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14 02/10

Eindrücke und Enthüllungen: Flahertiana 2014 - Ein Festival-Rückblick

Zurück aus dem "fernen Land". Ich war in Perm. Der Stadt, die als Tor zu Sibirien gilt, deren Name aber nichts mit Permafrost zu tun hat, sondern finnischen Ursprungs ist und "weites, fernes Land" bedeutet. Ich war dort im Kino, in der Oper und im Gulag. Ja, als FIPRESCI Jury Mitglied kommt man herum.

Hingefahren bin ich mit einigen Bedenken, vielen Erwartungen und einem Koffer voller warmer Klamotten. Erstere habe ich dort verloren, letztere gar nicht gebraucht. Wer kann schon ahnen, dass Perm seinen Sommer ausgerechnet vom 21. bis 28. September nachholt, in Form eines farbenprächtigen, luftig warmen Indian Summer, wie bestellt zum 14. Flahertiana Festival.


(Indian Summer in Russland - Bild: Kirsten Kieninger)

Ein internationales Dokumentarfilm-Festival mitten in Russland, benannt nach dem US-amerikanischen Filmemacher Robert Flaherty (1884-1951). Dessen Nanook of the North ist in Form des Festival-Awards „Nanook" präsent in der Millionenstadt am Kama-Strom.

Dieses Jahr, passend zu Flahertys 130. Geburtstag, war auch Flahertys Ur-Enkel Sami van Ingen vor Ort. Der finnische Filmemacher hat mithilfe von Tonaufnahmen, die seine Großtante Monica Flaherty 1975 zusammen mit Richard Leacock angefertigt hat, einen Stummfilmklassiker seines Urgroßvaters zu neuem Leben erweckt. Die Vorführung von Moana, restauriert in 2K und mit frischer Tonspur, war nur eines der vielen Highlights und Überraschungen, die das Festival und Perm rund um den Internationalen Wettbewerb zu bieten hatte.


(Don Edkins darf Geschirr zerdeppern - Bild: Coutesy of Flahertiana)

Los ging es mit einem wortwörtlich durchschlagenden Eröffnungsbrauch: Einen Teller "on camera" (zu deutsch: vor laufender Kamera) zerschlagen und zwar direkt "on the camera", sprich: auf der Kamera. Die Ehre hatte der südafrikanische Filmemacher und Produzent Don Edkins, da der Präsident der 5-köpfigen Internationalen Jury, der finnische Produzent Iikka Vehkalahti erst am nächsten Tag anreisen sollte.

Vor zwei Jahren hat dieser schon mal die Jury geleitet, allerdings nur für einen Tag, dann lag er mit Blinddarmdurchbruch zehn Tage in Perm im Krankenhaus. Der erste Film, den er nun bei seinem zweiten Anlauf zu sehen bekam, war wie zur Begrüßung des - zum Glück sehr humorvollen - Finnen gemacht, nahm er doch mit seinen Krankenhaus-Szenen den Faden nahtlos auf:


(Filmstill aus Blood von Alina Rudnitskaya - Bild: Courtesy of Flahertiana)

Blood von Alina Rudnitskaya. 59 Minuten in schwarz-weiß, aus einem Guß in Bildästhetik und metaphorischem Bezug zur ökonomischen Realität in Russland. Das Volk wird buchstäblich zur Ader gelassen. Ein mobiles Team fährt übers Land, um Blutspende-Aktionen durchzuführen. Die Krankenhäuser brauchen dringend Blutkonserven, doch noch dringender brauchen die meisten der Spendewilligen das Geld, das es für einen halben Liter Blut gibt.

Mit dem Blutspende-Team begibt sich der Zuschauer auf eine Reise in die russische Realität. Im Mikrokosmos des Blutspende-Alltags wird die Zustandsbeschreibung eines Landes sichtbar. Blood ist zugleich Dokumentarfilm-Kunst und Krankenbericht über einem Patienten, um den es nicht zum Besten bestellt ist.


(Die Jury bei der Arbeit - Bild: Flahertiana)

Bei der Preisvergabe ging Alina Rudnitskaya am Ende leer aus. Doch dazu später - und tatsächlich auch mit einiger Verspätung. Denn am Tag der Preisverleihung stand ein wichtiges Ereignis an, das seine Zeit brauchte: Die Enthüllung des weltweit ersten Denkmals für einen Dokumentarfilmer. Und ich war dabei! Trotz Abfahrt um 7:30 morgens (was ja für die innere Uhr, die auch nach einer Woche in der Jekatarinburg-Zeitzone noch eher germanisch tickt, 3:30 nachts bedeutet); trotz 280 Kilometer Entfernung, für die man im Bus auf den russischen Landstraßen gut vier Stunden durchgeschüttelt wird, während am Fester die Birken vorbeiziehen. Sprich: Acht Stunden Fahrt für drei Stunden Festivität.

