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17 26/06

Die Kurzfilme der Quinzaine des Réalisateurs 2017

Édouard Waintrop ist seit 2012 in Cannes als Artistic Director für die Auswahl der Quinzaine des Réalisateurs hauptverantwortlich. Die während der Mai-Unruhen 1968 entstandene und 1969 zum ersten Mal umgesetzte Nebenschiene des Festivals gilt vielerorts als cinephiler Hafen, der Filme aufnimmt, die zu gewagt, radikal oder individuell für den Hauptwettbewerb sind. Ein besonderer Fokus soll dabei auch immer auf der Entdeckung neuer Talente liegen. 


(Courtesy: Quinzaine des Réalisateurs)

Waintrops Programmierung ist seit Beginn seiner Amtszeit äußerst geschickt, weil er zugunsten einer gewissen Vielfalt im Programm auf eine persönliche Handschrift verzichtet, die seinem Vorgänger Frédéric Boyer zum Verhängnis wurde. Der ehemalige Filmkritiker Waintrop schiebt eine deutlich sichere Kugel und er passt damit gut zur allgemeinen Haltung des Festivals. Bei seinem Amtsantritt äußerte der künstlerische Leiter: "Ich habe gute Beziehungen zur Presse und ich weiß, dass ein Festival aus unterschiedlichen Filmtypen bestehen muss. Ich bin mir sicher, dass Frédéric Boyer gute Filme in seiner Auswahl hatte, aber vielleicht waren alle guten Filme ähnlich und das ist ein Problem, wenn man eine Festivalauswahl trifft. Man muss auf verschiedenen Ebenen verschiedene Publikumssegmente und Interessen bedienen."

Man muss also nicht erschrecken, wenn man einen Abstecher wagt. Es sind große Namen im Programm vertreten und einige Neuentdeckungen, deren Filme immer wieder mit mehr oder weniger interessanten politischen Themen aufwarten. Das gilt für die Langfilme (dort waren dieses Jahr zum Beispiel neue Filme von Claire Denis, Bruno Dumont oder Abel Ferrara zu sehen) wie für die Kurzfilme, von denen es nun einige in einer Aktion bei Festivalscope zu sehen gibt. Wie so oft wird man also, Waintrop hatte es ja angekündigt, in der Auswahl mit sehr vielen verschiedenen Stilen und Positionen zum Kino konfrontiert. Auf eine essayistische Dokumentation folgt ein kommerziell orientiertes Drama, folgt eine Musical-Animation und so weiter. Es gilt für die Filme in der Quinzaine wie für alle anderen Sektionen in Cannes, die Kurzfilme zeigen: Im Gegensatz zu den Langfilmen ist die durchschnittliche Qualität nicht höher als bei jedem anderen Festival. Die Aura und das Prestige von Kurzfilmen in Cannes ist eine leere Wolke. 

Das bedeutet so wie überall sonst nicht, dass man nicht die eine oder andere Perle entdecken kann. In Bezug auf die Quinzaine waren sich die wenigen Kritiker, die sich in Kurzfilme auf einem solchen Festival verirren, einig, welches die Perle innerhalb der Auswahl ist: Farpões Baldios, das Debüt von Marta Mateus. Ein Film so streng und zärtlich zugleich, dass jede Einstellung ins Zittern gerät. Im Vergleich zum Rest der Auswahl wirkt der Film wie ein Außerirdischer, in dem man tatsächliche Menschen und Orte sehen kann und vor allem wie sich diese Orte in die Menschen einschreiben und die Menschen sich in die Orte durch die Zeit. Im Film offenbaren sich zwei Dialoge. Der eine findet zwischen den älteren Bauern und den Kindern statt. Während der Nelkenrevolution haben die Bauern die riesigen Anwesen des Adels besetzt und bis heute verjagen sie im revolutionären Gestus alles und alle, die sie dort bedrohen. Die Geschichte dieses Kampfes findet vor den Augen der Kinder statt, die ähnlich wie in Paul Meyers Déja s'envole la fleur maigre die Region Alentejo im Süden Portugals bevölkern, beleben, begeistern, sodass man nicht mehr weiß, ob es die Kinder sind, die hier phantomhaft die Geschichte durchkreuzen, oder die alten Geschichten und Gesten, die diese Gegend heimsuchen. Der zweite Dialog findet zwischen der Kamera und den Menschen statt. Ähnlich wie im Kino von Straub-Huillet gibt es ein bestechend anmutiges Bemühen um Würde und Unabhängigkeit all jener, die gefilmt werden. Nicht nur in diesem Sinn erzählt der Film auch von einer Emanzipation, die aus Widerstand und Spiel gleichermaßen entstehen kann. Das poetische Bild für diese Gleichzeitigkeit findet sich in einem Spaziergang zweier Kinder, wobei der Junge rückwärts- und das Mädchen vorwärtsläuft.

Mit Sicherheit ist Farpões Baldios der reichste Film im Programm. Insgesamt formuliert die Auswahl von Festivalscope verschiedene Ansätze zur Sprache. Wie kommunizieren wir? Wie kommunizieren Filme? Ein wichtiger Faktor für Waintrop generell ist dabei Musik. Sowohl bei den Langfilmen als auch bei den Kurzfilmen gibt es extrem mutige, zum Teil problematische Ansätze zum Musical. Beispiele sind die schrullig-depressive, schwedische Animation Min Börda oder Camilo Restrepos Untersuchungen von Legenden, Fremdheit und schwarzen Körpern in La Bouche. Restrepo schlägt eine gewisse Nähe zum Black-Rebellion-Kino vor, aber an den entscheidenden Stellen scheint er zu mystifizieren, was Klarheit braucht.

Immer wieder tauchen zudem teufelsartige Figuren in den Filmen auf. Tijuana Tales von Jean-Charles Hues ist beseelt von teuflischen Abgründen und ganz allgemein spürt man, dass es ein großes Bestreben in der jüngeren Generation gibt, die Überdominanz von Haneke-Realismus im Festivalkino zu durchbrechen. Es ist nur so, dass die Theorien von Mythen und Fantasie als politische Durchkreuzungen unserer Wahrnehmung sowie die Gegenwärtigkeit von Ebenen jenseits dessen, was wir sehen können, in vielen der Filme bereits wie ein Klischee wirkt. Erschreckend wenig passiert dann wirklich vor der Kamera, man hat hier und da das Gefühl schlampiger Arbeit, die durch Tonspuren oder ein theoretisches Konzept überdeckt wird. Crème de Menthe von Philippe David Gagné & Jean-Marc E. Roy ist der absolute Ausdruck einer Einfallslosigkeit, die zeigt, dass man manche der Kurzfilmregisseure eines solchen Programms bitten sollte, keine Langfilme zu machen. Der Blick auf diese Auswahl ist dennoch äußerst relevant. Zum einen weil man dort eben durchaus große Filme entdecken kann, zum anderen weil sich dort vieles ankündigt, was das Kino in den nächsten Jahren prägen könnte. Manchmal könnte es ein Fehler sein, wenn man Édouard Waintrop und seinen Kollegen weltweit überlässt, allein darüber nachzudenken, wer in Zukunft gute Chancen haben soll, künstlerische Filme zu machen. Denn Waintrop muss auf mehr achten als die Qualität der Filme.

(Patrick Holzapfel)