• Blogs
  • )
  • B-Roll
  • )
  • "Ich wollte nie einen didaktischen Film machen" – Interview mit Thomas Sieben zu "Staudamm"
14 27/01

"Ich wollte nie einen didaktischen Film machen" – Interview mit Thomas Sieben zu "Staudamm"

Zwölf Jahre hat es gedauert, bis ein deutscher Spielfilm sich an das Thema der "school shootings", der Amokläufe an Schulen gewagt hat. Thomas Siebens Staudamm, der vor einem Jahr beim Filmfestival Max Ophüls Preis gezeigt wurde, ist nach seinem Spielfilm Distanz bereits die zweite Auseinandersetzung des Filmemachers mit unfassbaren Gewalttaten. Kaspar Heinrich traf den Regisseur zum Gespräch über seinen Film.

(Thomas Sieben, Copyright des Bildes: Zorana Musikic)

Herr Sieben, Ihr Film "Staudamm" befasst sich mit den Folgen eines "School Shootings". Warum dieses Thema?

Seit dem Amoklauf in Erfurt 2002 hat es mich nicht losgelassen. Es war nicht so, dass ich eine Mission hatte und zeigen wollte, dass die Täter auch nur Menschen sind - was man bei einem solchen Film ja vermuten könnte. Gar nicht. Mich hat das Thema einfach interessiert. Nach meinem Debüt Distanz hatte ich nicht mehr das Gefühl, beweisen zu müssen, dass ich überhaupt einen Film drehen kann. Das hatte ich hinter mir, und es war auch wahnsinnig anstrengend und kräftezehrend. Ich dachte mir: Wenn ich noch mal so was auf mich nehme - und wir reden hier von drei Jahren, die man an einem Stoff arbeitet -, muss ich das richtig spannend finden. Und über das Thema Amoklauf wollte ich selbst mehr wissen.

Sie hätten auch einen Dokumentarfilm drehen können.

Ja, stimmt. Bei vielen dieser kleinen Themenfilme mache ich den Lackmustest, indem ich mich selbst frage: Warum muss ich das fiktional erzählen? Bei Staudamm hatte ich das Gefühl, dass die Fiktion uns Drehbuchautoren befreit. Sie hat uns erlaubt, näher an das Thema ranzugehen als mit echten Menschen - weil wir niemanden schützen müssen. Während wir geschrieben haben, gab es Einladungen nach Erfurt, denen wir ganz bewusst nicht gefolgt sind. Wenn wir zu nahe rangehen, so dachten wir, machen wir den Film wahrscheinlich nicht. Oder wir machen ihn anders, indem wir uns selbst zensieren. Nach dem Motto: Nee, das können wir jetzt echt nicht bringen, weil es da diesen Typen gab, den wir getroffen haben. In der Fiktion nehmen wir uns die Freiheit und können etwa das Tagebuch von einem Täter zeigen, den es nie gab. Das ist wahrscheinlich trotzdem sehr intensiv für Leute, die mit solchen Taten verbunden sind. Trotzdem: Es ist nahe genug an der Realität, um zu berühren, und gleichzeitig fiktional genug, um niemandem wirklich zu schaden.

Wie haben Sie sich auf die Arbeit an "Staudamm" vorbereitet?

Es gibt die Filme, die man sich zuerst ansieht: Elephant von Gus Van Sant etwa, oder Bowling for Columbine. Dann habe ich bei Amazon "Amoklauf" eingegeben und die ersten zehn Bücher bestellt, die mir vorgeschlagen wurden. Ich bin in Buchläden gegangen, habe dort geblättert und versucht herauszufinden, was spannend ist und was weniger. Man kann ja nicht alles lesen, das ist unmöglich bei diesem Thema. Man baut sich ein breites Wissen auf, will aber gleichzeitig einen Film mit einer dramaturgischen Geschichte drehen, die den Zuschauer emotional packt und nicht nur die Reaktion hervorruft: "Boa, ist das alles krass!" Aus dem offiziellen Bericht über den Amoklauf in Erfurt stammt die Idee vom Mädchen, das die Schule fotografiert. Das ist inspiriert von einer Überlebenden. Und dann habe ich auch einfach gegoogelt: Was haben die Zeitungen damals geschrieben? Man spannt ein sehr breites Netz und hofft, Punkte zu finden, aus denen man einen Film bauen kann. So ist Staudamm ja auch geworden: wie ein Kaleidoskop. Man geht mal da hin, schaut mal da rauf, hört mal den Text eines Psychiaters, mal den einer Polizeiakte.