Aber, wie gesagt: Das erste Denkmal auf der Welt für einen Dokumentarfilm-Regisseur! Was für eine wunderbare Sache. Also war ich dabei, als am 28. September 2014 um 12 Uhr Mittags im Städtchen Kochevo in der Permski krai (die Region Perm, die bald halb so groß ist wie ganz Deutschland) das Monument für Anatoly Baluev (1946-2013) feierlich enthüllt wurde.


(Kulturminister und Festival-Präsident bei der Denkmal-Einweihung - Bild: Kirsten Kieninger)

Außerdem mit dabei: Der Kulturminister der Region Perm (der eine Rede hielt), der Bürgermeister von Kochevo (der eine Rede hielt), Flahertiana-Festival-Präsident Pavel Petchenkin (der das Denkmal maßgeblich mit initiiert hat - und eine Rede hielt), eine Museums-Direktorin aus Perm (die ein Rede hielt), die Witwe von Anatoly Baluev (die ein Rede hielt), einige andere (die Reden hielten) und zu guter letzt eine alte Klassenkameradin. Diese hielt tatsächlich auch noch eine Rede - und zwar die schönste und bewegendste von allen.

Ich kann das beurteilen, denn all diese russischen Reden hat eine Mitarbeiterin des Flahertiana-Festivals mir und Flahertys Urenkel Sami auf englisch ins Ohr geflüstert (vielen Dank nochmal für diese Heldentat, Asya!). Denn zwischen den vielen russischen Journalisten, Ehrengästen und Einheimischen waren wir, der finnische Filmemacher und die deutsche Filmkritikerin, ein wenig die Exoten. Wobei aber die den Reden und dem Akt der Denkmal-Enthüllung folgenden Feierlichkeiten  mit Speis und Trank, Gesang und Tanz ganz erheblich zur Völkerverständigung beitrugen.


(Sechs Kochevskije Babuschki, eine Nachwuchs-Babuschka und eine deutsche Filmkritikerin)

Während ich ein wenig mit den Mädels getanzt habe, hatte Sami, der Flaherty Urenkel gute Gespräche mit dem Baluev Sohn darüber, welche Verantwortung man für das filmische Familienerbe trägt und wie man am besten damit umgeht. Noch ein letztes Glas Vodka und dann zurück in den Bus, zurück auf die Landstraße, zurück nach Perm, pünktlich zur Preisverleihung. Letzteres besonders deshalb, weil sich zwei Drittel der FIPRESCI-Jury und die Hälfte der Publikums-Jury im Bus befanden. Dieser steckte dann allerdings nach drei Viertel der Strecke im Stau. Denn am frühen Sonntagabend fahren die Russen alle von ihrer Datscha in die Stadt zurück (wenn ich die Verkehrssituation mal so pauschal analysieren darf). Wenigstens war die Internationale Jury pünktlich und vollständig an Ort und Stelle, und wir sind auch noch rechtzeitig zur Preisvergabe direkt aus dem Bus auf die Bühne geschleust worden.


(Gleich startet die Preisverleihung, doch die Juroren lassen auf sich warten - Bild: Flahertiana)

Das Rennen unter den 17 Filmen im Internationalen Wettbewerb hat schließlich der Pole Maciej J. Drygas gemacht. Sein Film Abu Haraz wurde sowohl mit dem Hauptpreis des Festivals, dem großen goldenen Nanook und 250.000 Rubel (rund 5000 Euro), als auch mit einem kleinen silbernen Nanook, verbunden mit dem FIPRESCI Prize, dem Preis der Internationalen Filmkritik, ausgezeichnet.

Abu Haraz erzählt die Geschichte eines Staudammbaus am Nil, oder besser gesagt: wie die Bewohner eines Dorfes, das dem Stausee zum Opfer fallen wird, damit umgehen. Über mehrere Jahre gedreht, verdichtet auf 73 Minuten, dramaturgisch rund, in jeder Kamera-Einstellung für die große Leinwand gemacht, auf den Punkt montiert, mit effektvollem und doch unaufdringlichem Sounddesign. Ein wirklich verdienter Preisträger.


