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17 29/05

Eine Verteidigung des (nervigen) Publikums

Wenn Figuren in einem Film ins Kino gehen, dann ist das Geschehen auf der Leinwand für sie oft eher nebensächlich. Statt der Handlung zu folgen, unterhalten sie sich, Liebespaare kommen einander näher, früher wurde geraucht. Zudem ermutigt der abgedunkelte Raum zu allen Aktivitäten, die von Zwielicht und Verborgenheit profitieren. Auch die Kamera schaut meist in die umgekehrte Richtung, in die eigentlich falsche, von der Leinwand weg ins Publikum hinein. Das hat nichts mit einer Geringschätzung gegenüber dem jeweiligen Film oder gar dem Medium an sich zu tun, im Gegenteil. Manchmal soll die Wirkung des Films gezeigt werden, erfahrbar durch den Glanz in den Augen der Zuschauer, ihr verklärtes Lächeln und ihre Tränen. Oder aber es geht um das Kino als sozialen Raum, als Ort der Begegnung.


(Filmstill aus Gremlins. Copyright: Warner Bros.)

Tatsächlich werden immer, wenn die Kamera durch die Zuschauerreihen fährt oder Menschen unter dem Lichtstrahl des Projektors zeigt, allein dadurch umstrittene Thesen aufgestellt: Dass es beim Kinobesuch nicht nur um den Film geht, so wie es im Theater nicht nur um das Stück oder im Museum nicht nur um die Kunstwerke geht. Dass ein Publikum eine Bereicherung darstellt, einen Mehrwert gegenüber dem Heimkino, oder sogar: Dass es kein Kino ohne Publikum gibt. Dass diese Thesen umstritten sind, haben nicht zuletzt die vergangenen Wochen gezeigt, als die ohnehin allgegenwärtige Frage um die Zukunft des Kinos als physisches Gebäude wieder einmal lauter gestellt wurde. Doch bei dieser Diskussion geht es nicht nur um technische und wirtschaftliche Fragen, sondern auch um solche, die das menschliche Zusammenleben betreffen, das Verhalten im öffentlichen Raum. Ein Teil der Kinoerfahrung gilt als besonders störend: Das Publikum hat – vielleicht zu Unrecht - einen schlechten Ruf.

Die Kinopublikumsschelte ist längst zum Standardtext geworden. Wo auch immer es um Film geht, erscheint sie in regelmäßigen, vorhersehbaren Abständen. Es handelt sich um eine Schmähschrift gegen das Kino, die sich als Belehrung des Popcorn-Pöbels tarnt. Mittlerweile gibt es Hunderte dieser Suaden. Sie klingen im immer gleichen Ton zwischen soziologischer Fallanalyse und dem Tagebuch eines Entdeckers aus der frühen Kolonialzeit, der mit Staunen und Herablassung die Riten primitiver Urvölker beschreibt. Diese Texte basieren auf einem simplen Grundgedanken: Der Umgang mit anderen Menschen hat seine Nachteile. Sie nehmen Platz weg, den man gerne mit sich selbst füllen würde, ihr Geruch ist von variierendem Liebreiz, manche sind klebrig oder geben Laute von sich.

Im Kino essen – nein, fressen! – sie pausenlos und eimerweise Popcorn, stets im forte fortissimo, den ganzen Film über, und als wäre der Boden ihrer Knabberei-Mülltonnen über ein magisches Portal mit der Puffmais-und-Feuer-Dimension verbunden, gehen ihre Reserven niemals zur Neige. Dazu schlürfen sie uferlose Softdrink-Ozeane und verpesten die Luft mit letaltoxischen Nacho-Schwaden. Als säßen sie in ihrem eigenen Wohnzimmer, unterhalten sich diese RTL2-Proleten über den gesamten Saal hinweg, lauter als die Summe aller Manowar-Konzerte. Mit ihren Mobiltelefonen veranstalten sie eine Lichtshow, welche die Augen aus den Orbitae schmelzen lässt, telefonieren unentwegt oder spielen knallbunte Videospiele und ihre Tastentöne haben sie auch nicht ausgeschaltet. Dabei hat man an der Kinokasse immerhin 400 Euro bezahlt und so weiter und so fort.


