Hundert Jahre Zweisamkeit – Charlie Chaplins "The Immigrant" heute - B-Roll Blog - kino-zeit.de - das Portal für Film und Kino
  • Blogs
  • )
  • B-Roll
  • )
  • Hundert Jahre Zweisamkeit – Charlie Chaplins "The Immigrant" heute
17 12/06

Hundert Jahre Zweisamkeit – Charlie Chaplins "The Immigrant" heute

Es gibt mit größter Wahrscheinlichkeit keinen Menschen mehr, der älter als das Kino ist. Kürzlich verstarb mit Emma Morano die letzte Frau, die im Jahrhundert seiner Erfindung geboren wurde. Die Augenzeugen für den Urknall des Mediums sind längst verschwunden und haben nur ihre erstaunten Berichte zurückgelassen. Der Film ist nicht mehr jung, höchstens noch im Vergleich zu ungleich älteren Kunstformen, aber mittlerweile gibt es jüngere. Sein Alter erkennt man auch daran, wie lebendig und fortgeschritten das Kino schon vor einhundert Jahren war, damals bereits dem Säuglingsstadium entwachsen. Die jüngste Vergangenheit war voll von Zentenarien früher Meisterwerke, zuletzt etwa Griffiths Intolerance.


(Filmstill aus The Immigrant. Copyright: Starmedia Home Entertainment)

Es ist eine faszinierende Vorstellung, welche Jubiläen dieser Art bald an uns vorbeiziehen werden: All die frühen Wunder von Hollywoods „goldenem Zeitalter“, Das Cabinet des Dr. Caligari, Nosferatu, der erste Tarzan-Film Tarzan bei den Affen, Nanuk, der Eskimo, Saftey Last!, Der Dieb von Bagdad ... Die Betonung von Hundertjahrfeiern ist eine Art zurückzublicken, die sich gegenwärtig gesteigerter Popularität erfreut. Zahllose Bücher über den ersten Weltkrieg bevölkern die Bestseller-Listen. Oft tragen sie Jahreszahlen im Titel, von Florian Illies 1913, über Oliver Janz’ 14 - Der große Krieg und Gerd Krumeichs Juli 1914 bis hin zu den zahllosen 1917-Büchern über die Oktoberrevolution, die erschienen sind und noch erscheinen werden. Der Film ist erst seit wenigen Jahren alt genug, um wirklich glaubwürdig den tonnenschweren Begriff „Geschichte“ auf sich laden zu können. Zögerlich fallen klangvolle Namen und klangvolle Zahlen zusammen. Film war immer Geschichte, aber auch Geschichte neben der Geschichte und ihr verzögertes Echo. Verliebt in diese zeitlich beliebige, aber symbolische gewichtige Jahrhundert-Perspektive wird auf einen Fixpunkt in der Vergangenheit zurückgeblickt – immer auch in der Hoffnung, eine Variation des Jetzt und somit auch Rat zu finden.

Reist man heute, in der Mitte des Junis 2017, exakt hundert Jahre zurück, stößt man auf einen Titel, der in seiner aufdringlichen Aktualität fast schon lächerlich wirkt. Als hätte sich die Geschichte einen Spaß erlaubt oder krampfhaft versucht, Karl Marx („Geschichte wiederholt sich nicht“) zu widerlegen: Charlie Chaplins The Immigrant (in Deutschland auch: Der Einwanderer) wurde am 17. Juni 1917 uraufgeführt.

Der Kurzfilm ist auf eine Weise einfach, die größte Anstrengung verbirgt. Von den 90.000 Fuß Filmmaterial, die Chaplin für ihn aufwandte, blieben nach vier Tagen durchgängiger Schneidearbeit gerade einmal ca. 1.800 übrig. Materialmengen, die anderen Regisseuren mühelos für einen abendfüllenden Spielfilm gereicht hätten, wurden zu einem 30-minütigen Short verdichtet – eine Statue, gemeißelt aus einem Bergmassiv. Bei der minimalistischen Geschichte verhält es sich ähnlich: Aus der eigenen Einwanderer-Biographie und dem politischen Tagesgeschehen formte er eine minimalistische Liebesgeschichte. Boy Meets Girl: Chaplins Tramp befindet sich auf der Überfahrt von Europa in die USA, auf dem Boot hilft er einer jungen Frau, gespielt von Edna Purviance. Später begegnen sie einander erneut, diesmal in einem Resteraunt. Am Schluss wird geheiratet, Zweisamkeit, Happy End, Credits.