(Filmstill aus dem Film Abu Haraz von Maciej J. Drygas - Bild: Courtesy of Flahertiana)

Zudem hat die internationale Jury, der außer Iikka Vehkalahti und Don Edkins noch Lubomir Georgiev (Macher des Millenium Filmfestivals in Brüssel), der russische Filmemacher Valeriy Solomin und die Permer Kulturhistorikerin und Museums-Kuratorin Galina Yankovskaya angehörten, mehrere Spezialpreise vergeben.


(Versammlung aller Nanook-Preisskulpturen - Bild: Courtesy of Flahertiana)

Der Silberne Nanook für die Entdeckung neuer Themen und neuer Helden ging an Or Sinai aus Israel für ihren Film Violet, My Life. Der Silberne Nanook für originellen künstlerischen Ansatz ging an den Franzosen Thomas Balmes für seinen Film Happiness. Lobend erwähnt wurden zudem die deutsch-italienische Koproduktion The Special Need von Carlo Zoratti (der schon die Goldene Taube bei DOK Leipzig gewonnen hat), Love & Engineering von Tonislav Hristov und der iranische Film Mashti Esmaeil von Mahdi Zamanpoor.

Letzterer entspricht exakt dem Hauptauswahlkriterium für den Flahertiana-Wettbewerb: Ein Held, der einen Teil seines Lebens vor der Kamera lebt, für den Film vom Regisseur dramaturgisch aufbereitet. Ein alter, fast blinder Mann, der sein Leben als Reisbauer im Einklang mit Natur und Allah ungewöhnlich optimistisch und agil meistert, beobachtet über ein Jahr, sensibel aber dramaturgisch unspektakulär, ein Film wie aus der Zeit gefallen.


(Filmstill aus Iranian Ninja von Marjan Riahi - Bild: Courtesy of Flahertiana)

Ganz im Gegensatz zum zweiten iranischen Beitrag im Wettbewerb: Iranian Ninja von Marjan Riahi. Stilistisch eher eine halbstündige TV-Dokumentation als ein kinotauglicher Dokumentarfilm, dafür aber inhaltlich umso bemerkenswerter. Schwarz verhüllte Frauen, aber eben nicht im Tschador, sondern im Ninja-Kampfdress. Mutige Frauen, die sich in einer von Männern und religiösen Vorschriften dominierten Welt ein Stück Freiheit erkämpfen. Gerne würde man mehr über ihren alltäglichen Kampf sehen und erfahren, als der Film liefert. Doch die Filmemacherin musste gegen Widerstände andrehen und mehr war unter schwierigen Bedingungen für sie als unabhängige weibliche Filmproduzentin im Iran leider nicht machbar. Iranian Ninja stellt auf jeden Fall ein starkes, realitätsnahes Gegengewicht dar zu der archaisch-paradiesischen Lebenswelt, die  Mashti Esmaeil vermittelt.

Letztendlich hatte jeder der 17 Filme im internationalen Wettbewerb seine Berechtigung. Bei jedem einzelnen Film ließ sich nachvollziehen, was die Auswahlkommission (bestehend aus Festival-Präsident Pavel Petchenkin, Filmemacher Boris Karadzhev und den Filmkritikerinnen Viktoria Belopolskaya und Marina Drozdova) bewogen hat, den Film in den Wettbewerb zu nehmen. Das kann man bei anderen Festivals nicht immer von jedem Film behaupten, der in den Wettbewerb gehievt wird.

Nach einer Woche Flahertiana ist klar: Diesem Festival geht es nicht darum, mit einer Masse an Filmen zu beeindrucken, sondern dem Dokumentarfilm und seinen Machern ein lebendiges Forum zu geben. Im Veranstaltungsort des Festivals, dem Premier Cinema Center mit sechs kleinen Kino-Sälen, einem großen Kino- und einem Campus-Zelt, wuselte es eine Woche lang mit Filmemachern aus aller Welt und Russland, mit buntgemischtem Publikum von Studenten bis Senioren, geschätzte 10.000 Besucher insgesamt, darunter ganze Schulklassen, die durch die Gänge zu den Filmvorführungen und den Sonderveranstaltungen marschiert sind. Und tatsächlich: Das Festival hat sich über die Jahre auch als kommunikatives Zentrum für Medienpädagogik etabliert.


