hier nicht gegen ihr Image an, sondern macht es sich zunutze, indem sie zeigt, dass Joanne ein wahnsinnig witziger Mensch ist, dem jedoch langsam die Lebenskraft verloren geht.


(Writer-Director Chris Kelly beim Q&A im Grand Theatre in Salt Lake City; Copyright: Andreas Köhnemann)

Mit Maggie's Plan von Rebecca Miller und Wiener-Dog von Todd Solondz steht an diesem Wochenende noch ein Greta-Gerwig-Double-Feature bevor. Ich hätte durchaus Lust, die "celebration" der Indie-Kunst und ihrer Betrachter_innen fortzusetzen!

(Andreas Köhnemann)