Doch über dieses Skelett von Plot wird die Welt gespannt. Wie die meisten Kurzfilme aus Chaplins Anfangszeiten handelt es sich erst einmal um aneinandergereihte Gags, Geschichten als Summe von Momentaufnahmen. Doch jede Szene – vielleicht sogar jede Geste, jeder Blick, jede Bewegung – verweist auf das, was ursprünglich ausgespart wurde. Jede Kante der Statue deutet das ursprüngliche (biographische und politische) Bergmassiv an. Interessant ist auch das, was weggelassen wird.


(Filmstill aus The Immigrant. Copyright: Starmedia Home Entertainment)

Die beschwerliche Überfahrt, die der Komiker bereits im jugendlichen Alter selbst erlebte, dauert in The Immigrant kaum mehr als zehn Minuten. Die Strapazen der Reise werden vor allem in Bewegungen angedeutet. Das Arbeitswerkzeug von Chaplins Stamm-Kameramann Roland Totheroh wurde an einem Pendel befestigt. Die Bilder schwanken daher unermüdlich. Das Auf und Ab wird schnell zum ordnenden Prinzip der Filmwelt, zur Metapher, Ursprung oder zumindest verformenden Kraft jeder Aktivität. Wer auf ein Boot steigt, setzt sich auch heute noch den Naturgewalten aus und wird im schlimmsten Fall zum hilflosen Spielball der Wellen. Auch die Immigration begreift Chaplin auf diese Weise. Sie ist eine schicksalhafte Reise ins Unbekannte, bei der man ausgeliefert ist. Ein Glücksspiel, wie jenes, das dem Tramp während der Überfahrt als Zeitvertreib dient.

Statt von diesen Unwägbarkeiten jedoch als Schrecken zu erzählen, formt der Pantomime sie zu einer Art Ballett der Empathie um. Ein seekranker Passagier steckt den Tramp mit seinem Schluckauf an und plötzlich zucken ihre Körper in einem gemeinsamen Rhythmus. Sie klammern sich aneinander. Später wird in der Messe Suppe ausgeschenkt. Das Schwanken zwingt Chaplin und sein Gegenüber dazu, sich das Abendessen zu teilen: Der Teller rutscht zwischen den beiden hin und her, die Umstände lassen immer höchstens Zeit für eine hastig gelöffelte Portion. In engen Bildrahmen werden die „huddled masses yearning to breathe free” aus dem bekannten Sonett The New Colossus von Emma Lazarus visualisiert. Das Gedicht ist auch auf dem Podest der Freiheitsstatue angebracht. Ironischerweise werden die Passagiere gerade dann, als Lady Liberty ins Blickfeld kommt, vom Personal mit einem massiven Seil fixiert. Schon vor dem Anlegen lernen sie die Ambivalenz ihrer neuen Heimat kennen.

Der zweite Akt spielt fast vollständig in einem Restaurant, geflohen ist man schließlich vor Mangel und Hunger. Das Schwanken ist verschwunden, die amerikanische Naturgewalt dieser Hälfte ist der Kapitalismus und seine Autoritätsfiguren. Der hochgewachsene und massive Eric Campbell, der in vielen Chaplin-Produktionen als Schurke auftrat, spielt einen bösartigen Ober. Ein Kunde, dem zehn Cent fehlen, wird unwirsch aus dem Salon geprügelt. Es ist die Drohkulisse für jeden Neuankömmling, Prügel und Erbsensuppe statt Zuckerbrot und Peitsche. Interessant ist die Figur des Künstlers, die gegen Ende hinzukommt. Großzügig will er dem Tramp und seiner Begleiterin das Essen bezahlen. Die pantomimisch ausgetragene Entscheidung zwischen der Angst vor dem Ober und der Würdelosigkeit von Almosen offenbart spielerisch das Dilemma, welches wohl jeden Hilfsbedürftigen ergreift. Es ist ein tragischer menschlicher Zug, dass oftmals erst das Eingestehen von Hilfsbedürftigkeit als das wahre Scheitern verstanden wird.

