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17 08/03

Disneys neue schwule Offenheit braucht kein Mensch - Die kino-zeit-Kolumne

Den "ersten exklusiven schwulen Moment" in der Disney-Geschichte verspricht der Regisseur Bill Condon den Zuschauern von Die Schöne und das Biest und denkt, dass man sich darüber jetzt freuen sollte. Oder dankbar sein. Oder Disney auf die Schulter klopfen, dass sie es wagen, Homosexualität in einen Film für Kinder einzubauen. Nachdem ich nun diesen "exklusiven Moment" gesehen habe, plädiere ich dafür, dass Disney das bitte wieder lässt. Denn so wichtig und relevant Repräsentation im Kino ist, auf eine solche können wir alle - ob homo, hetero oder irgendetwas anderes auf der Kinsey-Skala - gerne verzichten.


(Bild aus Die Schöne und das Biest von Bill Condon; Copyright: The Walt Disney Company Germany GmbH)

Es beginnt schon bei der Idee der postulierten Exklusivität. Wenn queere Menschen eines nicht weiter brauchen, dann ist es Exklusion. Seit Jahren kämpfen sie auf allen Ebenen um Inklusion und nicht darum, weiterhin getrennt von dem betrachtet zu werden, was in der Gesellschaft als Norm angesehen wird. Paart man dies mit dem Moment, ist eigentlich schon klar, was das hier wieder ist: scheiße. Disneys Idee vom exklusiven Moment ist das Pendant zum Sportunterricht, wenn alle in Gruppen aufgeteilt werden und man selbst der/die allerletzte ist, der/die ausgewählt wird, weil man zu uncool ist. Oder moppelig. Oder eben irgendwie anders. In so einer Situation hat man auch einen exklusiven Moment. Einen, auf den man verzichten kann, denn es ist nur eine weitere Ausstellung eines Ausnahmezustands.

Aber das ist ja erst einmal nur die Ankündigung, kommen wir nun zum Inhalt. Als es hieß, es gebe eine schwule Figur in diesem Film, in dem eine minderjährige Frau eine zwischenartliche, aber Gott sei Dank heterosexuelle Beziehung zu einem Bison eingeht, hoffte ich auf Cogsworth (die Uhr). Geworden ist es LeFou, der kleine untersetzte Diener des hypermaskulinen Weiberhelden Gaston. Gespielt wird LeFou von Josh Gad in der elenden Tradition der Sissy (deutsches Pendant zu diesem Wort ist Tunte), also einer schwulen Figur, die feminisiert, auffällig, affektiert daher- und immer zum Einsatz kommt, wenn man lachen will. Eine Sissy ist vor allem eine Markierung für fehlende "Männlichkeit". Diese Figur impliziert das Fehlen von Mut, Kraft, Testosteron etc. Besonders beliebt war die Sissy übrigens in den 1940er Jahren. Und hier bleibt Disney auch konsequent, denn LeFou ist ein Steigbügelhalter, ein Diener, der, um ihn noch armseliger zu machen, in seinen heterosexuellen Meister verliebt ist und von diesem behandelt wird, als wäre er ein Nichts. Viele Anspielungen bekommt LeFou im Film an die Hand. Immer wieder darf er dem heißen Gaston hinterherhecheln und sich für ihn entwürdigen. Schwul sein heißt, nicht männlich sein. Schwul sein heißt, sich aufopfern, die Reste aufpicken. Vielen Dank, Disney! So nett, dass du jetzt queere Menschen repräsentierst. Da ist es schon fast nur noch ein kleiner, zynische Nebenvermerk, dass LeFou der Verrückte heißt und ein französischer derogativer Begriff für Schwule ist.


