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13 14/11

Found Footage - gefunden und für gut befunden - die Genrefilm-Kolumne

So richtig los ging es 1999 mit Blair Witch Project. "Gefundenes" Filmmaterial, Kameragewackel kurz vor Sturmflut, ewiges Herumgeschreie, mächtig sägende Akteure...und ein weltweiter Box Office-Hit. Als ich den Film damals auf dem Fantasy-Filmfest sah, war ich wie vor den Kopf gestoßen. Die hier servierte Ästhetik war kaum anders als der Wald-und-Wiesen-Splatterquatsch, den rührige Amateurfilmer auf Filmbörsen anpreisen. Ab der minutenlangen Schwarzbild-Szene war ich dann endlich im Schlummerland. Das alles war einfach völlig neben dem, was gemeinhin als (guter) Film angesehen wurde.

(Still aus Blair Witch Project, Copyright des Bildes: Studiocanal Home Entertainment)

"Found footage", das ist die Vortäuschung einer Dokumentation. Gefundenes Filmmaterial, gedreht von toten/vermissten Personen. Gezeigt wird das, was schließlich zum Abbruch des Drehs führte. Handkamera, keine Musik, improvisiert wirkende Dialoge. "Found Footage" lebt von bewusst schlampigem Handwerk, das Realität und unmittelbare Nähe suggerieren soll. Filmische Leichenfledderei zwischen holprigem Dilletantismus und einem frischen formalen Ansatz, der nach ersten Versuchen -zu nennen sind hier vor allem Cannibal Holocaust (1980) und Mann Beißt Hund (1992)- nun auf breiter Front angekommen war.

Für mich selber kam das zündende Aha-Erlebnis allerdings erst 2008 mit Cloverfield, der seiner eigentlich altbekannten Invasionsgeschichte das "Found Footage"-Kostüm anlegt und so auf äußerst geschickte Weise schweißnasse Handflächen erzeugt. Man ist mittendrin in der Apokalypse, alles um einen herum erzittert, links kann ganz kurz ein Monster erspäht werden. Cloverfield schafft eine großartige Balance aus verwackeltem Chaos und dem strengen "point of view" der seltsamerweise immer mitlaufenden Kamera. Die Geschichte ist nur für sich auch schon gut, doch wirklich funktionieren kann sie nur durch die zusätzliche "Schubkraft" des formalen Rahmens.

Das was "Found Footage" unbedingt braucht, sind Zuschauer, die bereit sind, sich auf die Ausgangssituation einzulassen. Bei Cloverfield ging das noch relativ leicht, da hier ein sattes Budget und gute Effekte anwesend waren, doch bei Paranormal Activity, dem Film, der die "Found Footage"-Welle endgültig zu einer Woge machte, war für viele das Ende der Geduld schon wieder erreicht. Statische Überwachungskameras, viele Szenen, in denen wortwörtlich nichts passierte, ein unheilvoll anschwellendes Dröhnen und dann rasant zuknallende Türen. Ein "Haunted House"-Film, der genauso billig aussieht wie er sicherlich auch war, und ganz leicht auch als völlige Banalität durchgehen kann - sofern man denn nicht zu den Glücklichen gehört, die dem Geschehen einen unerbittlichen Sog abgewinnen.

(Still aus: Paranormal Activity, Copyright: Wild Bunch / Central)

Paranormal Activity ist für mich einer der besten Horrorfilme der letzten Jahre, weil hier Form und Inhalt auf perfekte Weise harmonieren. Die Überwachungskamers machen selbst Übernatürliches real, die verschleppte Erzählweise bringt uns die Charaktere ungeheuer nahe und wenn dann Bettdecken weggezogen werden oder Türen knallen, wähnt man sich fast in den eigenen vier Wänden. "Fuck, was würde ich jetzt tun?" Das Geschehen läuft quasi in meinem Wohnzimmer ab, die formale "Nacktheit" entfernt jede Distanz, die unbekannten Darsteller könnten auch die Nachbarn sein. Paranormal Activity ist die Bauchvariante von 3D und brennt sich gerade deswegen so nachhaltig ein, weil alles völlig vertraut ist. Und man dem Unheil völlig schutzlos ausgeliefert ist.

