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17 04/01

Filmfestivals in Deutschland: Wichtiger denn je? - Die kino-zeit-Kolumne

Filmfestivals sind in Deutschland wichtiger denn je. Die Unterscheidung zwischen einem "Festivalfilm" und einem Film für die Kinoauswertung hat sich in der hiesigen Fachbranche längst durchgesetzt. Selbst Preise und Auszeichnungen bei großen A-Festivals wie der Berlinale gelten eher als Killer an der Kasse. Im Jahr 2015 blieben über 60 Prozent der deutschen Filme nach bundesweitem Kinostart unter 20.000 Besuchern - was manche Filme fast schon auf der Festivaltour einspielen. Doch woher rührt diese Entwicklung eigentlich? Und welche Konsequenzen müsste man daraus für Filmfestivals ziehen?

(Dubai Filmfestival 2010; Copyright: The AIRSCREEN Company / Christian Kremer ( Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

 

Urvertrauen des Publikums in die kuratorische Festivalarbeit

Filmfestivals sind DER Ort, an dem das Independent-Kino sein Zuhause hat. Handverlesen zeigt jedes Festival gemäß seiner selbstgegebenen inhaltlichen Ausrichtung die besten Werke der Saison, national wie international. Das Ungewöhnliche: Es gibt ein eigenes Publikum für diese Filme, fast überall boomen die Filmfestivals und Besucherrekorde werden nicht selten im Jahresrhythmus pulverisiert. Die Gründe dafür sind vielschichtig: In vorderster Linie steht natürlich das Gefühl der Exklusivität, den Stars und den Machern der Filme auf Augenhöhe im Kinosaal begegnen zu können. Dass man damit zugleich häufig noch das zweite zentrale Moment erfüllt, weswegen Kino auch langfristig nicht verschwinden wird, ist umso besser: das Q&A, das Publikumsgespräch. Nach zwei Stunden im dunklen Kinosaal und dem Einlassen auf eine fremde Welt, die einen idealerweise mit allen Sinnen in seinen Bann gezogen hat, gibt es ein Redebedürfnis. Über Gesehenes sprechen lautet das Motto. Den Machern mehr über die Entstehungshintergründe zu entlocken, gerade erlebte Gefühlswelten zu offenbaren und zu hinterfragen. Das ist ein Teil des Mysteriums Kino, das man auch nicht im noch so gut ausgestatteten Heimkino-Wohnzimmer nachempfinden kann. Wenn dann noch die kuratorische Arbeit des Programmmachers über die Jahre immer größere Beliebtheit erfährt, kommt es zu einem Urvertrauen des Festivalpublikums - man nimmt sich Urlaub, geht so oft wie möglich ins Festivalkino und lässt sich überraschen. Der Blick ins Programmheft wird zusehends unnötig, da das Vertrauen auf die Qualität des Festivals und dessen Filme unerschöpflich scheint. Stets verbunden mit wenigen Personen.

 

Kino als permanentes Filmfestival?

Also: Sollte das Erfolgsmodell Filmfestival dann nicht am besten auf das alltägliche Kino übertragen werden? Als permanentes Festival? Anstatt den Eventbegriff zu verteufeln, sollte man die Leistungen der Festivals mehr anerkennen. Reflexartig wehren sich dann an dieser Stelle die Kinomacher, die sagen: Das können wir weder personell noch finanziell leisten. Als privatwirtschaftlich arbeitende Institutionen sind gerade Programmkinos in der Tat Zwängen ausgesetzt, mit denen Festivals durch die Förderung der öffentlichen Hand und zusätzliche Sponsoren weniger umgehen müssen. Ein "Event" könne man im Alltag nicht organisieren, dazu fehle vor allem die Manpower im Kino.

 

"Kann man es einem Kinobesitzer übel nehmen?"

Thomas Frickel schrieb in seinem Aufruf auf der Homepage der AG DOK: "Wer heute im Arthousesektor ein Kinounternehmen führt, wer ein kommunales Kino leitet, wer Filme zum Publikum bringen will, braucht viele Qualifikationen. Eine der wichtigsten ist die Kuratoren-Rolle. Sie ist nicht nur zeit- und kostenintensiv, sondern auch oft frustrierend. Denn wenn das Publikum trotz aller Informationsarbeit ausbleibt, ist das Kino als Wirtschaftsbetrieb dreifach gekniffen: Es zahlt den zusätzlichen Werbeaufwand aus eigener Tasche, es zahlt dem Verleih die Mindestgarantie - und es verliert möglicherweise Einnahmen, die es in der gleichen Zeit mit der Programmierung eines Arthouse-Blockbusters hätte erzielen können. Kann man es einem Kinobesitzer übel nehmen, der so rechnet?" Verwunderlich erscheinen die Unterschiede zwischen Kino und Festival demnach also nicht, ebenso die Verschiebung der Auswertungsplattform für den Independent-Film hin zum Filmfestival.

