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15 02/11

Ein Ausblick auf die Nordischen Filmtage 2015

Der Filmfestmonat ist vorbei und auch mein Filmfestivaljahr neigt sich dem Ende entgegen – und wie immer ist der letzte Termin mein Lieblingsfestival: Zum 57. Mal finden diese Woche vom 4. bis zum 8. November in Lübeck die Nordischen Filmtage statt. Fünf Tage lang dreht sich in der Hansestadt alles um den nordeuropäischen Film.


(Bild aus Sture Böcke von Grímur Hákonarson; Copyright: Arsenal Filmverleih)

180 Spiel-, Dokumentar-, Kinder-, Jugend- und Kurzfilme werden zu sehen sein, außerdem werden unter anderem mit Mika Kaurismäki und Søren Malling namhafte Gäste erwartet. Es ist das älteste Festival Europas mit diesem Länderschwerpunkt – und daher zumindest für mich ein Pflichttermin.

Sehr stark vertreten: Island


(Trailer zu Sture Böcke von Grímur Hákonarson)

Unter den 16 Spielfilmen des Wettbewerbs sind drei bemerkenswerte Produktionen aus Island, die in diesem Jahr auf anderen Festivals schon Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben: Eröffnet wird die Sektion am Mittwochabend mit Rams (Sture Böcke), der in Cannes die Sektion "Un Certain Regard" gewann und für Island ins Oscar-Rennen geschickt wird. Ohnehin ist Island in diesem Jahr mit drei guten Filmen äußerst stark vertreten – und das spiegelt die Entwicklung im noch jungen isländischen Kino sehr gut wieder. Neben Sture Böcke ist noch Virgin Mountain zu sehen, der bereits bei der Berlinale lief und in der letzten Woche mit dem Preis des Nordischen Rates ausgezeichnet wurde.


(Trailer zu Virgin Mountain von Dagur Kári)

Tatsächlich hat diese sehenswerte tragikomische Geschichte eines Gepäckwagenfahrers am Flughafen in Reykjavik auch in Lübeck sehr gute Preischancen. Der dritte isländische Film in Lübeck ist Threstir (Sparrows) von Rúnar Rúnarsson, der in diesem Jahr in San Sebastian die Goldene Muschel erhielt und 2011 mit seinem Film Volcano bereits in Lübeck war.


(Bild aus Sparrows von Rúnar Rúnarsson; Copyright: Nimbus Film / Versatile Films)

Neues dänisches Kino

Wenngleich das dänische Kino in der breiten Wahrnehmung oft noch allein mit Lars von Trier assoziiert wird, sind in Lübeck in diesem Jahr zwei der interessantesten dänischen Filmemacher mit ihren neuen Filmen vertreten: Michael Noer mit Nøgle hus spejl (Key House Mirror) und Tobias Lindholm mit Krigen (A War). Vor fünf Jahren haben sie mit dem eindrucksvollen Gefängnisdrama R gemeinsam ihr Spielfilmregiedebüt vorgelegt, nun erzählt Michael Noer in seinem Film die Geschichte einer Frau, die ihren Mann in ein Pflegeheim begleitet und dort eine zweite Liebe erlebt. Es ist ein sehr persönlicher Film geworden, der zudem viel über Wahrnehmung erzählt. In Tobias Lindholms Film werden die Folgen der dänischen Beteiligung am Krieg in Afghanistan am Beispiel einer Familie gezeigt. Nach Kapringen (A Hijacking) widmet sich Lindholm, der auch das Drehbuch zu Vinterbergs Die Jagd mitgeschrieben hat, abermals einem brennenden politischen Thema. A War ist Dänemarks Oscar-Beitrag – und konnte sich in der internen Auswahl gegen The Look of Silence und Men & Chicken durchsetzen.


(Trailer zu A War von Tobias Lindholm)

Der Krieg und seine Folgen ist ohnehin ein zentrales Thema in der diesjährigen Spiefilmauswahl: Der norwegische Film Å vende tilbake (Returning Home) erzählt von dem Verschwinden eines Mannes nach seiner Rückkehr aus Afghanistan. Die deutsch-dänische Koproduktion Unter dem Sand erzählt von jungen deutschen Kriegsgefangenen, die nach dem Zweiten Weltkrieg den dänischen Strand von Landminen säubern mussten. In dem finnischen Oscar-Beitrag Die Kinder des Fechters steht ein Fechter im Mittelpunkt, der sich im stalinistischen Regime zwischen seiner persönlichen Sicherheit und der Solidarität mit den ihm anvertrauten Kindern entscheiden muss. Idealisten (The Idealist) begleitet einen dänischen Journalisten, der bei seinen Recherchen zum Absturz eines US-Bombers bei Thule zur Zeit des Kalten Krieges auf eine Mauer des Schweigens stößt.


