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16 01/02

Dunkle Gefühle, angenehme Überraschungen & ein Fazit - Sundance-Telegramm Nr. 10

Ist eine schönere Subgenre-Bezeichnung als Noir Love Story denkbar? Sie vereint zwei der wundervollsten Elemente, über die die (Lichtspiel-)Kunst verfügt: das Düster-Desillusionierende, dem sich die Thriller, Detektiv- und Gangsterfilme der 1940er und 1950er Jahre in unnachahmlicher Qualität widmeten, und die Intensität der Liebe, für die seit jeher keine Kinoleinwand zu groß sein kann.


(Still aus Frank & Lola von Matthew M. Ross; Copyright: Eric Koretz)

Mit Frank & Lola wurde im diesjährigen Sundance-Film-Festival-Programm eine Noir Love Story angekündigt. Nach dem Lesen der kurzen Inhaltsangabe war ich allerdings eher von Skepsis als von Vorfreude erfüllt. Muss Imogen Poots – diese charismatische Britin (Jahrgang 1989), die sogar banale Zac-Efron-Vehikel (Für immer Single?) und allzu harmlose Dramödien (A Long Way Down) mit ihren Auftritten aufwertet – schon wieder das fatale Objekt der Begierde eines deutlich älteren Mannes verkörpern, wie sie es (zum Beispiel) bereits in Solitary Man, Saiten des Lebens und Broadway Therapy getan hat? Sind für junge Schauspielerinnen tatsächlich kaum andere Parts zu haben? Dass der Name von Poots' Figur in Frank & Lola obendrein an Marlene Dietrichs Rolle in Der blaue Engel gemahnt und durch Hinzufügung zweier Buchstaben zu Lolita wird, ließ mich ehrlich gesagt die schlimmste Ansammlung von Gender-Klischees befürchten.

Glücklicherweise ist Frank & Lola aber doch ein reizvolleres Werk, als es die Prämisse nahelegt. Und das ist wiederum gerade den Noir- und Love-Anteilen der Geschichte zu verdanken. Im Zentrum steht der Küchenmeister Frank (Michael Shannon), der in Las Vegas arbeitet. Als er der anziehenden Lola begegnet, wird aus den beiden rasch ein fröhliches Paar – bis Lola Frank mit einem anderen Mann betrügt. Lola vertraut Frank daraufhin ein Geheimnis an – und Frank fasst einen folgenschweren Entschluss. Matthew M. Ross, der hier als Regisseur und Drehbuchautor sein Langfilmdebüt vorlegt, macht aus Poots' Figur keine Femme fatale im Sinne einer sirenenhaften Zerstörerin; die Liebe zwischen ihr und Frank wird als wertvoll und außergewöhnlich dargestellt. Wenn sich Frank in Paris auf die Spuren von Lolas Vergangenheit begibt, schafft es Ross, Spannung und Atmosphäre zu erzeugen.


(Still aus Indignation von James Schamus; Copyright: Indignant Productions Inc.)

Auch Indignation erweist sich als positive Überraschung: James Schamus – der zu zahlreichen Ang-Lee-Filmen die Drehbücher verfasst und nun erstmals einen Spielfilm in Szene gesetzt hat – ist es gelungen, die gleichnamige Novelle von Philip Roth aus dem Jahre 2008 (deutscher Titel: Empörung) in erstaunlich treffende Bilder zu übersetzen: eine Leistung, die angesichts der ambitionierten Struktur der literarischen Vorlage wahrlich beeindruckt. Logan Lerman spielt den jungen Marcus, Sohn einer jüdischen Einwandererfamilie in New Jersey, welcher 1951 der Paranoia seines Vaters zu entkommen versucht, indem er an ein christlich-konservatives College in Ohio geht. Zu den stärksten Passagen des Films entwickeln sich die Konfrontationen des idealistischen Studenten mit dem strengen Dekan Caudwell (Tracy Letts). Roths kritischer Blick auf die US-amerikanische Gesellschaft wird zu einem historischen Film mit erschreckend aktuellen Bezügen, der sich (unter anderem) mit Konservativismus, Bigotterie und Sexismus befasst.


(Still aus Dark Night von Tim Sutton; Copyright: Helene Louvart)

Ganz im schmerzlichen Hier und Heute ist Dark Night zu verorten, in welchem Writer-Director Tim Sutton diverse Figuren aus einem US-Vorort zeigt, die sich an einem Sommertag in einem Multiplex aufhalten und dort zu Zeug_innen und Opfern eines Amoklaufs werden. Das fragmentarisch-multiperspektivisch geschilderte Werk erinnert an die Arbeit Gus Van Sants – jedoch weniger an den thematisch ähnlichen Elephant, sondern vor allem an Paranoid Park. Sutton kopiert Van Sant nicht, sondern überträgt dessen Stil gekonnt in unsere Zeit: Er baut Google Street View und den Always-Online-Wahnsinn in seine Erzählung ein – und demonstriert in äußerst pointierten Einstellungen, wie traurig und einsam man aussehen kann, während man ein Selfie macht.


