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15 04/03

Endgegner! Wir brauchen Endgegner! - Sitzplatzerhöhung - die Kinderfilm-Kolumne

Ich habe seit Monaten ein schlechtes Gewissen. Ich bilde mir gerne etwas darauf ein, wie sensibel ich auf die Reaktionen meiner Kinder zu reagieren imstande sei, aber wir täuschen uns ja alle gerne über unsere eigenen Fähigkeiten. So saßen wir vor einigen Monaten in der Premiere von Paddington (den ich vorher gesehen hatte und sehr mochte), als das große Kind erklärte, es wolle gehen, denn die böse Tierpräparatorin mache ihm Angst. Wir sind geblieben, weil ich glaubte, das gute Ende werde am Schluss den stärkeren Eindruck hinterlassen – aber das Kind spricht bis heute von der bösen Frau. (Den Rest mochten die Kinder übrigens sehr.)


(Filmbild aus Paddington; Copyright: StudioCanal)

Sorry, Nicole Kidman, Sie können wahrscheinlich nicht einmal was dafür.

Offenbar war mein Kind mit diesem Gefühl nicht allein, wie ich aus verschiedenen Kommentaren inzwischen weiß; die Antagonistin des Bären, die ihn nicht lebend, sondern ausgestopft sehen will, macht vielen Kindern Angst. Das liegt – so mein Eindruck – vor allem daran, wie intensiv sie inszeniert ist: vor dramatischen, dunklen Szenerien, von unten gefilmt und deshalb riesenhaft-bedrohlich. Kurzum: Kidman ist als Millicent aus filmhistorischer Perspektive überdeutlich und von Anfang an als Bösewicht inszeniert. Für etwas sensiblere (und vielleicht nicht so sehr ans Fernsehen gewöhnte) Kinder kann das aber, insbesondere im Kinosaal, durchaus Angst machen: Da wirkt die Bedrohung, so ist Kino, überlebensgroß.

Gerade bei Paddington aber stellt sich die Frage: Warum eigentlich? Die Erzählungen von Michael Bond – kleine Miniaturen, die in den bisherigen Verfilmungen als Trickserien nur wenige Minuten dauern – kennen keine solche Figur, Antagonist/innen gibt es darin allenfalls sehr sanfter Natur. Offenbar wurde für den Spielfilm ein Spannungsbogen gesucht, der über 95 Minuten trägt, und im Grunde ist die Variation, Paddington als Parabel über Immigration und Fremdenfeindlichkeit zu erzählen, nicht nur originell und zeitgemäß, sondern auch gelungen.


(Filmbild aus Paddington; Copyright: StudioCanal)

Aber. Der Zuschnitt auf einen "Endgegner", um mal einen Begriff aus Computerspielen zu verwenden, auf eine Antagonistin, die es zu überwinden (und hier auch de facto: zu besiegen) gilt, ist problematisch, weil er die Probleme aufs Persönliche reduziert. Dazu bedient er sich einer Struktur, die der Abenteuerfilm, vor allem aber das Actionkino kennt: ein Oberbösewicht muss besiegt werden, und alles wird gut.

So einfach ist die Welt aber nicht; und vielleicht muss man das es auch nicht unbedingt zum Strukturelement von Kinderfilmen machen. Der kleine Rabe Socke etwa – für wirklich kleine Kinder gedacht – geht das Problem direkt an: Hier gibt es keine Gewinner, keine Verlierer, und der eigentliche "Endgegner" ist der Protagonist selbst, der eine Lektion zu lernen hat. Das ist Charakterentwicklung und eigentlich Kern jeder guten Geschichte. Das wäre vielleicht auch etwas für Paddington gewesen. Oder Manolo und das Buch des Lebens: eine Variation auf die uralte Orpheus-und-Euridyke-Geschichte, komplex und lebendig, in der nicht immer klar ist, wer gut, wer böse ist – weil das Leben ja auch mehr als fünfzig Grautöne bzw. richtig viele Farben hat.


(Filmbild aus Der kleine Rabe Socke; Copyright: Universum Film)

Aber natürlich darf es auch dramatisch zugespitzte Abenteuergeschichten für Kinder geben. Aber dann ist es halt auch doof, wenn sie glauben, ihre Antagonisten als tumbe Tore darstellen zu müssen, wie das die furchtbaren Fünf Freunde-Filme tun. Und Kinderfilme können das unter Umständen besser als die für Erwachsene: Antboy 2 – Die Rache der Red Fury, der im Sommer in die Kinos kommt, lässt seiner Antagonistin die Möglichkeit offen, zu verstehen, dass ihre Rache, ihr Wut und ihr Zorn, zu nichts Gutem führen.

Wenn der Bösewicht bekehrt wird: Antboy 2 (in dessen erstem Teil, das muss man gestehen, der – erwachsene – Bösewicht als unbekehrbar im Knast landet) lässt seinen Bösewichten mehr Chancen auf Einsicht und Komplexität, als dies die meisten "erwachsenen" Superheldenfilme tun, an deren Ende für den Bösewicht nur Kerker oder Tod stehen kann.

(Rochus Wolff)

Rochus Wolff sucht in seinem Kinderfilmblog, wenn seine Zeit es ihm erlaubt, nach dem guten, schönen, wahren Kinderkino.