• Blogs
  • )
  • B-Roll
  • )
  • Die perfekte Abschlussnummer - Die kino-zeit.de-Kolumne
15 11/11

Die perfekte Abschlussnummer - Die kino-zeit.de-Kolumne

"Das ist doch alles Kommerz!" Mit wenigen Sätzen kann man eine Diskussion über Filme schneller beenden. Kommerz, das wollen wir ja nicht, das ist das Gegenteil von Kunst. Kunst ist Ausdruck individuellen Empfindens und entsteht aus sich selbst heraus. Kommerz hat Geldmacherei zum Ziel, deswegen strebt er auch nicht nach Schönheit und Wahrheit, sondern nach größtmöglichem Massenzuspruch.


(Bild aus Pitch Perfect von Jason Moore; Copyright: Universal Pictures International Germany)

Mein Kopf wird bei Filmen und andere Kulturprodukten, die eindeutig kommerzielle Ziele verfolgen, erst so richtig wach. Ich finde es faszinierend zu sehen, wie sich nichtkünstlerische Ziele wie Vermarktbarkeit in einem Produkt künstlerisch niederschlagen können und dieses Produkt deshalb funktioniert – oder eben gerade nicht. Das "perfekte" Produkt, das sehr präzise auf einen bestimmten Markt kalibriert wurde, hat eine eigene Erhabenheit. Um den Versuch, diese zu beschreiben (und manchmal vielleicht auch darüber zu lachen), soll es bei "Kommerzkacke" gehen.

Der Film Pitch Perfect zum Beispiel wurde 2012 zu einem echten Überraschungshit –obwohl sein Plot einen Ehrenplatz in jeder "Malen nach Zahlen"-Galerie verdient hätte. Eine junge Frau sucht ihren Platz im Leben. Auf ihrer Suche gerät sie eher zufällig in eine Gruppe von Außenseitern, die erfolglos versuchen, mit verstaubten Konzepten an den Ruhm vergangener Tage anzuknüpfen. Die junge Frau injiziert den Außenseitern gegen einigen Widerstand jene eigenen Ideen, die sonst niemanden zu interessieren scheinen, und führt damit die Gruppe zum Erfolg und sich selbst zum privaten Glück. Das Ganze findet im Milieu der A-Cappella-Gruppen an US-Universitäten statt.


(Trailer zu Pitch Perfect von Jason Moore)

Die Stärke des Films liegt nicht in diesem Plot, der nur existiert, damit ein starker weiblicher Cast etwas zu tun hat und sein abgründiger Humor einen Kontext bekommt. Pitch Perfect wäre aber mit Sicherheit kein so großer Erfolg geworden, wenn er nicht so einen meisterhaften Soundtrack hätte. Den Produzentinnen Julianne Jordan und Julia Michaels gelang es, ihren Finger in den musikalischen Wind zu halten und dessen Richtung exakt zu erspüren. Das Soundtrack-Album wurde 2013 zum meistverkauften Soundtrack des Jahres – nicht zuletzt wegen Anna Kendricks Solo-Performance von "Cups (When I’m Gone)", die bis auf Platz sechs der Billboard-Charts kletterte.

Schon an "Cups" zeigt sich, wie schlau der Soundtrack den Zeitgeist einfängt. Die Nummer, bei der Kendrick im Film ein Lied von 1928 mit einem Sommercamp-Geschicklichkeitsspiel fusioniert, stammt aus einem YouTube-Video. Pitch Perfect ist voll mit Mash-ups, diesem Nuller-Jahre-Phänomen der Neukombination von Elementen aus mehreren Songs. Mash-ups sind die oben erwähnte Idee von Kendricks Charakter Beca. Jene Idee, mit der sie ihrer A-Cappella-Gruppe Barden Bellas am Ende zum Triumph verhilft.


("Cups (When I’m Gone)" von Anna Kendrick)

Daher zeigt sich die ganze Genialität dieses Konzepts auch nirgendwo so sehr wie im letzten Auftritt der Barden Bellas, einem dreieinhalbminütigen Parforceritt durch alle musikalischen Strömungen des popkulturellen Augenblicks. Es ist faszinierend, was diese Nummer in der großen Tradition finaler Auftritte von Filmen wie Fame und Flashdance bis zu Sister Act oder Wie im Himmel alles leistet. Diese Performance ist die Kulmination mehrerer Handlungsstränge und musikalischer Geschmäcker in einem perfekten Pop-Produkt.

Die Bellas beginnen klassisch, mit einer Art Mission Statement: "We just wanna make the world dance, forget about the price tag". Der Song "Price Tag" von Jessie J, ein Nummer-1-Hit in 19 Ländern, dürfte jeden Filmzuschauer abholen, der ab und zu Mainstream-Radio hört, und insbesondere junge Mädchen freuen, bei denen Jessie J hoch im Kurs steht. Als nächstes wechseln die Barden Bellas die Tonart und Anna Kendrick singt die Leadstimme bei "Don’t You (Forget About Me)" von den Simple Minds – ein Song für die GenX-er, der in Pitch Perfect zudem Plotrelevanz hat. Als Endhymne des Films The Breakfast Club dient er Becas love interest Jesse, der auch im Publikum sitzt, als ein Symbol für die Rebellion gegen das Spießertum – eine Geste, die sie zuvor nicht verstehen wollte, aber jetzt eindeutig begriffen hat.


