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17 27/10

Fast ein Making-Of von "Wonder Woman" – Angela Robinson im Gespräch über "Professor Marston and the Wonder Women"

Es ist das perfekte Timing: Nachdem Patty Jenkins mit ihrer Wonder Woman im Sommer dieses Jahres einen kleinen Superheldinnen-Hype ausgelöst hat, kommt mit Professor Marston and the Wonder Women das passende Biopic zum Wonder Woman-Erfinder James Marston. Anfang der 1930 Jahre lebte der Psychologieprofessor mit seiner Frau Elizabeth in Harvard, entwickelt den Lügendetektor und verliebt sich in die Studentin Olive Byrne, die Nichte der Frauenrechtlerin Margaret Stranger. Die drei beginnen eine polyamouröse Beziehung, leben unter einem Dach und haben sogar mehrere Kinder miteinander. Die Regisseurin Angela Robinson hat diese Anekdote der Comicgeschichte mit Rebecca Hall, Bella Heathcote und Luke Evans in den Hauptrollen verfilmt. Anna Wollner traf die Regisseurin im Rahmen der Weltpremiere beim Filmfestival in Toronto zum Interview.


(Bild aus Professor Marston and the Wonder Women; Copyright: Sony Pictures Releasing)

Mrs. Robinson, Sie haben vor über acht Jahren mit den Recherchen angefangen. Dennoch könnte mit dem ganzen Hype um „Wonder Woman“ und die Comicverfilmungen von Patty Jenkins das Timing nicht besser sein, oder?

Es ist fast schon absurd. Alle gratulieren mir zu meinem perfekten Timing, dabei war der Weg zum fertigen Film alles andere als einfach. Ich habe vier Jahre lang zusätzlich zu meinem ganz normalen Fernsehjob nächtelang durchgearbeitet, das Drehbuch geschrieben, mich um die Finanzierung gekümmert. Immer wenn wir alles zusammen hatten, ist irgendein Steinchen wieder rausgefallen und ich musste von vorne anfangen. Das Timing ist reiner Zufall, könnte aber, da haben Sie recht, besser nicht sein.

Die Geschichte, die Sie über James Marston, den Erfinder von „Wonder Woman“ erzählen, ist – bisher zumindest – recht unbekannt. Wie haben Sie diese fast schon absurd wirkende Randnotiz der Comicgeschichte gefunden?

Ich habe als ganz normale Wonder Woman-Verehrerin angefangen. Für meinen ersten Spielfilm hat mir ein Freund ein Buch über Wonder Woman geschenkt. Beim Durchblättern bin ich über das Kapitel über die Marston-Familie gestolpert. Ich hatte ja keine Ahnung von der Geschichte. Sekunde, die haben den Lügendetektor erfunden? Die hatten diese unkonventionelle Beziehung? Dann haben sie Wonder Woman erschaffen? Er war eigentlich Psychologe? Die ganze Geschichte war zu unglaublich, um wahr zu sein. Und vor allem, dass sich keiner dafür interessiert hat. Ich konnte nicht glauben, dass diese Geschichte so lange ein Schattendasein in den Geschichtsbüchern pflegte.

Was waren Ihre Quellen für den Film?

Ich habe alles gelesen, was ich in die Finger bekommen habe. Vor ein paar Jahren war das wissenschaftliche Interesse an den Marstons plötzlich sehr hoch. Er selbst hat ein paar Bücher geschrieben, ich bin tief in seine Theorien über Psychologie eingetaucht. Ich war im Smithsonian in Washington, um seine handschriftlichen Briefe zu lesen, und habe eigene Recherchen angefangen. Ich habe gar nicht bewusst getimt, dass der Film dieses Jahr fertig wird. Ich sehe mich eher als Teil einer Bewegung, die ein ganz besonderes Interesse an Wonder Woman hatte, die in diesem Jahr ihren Höhepunkt hat. Eine Art Wonder Woman-Renaissance.