(Filmstill aus Kap der Angst. Copyright: Universal Pictures Germany GmbH)

Mit großer Geste ärgert man sich über alle, die sich als Hauptdarsteller aufführen, während man selbst sie auf Dekoration reduzieren will. Es bleibt ein etwas fragwürdiger Tenor, in etwa: Das Kino ist schon okay – etwas teuer vielleicht –, aber all diese Menschen nerven.

Oft wird diese doch eher bescheidene Erkenntnis dann noch als neuer Gedanke verkauft, als Reaktion auf Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit. So schreibt etwa Kritikerin Anne Billson in einem dieser Zuschauertadel-Texte: „There was a time when no-one did anything at the cinema except watch the film […]“. Eine Wunschvorstellung, allzu leicht als nostalgische Illusion zu entlarven, die allein schon von der Selbstdarstellung des Kinos regelmäßig widerlegt wird. Fakt ist: Man könnte sicher ganze Bücher mit Frontberichten der Schlacht um den Raum „Kino“ füllen, wobei die verschiedenen Fraktionen schwer zu benennen sind; auch, weil sie sich permanent verändern. Schon in den 1910er Jahren wurden in der Zeitschrift Der Kinematograph die „Rüpeleien halbwüchsiger Burschen“ beklagt. Manch große Streitfrage wurde vom Zeitgeist beiseite gefegt, man denke nur an Kopfbedeckungen, die jahrzehntelang als besonders Ärgernis galten. Kinopionier D. W. Griffith drehte sogar einen Kurzfilm namens Those Awful Hats, in dem eine Dame, die partout ihren übergroßen Hut nicht abnehmen will, mit einer Art Baggerschaufel aus dem Saal befördert wird.

Heute gibt es andere Vergehen, die jedoch nicht minder schwer bestraft werden. Störende Kinobesucher wurden bereits beschimpft und verprügelt, manchmal eskalieren Streitigkeiten auf unangenehmste Weise. Mehrfach riefen Gestörte (im Doppelsinne?) die Polizei an. Zuletzt verklagte ein Texaner seine Begleitung, weil sie das gemeinsame Filmerlebnis durch SMS zerstört hatte. Ein Vorgang, der in den sozialen Netzwerken stellenweise gefeiert wurde.

Der letzte Fall zeigt: Die (trotz mancher Bemühungen) ungeschriebenen Gesetze des Kinos werden nach der Empfindung einiger so sehr missachtet, dass man es für eine Art Wilden Westen halten muss, in dem entweder krude Selbstjustiz verübt oder das reguläre Gesetz wie ein Sheriff hinzugeholt wird. Der Zorn vieler Kinogänger auf Teile des Publikums ist sicher auch eine Reaktion auf das seltsame Gefühl von Gleichgültigkeit, dass durch die Multiplex-Gänge und Säle weht. Großen Ketten gelingt nur selten, klar für eine bestimmte Form der Interaktion mit dem jeweiligen Film zu werben oder diese sogar zu forcieren. Mit stetig schrumpfendem Teilzeit-Teenager-Personal und einem Filmvorführer für zahllose Leinwände sind viele Ketten kurz davor, endgültig zu automatisierten Selbstbedingungsmaschinen zu werden.