(Kinder im DOC.LESSON Programm beim Festival - Bild: Courtesy of Flahertiana)

Von "Flahertiana for Kids" über verschiedenste Workshops für junge Filmemacher bis hin zu Masterclasses von internationalen Regisseuren und Produzenten - es zeigt sich am Programm, dass Festival-Leiter und Filmemacher Pavel Petchenkin aus der Praxis kommt und für den Dokumentarfilm lebt. Er gründete das unabhängige Filmstudio Novy Kurs, das während des Festivals mit einem umfangreichen Sonderprogramm sein 25-jähriges Jubiläum feierte.


(Das Festivalzentrum Premier Cinema Center in Perm - Bild: Courtesy of Flahertiana)

Zu den vielfältigen Sonderprogrammen während des Festivals gehörte diese Jahr auch ein "Focus Germany". Mit dabei u.a. drei Filme von Kameramann und Regisseur Rainer Komers, die sich ganz auf ihre Bildsprache verlassen. Und ein Film von Jochen Hick, bei dem die Wortwahl eine große Rolle spielt, besonders die Wortwahl der Synopsis, mit der der Film auf der Website des Festivals öffentlich in der Russischen Föderation vorgestellt wird:

Out in Ost-Berlin - Lesben und Schwule in der DDR heißt dort ganz unverfänglich nur Out in East Berlin, ist jedoch vorsorglich erst ab 18 Jahren freigegeben - und nicht ab 12 wie in Deutschland. Und es geht es auch gar nicht um Lesben und Schwule, sondern um "people isolated from the society whose ideals were at odds with ideology of that time. It raises a question: "What is the allowed degree of the freedom of self-expression?"". Eine interessante Frage, besonders in einem Land, in dem ein Dokumentarfilm über schwul-lesbische Lebenswelten in der DDR schnell als "Homosexuellen-Propaganda" abgestempelt und offiziell gar nicht gern gesehen (und deshalb am liebsten nicht gezeigt) wird.


(Out in East Berlin plakatiert in Perm - Bild: Jochen Hick)

Im "Focus Germany" versteckte sich also richtig Zündstoff; der Zündfunke allerdings wollte nicht so recht überspringen. In der Diskussion, die Regisseur Jochen Hick nach seinem Film mit dem Publikum geführt hat, ging es vor allem um die Rolle der Stasi (hier schienen sich die Erfahrungen zu ähneln) - und darum, ob nicht alles eine Folge des Nationalsozialismus gewesen sei (eine Frage, die auch heftig mit Cay Wesnigk über seinen Film Kinder Kader Kommandeure diskutiert wurde). Auch bei Out in East Berlin wurde vor allem Historie diskutiert; über die Parallelen zur heutigen Situation in Russland, vom Regisseur mehrmals angesprochen, wollte lieber niemand reden.

Insofern zeigte sich gerade im "Focus Germany", präsentiert von AG DOK und kuratiert von Ira Kormannshaus, auch ein spannungsreiches Aufeinandertreffen verschiedener Diskussions-Kulturen. Eine interessante Sache, die man, wo immer es geht, bei internationalen Festivals kultivieren sollte, da sie letztendlich eine Bereicherung für alle darstellt.

Eine großes russisches Wettbewerbs-Programm gab es in Perm übrigens auch noch. 17 aktuelle russische Filme, von denen ich vor Ort leider keinen einzigen gesehen habe, auch nicht den Gewinner des kleinen Silbernen Nanook: Fiddler's Song von  Vladimir Gerchikov. Aber das super-engagierte Festival-Team hat mich dankenswerterweise mit DVDs to go bedacht. Ich werde das Russische Programm jetzt am heimischen Fernseher nachholen. Und im nächsten Jahr werde ich auch ohne Jury-Verpflichtung gerne wieder ans Ufer der Kama nach Perm pilgern. Denn für einen lebendigen, internationalen Austausch in der Welt des Dokumentarfilms ist kein Weg zu weit.

(Kirsten Kieninger)

(Sonnenuntergang an der Kama - Bild: Kirsten Kieninger)

Kirsten Kieninger ist Filmkritikern und Filmeditorin. Sie hat also zwei Standbeine, eines in der Theorie und eines in der Praxis. Und sie hat ein Herz - das schlägt für den Dokumentarfilm.

(Und um besorgten Nachfragen wegen ihres erwähnten Aufenthaltes im Gulag vorzubeugen: Das ehemalige Straflager Perm-36, 100 km nord-östlich der Stadt gelegen, ist heute ein Museum)