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17 11/01

Die Kunst in Zeiten des Verfalls - Die kino-zeit-Kolumne

Kaum waren der Kater der Silvesternacht abgeklungen und die Gläser abgeräumt, waren die Zeitungen reich an Schlagzeilen, von denen man nicht wusste, ob man sie sich wirklich anschauen möchte. In Deutschland wird über Racial Profiling gestritten und auf der Frontseite der FAZ schreibt Frank Lübberding, "Nafri" sei ein Begriff wie jeder andere, man solle nicht durch die Diskussion über den Begriff und das Racial Profiling die herrschenden Verhältnisse verzerren und eine "eigene Wirklichkeit" erzeugen.


(Bild aus Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen von Theodore Melfi; Copyright: Twentieth Century Fox)

Durch diese, so scheinbar unnötige, Debatte würde man bloß wichtige nationale Sicherheitsfragen in Gefahr bringen. Dass sich das Grundgesetz in Artikel 3 ausdrücklich gegen Racial Profiling ausspricht, scheint zumindest viele Redakteure der FAZ in diesen Tagen erstaunlich wenig zu interessieren. Während man noch die den Begriff "Nafri" bejubelnden Kommentare unter den Artikeln liest, veröffentlicht in der gleichen Zeitung Verteidigungsminister Thomas de Maizière auf einer ganzen Seite seine Umstrukturierungspläne für die innere Sicherheit. Die Umstände, unter denen das geschieht, findet kaum einer abschreckend. Und schon wieder schreit die CSU nach einer Flüchtlingsobergrenze.

An Weihnachten postete einer der einflussreichsten Aktivisten der #BlackLivesMatter-Bewegung, Shaun King, auch Kolumnist für die New York Daily News, auf seinem Facebook-Profil, dass er eigentlich den Menschen empfehlen wollte, sich über die Feiertage zurückzuziehen, ins Kino zu gehen und Filme wie Hidden Figures oder Fences zu sehen, die Geschichten des afroamerikanischen Empowerments erzählen. Doch dann gab es schon wieder neue bestürzende Zwischenfälle und King sagte, vielleicht sei es nun doch nicht die richtige Zeit ins Kino zu gehen. Trotz meiner Bewunderung für Kings Arbeit möchte ich ihm an dieser Stelle widersprechen: Genau jetzt ist die Zeit, ins Kino zu gehen!

Der Vorwurf liegt nahe, dass es eine Art Rückzeug bedeutet, in diesen Zeiten ins Kino zu gehen: Fühlt man sich machtlos und der aktuellen Tagespolitik ausgeliefert, so möchte man sich unverzüglich ins Private zurückziehen. Warum nicht mal wieder auf der Couch ein Buch lesen, statt nur die Nachrichten? Vielleicht einen Film daheim oder im Kino sehen. Und ich sage Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, tun Sie das! Gehen Sie raus, genießen Sie die Kunst! Nur denken Sie dabei nicht an Rückzug. Denken Sie an Angriff, bringen Sie sich in Position, lassen Sie sich durch Zeilen, Töne und vor allem Bilder inspirieren. Lassen Sie sich belehren oder im Gegenteil, streiten Sie. Diskutieren Sie, stoßen Sie auf eine neue Perspektive.

Wenn die Gesellschaft auf ganzer Linie zu versagen, ja, verloren zu sein scheint, dann sollte die Kultur es vielleicht richten. Christine Macel, Kuratorin der kommenden Venedig Biennale, sagte jüngst in einem Statement: "In a world full of conflicts and jolts, in which humanism is being seriously jeopardized, art is the most precious part of the human being." Die Kunst ist nicht nur ein Anker in unsicheren Zeiten, sie ist oftmals der Wegweiser. Die bildende Kunst und die Literatur haben den neueren Medien in dieser Tradition etwas voraus. Doch die neuen Medien holen auf.

Die Beispiele sind da. Nicht nur in Nischen, auch in der populären Kunst tut sich etwas. Ein Hinweis darauf ist zum Beispiel Pitchforks Liste der besten fünfzig Musikalben des Jahres 2016 zu entnehmen. Selten sind mir so viele politische Alben begegnet wie in diesem Jahr. Die Stellung der Frau in der Gesellschaft, die skandalösen Lebensverhältnisse der afroamerikanischen Bürger oder die Angst vor der immer dunkler werdenden Zukunft waren Themen, die in vielen der fünfzig Alben vertreten waren, von Künstlern wie Frank Ocean, Jenny Hval und Rihanna. Das beste Beispiel ist sicherlich das von Pitchfork zu recht zum Album des Jahres gekürte A Seat at the Table von Solange, das in einer Collage aus Interviews, Zeitzeugenberichten und Musik für eine Aufarbeitung der #BlackLivesMatter-Debatte wie auch für die Stellung der modernen Frau, auch in der afroamerikanischen Community, einsteht.

Auch im Film gibt es eine ähnliche Tendenz zur Politisierung, wenn auch wesentlich subtiler. Nur selten wird ein direkter Bezug zur Realität hergestellt, vielmehr verraten Feinheiten, dass die Welt heute nicht in Ordnung ist, und man das nur noch schwer verschweigen kann und vielleicht auch nicht mehr schönreden will. Es gab sie zwar schon immer, die Filme, die nie für eine Komfortzone gestanden haben. Man denke nur an das Werk von Agnès Varda, Chantal Akerman oder Harun Farocki. Doch ihre Filme sind nicht die, die große Cineplexsäle füllen und bei Netflix die meisten Klicks haben. Mir geht es deswegen vielmehr um stark umworbene Filme für die große Leinwand.