Ihr Kunstgriff besteht darin, die Geschichte anhand eines Unbeteiligten zu erzählen, dessen Interesse an dem Amoklauf erst langsam erwacht.

Eigentlich ist das ein klassisches filmisches Mittel: Eine Hauptfigur, die von außen in eine fremde Welt kommt. Genau wie bei Harry Potter oder Frodo. Es sind immer Leute, die wissen, dass da etwas ist, mit dem sie aber nicht so richtig was zu tun haben wollen. Und dann trifft dieser Charakter auf andere Figuren und muss sich von denen alles erklären lassen, weil er es selbst nicht weiß. Uns ist bewusst geworden, dass wir uns nur auf diese Weise nähern konnten. Alles andere hätte alle überfordert, inklusive uns Autoren. Eine der ersten Ideen war, die Geschichte von innen zu erzählen. Also als ein Treffen der Überlebenden. Aber das wäre ein Film geworden, in dem sehr viel geweint wird.

Zwölf Jahre nach dem Amoklauf in Erfurt ist "Staudamm" der erste deutsche Spielfilm zum Thema „School Shooting".

Auf die Frage, warum ich den Film gemacht habe, antworte ich auch immer: Weil ihn kein anderer gemacht hat. Mich hat das total gewundert. International gibt es ja nicht nur Elephant, da sind viel kleinere Filme wie Polytechnique über ein Shooting an der Polytechnischen Hochschule in Montreal. In Deutschland gibt es aber gar nichts, außer zwei guten Dokumentationen über Winnenden und über Erfurt. Andererseits: Wie lange hat die Aufarbeitung der RAF gedauert, wie lange die des Dritten Reichs? Erst Jahre später hat man sich so richtig damit auseinandergesetzt. Die Produzenten von Staudamm und ich dachten uns immer: Das ist ein so "spannendes", ein so deutsches Thema, da sollte man etwas drüber machen.

Sie schätzen "Elephant" - obwohl er sich dem Thema ganz anders nähert.

Der Film hat eine wahnsinnige Poesie. Er ist eine Meditation über das Jungsein, über die leisen Konflikte an einer Highschool - die nur nach außen leise sind. Ich habe in den USA gelebt und studiert, und da geht es noch mal anders zu als hier: Mit dem Gruppenzwang im Sports Team, beim Cheerleading, als Homecoming Queen oder "Schüler des Monats". Ich hätte es spannend gefunden, das in Deutschland zu erzählen. Unabhängig von Problembezirken und Hartz-IV-Realitäten. Den Alltagsstress des Jungseins hierzulande, wenn man aus einem Elternhaus kommt, das ganz okay ist. Diese Idee klingt ja auch bei uns im Film kurz an, als Laura sagt: "Na klar wurde der gemobbt. Ich auch, immer wieder."

Das Geschehen von "Staudamm" spielt in einem kleinen Dorf im Allgäu. Wieso dort?

Wir haben in der Gegend gedreht, in der das Schloss Neuschwanstein steht, das Maximum an deutscher Idylle. Mir fällt kein Vergleich zu einem anderen Land ein, wo dieses Stereotyp so sehr an einem Ort fokussiert ist. Es ist wunderschön dort, die Luft ist toll, die Leute sind unglaublich reich, weil sie alle ihr Ackerland als Parkplätze verkauft haben. Der Ort ist wie geleckt, eine Geisterstadt. Man fährt dort mit dem Auto zum Supermarkt, es gibt kaum normale Leute auf der Straße. Es ist eine spezielle Art von Traditionalismus, die vorherrscht, man ist wertkonservativ. Zum Beispiel gibt es in Schwangau eine Bewegung gegen Handyfunkmasten, weil die Leute sie für schädlich halten. Das würde man da unten gar nicht vermuten, aber es ist alles so schwarz-grün angehaucht. Wenn man dort Amok läuft, dann wirkt das natürlich stärker, als wenn es der missbrauchte Junge aus Neukölln tut.