 

450 Filmfestivals in Deutschland - doch der Fehler liegt im System!

Doch woher haben die Filmfestivals eigentlich all die vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die flächendeckend in der Bundesrepublik in Groß- wie Kleinstädten für Höhepunkte im Kulturkalender sorgen? 450 Filmfestivals gebe es laut Medienwissenschaftlerin Tanja C. Krainhöfer aktuell in Deutschland. Die meisten sind in einer Vereinsstruktur organisiert, der Großteil der Arbeit wird ehrenamtlich geleistet. Aus purer Leidenschaft für den Film. Für die Macher. Und für die Stadt, in der das Festival stattfindet. Insgesamt ist das ein Modell, das sich Politiker allerorten gerne zunutze gemacht haben. Kaum eine Eröffnungsrede vergeht ohne das Lob des Ehrenamtes, der Applaus für die angesprochenen Personen ist immer am größten. Doch hierin liegt der Fehler im System. 

 

Der Motor einer ganzen Branche

"Während die Kommunen, Gemeinden und Länder nur allzu gern die von den Festivals geleistete Kulturvermittlung und Bildungsarbeit zum Standortmarketing nutzen, fehlt ein Verständnis seitens der Kulturpolitik, Festivals auch als Wirtschaftsbetriebe und Arbeitgeber wahrzunehmen, als immer wichtiger werdende Auswertungsplattform für Filme, als Motoren einer ganzen Branche mit Strahlkraft weit darüber hinaus. Eine Studie zur Umwegrentabilität der Berlinale ergab, dass für jeden Euro Förderung vier Euro Profit in der lokalen Wirtschaft im Umfeld des Festivals generiert werden. Festivalarbeiter, die dies erst möglich machen, bekommen jedoch nichts oder kaum etwas vom Geldfluss ab, stattdessen werden Gelder für Werbung, Reisekosten und Unterbringung aufgewendet oder sie sind streng zweckgebunden. Und so dürfen Projektmittel für Post-its ausgegeben werden, jedoch nicht für Personal. Festivals erwirtschaften einen hohen ideellen Profit, der monetäre Profit geht jedoch an Hotels und die Bahn", schreibt Linda Kujawski im KurzfilmMagazin auf shortfilm.de.

 

Topausgebildete Tagelöhner

Filmfestival-Arbeiter sind hervorragend ausgebildet, die meisten haben einen oder mehrere Hochschulabschlüsse. Vor allem bei den mittelgroßen Filmfestivals der Bundesrepublik (in der Regel mit 10.000 bis 20.000 Besuchern im Zeitraum einer Woche) gibt es zumeist Werkverträge über wenige Monate, was die mittlere Organisationsstruktur zu einem Konglomerat aus topausgebildeten Tagelöhnern macht, die - stets zeitlich aufeinander abgestimmt - über zwei bis vier Filmfestivals in Deutschland tingeln und ihr Privatleben ohne festen dauerhaften Wohnsitz dafür hintanstellen. Wo bislang selbstausbeuterisch oder gar ehrenamtlich gearbeitet wird, sind exzellent ausgebildete Profis am Werk, die sich als moderne Nomaden am Rande des Existenzminimums verdingen und nach wenigen Monaten zum nächsten Festival weiterziehen. Zwölf- bis 14-Stunden-Tage seien die Normalität. Von einem Mindestlohn können viele nur träumen. Altersvorsorge und Sozialleistungen sind Sache des Einzelnen, von der Familienunfreundlichkeit der Arbeitsstruktur ganz zu schweigen - wie die Veranstaltung der neu gegründeten Festivalarbeiterbewegung beim letztjährigen DOK Leipzig im November zeigte.

 

Festivalarbeiter dieses Landes, organisiert Euch!

