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14 01/10

Eine Lanze für die feministische Filmkritik – Biss zum Abspann: Die kino-zeit.de-Kolumne

In ihrer Rede vor der UN hat Emma Watson vergangene Woche deutlich gemacht, dass "Feminismus" kein überaltertes Konzept des 20. Jahrhunderts darstellt, sondern einen noch immer notwendigen Kampf beschreibt, der allen Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht zu Gute kommt. Mit dem Argument, dass die Konstruktion festgeschriebener Geschlechterrollen nicht nur Frauen, sondern auch Männer in ihrer Freiheit beschneide, rief der Star aus der Harry Potter Reihe vor allem seine männlichen Zuhörer zu mehr Engagement auf. Ein absolutes wichtiges und richtiges Vorgehen. Denn Feminismus geht uns tatsächlich alle an. Auch und insbesondere in der Filmkritik.


(Feministische Suffragetten Parade in New York, 1912; Bildquelle: Library of Congress / Public Domain)

Das Hauptziel des Feminismus ist die Gleichberechtigung aller Geschlechter und, wie Watson ganz richtig betont, das Aufbrechen der binären Opposition zwischen weiblich und männlich. Geschlechter sollten als Punkte auf einem Spektrum statt als Gegensätze angesehen werden, sagt sie. Ein lobenswertes Ziel, dass sie mit Hilfe einer politischen Kampagne namens HeForShe verfolgt, innerhalb derer vor allem Männer für die Belange des Feminismus sensibilisiert werden sollen. Auch die feministische Filmkritik will für die Konstruktionen von Geschlecht sensibilisieren, Probleme aufzeigen und zum Umdenken auffordern, natürlich ohne sich dabei auf ein männliches Publikum zu fokussieren. Und wie jede feministische Ausdrucksform hat auch die feministische Filmkritik mit großen Vorbehalten ihres Publikums zu kämpfen. Feministische Filmkritik? Wer braucht denn das?

Wir alle! Der Film ist heutzutage das vielleicht einflussreichste Medium. Er spiegelt nicht nur den gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Status Quo wider, er konstruiert ihn auch. Insbesondere das amerikanische Blockbusterkino erreicht mit seinen Botschaften Menschen auf der ganzen Welt. Es ist naiv zu glauben, die Geschichte auf der Leinwand hätten keinerlei Einfluss auf unser Denken und Handeln. Nicht umsonst sind Medien jeglicher Art auch ein hervorragendes Propagandawerkzeug, gerade dann, wenn sie vorgeben, ausschließlich der Unterhaltung zu dienen. Aufgabe einer Kunst- und Medienkritik muss es deshalb auch immer sein, wiederkehrende Erzählstrukturen und darin enthaltene Botschaften aufzudecken, zur Diskussion zu stellen und eine kritische Auseinandersetzung zu ermöglichen.

Wenn Emma Watson beispielsweise davon spricht, dass Männer in einem kulturellen System, das von ihnen Stärke und Überlegenheit erwartet, diskriminiert werden, dann lässt sich das ohne Weiteres auf den Spielfilm übertragen. Jede Heldengeschichte, in der sich ein Mann todesmutig für seine Gesellschaft und/oder Familie aufopfert, trägt zur Konstitution eben dieser Männlichkeitsmythen bei. Und dass Frauen, selbst wenn sie im Zentrum der Geschichte stehen, oft über die Funktion eines Sehnsuchtsobjekts oder einer "damsel in distress" nicht hinauskommen, konstruiert ein Bild von Weiblichkeit, dass vornehmlich durch Passivität und Hilfslosigkeit gekennzeichnet ist. Wie stark sich Fernsehen und Kino auf unsere Geschlechterbilder und auch unser Selbstbild als Frau oder Mann auswirken zeigen beispielsweise die Studien des Geena Davis Institute on Gender and Media.

Alle Geschlechterkonstruktionen sind ungerecht, doch leidet die Frau auch heutzutage noch deutlich stärker unter diesen Zuschreibungen als der Mann. Denn wie oft wird ein Mann bei gleicher Qualifikation schlechter bezahlt als eine Frau? Wie oft wird ein Mann von einer Frau sexuell belästigt? Wie oft wird ein Junge auf Grund seiner Durchsetzungsstärke belächelt oder auf Grund seiner sexuellen Aktivitäten verurteilt? Ich wähle hier bewusst Beispiele aus unserem eigenen Kulturraum, aber es fehlen in dieser Aufzählung natürlich noch weitaus fatalere Phänomene wie Zwangsheirat oder die Tötung von weiblichen Neugeborenen.