(Die Videothek des Tower Theatre in Salt Lake City; Copyright: Andreas Köhnemann)

Natürlich kann es gegen Ende eines Filmfestivals passieren, dass man bei aller Cinephilie allmählich die Neugier auf kinematografische Ausdrucksformen verliert. Dann hilft es ungemein, sich mit Kuriositäten wie Antibirth oder Trash Fire konfrontieren zu lassen, die im Tower Theatre in Salt Lake City in der Midnight-Reihe präsentiert wurden.


(Still aus Antibirth von Danny Perez; Copyright: Marni Grossman)

In Danny Perez' Antibirth führen Natasha Lyonne und Chloë Sevigny die Besetzungsliste an – womit eigentlich schon genug für diesen Film spricht. Beide sind wie immer furios. Doch dieses Horrorwerk, dessen Skurrilität nie als Masche, sondern stets als adäquate Anschauung des Wahnsinns in der Welt erscheint, ist auch wegen seines narrativen Ideenreichtums und seiner visuellen Gestaltung überaus sehenswert. Die Protagonistinnen Lou (Lyonne) und Sadie (Sevigny) haben ein Faible für den Konsum von Drogen, Alkohol und Trash-TV. Nach einer Feier in runtergerockter Runde leidet Lou plötzlich unter einer seltsamen Krankheit, die möglicherweise mit einer abenteuerlichen Verschwörung zu tun hat. Anklänge an John Waters und Gregg Araki sind unübersehbar; gleichwohl entwickelt Antibirth eine ganz eigene, faszinierende Identität.


(Der Regisseur und Drehbuchautor Danny Perez im Tower Theatre in Salt Lake City; Copyright: Andreas Köhnemann)

Trash Fire von Richard Bates Jr. kommt indes als Mix aus Beziehungsdrama, schwarzer Komödie und groteskem Gruselfilm daher. Im Zentrum stehen Owen (Adrian Grenier) und seine Freundin Isabel (Angela Trimbur). Als Isabel schwanger wird und an Owens Fähigkeiten als Vater zweifelt, will Owen den Kontakt zu seiner verbliebenen Verwandtschaft wiederherstellen, um ihr zu beweisen, dass er durchaus ein Familienmensch sein kann,. Ein böser Fehler ... Mit AnnaLynne McCord (Excision) und Matthew Gray Gubler (Suburban Gothic) holt Bates Jr. auch die Stars seiner vorherigen Arbeiten zurück vor die Kamera. Die Wucht von Excision bleibt zwar unerreicht – dennoch ist Trash Fire eine unterhaltsame filmische Achterbahnfahrt.


(Still aus Trash Fire von Richard Bates Jr.; Copyright: Shane Daly)

Der Abschlussfilm The Fundamentals of Caring von Rob Burnett – nach dem Roman The Revised Fundamentals of Caregiving von Jonathan Evison – wurde bei seiner Vorführung im Grand Theatre in Salt Lake City mit großem Jubel bedacht. Die Geschichte von Ben (Paul Rudd), der nach einer Tragödie als Pfleger arbeitet und sich mit seinem ersten Patienten – dem 18-jährigen, an Muskeldystrophie leidenden Trevor (Craig Roberts) – auf einen Road Trip begibt, wird mit Witz und Feingefühl erzählt. Auch wenn klar ist, dass die beiden zu 'ziemlich besten Freunden' werden, hält die Story ein paar hübsche Überraschungen bereit.


(Der Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Rob Burnett [links] im Grand Theatre in Salt Lake City; Copyright: Andreas Köhnemann)

In mancher Hinsicht erinnerte mich der Film an Rudderless – die erste große Regiearbeit des Schauspielers William H. Macy, die 2014 auf dem Sundance Film Festival gezeigt wurde und ebenfalls von einem ungewöhnlichen Buddy-Duo (Billy Crudup und Anton Yelchin) sowie von Trauerbewältigung handelt. Rudderless ist bisher nicht in Deutschland erschienen; ich würde es The Fundamentals of Caring (und uns, als Publikum) sehr wünschen, dass es zu einer Kino- oder DVD-/Blu-ray-Auswertung kommt.