Die zentrale Liebesgeschichte des Films ist eher eine Zweck- oder auch Solidargemeinschaft. Die junge Migrantin reist mit ihrer kranken Mutter, die irgendwann zwischen der ersten und zweiten Filmrolle stirbt. Ihre Beziehung ist eher ein gegenseitiges Begleiten, eine Zusammenkunft wider der Einsamkeit der neuen Heimat. Sie ist so ambivalent wie alles im Film, vom Auf und Ab der Wellen bewegt.

Es ist nicht unüblich, dass Filmemacher ein ernstes, düsteres Thema auch ernst und düster umsetzen. Auf manchem Festival begegnet man einem Miserabilismus, der seinesgleichen sucht. Als James Gray 2013 ebenfalls ein Drama namens The Immigrant veröffentlichte, musste die Einwanderer-Erfahrung ungleich leidensvoller aussehen, sie enthielt Zwangsprostitution und Mord. Würde der hundert Jahre alte The Immigrant heute veröffentlicht, man würde Chaplin zum hoffnungslosen Sozialromantiker erklären. Die Flüchtlinge des Gegenwartskinos sind oft unwiderruflich an die Gewalt gebunden, meist sind sie Opfer oder Täter – oder zumindest Opfer in ihren Taten.


(Filmstill aus Dämonen und Wunder – Dheepan. Copyright: Weltkino Filmverleih)

Naivität und eine Distanz zur Wirklichkeit waren Vorwürfe, die sowohl dem Künstler als auch der politischen Person des öffentlichen Lebens Charles Chaplin immer gemacht wurden. In ihrem Aufsatz Going to Theater von 1964 zeigt sich Essayistin Susan Sontag bestürzt über die fehlende politische Vision von Der große Diktator, beschreibt ihr Zähneknirschen während der bekannten Schlussrede und verzweifelt an Paulette Goddards Figur, die im Jahr 1940 Schlagwörter wie „Fortschritt“, „Freiheit“ oder „Wissenschaft“ mit Lächeln und Tränen der Rührung begegnet. Loben kann sie nur einzelne „Akte der Würde“, etwa den Tanz des Diktators mit der Ballon-Weltkugel.

Genau so kann man sicherlich auch The Immigrant als naiv betrachten und bemängeln, die Komödie würde den wahren Vorgängen nicht gerecht. Der politische Kontext des Films wird in den Ereignissen auf der Leinwand nur vage angedeutet. Er erschien nur wenige Monate nach der Verabschiedung des Immigration Act von Februar 1917, der bis dahin umfassendste seiner Art. Ein Gesetz, welches wie viele andere seiner Zeit Ausdruck einer Angst vor einer Fragmentierung der kulturellen Identität darstellte. Eine Reaktion auf die yellow peril, die Angst davor, die amerikanische Kultur würde durch Einwanderung aus Japan und China durch eine asiatische ersetzt. Als Ende Januar 2017 die „Executive Order 13769“ unterzeichnet wurde, oft als muslim ban bezeichnet, zog man vielerorts Parallelen zu den Ereignissen hundert Jahre zuvor. Man sah dieselben Ängste und Ressentiments am Werk.

Ein Film mit der vermeintlichen Naivität von The Immigrant ist auch heute noch ein Segen. Seine Fassaden, die Oberflächen, die reine Beschreibung der Faktenlage mag realitätsfernes Blendwerk sein. Dafür ist er voll von jenen kleinen „Akten der Würde“, die Sontag beschreibt. Und die sind nicht verblendet oder naiv oder weltfremd, sondern wahr, schön und gut, auch ein ganzes Jahrhundert später.

(Lucas Barwenczik)