Ich glaube, es ist illusorisch, das Problem der Ungleichheit von ganz oben aufzurollen. Natürlich können wir hierzulande eine Frauenquote in den Manageretagen verlangen, doch ist die aggressive Gegenwehr nicht nur absehbar, sondern auch nachvollziehbar, sind wir doch alle Kinder desselben Systems, das uns schon früh beibringt, wie Männer und Frauen zu sein haben. Ein Umdenken kann nur stattfinden, wenn wir das Problem bei den Wurzeln packen, wenn wir uns die Erzählungen, die modernen Mythen vornehmen, die unser Denken maßgeblich beeinflussen.

Kürzlich sah ich den Kinderfilm Der kleine Medicus, eine Kinoproduktion aus dem Jahre 2014. Ein kleiner Junge mit großem Interesse für und Wissen über Biologie und Naturwissenschaften reist mit einem Miniaturraumschiff durch den menschlichen Körper und kämpft gegen einen fiesen Bösewicht. Begleitet wird er von Lily, einer Mitschülerin. Lily ist ein Love Interest und für den Helden einzig wegen ihres Aussehens interessant. Lily ist so desinteressiert an den Naturwissenschaften, dass sie nicht einmal weiß, dass sie ein Biologiebuch besitzt. Dafür interessiert sie sich umso mehr für Mode und das Tanzcamp im nächsten Sommer. Das ist die Identifikationsfigur, die dem weiblichen Kinderpublikum geboten wird! Und das ist zugleich das Bild, das dem männlichen Publikum von seinen Altersgenossinnen geliefert wird!

Der kleine Medicus ist nur eines von vielen Beispielen. Ein Großteil der Hollywoodproduktionen und ein nicht zu verachtender Anteil des Arthauskinos hantiert mit eben solchen Geschlechtermodellen und Erzählungen, die jedoch oft weitaus subtiler daher kommen. Und je subtiler eine Botschaft, desto "gefährlicher", denn wir können nur Phänomene hinterfragen, die wir auch als solche wahrnehmen. Viele Kinozuschauer_innen sind die klassischen Zuordnungen von mutigen Helden und weiblichen Handlungsaccessoires bereits so gewöhnt, dass sie hier keine Konstruktion, sondern Normalität erblicken. Und eben hier muss Filmkritik eingreifen, Diskurse offenlegen und hinterfragen. Denn wenn Frauen auf der Leinwand marginalisiert werden, als labiler, weniger zurechnungsfähig, dümmer inszeniert werden, ihnen also nicht der selbe Respekt entgegengebracht wird wie den männlichen Figuren, wie können wir dann erwarten, dass eine Gesellschaft, die mit diesen Erzählungen von Kindheit an gefüttert wird, für die Gleichberechtigung der Geschlechter einsteht?

Die feministische Filmkritik sollte also ein Grundbaustein allen feministischen Strebens und somit auch Teil der von Emma Watson angestoßenen Kampagne HeForShe sein. Wir müssen uns damit auseinandersetzen, welche Rollenbilder wir mit dem Kino rezipieren und zu einer kritischen Auseinandersetzung mit ihnen finden. Und, um noch einmal mit Emma Watson zu sprechen, Feminismus ist keine reine Frauensache, weil Feminismus uns alle angeht. "Wir haben eine vornehmlich männliche Leserschaft" sollte kein Argument eines Magazins sein, auf feministische Filmkritik zu verzichten. Ebenso wenig sollte dieser Ansatz den weiblichen Kollegen vorbehalten bleiben. Ich wünsche mir, dass Emma Watsons UN-Rede auch in meinem eigenen beruflichen Umfeld etwas bewirkt. HeForShe, liebe Kollegen! Haut in die Tasten!

(Sophie Charlotte Rieger)

Sophie Charlotte Rieger, in den Weiten des Internets auch als filmosophie bekannt, schreibt hauptberuflich über Film. Sie ärgert sich viel und gerne über Sexismus auf der Leinwand und freut sich, wenn ihr jemand dabei zuhört. In einsamen Momenten versucht sie via Selbstanalyse ihre paradoxe Twilight-Faszination zu verstehen. Bislang ohne Ergebnis.

Bisherige Kommentare

(Anzeige: 1 von insgesamt 1)
Von: Peter Jebsen am: 02.10.14
Re: "(...) Um noch einmal mit Emma Watson zu sprechen, Feminismus ist keine reine Frauensache, weil Feminismus uns alle angeht." Dies kann ich nur mit voller Inbrunst unterstreichen. Ich kann mir keinen halbwegs selbstbewussten Mann vorstellen, der mit diesen Zielen (laut Wikipedia) ein Problem hat: "Feminismus ist sowohl eine akademische als auch eine politische Bewegung, die für Gleichberechtigung, Menschenwürde, die Selbstbestimmung von Frauen sowie das Ende aller Formen von Sexismus eintritt." Das sollte unter aufgeklärten Menschen doch eigentlich der kleinste gemeinsame Nenner sein.