Erstmals haben sich die Festivalarbeiterinnen und Festivalarbeiter organisiert. Ludwig Sporrer (DOK.fest München), Alexandra Hertwig (Kasseler Dokfest), Andrea Kuhn (Filmfestival der Menschenrechte Nürnberg) und die Leipziger Programmleiterin Grit Lemke riefen 2016 die Initiative "Festivalarbeit gerecht gestalten" aus, die sich gegen diese strukturelle Selbstausbeutung bei Filmfestivals richtete. Mit den 70 anwesenden Festivalmachern aus ganz Deutschland wurde analysiert, dass Saisonarbeit, Werksverträge und Vergütungen weit unter Mindestlohnniveau bei kompletter Eigenverantwortung für die soziale Absicherung bislang die erschreckende Regel sind. Aus der vierstündigen Veranstaltung heraus wurde beschlossen, dass während der Berlinale 2017 eine Folgeveranstaltung stattfinden soll, zu der jeder für ein deutsches Filmfestival Arbeitende willkommen sein soll. Ort und Datum werden noch bekanntgegeben. (Bei Interesse kann man sich unter kontakt@festivalarbeit.de in den E-Mail-Verteiler aufnehmen lassen, auch ein Facebook-Auftritt der Initiative existiert: facebook.com/festivalarbeit). Explizit soll sich diese Bewegung übrigens weder für noch gegen die Festivalleiter richten - es gehe vor allem um soziale Gerechtigkeit, weswegen man in Leipzig in die Gewerkschaftszentrale von ver.di einlud. Dass kürzlich nun die Nicht-Verlängerung des Vertrages von Grit Lemke beim DOK Leipzig verkündet wurde, nachdem sie über 27 Jahre dort als Kuratorin gearbeitet hatte, mutet fast wie ein bitterlich-ironischer Beweis für die Richtigkeit der Thesen der von Lemke mit gegründeten Initiative an. 

 

Für unsere Indies: Filmfestivals als kommerzielle Auswertungsplattform

Was also muss die Forderung sein, wenn Filmfestivals so bedeutsam für die Independent-Szene sind? Wenn "Festivalfilme" ihr Publikum vor allem auf den Festivals finden? Dann muss dies auch als ökonomischer Faktor seine Berücksichtigung finden. Blickt man unvoreingenommen auf das aktuelle Filmsystem in Deutschland, so ist der Schluss eindeutig: Filmfestivals müssen als kommerzielle Auswertungsplattform anerkannt werden! Mit eigenen Auswertungswegen: Nach dem Festival wären die Möglichkeit des day-and-date-release (online zum Ende des Festivals) und gezielte Veranstaltungen an Off-Spielstätten sinnvoller als eine erzwungene Kinoauswertung, die weniger den Filmen selbst als den Verleihern und den Kinos nutzt. Wir brauchen eine Trennung zwischen Filmen, die mit ökonomischem Erfolg ausschließlich und direkt ins Kino kommen, und den unabhängigen Filmen, die zuvor auf Festivals laufen und im Arthouse-Sektor anzusiedeln sind. Denn die Festivals sind bereits heute die wichtigste Plattform für den Independent-Film. Durch die Masse an Filmen ist kuratorische Auswahl wichtig. Was dort läuft, ist en vogue. Die künstlerische Haltung spiegelt sich auch in der Haltung des Programmers wider. Die Verantwortung der Filmfestivals (über angegliederte Filmmärkte für die Branche hinaus) muss auch ökonomisch anerkannt werden, beispielsweise in den Filmfördergesetzen des Bundes und der Länder. Filmfestivals könnten mit Kinos zumindest gleichgestellt werden. Eine Neubewertung der in Deutschland existierenden Abspielstruktur wäre aber in jedem Falle sinnvoll und wünschenswert. Im Sinne der lebendigen Indie-Szene, die auf Festivals mehr denn je pulsiert.

 

(Urs Spörri)

 

Urs Spörri kuratiert und moderiert deutschsprachige Kinoreihen im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt/M., vor allem in Kooperation mit der Fachzeitschrift epd film die Filmreihe "Was tut sich - im deutschen Film?" samt ausführlichen Werkstattgesprächen mit den Filmemachern. Seine regelmäßigen Festivalstationen sind das Filmfest München, der Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken, die Berlinale, das Festival des deutschen Films in Ludwigshafen sowie die Hofer Filmtage. Außerdem hat er selbst jahrelang das FILMZ Festival in Mainz in führender Position mitverantwortet.