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13 06/11

Hannover ist überall: "Sitzplatzerhöhung" - Die Kinderfilm-Kolumne

Ich bin ja eigentlich ein Hochdeutsch-Fan; aber als in München geborener Exil-Halbbayer, den alle ob seiner sprachlichen Sozialisierung für einen Hannoveraner mit leicht rheinischem Einschlag halten müssen, fehlt im deutschen Film ein gelegentliches, saftiges  "Saupreiß, elendiger!" Vielleicht ist es mir deshalb neulich so sehr aufgefallen, wie selten man im deutschen Kinderfilm - oder im deutschen Film überhaupt - Menschen Mundart sprechen hört.

(Filmbild von Tom und Hacke, Copyright: Zorro Film)

Der Anlass war ein genauer Blick auf Tom und Hacke, der dieser Tage auf DVD erscheint - ein Kinderkrimi, dessen Handlung eng an Mark Twains Geschichten vom Tom Sawyer und Huckleberry Finn angelehnt ist. Er spielt in einem bayerischen Provinzstädtchen kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Da wird auf dem Schwarzmarkt gehandelt, die Jungs schwänzen Schule, und all das im breitesten Dialekt der Region.

Warum gibt es das eigentlich nicht öfter? Denn auch wenn es in Film und Fernsehen erscheinen mag, als spräche die Republik ausschließlich Hannoveraner Hochdeutsch, so entspricht das ja doch nicht der Realität, vor allem der Kinder: In Berlin wird an den Schulen gern berlinert (Sie können drauf warten, dass das Kind irgendwann mit einem "icke" oder "drinne" im Wortschatz nach Hause kommt), und in Franken kenne ich Kinder, die rollen ihr R so knackig, da werden Russen blass vor Neid.

Die liebe Kollegin Anna Wollner hat sich vor kurzem des Themas fürs Deutschlandradio angenommen und kam zu dem Schluss: "nur schräge Nebencharaktere dürfen Dialekt reden". Als einziger Film, der so richtig einen "Querschnitt durch die deutsche Dialektlandkarte" biete, fällt ihr (und auch Tobias Kniebe von der SZ) nur Das Boot ein, und das ist über 30 Jahre her. Natürlich spielen auch in neueren Filmen Dialekt und Mundart eine Rolle - aber man darf dankbar sein, wenn das auch der regionalen Verankerung dient, wie etwa in Wer früher stirbt ist länger tot oder den Werner-Filmen.

Aber schon da zeigt sich auch: Entweder sind es regional verankerte Comedians, die den Dialekt aus ihrer Arbeit in die Filme mit hinüberretten (Badesalz mit Abbuzze oder Tom Gerhardt mit Voll Normaaal!, schließlich die Österreicher Josef Hader und Alfred Dorfer mit Indien, der in bundesdeutschen Kinos sogar mit Untertiteln zu sehen war), oder Dialekt dient hauptsächlich als komödiantisches Element, das meist die von Wollner identifizierten "schrägen Nebencharaktere" einbringen - gerne reden sie dann so sehr Mundart, dass man sie wirklich kaum versteht. Auch in Der Schuh des Manitu etwa ist Dialekt eher als Schenkelklopfer im Einsatz.

Schöner sind da noch die Dialektfassungen ganzer Filme, die es etwa von Ted oder - und damit sind wir endlich wieder beim Kinderfilm - von den Asterix-Trickfilmen (dort natürlich in schöner Analogie zu den dialektal gefärbten Comicbänden) gibt. Außerhalb davon gibt es, nicht zuletzt im Kinderfilm, kaum Raum für Mundart.

Vermutlich liegt dahinter eine gewisse Skepsis gegenüber einem zu sehr an den Heimatfilm erinnernde Heimatgefühl, kombiniert mit einem Bildungsideal, das sich an der Hochsprache (dem Hoch-Deutschen!) festmacht - und wenn man möchte, macht man hier jetzt locker ein paar ganz große Fässer auf, wahlweise mit der Lutherbibel oder dem Nationalsozialismus im Zentrum. Dabei ginge es ja im Kinderfilm um viel kleinere Themen: Lebenswirklichkeit abzubilden und sowohl Heimat als auch Vielfalt zuzulassen. Denn das Ziel kann ja nicht sein, dass die Norddeutschen dann keine Filme mehr sehen, in denen Bayerisch gesprochen wird.

Stattdessen ließen sich Kinderfilme vorstellen, die regional verankert und gefärbt sind, aber damit eben auch dem bayerischen Dorf was von der Berliner Göre zu erzählen haben (und nicht von irgendeinem Großstadtkind) - und dem Ruhrgebietsflegel ein (auch sprachliches) Bild davon zu zeichnen, wie es sich lebt in der sächsischen Pampa. Das wäre auch eine Gelegenheit, sich den Vorurteilen zu stellen, die man so von diversen Dialekten und ihren Sprecher/innen hat.

Am meisten Angst haben die Produzenten wahrscheinlich, dass sie ihre Filme dann nicht mehr bundesweit vermarkten können, weil sie glauben, in Bayern würde ja kein Mensch Norddeutsch hören wollen. (Dass den Film außerhalb Bayerns niemand verstehen könne, ist vermutlich eines der Vorurteile, weshalb viel zu wenig Menschen Tom und Hacke im Kino angesehen haben.) Aber, mal ganz ehrlich - kennen Sie jemanden, der in Meister Eder und sein Pumuckl Gustl Bayrhammer nicht versteht?

Spräche er hingegen Hochdeutsch - was würde uns da fehlen.

(Rochus Wolff)

Rochus Wolff ist Filmkritiker, Feminist und Vater, nicht notwendigerweise immer in dieser Reihenfolge. Für sein Kinderfilmblog sieht er sich regelmäßig Kinderfilme an, die er seinen Kinder lieber nicht zeigen würde, freut sich aber stets über Anregungen, welche Filme er ihnen nicht vorenthalten sollte.

Bisherige Kommentare

(Anzeige: 1 von insgesamt 1)
Von: Jens Prausnitz am: 06.11.13
Mia san doch scho dabei :) WOIPATING - Twin Peaks im Bayrischen Wald Mehr dazu im Produktionsblog auf wasbleibtistprost.de