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16 13/01

Good-bye, Major Tom! - Ein persönlicher Nachruf auf David Bowie

Normalerweise steht an dieser Stelle eine Kolumne, doch in dieser Woche kam es mir unpassend vor, nach dem Tod von David Bowie, einem der prägendsten Künstler der letzten vierzig Jahre, einfach so zur journalistischen Tagesordnung überzugehen. Man möge mir das verzeihen. Aber es geht einfach nicht anders.


(David Bowie im Jahre 2002; Copyright: Photobra|Adam Bielawski / CC BY-SA 3.0 / Public Domain via Wikimedia Commons)

Ich bin selten wirklich Fan von jemandem gewesen. Die Regisseure, Schriftsteller und Musiker, die ich zutiefst verehre, kann man an zwei Händen abzählen. Und ehrlich gesagt würde ich auch nicht gerade von mir behaupten, dass ich ein Fan von David Bowie bin. Was aber in erster Linie daran liegen mag, dass ich Fantum in diesem einen speziellen Fall als absolut ungenügend empfinde. Ist man Fan, kann man Fan sein von jemand, der so deutlich nicht aus dieser Welt kommt? Fantum simuliert eine Nähe, die vielleicht bei allen anderen Menschen eine angemessene Form der "Beziehung" wäre, nicht aber im Fall von David Bowie. Legenden, Ikonen, Götter haben keine Fans, sie haben allenfalls Bewunderer, vielleicht auch Gläubige (sofern man zu derlei Gefühlen neigt).

Im Gegensatz zu vielen anderen, die jetzt trauern, habe ich David Bowie und seine Musik erst in den 1980er Jahren kennengelernt. 1983 traf mich Let's Dance wie ein Blitzschlag – und das lag auch an dem wundervollen und viel zu früh verstorbenen Gitarristen Stevie Ray Vaughan, der mit seinen Soli vor allem den beiden Hitsingles China Girl und Let's Dance strahlende Glanzlichter aufsetzte. Danach war meine musikalische Welt für immer eine andere. Von diesem Zeitpunkt an war ich Bowies Musik und seiner Persona mitsamt ihren radikalen Brüchen und Wechseln rettungslos verfallen.


(China Girl live)

Das Gesamtkunstwerk und den Menschen David Bowie aber auf seine Musik zu reduzieren, wäre in etwa so, als würde man von Leonardo da Vinci nur als einem Maler sprechen und all seine anderen Talente und Errungenschaften unter den Tisch fallen lassen. In der Tat erinnert David Bowie in vielerlei Hinsicht eher an einen Universalkünstler aus der Renaissance als an einen Popstar unserer Tage. Sein Einfluss auf die Popmusik ist unumstritten, zugleich aber wirkten sein Schaffen und sein Leben, die Strategien der Selbstinszenierung und seine ganze Aura auf alle Bereiche der Popkultur. Er war Performance Artist, Bildgeber, Rätsel und beständige Inspirationsquelle auf nahezu jedem Gebiet. Und selbst wenn er in seiner Karriere das Medium Film immer wieder nur streifte, so liegt das womöglich daran, dass jeder seiner Auftritte und vielleicht auch sein ganzes Leben uns, dem staunenden Publikum, selbst wie ein Film vorkam – und dass jede seiner Bühnenpersönlichkeiten und jedes seiner Images genug Stoff geboten hätte für einen Kinofilm, ja, für eine ganze Welt.


(David Bowie: On Film von Drew Morton)

Es gäbe unendlich viel zu schreiben über David Bowies Einfluss auf die Welt des Filmes, der weit über seine gelegentlichen Auftritte, seine Kompositionen und die in die Hunderte gehende Verwendung seiner Songs hinausgeht – und möglicherweise werde ich eines Tages auch wagen, diese wechselseitige Beziehung genauer zu erforschen. Sich aber jetzt solch einem Vorhaben zu nähern – dazu ist die Nachricht zu frisch, sind der Schmerz und die Fassungslosigkeit über diesen Verlust zu groß. Wer mag, kann Jane Gilles lesenswerten Artikel über Bowies Filmkarriere nachlesen – wobei man das Gefühl hat, dass der enorme Einfluss, den Bowie auf die Welt des Kinos ausübte, hier nicht annähernd eingefangen wurde. Allein schon eine Untersuchung, inwiefern der Song Major Tom ein gänzlich neues Topos in den Science-Fiction-Film eingeführt hat, dürfte wohl eine Doktorarbeit in Filmwissenschaft rechtfertigen – inklusive der Fußnoten, dass Duncan Jones, der Sohn David Bowies, just dieses Thema als Stoff seines Regiedebüts Moon wählte, und dass Bowie selbst zum Schreiben des Songs inspiriert wurde, nachdem er 2001: Odyssee im Weltraum von Stanley Kubrick gesehen hatte. Doch das ist alles eine andere Geschichte.


(Major Tom in The Secret Life of Walter Mitty)

Und wer weiß, vielleicht ist er ja nun wirklich irgendwo "da oben" – eine Meldung der NASA legt dies jedenfalls nahe: "Dancing out in space. As the world remembers musician David Bowie, a mile-wide space rock named in his honor orbits serenely in the main asteroid belt between the orbits of Mars and Jupiter."


(David Bowie in Der Mann, der vom Himmel fiel von Nicolas Roeg; Copyright: Studio Canal)

Es gibt einen zweiten Musiker, den ich verehre und von dem ich vielleicht sogar Fan bin. Und dieser Mann, der bürgerlich Nicholas Currie heißt und sich Momus nennt, hat seine Form der Bewunderung so weit getrieben, dass er unlängst anlässlich der ersten Songs des letzten Bowie-Albums Blackstar jeden neu veröffentlichten Song in wahnwitziger Geschwindigkeit gecovert hat und auch sonst jede Menge Songs seines großen und vielleicht einzigen wirklichen Vorbildes adaptiert hat.


(Momus: Ashes To Ashes)

Wer dessen YouTube-Kanal weiter durchstöbert, wird auf so viele Verweise auf David Bowie stoßen, dass man sich eher in einer Mischung aus Heiligenschrein, Bibliothek und Labyrinth glaubt. Wer mag, kann und sollte Momus' Worte auf seiner Website an sein Idol lesen, sie sind mit das Schönste und Bewegendste, was man zum Tode von David Bowie wird lesen können.

Und nun entschuldigen Sie mich. Ich möchte gerne ein wenig allein sein. Und Musik hören. Und tanzen. "Under the moonlight, the serious moonlight..."


(Let's Dance)

(Joachim Kurz)