Neuerdings empfindet man beim Betrachten einiger populärer Filme plötzlich ein Gefühl von Beklemmung, etwas Besorgniserregendes, das sich einschleicht und die Idylle mit beachtlicher Langsamkeit und Geduld zerstört. Vorgemacht hat es die Künstlerin Fiona Tan in ihrem filmischen Werk. Angeregt von der Atomkatastrophe in Fukushima und der Finanzkrise erstellte sie 2014 als Teil einer Installation das Filmtriptychon Ghost Dwellings I-III. So blickt man unter anderem bei idyllischem Wetter auf die in der Fukushima-Sperrzone zurückgebliebenen Häuser. Die häuslichen Gegenstände sind meist unberührt, als sei vielleicht immer noch einer da, der sie benutzen könnte. Die Kulisse ist friedlich, ja schön anzusehen, nur der immer wieder ausschlagende Geigerzähler hat etwas Alarmierendes. Ganz leise ist er zu Beginn und während Tan sich immer weiter durch die Sperrzone vorarbeitet, wird der immer stärker ausschlagende Zählerton so beängstigend, dass das Unbehagen darüber noch Stunden später nicht wegzudenken ist.

Ähnlich funktionieren nun auch Tom Fords Nocturnal Animals oder Park Chan-wooks Die Taschendiebin. Fords Film spielt mit dem modernen Alltag, in dessen Mittelpunkt die Protagonistin Susan (Amy Adams) steht. Sie führt das Leben einer modernen Frau; sie ist beruflich und gesellschaftlich erfüllt, jedoch zum zweiten Mal unglücklich verheiratet. Als sie von ihrem Ex-Mann (Jake Gyllenhaal) ein ihr gewidmetes Manuskript erhält, beginnt für ihr Leben ein Zerfallsprozess. Das Manuskript selbst ist voller Gewalt und abstoßender Bilder, die bald auch ihren Weg in Susans vergangenes Leben finden. Immer mehr vermischen sich Bilder aus dem Buch und Susans eigentlichem Leben, bis die moderne Realität zu einem Alptraum wird.


(Trailer zu Nocturnal Animals)

Die Taschendiebin umspielt eine andere weibliche Realität. Im besetzten Korea der 1930er Jahre wird der reichen japanischen Erbin Hideko (Kim Min-hee) die koreanische Magd Sookee (Kim Tae-ri) zur Seite gestellt. Hideko ist ihrem Onkel versprochen, der sie vor wechselnder Gesellschaft erotische Literatur vorlesen und die beschriebenen Stellungen mit einer Holzpuppe nachspielen lässt. Sookee hingegen wurde vom Hochstapler Graf Fujiwara (Ha Jung-woo) in das Haus eingeschleust, um eine Verführung Hidekos zu ermöglichen. Zwischen den Frauen entwickelt sich bald eine starke körperliche Anziehung. Die Idylle des zu Beginn reichen und beeindruckenden Anwesens weicht Stück für Stück den vielschichtigen Perversionen, die die dort lebenden Menschen umgeben. Geradezu beängstigend wirkt das Haus zum Ende hin. Befremdlich ist hingegen leider die Art, in der die sexuelle Lust der Frauen von Regisseur Park inszeniert wurde.


(Trailer zu Die Taschendiebin)

Auch die neue Staffel der in den 2000er Jahren so populären Serie Gilmore Girls, die für viel Wut und Frustration unter den Fans gesorgt hat, bedient sich einer ähnlichen Strategie. Bewusst entsagt Amy Sherman-Palladino der vermeintlich perfekten Welt, die die beiden Serienheldinnen ganze sieben Jahre lang umgeben hat. Vielmehr entwickelt sich mit jeder Folge in Spielfilmlänge das idyllische Stars Hollow zu einem unheimlichen Märchenort, von dem keiner der Protagonisten wegzukommen vermag. Statt einem Happy End bietet Gilmore Girls – A Year in a Life ein unabgeschlossenes Schauermärchen.

Diese Darstellungen des Verfalls einer zuvor so säuberlich konstruierten Idylle sind ein Zeichen dafür, dass sich auch in der populären Filmlandschaft etwas tut. Leider nicht im deutschen Kino. Hier verbleibt man zumeist bei abgedroschenen Bildern und schlechtem Humor, wie man letztes Jahr in Filmen wie Verrückt nach Fixi, Vier gegen die Bank oder Wie Männer über Frauen reden zu oft gesehen hat. Eine seltene Hoffnung für die deutsche Filmzukunft ist sicher die Absolventin der Münchener Hochschule für Fernsehen und Film Uisenma Borchu und ihr Debüt Schau mich nicht so an.


(Bild aus Schau mich nicht so an von Uisenma Borchu; Copyright: Zorro / 24 Bilder)

Auch wegen der schlechten Filme müssen wir weiterhin ins Kino gehen. Das Gesehene hinterfragen und diskutieren. Und sehen, wohin uns das führen mag. Nur sich im Kinosaal zu verstecken, wäre in jedem Fall die falsche Entscheidung.

(Olga Galicka)

Olga Galicka – geboren 1990 in Riga, lebt in Frankfurt. Filmstudium in Frankfurt, Paris und Mailand. Mehrfach eingeladen zum Treffen Junger Autoren der Berliner Festspiele. Stipendiatin des Literaturlabors der Stiftung Niedersachsen. Hat geschrieben und gebloggt, unter anderem für ZDF-theaterkanal, Berliner Festspiele, FAZ und kino-zeit. Ließ sich blicken und las auch vor, zum Beispiel beim Internationalen Literaturfestival Berlin. Schreibt über Film und Politik, aber auch Lyrisches und Prosa, manchmal zusammen. Mag am liebsten Kakteen.