Ihre Dreharbeiten waren nicht ganz einfach...

Man sollte das Dorf nicht verorten können, und das kann man auch nicht. Der Name im Film, "Steinwang", ist ohnehin erfunden. Es kamen auch besorgte Anrufe vom bayerischen Kultusministerium. Und als wir in einer Bar gedreht haben, standen plötzlich Polizisten vor der Tür, weil wir am nächsten Tag in der Schule drehen wollten. Sie haben uns aufgefordert, das nicht zu tun. Im Film gibt es ja diese Aggression der Einwohner - und die haben wir invertiert gespürt. Es ist ja gar nichts wirklich passiert, wir wollten nur eine Geschichte erzählen. Es war interessant zu merken, wie man den abgesteckten Raum verlässt und plötzlich alle ganz unentspannt werden. Ich kann sogar nachvollziehen, was die da denken. Wenn in der Zeitung eine große Schlagzeile steht: "Amoklauf an Schule", und dann ganz klein: "Filmdreh", fände ich das auch nicht super, wenn ich dort Schuldirektor wäre. Dann sind die Acht- und Neuntklässler voller Testosteron. Es gibt ja die Theorie von hochrangigen Kriminologen, dass die Vorbildfunktion ganz gefährlich ist. Sie sagen, nichts sei schlimmer als die Videoaufnahmen aus Columbine, wo man die Täter im Trenchcoat mit der Pumpgun sieht. Weil sie wie Actionfiguren aussehen. Von den deutschen Amokläufern gibt es kaum Bilder, man versucht, sie anonym zu halten.

Einige Stiftungen und Verbände zur Gewaltprävention an Schulen unterstützen Ihren Film.

Das ist ein bisschen absurd, wenn man sich als Filmemacher sieht und plötzlich zum Lehrmaterial wird. Es geschieht eine Transformation des Werkes. Aber ich freue mich natürlich, weil das viel mehr wert ist als das Urteil der Kritiker. Wenn die Mutter eines Winnenden-Opfers sagt: "Das ist okay so", dann finde ich das super.

Hatten Sie Angst, mit dem Film zu moralisieren?

Ich wollte nie einen didaktischen Film machen - und so ist er auch nicht geworden. Es ging darum, sich auf eine neue Art und Weise mit dem Thema auseinanderzusetzen. Der Film regt Diskussionen an, weil er vieles offen lässt. Es war auch wichtig, dass die Jugendlichen realistisch porträtiert sind. Also dass Alkohol getrunken und gekifft wird, ohne dass das ein Thema ist. Die Hauptfigur spielt Xbox. Na und? Das macht jeder. Da fühlen sich Jugendliche eher abgeholt.

Vor dem Hintergrund eines Amoklaufs eine Liebesgeschichte zu erzählen, wie Sie das tun, ist ein Wagnis.

Ich hatte auch Respekt davor, weil ich dachte, das wird wie bei Titanic: Man hat eine der größten Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts - und erzählt eine blöde Liebesgeschichte. Deshalb war mir wichtig, dass sie bei uns feinfühlig ist und nicht so auf die Zwölf. Und dass auch nicht klar ist: Haben die jetzt miteinander geschlafen oder nicht? Es geht da mehr um Wünsche als um Realitäten. Nach dem Motto: Ich hätte gerne jemanden, der mich versteht. Beim Drehen stellte sich dann die Frage: Gehen Roman und Laura Hand in Hand? Nee, das tun sie auf gar keinen Fall. Da sind die beiden auch noch nicht, da geht es eher darum, überhaupt wieder mit einem Menschen zu reden - und das ist doch schon mal was. Im schlimmsten Fall wäre die Geschichte gekippt und dann hätte man gesagt: Ihr missbraucht das Thema. Das wollten wir natürlich nicht.

In Bezug auf Ihren Debütfilm "Distanz" haben Sie von der "Sucht nach Kausalität" gesprochen, die viele Zuschauer mitbringen - und die Sie stört. In "Staudamm" wird Romans Frage nach dem Grund der Tat auf ganz eigene Weise beantwortet: Laura küsst ihn, statt etwas zu sagen.

