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15 12/06

Ein Rückblick auf "Nippon Connection 2015"

Im Laufe der Jahre entwickelte sich das Frankfurter Filmfestival "Nippon Connection" zum weltweit größten Festival für japanisches Kino. Die Reihen "Nippon Cinema", die Retrospektive und "Nippon Visions" mit Dokumentar-/Videoarbeiten ergänzen inzwischen noch eine Anime-Sektion sowie ein umfangreiches Kulturprogramm.


(Das Festival-Publikum in Frankfurt; Copyright: Armin Ritter)

Zum 15-jährigen Bestehen der mit rund 16.000 Besuchern bestens frequentierten Veranstaltung wurde eigentlich Tadanobu Asanao (Thor, 47 Ronin) als Stargast angekündigt, da er mit vier Filmen sowie der philippinisch-deutschen Co-Produktion Ruined Heart, live vom Duo Stereo Total begleitet, vertreten war. Doch aus Krankheitsgründen musste der viel beschäftigte Akteur absagen, sodass Regisseur Kazuyoshi Kumakiri (Hole in the Sky) in Vertretung den ihm verliehenen "Nippon Honor Award" entgegennahm.

In ihrem gemeinsamen Film My Man (Watashi no otoko) verkörperte Asano einen entfernten Verwandten eines neunjährigen Mädchens, der das elternlose Kind nach einer Naturkatastrophe bei sich aufnimmt. Im Laufe der Jahre entwickelt sich zwischen ihnen eine verhängnisvolle Beziehung, die sie mit allen Mitteln gegen die Außenwelt zu verteidigen suchen. Kumakiri mischt Coming-of-Age- und Selbstdestruktionsstudie mit poetischen Naturimpressionen, surrealen Bildern und Splattereinlagen, wobei das überlange Drama gegen Ende zunehmend zerfasert.


(Trailer zu My Man)

Ein ähnlicher Stoff fand sich in der Shinji-Somai-Retrospektive. In Stepchildren (Yuki no dansho – jonetsu, 1985) koppelt der für seine Jugendporträts bekannte Regisseur das Aufwachsen eines Waisenmädchens mit ihrer heimlichen Liebe zu ihrem Adoptivvater und einem Mordfall samt japanischem "Inspektor Colombo". Meisterhaft verbindet Somai im winterlichen Prolog mehrere Handlungselemente und Charaktere durch eine lange Kamerafahrt, woran die sentimentale Schlusssequenz wieder anschließt.

Sein letzter Film Kirschblüten (Kaza-Hana, 2000), ein äußerst langsames Road Movie um eine ausstiegswillige Prostituierte und einen Alkoholiker, ließ allerdings das Markenzeichen des früh verstorbenen Filmemachers, die ausladenden Kamerabewegungen, vermissen. Da Somai zu seinen Impulsgebern zählte, stellte My Man-Regisseur Kumakiri dieses Werk im Frankfurter Filmmuseum vor, zumal sein Hauptdarsteller Asano hier als selbstzerrstörerischer Trinker in jungen Jahren glänzt.

Abgesehen von den stilistischen Markenzeichen und der Pubertätsthematik fielen viele Shinji-Somai-Arbeiten völlig unterschiedlich aus. Die Farce P.P. Rider (Shonben raida, 1983) um einen entführten korpulenten Klassentyrannen wirkt, als hätte Robert Altman einen Bud-Spencer-Film inszeniert. Offenbar war die sprunghafte Dramaturgie nicht (nur) auf Verleihkürzungen zurück zu führen, da sich ein ähnlich elliptisches, improvisiert wirkendes Konzept gleichfalls in Typhoon Club fand – Somais bekanntestem, aber nicht bestem Werk.


