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16 23/03

Die Tarantinosierung der Krimikomödie - Die kino-zeit.de-Kolumne

Es ist jedes Mal das gleiche Ritual: Sobald eine 'schwarzhumorige Gangsterkomödie' in den Kinos anläuft, wird als Referenz Quentin Tarantino, manchmal noch in Begleitung der Coens, herangezogen – und zwar ausschließlich, als hätte es vor ihm bzw. ihnen keine schwarzen Krimikomödien gegeben. Das war bei Kraftidioten so und ist aktuell wieder zu beobachten in den Kritiken zu Sex & Crime und Criminal Activies. Dabei ist es in der Filmgeschichte recht selten, dass der Beginn eines Subgenres klar zu markieren ist. Aber seit 1994 Pulp Fiction in die Kinos gekommen ist, dominiert dieser Film die Rezeption der 'schwarzhumorigen Gangsterkomödien'.


(Bild aus Pulp Fiction von Quentin Tarantino; Copyright: StudioCanal)

Tatsächlich fungiert Pulp Fiction schon durch seine episodische Struktur gewissermaßen als Lager von Handlungselementen, die in anderen Filmen aufgegriffen werden: ein sich liebendes, raubendes Paar, das einen Überfall begeht; zwei Killer auf dem Weg zu einem Auftragsmord; ein Boxer, der einen Kampf schieben soll; Entführungen, die schiefgehen, und versehentliche Morde boten Filmen wie Snatch oder Suicide Kings Handlungsimpulse, die gewissermaßen nur noch mit pseudo-lässigen Dialogen, Popsongs und Gewalt versehen werden müssen, damit ein Film entsteht, der an Tarantino denken lässt. Jedoch wird dabei übersehen, dass schon Tarantinos Vorgehensweise auf viele andere Einflüsse schließen lässt. Er hat diese Handlungselemente den Pulp-Heften entnommen, die der Titel referenziert, und sie zum einen mit anderen Genre-Elementen wie beispielsweise dem Kriminalfilm-Gangster angereichert, der die Frau des Bosses einen Abend lang unterhalten soll. Zum anderen bleibt es in Pulp Fiction nicht bei der bloßen Referenz, sondern Tarantino unterläuft Genreschemata, indem er vertraute Situationen aufbaut und sie einen unerwarteten Verlauf nehmen lässt. Bekanntes Beispiel hierfür ist der Anfang, bei dem das Bild mit Beginn des Raubüberfalls auf das Diner einfriert, also an dem Punkt, an dem die eigentliche Krimigeschichte beginnt. Hier verlangsamt Tarantino den Verlauf und konzentriert sich auf die einleitenden Momente des Plots. Erst am Ende kehrt der Film dann zu diesem Punkt zurück, indem er die Unterhaltung der Killer Jules (Samuel L. Jackson) und Vincent (John Travolta) in diese Sequenz einbaut, obwohl Vincent zu diesem Zeitpunkt in einem bereits gezeigten, aber zeitlich erst noch kommenden Handlungsstrang ermordet wurde. Damit 'verstößt' Tarantino gegen Genre-Erwartungen und verweist abermals auf die Pulp-Hefte, in denen sich ebenso Episoden überschneiden und die Protagonisten der einen Nebenfiguren in einer anderen sind.


(Trailer zu Pulp Fiction)

In Pulp Fiction verläuft Zeit somit weder chronologisch noch linear. In schwachen Filmen ist diese Erzählweise ein bloßes Gimmick, das Handlungslücken und Logiklöcher übertünchen soll. Jedoch gibt es auch Filme, die aus diesem Ansatz in der Erzählweise etwas gewinnen, aber nicht ausschließlich mit Pulp Fiction in Verbindung gebracht werden können: In Sex & Crime nimmt die Handlung immer neue Anläufe, so dass sich mit jeder Sequenz eine neue Facette derselben Geschichte zeigt. Deshalb erinnert der Film auch an The Killers, zumal Regisseur Paul Florian Müller schon in der Bildsprache deutlich erkennen lässt, dass er einige Vertreter des Film noir gesehen hat.


(Trailer zu Sex & Crime)

In der Rezeption von Pulp Fiction wird im Gegensatz zu seinen "Nachfolgern" auch auf die Vorläufer verwiesen – ja, je mehr von ihnen beim Sehen erkannt werden, desto amüsanter wird sogar der gesamte Film. So stammt Vincents Fahrt von seinem Dealer aus Murder, My Sweet, der geheimnisvoll glühende Koffer, den Vincent und Jules zu Marsellus bringen, aus Kiss Me Deadly, allerdings wird dort im Gegensatz zu Pulp Fiction verraten, was er enthält. Vincents Unterhaltung mit Mia wurde von Out of the past und Jules‘ Weg zum Hotelzimmer von Alphaville inspiriert. Der berühmte Tanz von Mia (Uma Thurman) und Vincent (John Travolta) ist nicht nur eine Hommage an Bande à part, sondern auch ein Verweis auf . Christopher Walken erinnert als Vietnamveteran an seine Rolle in The Deer Hunter und Harvey Keitel an "Victor the Cleaner" in dem Nikita-Remake Point of No Return. Die fiktionalen Figuren haben zudem ein Bewusstsein für ihre filmischen Vorläufer. Deshalb ist sich Vincent des John Travoltas der 1970er Jahre bewusst und verfügt damit über eine absurde Selbsterkenntnis. An diese Vielschichtigkeit können nicht alle Filme anschließen, fraglos beziehen sich einige von ihnen auch nur auf Pulp Fiction. Sehr deutlich wird dies in der Tanzszene in Be cool, der misslungenen Fortsetzung des guten Get Shorty: Hier werden Uma Thurman und John Travolta abermals tanzen – dieses Mal zu den Black Eyed Peas –, aber Travoltas Figur fehlt das Bewusstsein, es fehlt eine filmische Einbettung, so dass nur das Zitat übriggeblieben ist.