(Bild aus Professor Marston and the Wonder Women; Copyright: Sony Pictures Releasing)

Wie schwer war es, Details über das Privatleben der Marstons herauszufinden?

Es gibt viele Tatsachen im Leben der Marstons, die unbestritten sind, auf die sich alle einigen können. Dann gibt es aber viele Tatsachen, die noch frei interpretierbar sind. Der Film ist definitiv meine Interpretation meiner Recherchen. Der interessanteste Gedanke an der ganzen Geschichte war für mich die unkonventionelle Liebesgeschichte. Und das Wonder Womans Entstehungsgeschichte von diesen beiden Frauen inspiriert wurde. Marstons Ideen von Sexualität, Feminismus und Gender. Er hat mit der Figur der Wonder Woman ganz vorsätzlich psychologische Propaganda betrieben. Er wollte einer ganzen Generation von Jungen und Männern beibringen, starke Frauen zu respektieren.

Wie würden Sie die Liebesgeschichte der drei beschreiben?

Mich hat am meisten überrascht, wie viel Liebe in dieser Familie steckte. Trotz all der Opfer, die jede(r) von ihnen bringen musste, um dieses gemeinsame Leben leben zu können. Als Filmemacherin wollte ich mich ihrem Leben vorurteilsfrei annähern. Ich wollte einfach eine organische, romantische Liebesgeschichte erzählen und dem Publikum zeigen, was es bedeuten kann, sich zu verlieben. Ich hatte sehr viel Glück mit meinem Cast, denn sie haben sich während der Dreharbeiten vor der Kamera wirklich ineinander verliebt. Das merkt man in jeder einzelnen Sekunde.

Wenn man sich den Film anguckt, hat man oft gar nicht das Gefühl, dass er diesen historischen Anstrich hat. Er wirkt – zumindest von der Geschichte her – sehr aktuell. Zufall?

Nein. Als ich mit meinen Recherchen anfing, war ich überrascht, wie zeitgemäß die Geschichte auch heute noch ist. Um ehrlich zu sein, waren die Drei selbst unserer Zeit heute noch voraus. Nur weil es in der Vergangenheit passiert ist, heißt das ja nicht, dass die Leute damals alle spießig waren. Als ob die Leute damals keinen Sex oder Beziehungen gehabt hätten. Aber natürlich gibt es das schon immer. Seit Anbeginn der Zeit. Wir haben da nichts erfunden. Es hat auf eine traurige Art Spaß gemacht rauszufinden, dass sich unser Toleranzlevel im Vergleich zu damals kaum verändert hat.


(Bild aus Professor Marston and the Wonder Women; Copyright: Sony Pictures Releasing)

In Superheldenfilmen geht es auch immer um die doppelte, die heimliche Identität des Helden. Ihr Film spielt genau damit, aber auf eine ganz andere Art und Weise. Wie haben Sie diesen Ansatz entwickelt?

Die Marstons hatten auf so vielen verschiedenen Ebenen Geheimnisse in ihrem Leben. Er hat unter einem Pseudonym geschrieben, sie haben viele Lügen erschaffen, um zu erklären, warum Olive bei ihnen wohnt. Aber sie haben vieles davon ganz offensichtlich, sichtbar für alle versteckt. Vieles davon hat er genauso in die Erschaffung der Comics gesteckt. Was für eine zugleich aufregende und dramatische Idee. Das hat schon was von einem Superhelden.

Haben Sie zu Wonder Woman eine besonders persönliche Beziehung?