(Filmstill aus What Time Is It There. Copyright: StudioCanal)

Am anderen Ende des Spektrums stehen die Kinobetreiber, die angesichts schwindender Zuschauerzahlen und in einem Anfall von falsch verstandenem Populismus ihr eigenes Kerngeschäft aufgeben. Sie setzen ein Halb- bis Desinteresse ihrer Kunden als gegeben voraus und resignieren gegenüber einer Welt mit Smartphone, veränderten Sehgewohnheiten und modernen Heimkinos. Erst vor einigen Monaten erklärte der CEO des Kinobetreiber AMC, Adam Aron, man denke darüber nach, Telefone im Saal zu erlauben, denn man könne „einem 22-Jährigen nicht sagen, er solle das Handy ausschalten.“ Immer wieder gibt es solche Vorstöße, die Regelverletzungen aus Bequemlichkeit einfach ins Recht überführen wollen. Mit dem Nebeneffekt, das Kino in einen Erfahrungsraum zu verwandeln, in dem einen Film zu sehen nur eine Option von vielen ist, neben Restaurant oder sogar Klettergerüsten. Es ist vorrauseilender Gehorsam gegenüber den ewigen Apokalyptikern.

Diese beiden Gruppen, wütende Desperados wie kinohassende Kinoleiter gleichermaßen, eint ihr fehlendes Vertrauen ins Publikum, vielleicht sogar der Wunsch, es abzuschaffen. Aus vielen der Todesanzeigen für das Medium, die etwa nach der Branchenveranstaltung CinemaCon im März geschrieben wurden, trieft die Vorfreude. Ein Wunsch, den Prozess zu beschleunigen. In einem der mitleidlosesten, technokratischsten Abgesänge auf das Kino schreibt Journalist Josh Dickey, Lichtspielhäuser würden sterben, weil „Hollywood das einzige aufgibt, das immer Hintern in die Sitze brachte“, nämlich „exklusive Inhalte“. Große Leinwände, besseren Ton oder „die Gemeinschaftserfahrung des verdunkelten Kinosaals“ erklärt er zur Nebensache, zu Fetischen verblendeter Romantiker und Nostalgiker.

Es muss also wieder einmal wie Stühle rücken an Deck der Titanic wirken, wenn man zur Suche nach einem funktionierenden Umgang des Einzelnen mit dem Restpublikum im gegenwärtig im Wandel befindlichen Kino aufruft. Und wie ein naiver Allgemeinplatz, wenn man erklärt, der anzustrebende Kompromiss läge zwischen zwei fragwürdigen Extremen. Doch man kann solchen Automatismen, die sich selbst als unausweichlich und pragmatisch verklären, weil sie ihre eigenen Vorstellungen für die Zukunft zementieren wollen, auch mit schadenfroher Fixierung auf vermeintliche Nichtigkeiten begegnen.

Einer der Gründungsmythen des Kinos ist die panische Flucht der Zuschauer vor dem einfahrenden Zug der Brüder Lumière – heute wohl ein unverzeihlicher Fauxpas. Dabei muss das Ziel doch eine Reaktion sein. Begeisterungsfähigkeit ist keine Sünde. Wir brauchen ein größeres Register an Interaktionsmöglichkeiten mit Filmen, kein beschränkteres. Die Beschwerden über das Publikum sind wie die ewige Kritik an der „Jugend von heute“, meist hinfällig und offensichtlich, im Idealfall aber auch eine Herausforderung, an der die Getadelten wachsen können.

Man sollte auch dem Kino glauben, mit seinen Bildern, die in den Zuschauer förmlich verliebt sind. Liest man manche Texte oder hört einigen enttäuschten Kinogängern zu, könnte man meinen, ihr Ideal wäre ein Kino voll stiller, bleicher Geister, anstatt von Menschen aus Fleisch und Blut. Wahrscheinlich ist man gleich wieder ein lächerlicher Romantiker, wenn man das gemeinsame Lachen und Weinen beschwört, die elektrisierende Atmosphäre in einem Saal, in dem gerade eine Gemeinschaft verzaubert wird. Die Faszination, die sich immer weiter ausbreitet, das gegenseitige Hochschaukeln. Das Zusammenzucken während eines Horrorfilms, das Erschrecken vor dem Erschrecken der anderen. Das magische Gefühl, wenn die Freude der Fremden die eigene wird. Die Kollektivintimität. Das waren doch keine Träume, nicht nur Wunschvorstellungen? Alles Menschliche kann nerven. Es wäre schade, es aufgrund einiger Frustmomente aufzugeben.

(Lucas Barwenczik)