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14 22/01

"Eigentlich fahren wir täglich Harley" - Interview mit Marina Anna Eich zu "Illusion"

Illusion ist der neue Film aus der Roland Reber-Factory. Auf drei Ebenen verhandelt er zwischenmenschliche Kommunikationsprobleme und die inneren, versteckten Sehnsüchte des Menschen: Nach Szenen auf der Realitätsebene alltäglicher Sprachlosigkeit treffen sich die Protagonisten in einer Kneipe. Von da ausgehend hat jede Figur eine Vision ihrer innersten Wünsche.

Wtp International, die unabhängige Produktionsfirma um Regisseur Roland Reber, dreht Filme zwischen Trash-Charme und philosophischem Kunstanspruch. Zum engeren Team dieser Filmfamilie gehören auch Mira Gittner, Antje Nikola Mönning, Marina Anna Eich und als Neu-Mitglied direkt von der Schauspielschule Carolina Hoffmann. Alle sind bei den Produktionen in verschiedenen Gewerken eingespannt. Harald Mühlbeyer sprach mit Marina Anna Eich, die als Schauspielerin und Produzentin fungiert und zudem Pressearbeit und Verleihgeschäft leitet, über Illusion, der am 23.1. in den deutschen Kinos startet.

(Marina Anna Eich, links, in Illusion, Copyright: wtp international)

Stört es Sie, wenn ich den Film als Trash bezeichne?

Nein, warum sollte es? Für mich ist das außerdem kein negativer Begriff. Die Süddeutsche Zeitung hat z.B. einen unserer Vorgängerfilme als eine Mischung aus Peter Greenaway und Jess Franco bezeichnet.

Besser als Jess Franco seid ihr allemal! Zumal "Illusion" ja richtig hohe Production Values hat, was zum Beispiel die Splitscreentechnik, die Bild-im Bild-Effekte angeht. So etwas habe ich in Ihren vorherigen Filmen nicht gesehen.

Bei „Mein Traum oder die Einsamkeit ist nie allein" von 2007 gab es schon mal so etwas Ähnliches.

Ah, ich hatte "Engel mit schmutzigen Flügeln" und "Die Wahrheit der Lüge" gesehen... Und da gab es das eben nicht, das hat mich in diesem Film überrascht. War diese Tricktechnik so von Anfang an geplant?

Alle Visionen sind auf unterschiedliche Art zu Stande gekommen. Bei einigen wussten wir oft bis kurz vor Drehbeginn nicht, wie sie aussehen werden. Alle Beteiligten, d.h. die Schauspieler, Roland Reber als Regisseur, Mira Gittner und Steffen Neder, die für die Bildgestaltung verantwortlich waren, haben sich zusammengesetzt und die jeweilige Szene entwickelt. Antje hat sich ihre Vision ausgedacht, ich habe mir meine Vision zusammen mit Antje überlegt.

Allerdings fiel keinem von uns eine geeignete Vision für die Rolle des Facebook-Junkies ein, gespielt von Christoph Baumann. Mira hatte eine Idee: Christoph könnte einfach einen langen Gang entlang gehen und ganz fasziniert die Wände rechts und links bestaunen, auf die im Schnitt etwas projiziert wird. Und dann lief er diesen Gang entlang und sah sich freudig die kahlen Wände an. Miras weitere Idee war, von allen Beteiligten (vor und hinter der Kamera) ein Statement zu Facebook oder Social Network im Allgemeinen aufzuzeichnen und diese dann für die Wände zu verwenden.

Wobei es eben so etwas ähnliches auch vorher schon gibt, als sich Carolina Hoffmann im Spiegel ansieht und sich die Spiegelbilder verselbständigen, und dann, wenn sie mit Antje Mönning telefoniert, taucht die dann ja auch im Spiegel auf. Das finde ich auch interessant: Das geschieht nicht in der Traumebene, sondern im Alltagsteil des Films, und es gibt eben keine starren Grenzen, das fließt ineinander.

Ja, das sehe ich auch so. Da kann aber natürlich jeder was anderes hinein interpretieren.

Das muss ja aber vorher geplant gewesen sein, oder?

Das mit den Spiegeln, wo Susanne sich anders gekleidet sieht, war Miras Idee während des Schnitts.

Das heißt, in der Alltagsebene, wo ja eigentlich vieles vorab gescripted war, da gab es schon auch noch offene Stellen?