Ich habe ja selbst als Wonder-Woman-Fan angefangen, deswegen war mir besonders wichtig, nie den Respekt vor der Figur zu verlieren, aber genauso nie den Respekt vor ihren Fans. Für jeden hat sie eine andere Bedeutung, das darf man nicht unterschätzen. Für mich ist sie eben eine ganz außergewöhnliche Figur. Patty Jenkins’ Wonder Woman zu gucken, war für mich eine ganz neue emotionale Erfahrung. Ich habe geweint. Und ich dachte, ich sei die einzige, einfach weil ich mich so lange mit ihr beschäftigt habe. Aber später habe ich in vielen Gesprächen herausgefunden, dass es vielen so ging. Frauen und Männern. Jungen und Alten. Ich habe an mir selbst gezweifelt, dachte, ich sei eine Memme. Aber dann habe ich festgestellt, dass ich nicht allein war. Wonder Woman macht großen Spaß, eine weibliche Superheldin dominiert den Film, hat so viel Screentime wie sonst noch nie eine Frau in einer Comicverfilmung gehabt hat. Irgendwann fiel mir auf, dass ich so etwas noch nie gesehen habe.

Was für eine traurige Feststellung im Jahr 2017.

Ja, ein Zeichen, dass wir noch immer am Anfang sind. Die drei größten Superhelden der Moderne sind Batman, Superman und Wonder Woman. Superman hatte mehrere Franchises und Reboots, genauso wie Batman. Aber mal ganz ehrlich: Wie oft müssen wir noch Batman dabei zusehen, wie er als Kind in einer dunklen Gasse mit ansehen muss, wie seine Eltern erschossen werden. Immer und immer wieder. Und was ist mit Wonder Woman? Nichts, kein einziges Filmabenteuer, als würde sie auf der Kinoleinwand gar nicht existieren. Bis Batman vs Superman kam.

In Patty Jenkins „Wonder Woman“ fehlt eine Schlüsselszene, die dafür bei Ihnen vorkommt: Die Genese von Wonder Womans Kostüm. Sie füllen damit eine Leerstelle.

Stimmt, so habe ich das noch gar nicht gesehen. Ich habe viele Easter Eggs im Film versteckt, die definitiv nur Wonder Woman-Fans entschlüsseln können. Eines davon war eben die Genese des Kostüms. Elisabeth trägt einen Geparden-Mantel. Fans wissen natürlich, dass Cheetah ihre Erzfeindin ist. Genauso wie die Silberarmbänder, die ihr Markenzeichen werden. Das Lasso der Wahrheit als Pendant zum Lügendetektor. Das herauszuarbeiten war ein großer Spaß.


(Trailer zu Professor Marston and the Wonder Women)

Wie erklären Sie sich den Hype um Wonder Woman heute im Jahr 2017?

Marston hatte ganz bestimmte Vorstellungen von Sex, Frauen und Liebe. Grob zusammengefasst war seine Ausgangsidee, dass Männer von Natur aus gewalttätig und anarchisch sind und Frauen von Natur aus eben liebend und pflegend. Er dachte, der Weg zum Frieden sei, dass Frauen an die Macht kämen. Er hat einfach gesehen, dass Männer nur Mist bauen. Er ging davon aus, dass mit Frauen in Führungspositionen Hitler nie an die Macht gekommen wäre – es waren ja immerhin die 1930er, in denen er lebte. Aber ihm war klar, dass Männer niemals freiwillig ihre Macht aufgeben würden. Männer würden aber alles für eine Frau tun, wenn sie ihre Faszination ausspielen würde, ihre sexuelle Attraktion. Dann würden Männer tun, was Frauen wollen. Frauen könnten das ausnutzen, die Macht übernehmen, den Männern beibringen zu lieben und dann gäbe es endlich Frieden auf der Welt. Wonder Woman war und ist die einzige Superheldin, die erschaffen wurde, um Frieden zu bringen und den Krieg zu stoppen. Es ging ihr nie um Vergeltung oder richtig und falsch. Deswegen sehnen wir uns gerade so nach ihr. Denn der Welt geht es nicht gut. Wonder Womans Kernbotschaft der Liebe, sich nicht gegenseitig umzubringen und die Welt zu zerstören, hat gerade heute besonders viel Kraft.