(Ausschnitt aus Die Schöne und das Biest)

Was viele, Disney allen voran, nicht verstehen, ist, dass Diversität im Film nicht bedeutet, dass man jetzt zähneknirschend queere oder trans* Menschen, Frauen, nicht-weiße Menschen etc. irgendwie mit einbauen muss. Repräsentation ist nicht, dass man auch da sein darf. Repräsentation bedeutet, dass man mit Würde und Respekt integriert wird, dass man Mitspracherecht oder überhaupt ein Sprachrecht hat, dass man handeln und sich zeigen kann, wie man ist. Die Schöne und das Biest aber integriert Platzhalter, die wieder vollkommen stereotypisiert oder ignoriert werden – alle nicht-weißen Figuren in diesem Film haben entweder gar keine Sprechrolle oder maximal 1-2 Sätze. Ein schwuler LeFou bringt niemandem etwas, im Gegenteil. Diese Figur verschärft die Ängste vieler und beleidigt die, die hier gezeigt werden sollen. In einem Jahr, in dem ein Film wie Moonlight den Oscar für den besten Film gewinnen kann, ist ein LeFou nicht nur absurd, sondern eine absolute Frechheit. Zumal diese Figur im Film niemals wirklich als schwul angesprochen, geoutet oder sonst etwas wird. Vielmehr arbeitet Josh Gad hier einfach mal offen mit dem, was viele queere ZuschauerInnen von Disney-Filmen seit Jahrzehnten kennen: Anmerkungen, Hinweise, ein Zwinkern, kleine Unstimmigkeiten, die man so oder so lesen kann. Selbst der große Moment ist nicht der Rede wert: für zwei Sekunden sieht man LeFou mit einem Mann tanzen.

Disney tut hier so, als hätte es das queer-reading-Rad neu erfunden. Schon immer musste sich ein queeres Publikum aus kleinen Momenten queere Geschichten zusammenspinnen. So ist das nun einmal, wenn man sich nie selbst im Kino oder Fernsehen repräsentiert sieht. Der Mensch hat ein Verlangen nach Spiegelung, ein Verlangen danach, in Geschichten Figuren zu finden, die einem ähneln. Ein Ausschluss ganzer Gruppen führt dazu, dass sich diese irgendwie behelfen müssen. Und dass sie, so sie am Entstehungsprozess beteiligt sind, hier und da kleine Hinweise einstreuen. So wie einst William Wyler in Ben Hur. Charlton Heston wusste bis an sein Lebensende nicht, dass er hier Teil einer homosexuell konnotierten Liebe ist. Wyler bat damals Stephen Boyd, seinen Messala doch so zu spielen, als wären er und Judah Ben-Hur ein Paar. Dem homosexuellen Publikum blieb dies nicht verborgen, Ben Hur ist DER Klassiker der queer reading Geschichte. Genauso ist es seit Jahrzehnten mit Disney-Filmen. Timon und Pumba, die als Paar den kleinen Simba adoptieren; Baloo, der Bär; Ursula, die unfassbar großartige Seehexe, die der John Waters Muse, der Dragqueen Divine, zum Verwechseln ähnlich sieht; Mulan; die kleine Meerjungfrau, die für manche trans* Person ein Moment voller Glück war; Elsa, die lesbisch anmutende Schneekönigin, die aus Angst vor den anderen verbergen muss, wer sie wirklich ist … All diese ungewollten Momente und gegen den Strich gelesenen Figuren haben mehr Respekt und Chuzpe, mehr Würde und Ehrlichkeit als der angeblich offen schwule LeFou.


(Bild aus Die Schöne und das Biest von Bill Condon; Copyright: The Walt Disney Company Germany GmbH)

So soll es eigentlich nicht sein. Es ist eine Schande, wenn man sich aus den kleinsten Momenten etwas ziehen muss, weil das Kino und das Fernsehen einen sonst gar nicht zeigt. Aber ehrlich, im Falle von Disney plädiere ich dafür, dass sie es entweder mit Respekt und Ahnung tun oder es wieder lassen, denn die LeFous dieser Welt sind keine Hilfe. Weder in Sinne einer Repräsentation noch um mit diesen Figuren eine Annäherung an Menschen und Erfahrungswelten zu schaffen, die einem sonst im Alltag nicht unterkommen.

Schöner wäre es natürlich, wenn Disney queere Charaktere ohne diesen ganzen Vorurteils- und Klischee-Schmu hinkriegen würde. Kann ja nicht so schwer sein. Im Jahr 2017.

(Beatrice Behn)

Beatrice Behn ist Filmwissenschaftlerin und Filmkritikerin. Sie ist Chefredakteurin von kino-zeit.de, schreibt noch für eine Reihe anderer Publikationen, gibt Seminare an der FU Berlin und produziert gerade ihren ersten Film.