Aber genau das ist auch die Antwort: Weil sie das beim Amokläufer nicht gemacht hat. Die nicht erwiderte Liebe ist immer wieder ein Thema. Sie ist nicht die Ursache, aber meist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Jeder von uns kennt das: Mit 16 oder 17 Jahren wird man verlassen oder die Liebe nicht erwidert. Da geht die Welt unter, da bringen sich Leute um. Ich kann mich gar nicht davon ausnehmen, schlimme Briefe an gar nicht so coole Mädchen geschrieben zu haben, in die ich hoffnungslos verliebt war. Das ist wirklich apokalyptisch. Diese Sehnsucht kommt bei uns im Tagebuch vor, als der Täter schreibt: "Lass mich mit dir reden, du würdest mich verstehen." Der Wunsch danach, nicht alleine zu sein, ist sicherlich ein Faktor. Ich habe keine Erklärung für einen Amoklauf, aber nach dem, was wir recherchiert haben, ist bei den Tätern vieles im Chaos - und dann ist da dieses eine Mädchen, in das alles reinprojiziert wird, mit der angeblich alles gut wäre. Wenn diese Sehnsucht nicht erwidert wird, bricht eine Welt zusammen.

Sie lehnen eindeutige Gründe für die Tat ab - lassen aber am Ende des Films aus dem Tagebuch des Täters vorlesen. Wie passt das zusammen?

Das ist tatsächlich einer der wenigen Streitpunkte bei diesem Film. Aber ich finde, es musste auch ein bisschen gefährlich werden. Sonst wird es belanglos und langweilig. Man muss sich ein blutiges Auge holen, wenn man an so ein Thema herangeht - und das ist das Tagebuch. Wenn wir dabei geblieben wären, was Roman am Anfang des Films sagt: "Das ist ein Spinner, Ende", dann wird sich überhaupt nichts ändern. Es wird nur schlimmer werden. Eine Chance auf Verbesserung gibt es nur über Empathie und Annäherung. Das Tagebuch soll beleuchten, was in diesen Menschen vorgeht - oder was in ihnen vielleicht vorgeht. Und dem muss ich mich stellen, genauso wie Roman und Laura im Film. Auch der Zuschauer muss da kurz rein. Sicherlich ist es fragwürdig, ob man das machen darf. Aber auch hier gilt wieder: Weil es Fiktion ist, geht es. Wenn der Amokläufer aus Winnenden ein Tagebuch geführt hätte, hätte ich das nicht benutzt. Für den Film finde ich das fiktionale Tagebuch aber essentiell. Es läuft schon darauf hinaus, weil Roman sich ganz langsam in den Amokläufer verwandelt: Er geht in dessen Kinderzimmer, er ist an der Schule, er spielt den Amoklauf nach, er nähert sich Laura an. Diese Metamorphose wird für eine Sekunde vollendet, nur damit Roman dann sagt: Nee, das ist mir jetzt zu krass.

Ist das Tagebuch denn komplett fiktional?

Nein. Da gibt es Zitate von den Columbine-Attentätern. Das waren ja damals die frühen Tage des Internets, Ende der Neunzigerjahre. Es gibt eine Sammlung von Blogeinträgen und Schulaufsätzen von ihnen. Ein Teil davon ist im Tagebuch drin. Ein anderer Teil sind Songtexte. Ich finde, das ist so ein Pubertätsding: Dieser Punkgedanke von der Kleinstadthölle. Das ist ein abgewandelter Text von den Manic Street Preachers. Linker Socialist Punk, nach dem Motto: Alles kaputt machen! Und es ist auch etwas von mir drin. Der Hass und das Nichtverstandenwerden. Das Gefühl, dass alle anderen Menschen nicht echt sind, das habe ich immer noch. Und in einem jugendlichen Alter hatte ich es ganz extrem. Klar, ein Teil ist auch pubertäre Kapitalismuskritik, aber die ist ja nun gerade angebrachter denn je.

Sie haben angesichts des Themas von der Gefahr einer "Trauerpornographie" gesprochen. Wo fürchteten Sie die vor allem?