(Ausschnitt aus Shinji Somais Typhoon Club)

Um Mobbing drehte sich auch der Schulkrimi Solomon's Perjury (Solomon no gisho), einer von zwei Zweiteilern im "Nippon Cinema"-Wettbewerb. Der vermeintliche Selbstmord eines Vierzehnjährigen enthüllt ein Netz an Abhängigkeiten, Lügen und Bedrohungen, dem sich eine Schulgerichtsverhandlung anschließt. Wo im ersten Drittel der 4,5-stündigen Romanverfilmung noch relativ packend Gegenwart und Rückblenden verwoben werden, mündet das Justizdrama zum larmoyanten Ende hin in vielen Tränen, Entschuldigungen und Ohnmachtsanfällen.

Nicht nur bei Kazuyoshi Kumakiri blieb "Nippon Connection" seinen Stammregisseuren treu. Mit aktuellen Arbeiten etwa von Shinya Tsukamoto, Tetsuya Nakashima oder Takashi Miike waren Vertreter der härteren Fraktion präsent. Aufgrund seiner getragenen Erzählweise spaltete Miikes Theater-im-Film-Drama Over Your Dead Body (Kuime) das Publikum. Die Proben für ein Stück um einen mörderischen Samurai wechseln sich ab mit der Beziehungskrise der Hauptakteurin, die von ihrem Geliebten mit einer jüngeren Kollegin betrogen wurde. Die erste Stunde verzichtete bis auf eine lebende Babypuppe, die wohl nur in die Irre führen sollte, völlig auf übernatürliche Elemente. Eine elegante Fotografie leitete Elemente der klassischen Geisternovelle bald über in den exzessiven "Body Horror" eines David Cronenberg.


(Trailer zu Over Your Dead Body)

Weniger drastisch stand die Emanzipation einer jungen Frau im Fokus von 100 Yen Love (Hyakuen no koi). Mit für das japanische Kino typischen überdrehten Charakteren vor realistischem Hintergrund transformiert sich Sakuara Ando (Love Exposure) von einer unscheinbaren, weltfremden Slackerin zur schlagkräftigen Amateurboxerin. Dafür gab es Platz drei des "Nippon Cinema"-Publikumspreises. 

Auf dem zweiten Platz fand sich das Sujet "attraktiver älterer Mann mit jüngerer Geliebter" wieder. Ryuichi Hiroki, ein weiterer alter Bekannter des Festivals, partizipierte nicht nur als Mitglied der "Nippon Vions"-Jury. Gleichzeitig stellte er seine beiden jüngsten Arbeiten Kubukicho Love Hotel (Sayonara Kubukicho), eine Ensembletragikomödie über ein Love Hotel, und die Manga-Adaption Her Granddaughter (Otoko no issho) vor. In dem Liebesfilm "übernimmt" eine Endzwanzigerin mit einem überheblichen Universitätsprofessor den Geliebten ihrer verstorbenen Großmutter. Überflüssig wirkt in dieser humor- und stimmungsvollen Romanze lediglich das Auftauchen eines (zeitweise) mutterlosen Kindes, das die Patchwork-Familie vervollständigen sollte.

Als Publikumsfavorit erweis sich Ken Ochiais Uzumasa Limelight. Diese Hommage an Chaplins Limelight liefert zugleich ein Denkmal für den unbekannten Nebendarsteller, der in hunderten Samurai-Epen eines blutigen Todes sterben musste. In der Industrie sieht sich der von Seizo Fukamoto (Last Samurai) verkörperte Veteran zunehmend durch Popsternchen, Starallüren und CGI-Effekte an den Rand gedrängt. Die sympathische Huldigung der goldenen Kampfkunst-Ära litt etwas an Simplifizierungen und dem Low Budget-Digitallook, dem leider manche Toei-Videoproduktion anhaftet.


(Trailer zu Uzumasa Limelight)

Mit dem "Nippon Visions Audience Award" wurde zum zweiten Mal der in Japan lebende Ian Thomas Ash für -1287 ausgezeichnet, der Studie einer krebskranken Frau, wie sich ohnehin zahlreiche Arbeiten mit dem Umgang von Abschiednehmen und Sterben befassten. Den "Jury Award" in gleicher Kategorie erhielt Sho Miyake für The Cockpit über die Entstehung eines Hip-Hop-Songs in einem Tokioter Apartment.

(Gregor Ries)