(Still aus The Fundamentals of Caring von Rob Burnett; Copyright: Annette Brown)

Insgesamt habe ich auf dem diesjährigen Sundance Film Festival 27 Werke gesehen, die sich tatsächlich alle gelohnt haben. Es ist allerdings anzunehmen, dass ich mindestens ebenso viele sehenswerte Beiträge verpasst habe. Mit ein bisschen Glück werde ich im Rahmen der Best-of-Fest-Screenings im Rose Wagner Performing Arts Center noch The Birth of a Nation von Nate Parker nachholen können, welcher in der U.S. Dramatic Competition sowohl den Grand Jury Prize als auch den Audience Award erhalten hat (hier werden sämtliche Gewinner_innen aufgelistet). Der beste Film unter den 27, die mir bisher bekannt sind, begegnete mir am letzten Tag des Festivals: Manchester by the Sea von Kenneth Lonergan (eine ausführliche Kritik wird in den nächsten Tagen auf kino-zeit.de folgen). Abschließend ein kurzes, persönliches Best-of Sundance des Jahres 2016:

Top-Five-Filme

1. Manchester by the Sea von Kenneth Lonergan: Ein hochgradig emotionaler Film über Familie und Trauer, ohne den geringsten Anflug von Rührseligkeit.
2. Other People von Chris Kelly: Die Verquickung scheinbar gegensätzlicher Stimmungen ist selten so gelungen wie hier.
3. The Free World von Jason Lew: Eine Liebesgeschichte – mit maximaler Intensität erzählt.
4. Wild von Nicolette Krebitz: Beherztes Kino aus Deutschland – wunderbar.
5. Swiss Army Man von Dan Kwan und Daniel Scheinert: Völlig irre – und sehr, sehr einfallsreich.


(Still aus Manchester by the Sea von Kenneth Lonergan; Copyright: Claire Folger)

Top-Five-Performances (Hauptrolle)

1. Molly Shannon (Other People): Die begnadete Komikerin erweist sich als nicht minder begnadete Charakterdarstellerin.
2. Casey Affleck (Manchester by the Sea): Mit Understatement meistert er die Verkörperung eines gebrochenen Mannes.
3. Rebecca Hall (Christine): Die Rolle ist eine Herausforderung – und das Resultat schlichtweg spektakulär.
4. Lilith Stangenberg (Wild): Abgründig, furchtlos – kurzum: großartig.
5. Boyd Holbrook (The Free World): Mit Wucht wirft er sich in die Rolle eines tragischen Helden.


(Still aus The Free World von Jason Lew; Copyright: Berenice Eveno)

Top-Five-Performances (Nebenrolle)

1. Allison Janney (Tallulah): Eine Glanzleistung auf dem Dramedy-Terrain (bald folgt eine Kritik zum Film auf kino-zeit.de).
2. Michelle Williams (Manchester by the Sea): Mit ihrem Auftritt bricht sie einem das Herz.
3. Tom Bennett (Love & Friendship): Seine aberwitzigen kleinen Einlagen machen ihn zum heimlichen Star eines ohnehin schon äußerst amüsanten Werks.
4. Julianne Moore (Maggie's Plan): Classy as usual – diesmal als Dänin.
5. Jenny Slate (Joshy): In einer bunten Männerrunde weiß sie sich als Partygirl eindrücklich zu behaupten.

Schauspiel-Entdeckungen

1. Dylan Gelula (First Girl I Loved): Als Highschool-Rebellin eine echte Sensation.
2. Lucas Hedges (Manchester by the Sea): Kein unbeschriebenes Blatt mehr – man konnte ihn etwa schon in Moonrise Kingdom oder The Zero Theorem erleben; doch nach dieser Performance muss er zum Star werden.
3. Lily Gladstone (Certain Women): Ihr zurückhaltendes Spiel ist einnehmend und passt perfekt in den Kelly-Reichardt-Kosmos.
4. Ferdia Walsh-Peelo (Sing Street): Ein toller Sänger – und ein ebenso guter Schauspieler.
5. Robert Jumper (Dark Night): Sein expressives Gesicht brennt sich nachhaltig ins Gedächtnis ein.


(Die Festivalzentrale in Park City; Copyright: Andreas Köhnemann)

Das Sundance Film Festival 2016 ist vorüber, die Festival-Bubble löst sich auf, doch zahlreiche Eindrücke bleiben. Der Indie-Film hat sich als sehr lebendig und facettenreich erwiesen – und das Festival in Utah (erneut) als Ort der leidenschaftlichen Begeisterung fürs Kino.

(Andreas Köhnemann)