(Trailer zu Unter dem Sand von Tobias Lindholm)

Leise Favoriten

Ohne Oscar-Vorabehren und recht unauffällig kommt noch ein Film daher, den ich bereits beim Filmfest Hamburg gesehen habe und sehr empfehlen kann. In Rosita erzählt Regisseurin Fredrikke Aspöck die vermeintlich bekannte Geschichte einer "gekauften Braut": Die Philippinin Rosita erhofft sich von der Ehe mit einem dänischen Witwer eine Sicherung nicht nur ihrer eigenen Existenz; dann entwickelt sie aber Gefühle für dessen Sohn. Aus dieser Ausgangssituation zahlreicher kitschiger Sonntagabendmelodramen entwickelt Aspöck eine vielschichtige Auseinandersetzung mit Lebensentwürfen, -möglichkeiten und dem Luxus der Romantik, die doch immer auch vom Alter und von sozioökonomischen Möglichkeiten abhängen.


(Bild aus Rosita von Fredrikke Aspöck; Copyright: DFI)

Interessant dürfte in diesem Zusammenhang auch die Romanverfilmung Kvinner i for store herreskjorter (Women in Oversized Men's Shirts) nach dem Roman Ich wär gern wie ich bin von Gunnhild Øyehaug werden, die das Drehbuch selbst geschrieben hat. Das Buch ist eine sehr moderne Auseinandersetzung mit verschiedenen Weiblichkeitsentwürfen und dem Einfluss von Kunst und Filmen auf unsere Selbst- und Fremdvorstellung, das aber zugleich viele komische Momente und filmische Referenzen hat.

Bekannte Namen

Neben Island hat sich Norwegen in den letzten Jahren zu dem nordeuropäischen Kinoland entwickelt. In der diesjährigen "Specials"-Sektion läuft mit dem aufwendig-produzierten Katastrophenfilm und norwegischen Oscar-Beitrag Bølgen (The Wave) die augenfälligste Auswirkung. Zudem ist Joachim Triers Louder than bombs zu sehen, der erste norwegische Film seit 36 Jahren, der im Wettbewerb von Cannes lief. Sicher ist dieses Drama über eine dysfunktionale Familie nicht ganz so stark wie Oslo, 31. August, aber in seinen besten Momenten zeigt es, warum Trier zu den besten norwegischen Regisseuren gehört.


(Trailer zu Louder than bombs von Joachim Trier)

Außerdem läuft in dieser Sektion noch Bille Augusts sensibles und sehr sehenswertes Sterbedrama Stille hjerte (Silent Heart), in dem der dänische Regisseur ein weiteres Mal zeigt, dass er in den kleinen, stillen Geschichten am stärksten ist. Und Mika Kaurismäki zeigt seinen neuen Film The Girl King über die Königin Kristina von Schweden.


(Trailer zu Silent Heart von Bille August)

Die Spielfilme sind ein Schwerpunkt der Nordischen Filmtage, daneben gibt es ein umfangreiches Kinder- und Jugendfilmprogramm, außerdem eine vielseitige Dokumentarfilmauswahl, in der Künstlerporträts u.a. zu Arvo Pärt neben der persönlichen Langzeitbeobachtung zweier Brüder steht. Das Thema der diesjährigen Retrospektive ist mit "Travelogues & Roadmovies" sehr weit gewählt und dementsprechend bunt ist die Filmmischung. Neben Kaurismäkis Filmen, Ingmar Bergmanns Wilde Erdbeeren und Jan Troells Il Capitano ist mit dem Stummfilm Der Stärkste. Eine Erzählung aus dem Eismeer ein Film aus dem Jahr 1929 zu sehen, der in einer Kirche ausgestrahlt wird.


(Bild aus Der Stärkste. Eine Erzählung aus dem Eismeer von Alf Sjöberg und Axel Lindblom; Copyright: SFI)

Ohnehin sucht das Festival immer wieder den Weg aus dem Kino in die Kirche. Die Installation End of Summer von dem Komponisten Jóhann Jóhannson (The Theory of Everything, Sicario) wird während in der Museumskirche St. Katharinen zu sehen sein, der isländische Dokumentarfilm Der Aufprall in der Sieben-Meere-Kapelle der St. Jakobi Kirche.

Daneben bieten die Nordischen Filmtage immer auch Erlebnisse, die in keinem Programm stehen. Es ist ein kleineres Festival mit überschaubaren Spielstätten und zu einer Produktionsregion, in der sich die Menschen kennen. Deshalb ist vieles persönlicher und unkomplizierter. Vor allem aber sollte man die Nordischen Filmtage nutzen, um all die Filme zu sehen, die vermutlich keinen Starttermin in Deutschland bekommen (Tipp: Je weniger es schneit, desto unwahrscheinlicher ist es) – Filme wie Rosita und Key House Mirror. Aber nun muss ich mir erst einmal überlegen, was ich mitnehme. Es soll nämlich kalt werden in Lübeck.

(Sonja Hartl)