("Don’t You (Forget About Me)" von den Simple Minds in der Live-Version)

Doch schon in den letzten Zeilen von "Don’t You" wird die Geheimwaffe angedeutet, mit der die Bellas kurz darauf das Publikum begeistern werden. In den backing vocals schimmert Bruno Mars' Song "Just the Way You Are" durch – jener Song, mit dem die Gruppe Becas Mash-up-Konzept 45 Minuten zuvor erstmals ausprobiert hat. Nach einem triumphalen "La la la"-Refrain springen die Bellas aber zunächst in den EDM/Hip-Hop-Track "Give me Everything" von Pitbull, der besonders dem afroamerikanischen Publikum gefallen dürfte. Drei weitere Bellas bekommen ihre Soli, in denen sie vor allem auch ihre diverse Sexualität selbstbewusst zum Ausdruck bringen und sich sowie ihre story arcs in Erinnerung rufen dürfen.

Doch in der letzten halbe Minute explodiert die Nummer endgültig. Mit einem Drop (dem Merkmal moderner Clubmusik) pushen sich die Bellas in eine Dubstep-Version von Miley Cyrus' "Party in the USA", in die sie "Don’t You Forget About Me" und "Give me Everything" noch einmal kunstvoll einflechten. Bäm! Das hat gesessen. Falls ich in den letzten Absätzen etwas zu detailverliebt geworden bin, dann nur, weil ich es einfach so bewundere, wie dieses Medley jede und jeden im Publikum abholt und auf diese vollkommene Plastik-Pop-Reise mitnimmt. Absolut kommerziell (keine Indie-B-Seiten weit und breit), fernab jeglichen "realistischen" A-Cappella-Gesangs produziert, aber eben auch absolut brillant.

Der Versuch, dieses Finale im diesen Jahr erschienenen Sequel Pitch Perfect 2 zu toppen, ist damit natürlich keine einfache Aufgabe. Nachdem Mash-ups im Ursprungsfilm das große Ding waren, entwickelt der Nachfolger deswegen anhand der neuen Hauptfigur Emily (Hailee Steinfeld) ein neues Konzept von musikalischer "Reinheit". Emily schreibt eigene Songs, was in der A-Cappella-Szene verpönt ist. Genau wie Beca mit ihren Mash-ups läuft sie damit zunächst gegen eine Wand, gewinnt dann aber Stück für Stück das Herz der Bellas.


(Trailer zu Pitch Perfect 2 von Elizabeth Banks)

Der letzte Auftritt folgt daher einem doppelten Konzept. Das Setting ist sequelgerecht größer – es geht um die Weltmeisterschaft – und der erste Teil der Perfomance bringt fast schon pflichtschuldig alle musikalischen Stationen des ersten Finales wieder zusammen: aktueller Pophit ("Run the World (Girls)" von Beyonce), EDM-Stampfer ("Where them Girls at" von David Guetta) und Klassiker aus den 1980ern ("We Belong" von Pat Benatar) kulminieren in einem Mash-up. Doch wo bei der alten Nummer Schluss war, tauchen die Bellas dieses Mal aus der Dunkelheit mit dem selbstgeschriebenen Song "Flashlight" wieder auf.

Mit "Flashlight" ist das Produktionsteam auf Nummer obersicher gegangen. Geschrieben von Sam Smith (zweifacher Grammy-Gewinner und Performer des aktuellen Bondsongs) und Sia Furler (Triphop-Queen und Songwriterin, die gerade mit ihrem sechsten Album einen Meilenstein im aktuellen Popsound gesetzt hat) setzt der Song auf maximale Massenkompatibilität. Der Film gibt parallel jeden Anspruch auf Realismus auf und lässt einen riesigen Chor auf der Bühne erscheinen, um dem Moment die nötige gravitas zu verleihen, und Jessie J wiederholt den Song in einer durchproduzierten Popstep-Fassung im Abspann. Doch obwohl "Flashlight" beileibe kein schlechtes Lied ist, an den Wow-Moment des ersten Films, in dem so viele Marketing-Quadranten so erstaunlich komprimiert bedient wurden, reicht es nicht heran. Absurderweise steht dem perfekten Kommerz hier die künstlerische Reinheit eines individuellen Songs im Weg. Denn den mag man halt – oder eben nicht.

(Alexander Matzkeit)

Alexander Matzkeit schreibt über Film, Medien und Zukunft unter anderem für epd film, das Techniktagebuch und sein Blog Real Virtuality.