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15 02/10

DOC BLOG: Schau An! "Haunted" aus Syrien

Wie fühlt es sich an, sein Zuhause zu verlieren? Den angestammten Ort verlassen zu müssen, weil man dort jederzeit unter der nächsten fallenden Bombe begraben oder von umherfliegenden Kugeln getötet werden könnte? Was geht einem da im Kopf herum? Was tut man? Wohin geht man? Die Menschen in Liwaa Yazjis Dokumentarfilm können davon erzählen, denn sie befinden sich in genau dieser Situation, 2014 in Syrien. Haunted (OT: Maskoon) ist bis zum 4.10. im kostenlosen Stream zu sehen!


(Bild aus Haunted von Liwaa Yazji – Foto: courtesy of Doc Alliance)

"Ich fühle mich, als ob mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt wurde". Beunruhigt, angespannt, umhergetrieben. Heimgesucht vom Krieg und vielleicht bald heimatlos. Die Verunsicherung der syrischen Protagonisten in Liwaa Yazjis Dokumentarfilm-Debüt ist groß. Schnell fort oder bleiben und hoffen? Was ist die richtige Entscheidung?

Ein Ehepaar harrt in seinem Wohnblock in Damaskus aus, die Nachbarn sind fast alle schon weg, die Vorräte werden knapp, die Einschläge der Panzer und Raketen rücken näher. Ein alter Mann zeltet zwischen archäologischen Mauerresten, seit sein Haus zerstört wurde, eine junge Frau "bewohnt" mit ihrer Familie eine zerschossene Ruine als Zufluchtsort. Andere Protagonisten sind auf dem Absprung, packen ihre Dinge, um in Beirut, den Golan-Höhen oder Flüchtlingslager im Libanon einen sicheren Ort zu finden. Doch ihr eigenes Zuhause, das sie hinter sich lassen, lässt sie nicht los.

Die Videokamera schwenkt durch Wohnungen, halb zerstört und doch noch bewohnt. Die Menschen erzählen ihre Geschichten, die Tonspur verwebt sie zu einem vielstimmigen Chor der Verunsicherung. In den Gesichtern der Menschen zeichnet sich Angst ab, vor der ungewissen, entwurzelten Zukunft. Haunted ist eine unmittelbare Zustandsbeschreibung einer albtraumhaften Situation: Mit zunehmender Laufzeit des Films entsteht aus verwackelten, bruchstückhaften  Einblicken in (noch) bewohnte Häuser und Ruinen, aus vom Bildschirm abgefilmten Skype-Telefonaten und Ausschnitten von Handy-Videos, aus ergreifenden Gesprächen und beobachtenden Szenen eine filmisch dicht gewebte, zutiefst erschütternde Reflexion darüber, wie sehr der Verlust seines Zuhauses einen Menschen umhertreibt – metaphorisch und ganz konkret:


(Haunted / Maskoon; Regie: Liwaa Yazji, SYR 2014, 113 min)

Haunted ist einer von sechs Filmen zum Thema Flucht und Migration, die bei Doc Alliance Films bis zum 4.10. zum Teil kostenlos im Stream zu sehen sind. Darunter auch Babylon aus Tunesien, über ein riesiges temporäres Flüchtlingslager, das 2012 errichtet wurde, um Flüchtlinge aus Libyen aufzunehmen. Ein echtes Kontrastprogramm dazu ist Cash & Marry aus dem Jahr 2009, einer Zeit,  als Flucht und Migration in der Mitte von Europa noch nicht als akute Krisen-Themen angekommen waren. Da konnte man noch mit leichter Hand eine dokumentarische Komödie über junge Immigranten vom Balkan machen, die in Österreich 7000 Euro in eine Scheinehe investieren, um Bleiberecht zu bekommen, während heute verzweifelte Flüchtlinge mehrere tausend Euro nur für einen Platz in einem Schlauchboot nach Europa zahlen...

(Kirsten Kieninger)