Ganz klar in der Figur der Laura. Man könnte die Geschichte ja auch folgendermaßen anfangen: Roman geht durchs Dorf und Laura sitzt weinend auf einer Bank, mit einem Teddy in der Hand, und sagt: Das ist der Bär von meinem Bruder, der ist erschossen worden. So hätte man einsteigen können - wenn man den "Bad Writing Award" hätte gewinnen wollen. Wir wollten aber eine Figur, die Energie und Präsenz besitzt. So jemanden zu nehmen, ist natürlich besser als ein Mädchen mit langen schwarzen Haaren, das den ganzen Tag The Cure hört. Das wäre auch ein wahnsinnig anstrengender Film geworden. Laura möchte ja leben. Der Mensch hat einen starken Überlebenswillen und hält eine Menge aus - und das verkörpert diese Figur. Und auch dadurch, dass wir mit Roman jemanden von außen hineinschicken, der erst mal gar keinen Bock darauf hat, umgehen wir die Gefahr der Trauerpornographie. Er ist ja kein Psychiater, der Leute in In Treatment-Einstellungen therapiert und dann wird viel geweint. Dadurch dass Roman die Akten vorliest und nicht die Betroffenen selbst, ist das Ganze eine Ebene weiter weg. Dadurch entfremdet man das Gelesene ein wenig, aber man lässt es auch überhaupt nur so an sich heran. Sonst hätte man als Zuschauer viel zu viel Respekt vor der Heftigkeit der Erlebnisse.

Die Musik in "Staudamm" stammt von Eckart Gadow, mit dem Sie auch schon bei "Distanz" zusammengearbeitet haben. Gab es dabei große Unterschiede in der Arbeitsweise?

Ja. Bei Distanz hat er sehr schnell abgeliefert, da gab es ausschließlich Musik vom Piano. Bei Staudamm haben wir länger gebraucht. Weil Musik schnell beurteilt und Dinge in eine Richtung pusht - und das wollten wir nicht. Wir wollten auch keine Musik, die distanziert, sodass man wie im Zoo auf das Geschehen blickt. Darum ist das diesmal ein bisschen elektronischer und mit reverbs, also mit Halleffekten. Wir wollten vor allem Musik, die treibt. Die diese Transformation Romans illustriert, vom Slacker zum interessierten, einigermaßen verantwortungsvollen Menschen, der einem anderen helfen kann. Ich finde weniger Musik immer besser. Wir haben auch gesagt: Unsere "Musik" sind die vorgelesenen Akten, der eigentliche Score ist der Aktenteppich, der über dem Film liegt. Es war aber auch ein Lernprozess für mich als Regisseur zu begreifen, dass Musik nicht schlecht ist, dass sie auch positiv manipulieren und den Zuschauer über schwere Stellen hinübertragen kann.

Sie haben Ihrem Film einen lakonischen Titel gegeben, der auf den Ort verweist, an dem sich der Amokläufer erschießt. Wieso "Staudamm"?

Der Staudamm ist ein Bild für aufgestaute Dinge, die es bei jeder Figur des Films gibt. Aber natürlich ist es auch ein Wort, das schön deutsch ist: Beton, Härte, Massivität - so wie ein Staudamm eben dasteht. Und so liegt ja auch der Amoklauf über dem Dorf. Zwischendurch dachte ich, der Film bräuchte einen poetischeren Titel, wegen der schönen Bilder, aber das hätte etwas Überambitioniertes gehabt. Und ich mag, dass es nur ein einziges Wort ist. Ich fand es wichtig, dass man nicht im Titel schon die Katastrophe andeutet. Der Alternativtitel wäre eine Zeile von Tocotronic gewesen: "Alles wird in Flammen stehen". Aber Staudamm ist ein neutralerer Titel, er ist wichtig, um einen Zugang zu ermöglichen.

In Ihren ersten beiden Filmen ging es um schwer nachzuvollziehende Gewalttaten von großer Grausamkeit. Was wird Sie als nächstes beschäftigen?

Ich recherchiere zu Zwangsprostitution und Menschenhandel. Das ist definitiv auch ein Thema, zu dem es noch keinen deutschen Film gibt. Aber es ist auch ein wahnsinnig weitläufiges Thema, das sich wie ein voller Kleiderschrank über einen ergießt. Und schnell stellt sich die Frage: Welche Geschichte wollte ich noch mal erzählen?