(Bild aus Pulp Fiction von Quentin Tarantino; Copyright: StudioCanal)

Allerdings sollten Zitate nicht die Sicht darauf vernebeln, dass zum Film nicht nur Handlungsmotive gehören, sondern auch Bild und Ton. Tarantino verband in Pulp Fiction die nervösen Jump Cuts der Nouvelle Vague mit langen Einstellungen, in denen die Gewalt plötzlich eruptiert. Sein Score besteht aus Popmelodien, zusammen mit den oftmals banalen Dialogen betont er die Absurdität des Kriminellen, zugleich löst er aber die Figuren aus dem realistischen Kontext. Das ist der ursprüngliche "Tarantino-Sound", der ebenfalls über das Zitat hinausgeht. Wenn seine Killer auf dem Weg zu einem Mord über Burger-Namen und Fußmassagen reden, ist das nicht nur 'lässig-cool', sondern dieser Dialog lässt gleichermaßen die Normalität als auch Ruhe erkennen, die sie angesichts der bevorstehenden Tat empfinden. Genau deshalb reicht es ja auch nicht aus, männliche Charaktere, viele Schimpfworte, rassistische und sexistische Beleidigungen, Popsongs und eine brutale Handlung zu verbinden, um einen 'coolen' Film zu drehen. In der Rezeption sollte sich die Benennung der Schwächen daher nicht auf einen Vergleich mit Tarantino beschränken, sondern sie sollten auch innerhalb des jeweiligen Films gesucht werden. Allein die Vielzahl der filmischen Vorläufer, die Tarantino selbst in seinem Film referenziert, verweisen darauf, dass nicht bei jeder makabren Krimikomödie nach 1994 Tarantino das alleinige Vorbild sein kann. Als ich in einem Interview den norwegischen Regisseur Hans Petter Moland auf die vielen Vergleiche mit den Coens und Tarantino angesprochen habe, sagte er, dass er ja vielleicht gar nicht bei den Coens und Tarantino abkupfere, sondern lediglich dieselben Filme wie sie gesehen habe und einen ähnlichen Humor habe. Tatsächlich lässt sich in der Filmgeschichte nämlich ein neues Subgenre nicht nur an einem Film festmachen. Über schwarzen Humor verfügten schon Hitchcocks Family Plot und Molinaros L'emmerdeur, Kaurismäkis I hired a contract killer aus dem Jahr 1990 oder drei Jahre später Gaups Hodet over vannet (dessen amerikanisches Remake Head above water 1996 mit Cameron Diaz entstand). Roberto Rodriguez drehte El Mariachi zwei Jahre vor Pulp Fiction, Danny Boyle Shallow Grave ungefähr zur gleichen Zeit. Und wenngleich nicht nur in einer Gangsterkomödie der Grundsatz gilt, dass etwas, was zu gut klingt, um wahr zu sein, in der Regel auch nicht wahr ist, soll das Drehbuch zu Criminal Activies Robert Lowell geschrieben haben, der 1977 gestorben ist.


(Trailer zu Criminal Activies)

Die Anerkennung von Pulp Fiction darf nicht den Blick auf die anderen Quellen verstellen – filmisch und außer-filmisch. Die Schriftsteller Elmore Leonard, Charles Willeford und George V. Higgins wurden schon von Tarantino selbst benannt. Ihre Dialoge mögen für manche so klingen, als stammten sie von Tarantino, die richtige Reihenfolge wäre aber anders herum. Tarantino hatte unbestritten großen Einfluss gerade auf die Krimikomödie, allein der Erfolg seines Films half bei der Finanzierung von Get Shorty und Grosse Point Blank, da er in den 1990er Jahren zeigte, dass nicht nur mit Serienkillerfilmen und Gerichtsdramen Geld verdient werden kann. Und egal, was man von Guy Ritchie halten möchte, er belebte den britischen Kriminalfilm neu. Jedoch darf der Einfluss von Pulp Fiction nicht dazu führen, dass Tarantino als einzige Vergleichsgröße bleibt – und der Blick auf das verstellt ist, was es auch noch gibt.

(Sonja Hartl)

Sonja Hartl schreibt über Filme und (Kriminal-)Literatur, am liebsten über die Verbindungen von ihnen. Sie betreibt das Blog Zeilenkino, ist Chefredakteurin von Polar Noir und Jury-Mitglied der KrimiZeit-Bestenliste.

Bisherige Kommentare

(Anzeige: 1 von insgesamt 1)
Von: Urs Spörri am: 24.03.16
Sehr schöner Text, liebe Sonja! Und ich zitiere in dem Zusammenhang meinen Filmwissenschafts-Professor aus Uni-Zeiten: "Tarantino hat NICHTS erfunden. Rein gar nichts."