Dass "Found Footage" vor allem bei Horrorfilmen eingesetzt wird, erklärt sich alleine schon durch die so mögliche unmittelbare Übertragung von Schocks und Grauen. Ein zielgerichteter Einsatz der Technik vorausgesetzt, kann hier eine ungeheure Intensität entstehen, die über kinetische "Umwege" kaum möglich scheint. Paranormal Activity 3, der nach Teil 1 beste Teil der Reihe, erreicht nur über eine langsam schwenkende Kamera und eine plötzlich leere Küche einen unpackbar fiesen Schockmoment, der die Möglichkeiten von "Found Footage" wunderbar auf den Punkt bringt...und gleichzeitig deutlich macht, dass viele Filme dieser "Gattung" (inklusive übrigens auch Paranormal Activity 4) keine Ahnung haben, was sie da eigentlich wollen.

Wenn "Found Footage" nämlich in sich unlogisch ist, sprich: die Kamera auf einmal unmögliche Bilder liefert (wie z.B. bei Diary of The Dead), ganz neue POVs eröffnet (wie z.B. bei End of Watch) oder das Weiterfilmen wichtiger als das eigene Leben wird (wie z.B. bei [REC]), dann gerät das alles ganz schnell genauso billig und hingeknallt wie es die durchaus zahlreichen Gegner des Formats immerzu anklagen. Eine der wichtigsten Grundregeln ist, dass der Zuschauer nicht nachdenken sollte, warum da jetzt eine Kamera läuft. Das was einmal etabliert ist, muss auf jeden Fall durchgezogen werden, ansonsten ist die Illusion einer echten Doku sofort weg. Wenn bei Chronicle z.B. Musik auftauchen würde, wäre der Film sofort dahin. Das mit den fließenden Kamerafahrten dagegen ist kein Problem, denn die sind ja ein Resultat der aufkeimenden Superkräfte.

Dass "Found Footage" nach wie vor enorm populär ist, hat sicher auch mit den billigen Produktionskosten der Filme zu tun, die unter dem Realitäts-Mantel einfach alles durchbekommen, von Continuity-Fehlern bis zu preiswerten Schauspiel-Schülern, doch genauso wichtig ist die Akzeptanz der besten Filme bei einem großen Publikum. Die Ästhetik der YouTube-Generation kommt inzwischen so weit an, dass man sie als Basis für Unterhaltung annimmt und darüber so radikale Erzählformen wie eben statische Überwachungskameras oder -Beispiel V/H/S- vergrieselter Videokassetten-Schnee möglich werden. "Found Footage" setzt die niedrigen Produktionskosten auch durchaus positiv ein und traut sich dafür was. So lange die innere Logik bestehen bleibt, kann man diesen Filmen eigentlich kaum etwas verbieten.

Was für schöne Aussichten - selbst auf die Gefahr hin, dass die Begründungen für die verwackelte Kamera irgendwann zu doof für ein weiteres Schwappen der Welle werden. Eigentlich wäre jetzt der ideale Zeitpunkt, um Blair Witch Project nochmal eine Chance zu geben.

(Martin Beck)

(Martin Beck ist freier Journalist und Übersetzer. Des weiteren leitet er reihesieben.de, wo ein guter Teil von den Filmen bestritten wird, die auch Thema dieser Kolumne sind.)

Bisherige Kommentare

(Anzeige: 2 von insgesamt 2)
Von: Manfred Polak am: 19.11.13
Unter den "ersten Versuchen" ist vor allem Rainer Erlers DIE DELEGATION (1970) zu nennen, der immer noch mein Favorit auf dem Gebiet ist. Dass das damals funktioniert hat, zeigten die besorgten Zuschaueranrufe beim ZDF.
Von: Kai Seuthe am: 15.11.13
Ich finde auch, dass PA einer der besten Gruselfilme ist, die ich je gesehen habe. Wieder merkt man, dass nicht nur Found Footage dazu beiträgt, eine skurrile aber nachvollziehbare Horrorwelt zu erschaffen, sondern vielmehr das Nicht-Zeigen von Grausamkeiten. Das fast völlige Fehlen von Monstern oder Blutrünstigkeiten hat für den absoluten Schocker in meinem Kopf gesorgt, weil es, wie du schon erwähnt hast, so verdammt nachvollziehbar und glaubwürdig ist. Die anderen Teile habe ich bisher noch nicht gesehen, weil ich den Zauber des ersten Teils nicht kaputt machen wollte. Wie das so ist mit Fortsetzungen.