Drehbuch heißt bei uns ja nicht, dass wir absolut festgefahren sind. Trotz geschriebener Szenen haben wir alle immer die Möglichkeit, uns einzubringen und sowohl die Szenen als auch die Rolle mit zu entwickeln und auch eventuell zu ändern. Das ist ein Zusammenspiel von der Kreativität jedes Einzelnen. Roland gibt Mira auch beim Schneiden viel Freiheit. Er sitzt nicht neben dem Schnittpult wie viele Regisseure, die sagen, was und wie genau der Schnitt aussehen soll. So kann sie ihre eigene Kreativität einbringen, was dem Film seinen eigenen Rhythmus gibt. In regelmäßigen Abständen sehen wir uns zusammen ihre Vorschläge an und besprechen sie.

Er segnet es dann am Schluss ab, als Gott sozusagen?

Im gemeinsamen Gespräch auch zwischendrin, aber nicht als Gott.

Ich frage, weil er im Film ja als Gott auftritt.

Ja, das ist im Film, als Rolle. Das war ja die erste Vision, die im Voraus feststand und über die wir uns Gedanken gemacht haben: „Gott im Alltag". Mira meinte sowas wie: Da wäre der lange Weg in der Halle schön, mit dem roten Teppich in der Mitte, auf dem dann Roland mit der Harley fährt. Das stammt ja von uns: Roland als Gott. Es hieß: Gott im Alltag, und da kam uns als erstes die Idee: Super, Roland auf der Harley, das ist doch der ideale Gott im Alltag.

(Szenenbild aus Illusion, Copyright: wtp international)

Es ist also nicht selbstreflexiv gemeint? Weil er ja am Schluss auch nochmal auftaucht, als Regisseur?

Das ist für mich die vierte Ebene des Filmes. Man sieht, dass sowohl das Leben als auch die Illusion eine Illusion ist. Der Film im Film.

Wie ja das Schlussbild im Monitor immer weiter und weiter geht.

Genau. Aber wie gesagt: Roland ist kein Dompteur, und er ist bestimmt keiner, der uns vorschreibt, was wir zu tun und zu lassen haben. Er ist vielmehr Dirigent, der die Solisten zu einem Orchester zusammenfügt. Er hält sich sehr zurück und gibt uns die Chance, im Schauspiel, aber auch innerhalb der Kamera und Bildgestaltung sowie im Schnitt kreativ zu sein.

Es geht im Film ja um die Kommunikationslosigkeit. Aber dann kommt sehr wenig von der Visionsebene in die Kneipenebene zurück, die Figuren hängen da lange an der Theke herum, ohne die Langeweile des Alltags wirklich zu überwinden.

Ist das nicht auch oft in der Realität so?

Lernen sie nichts aus ihren Visionen?

Ich glaube nicht, dass sie das tun. Das ist meine Meinung. Das ist für jeden wieder anders. Die Einzige für mich, die auf jeden Fall was lernt, ist die Figur der jungen Frau, die Carolina Hoffmann spielt. Es ist aber auch bewusst offen gelassen: Lernen sie was draus oder nicht?

Wenn ich auch zurückdenke an die vorherigen Filme: Es geht ja immer um die Befreiung des Selbst. In "Die Wahrheit der Lüge", indem er sie im Keller einsperrt und sie grob gesagt auf sich selbst zurückwirft. Oder in den "Engeln" durch die ganzen Sexspiele, es geht ja darum, sich selbst zu erkennen.

... und sich selbst zu entdecken...

Und in diesem Film nun, das ist ja auch bewusst so gemacht: Da zieht ihr das nicht durch, sondern sie lernen eben nichts aus ihren Visionen. War dieses Konzept von Anfang an geplant: Wir zeigen einen Stück vom Weg, aber nicht das Ziel?

Ob sie was lernen oder nicht, ist offen geblieben. Wie auch schon bei unseren vorigen Filmen geht es uns nicht darum, Antworten zu geben oder ein Ziel aufzuzeigen, sondern vielmehr darum, Fragen zu stellen.

Auf die Frage, wie der Film entstand, sagt Roland: "Wir wollten es diesmal auf eine ganz andere Art machen: mit genauen Schauspielercharakteren beginnen und auf jeglichen philosophischen Text verzichten. Und daraus einen sehr philosophischen Film machen." Wenn überhaupt Philosophie oder Psychologie, dann könnte man sie in den Liedtexten, die Antje geschrieben hat, finden. Oder aber auch im Spiel oder in den Bildern. Ich persönlich finde den Film ungemein vielschichtig.

Die Musik ist ja auch anders als in den anderen Filmen: Die Texte sind nicht mehr auf Kinderliedermelodien gesetzt, und die Reime sind ausgefeilter. Hier sind es ja Chansons, oder solche Songs wie bei Brechtschem Theater.

Antje hat, bis auf die rockige Version von Schuberts Deutscher Messe bzw. das Lied in Theos Käsekuchen-Vision, die Musik komponiert und wie ich finde auch sehr schöne Texte geschrieben. Ebenso das Gedicht "Ich will dir meinen Rebstock zeigen"...

Das ist ja angelehnt an Villon, "Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund"...

Ja, ein bisschen.

Die orchestrale Musik orientiert sich auch an Beethovens Siebter...

...trotzdem sind es eigene Kompositionen von Antje, die auch für sich stehen und sprechen.

Um nochmal auf die Visionsebene zurückzukommen, die ist visuell ja angefüllt mit unglaublichen Ideen. Da hat jeder seine jeweils eigene Idee reingebracht, und ihr habt es dann gestaltet?

Was Licht, Set und Bildgestaltung angeht, das haben Mira und Steffen Neder kreiert. Es kam auch vor, dass sie einen Platz in der Halle ausgesucht und schon mal das Set aufgebaut haben, ohne zu wissen, was genau gedreht wird. Dann kamen Roland und die Schauspieler, haben sich hingesetzt und über die Möglichkeiten der Szene gesprochen. So ist dann die eine oder andere Idee entstanden und Roland hat die Schauspielerführung übernommen. Es ist total schwierig, die Visionen zu erklären, da es immer auch unterschiedlich war. Wie schon erwähnt hat Antje zum Beispiel ihre Vision komplett selbst durchdacht...

... die Fantasie, von mehreren Männern sexuell benutzt zu werden ...

... und nachdem sie es mit Mira durchgegangen war, haben sie und Steffen das Set gestaltet und ausgeleuchtet.

Bei meiner Vision genauso, ich habe mir die einzelnen Szenen zusammen mit Antje ausgedacht. Ich wollte für meine Figur diese Einigkeit, diese Sinnlichkeit, und auch diese Suche nach Liebe.

... eine Liebesszene zwischen zwei Frauen ...

Ich wollte, dass die Vision meiner Rolle das genaue Gegenteil zur Vision von Antjes Rolle wird. Die Vision mit den Autoscheiben, mit dem Clown, die ist ebenfalls von Mira. Da haben wir uns überlegt, was könnte die mit Schuldgefühlen behaftete Rolle von Thomas Kollhoff für eine Vision haben. Also hat Mira überlegt, er hat einen Autounfall verursacht, also warum nicht Autoscheiben. In der Bar gibt er immer den Clown, also sitzt er mit Clownsnase da... Für mich ist diese Vision ein schönes Symbol dafür, dass er festgefahren ist in seiner Schuld und sich von seiner Vergangenheit nicht lösen kann.

Diese Vision ist, neben der Facebook-Vision, die einzige, wo keine nackte Frau vorkommt. Nackte Frauen sind wichtig in euren Filmen?

Sagen wir so: Wir machen Filme über Menschen, und Nacktheit ist- genauso wie Religion, die ja auch immer mal wieder ein Thema in den Filmen ist - nun mal Bestandteil des Menschseins. Wenn man Filme über Menschen macht, kommt man an Nacktheit, an Sexualität, an Religion nicht vorbei.

Das hat ja auch eine gewisse philosophische Tradition, etwa de Sade, Freud, Aleister Crowley, wenn man das Okkulte weglässt. Redet ihr darüber, über solche philosophiegeschichtlichen Fragen, oder kommt der Film einfach aus dem "Es"?

Roland sagt immer: "Es schreibt", wenn man ihn fragt, wie er die Drehbücher verfasst: "Oft bin ich ziemlich überrascht, wenn ich feststelle, dass ein Text, den ich gerade lese oder höre, von mir geschrieben wurde."

Roland ist aber auch ein sehr lebenserfahrener und belesener Mensch. Bei uns zuhause gibt es eine endlose Bibliothek, zehntausende von Büchern: Von Micky Maus bis Freud, alles dabei.

Ich stelle mir das vor wie so eine Art Filmemacherkommune bei euch.

Der innere Kern, das sind Fünf, wir leben mit Hund, Katzen und Bartagame zusammen. Wir leben zusammen und machen Filme zusammen. wtp besteht aus acht Leuten: Eine wohnt in Manchester, die andern beiden in der Nähe von München, das ist quasi der äußere Kreis.

Und Carolina ist Neumitglied, im äußeren Kreis?

Nein, im Inneren. Ein neues Familienmitglied.

Ich stelle mir dann vor, wie ihr am Wochenende mit der Harley ausfahrt und dann Picknick macht und euch einen Film ausdenkt.

Nicht nur am Wochenende, wir fahren, wenn nicht gerade eine Krankheit dazwischen kommt, eigentlich täglich Harley bzw. Motorrad.

Dann ist es also richtig, was ich aus den Filmen über euer Leben herauslese...?

Jeder kann sich da so seine Gedanken machen. Wie das letztendlich ist, bleibt jedem seiner Illusion überlassen.