17 01/05

Die kleinen Nerds gehen ins Kino

Es klingt wie eine Verschwörungstheorie und ein wenig ist es auch eine: Da gibt es eine Kreatur, die vielleicht die Welt beherrscht, sie zumindest aber entscheidend prägt, doch kaum einer vermag sie zu fassen oder auch nur überzeugend zu definieren. Ein Nebelwesen. Ob es wirklich existiert oder reine Einbildung ist, Ergebnis unreflektierter (Selbst)Mythisierung, darüber streitet man noch. 


  (Filmstill aus Fanboys. Copyright: Capelight Pictures.)

Die Rede ist vom Nerd, laut Duden lediglich ein "sehr intelligenter, aber sozial isolierter Computerfan", in der Praxis aber sehr viel mehr als das. Wer die Welt von heute beschreiben will, der kommt nicht um den Nerd herum, muss ihn vielleicht sogar als ordnendes Prinzip begreifen. Man begegnet ihm überall: Im Alltag und in Feuilletons, im Internet, im Fitnessstudio und in der Bibliothek, auf Comicmessen, vielleicht beim Blick in den Spiegel, oft in Räumen mit wenig Licht und dort, wo die Popkultur ist, also auch im Kino und um das Kino herum.

Ein Nebelwesen ist der Nerd (und sein nicht deckungsgleicher Geistesbruder, der "Geek"), weil jeder ihn anders wertet und begreift, ähnlich wie der vielerorts verhasste "Hipster" oder auch Gott. Weil er zwar längst Gegenstand der Wissenschaft geworden ist, aber wie das Internet, das ihn in seiner heutigen Form geboren hat, trotzdem immer weiter an Grenzen und Kontur verliert. Seine etymologischen Wurzeln sind umstritten und beginnen in den 1930er Jahren, in schriftlicher Form taucht er erstmals 1950 beim amerikanischen Volksdichter Dr. Seuss auf, als exotisches Tier in einem fiktiven Zoo, zwischen "Nerkle" und "Seesucker", und damit kaum schlechter bezeichnet als heute. In den Folgejahrzehnten war der "Computerfreak", "Eierkopf" oder "Streber" (eine wirklich überzeugende deutsche Übersetzung gibt es bislang nicht, weshalb meist das Lehnwort verwendet wird) durchgängig präsent in der Popkultur. Ungelenke, schüchterne, nicht dem gängigen Männlichkeitsideal entsprechende Figuren vom Phänotyp "Eddie Deezen" verkörperten das Gegenteil der Lederjacken-und-Detachiertheit-Coolness von Marlon Brando oder Henry Winklers Fonzie aus Happy Days. Doch enge Klischees über Hornbrillen, Pickel, Bildschirmbräune und weiße Hemden sind längst einem unüberschaubaren Eigenschaftskatalog gewichen - die meisten aktuellen Bücher über den "Nerd" haben etwas Lexikonartiges, Listenhaftes, sich immer wieder selbst Relativierendes.

Durch seinen Siegeszug - nicht durch den Marsch durch, sondern vielerorts durch die Neuschöpfung der Institutionen - hat der Nerd heute jedes Alleinstellungsmerkmal aufgegeben. Was er liebt, lieben vielleicht nicht alle, aber es wird so verkauft, als wäre dies der Fall. Seine Obsessionen sind längst omnipräsent, Superhelden und andere Comicfiguren beherrschen Kino und Fernsehen, vermeintlich partikuläre Serien wie das Fantasy-Epos Game of Thrones oder die Zombie-Soap The Walking Dead zählen zu den erfolgreichsten überhaupt, Videospiele sind das ertragreichste Unterhaltungsmedium der Welt. Die Liebe zu Fiktion mit Star im Titel ist heute so universell wie die Begeisterung für Sportteams, eine vormals semi-obskure Comicserie wie Guardians of the Galaxy ist Vorlage einer mehrteiligen Blockbuster-Reihe. Es gibt professionelle Nerds und Nerdkulturattachés, Menschen wie Wil Wheaton, Joss Whedon oder Felicia Day, und es gibt Nerds, die unmittelbar die Welt verändern, wie Bill Gates, Steve Jobs, Mark Zuckerberg, Larry Page und Co. 


(Filmstill aus Steve Jobs; Copyright: Universal Pictures Germany)

Auch eine große Affinität zur Technologie und ein Gefühl sozialer Isolation können nur noch schwer als unique selling point verkauft werden. Gerade für Heranwachsende sind das Gefühl des Nichtverstandenwerdens und unklare Zugehörigkeiten so universell, dass niemand sie für sich pachten oder gar als Beleg der eigenen Marginalisierung ansehen kann. Das gilt auch für den nerdschen Technik-Fetisch, der seinen Status als solchen durch die Digitalisierung und Gadgetisierung des Mainstreams zunehmend verliert. Eine gänzlich eigenständige Nerd-Kultur ohne Verbindung zur Massenkultur besteht nicht mehr. Jedes Refugium ist entdeckt, jedes neugeschaffene von der hyperaktiven Netzkultur schnell erschlossen. Nerdtum ist folglich nur noch eine Frage der Intensität, des monomanischen Exzesses, ein ewiger Verdrängungs- und Überbietungswettbewerb in Sachen Obskurität; wie bei der Erforschung unseres Planeten befinden sich die letzten unerforschten Bereiche in tiefsten Tiefen.

Doch selbst die Obsession ist in einer immer weiter spezialisierten, tertiärisierten und post-religiös auf das Diesseits fokussierten Gesellschaft omnipräsent. In Das intensive Leben: Eine moderne Obsession beschreibt der Philosoph Tristan Garcia "das Streben nach existenzieller Intensität" als einendes Element aller Protagonisten auf der Weltbühne. Halbherzigkeit mag es noch geben, scheint aber aus der Zeit gefallen. Die ersatzreligiöse Obsession mit einem einzelnen Aspekt des Lebens als identitäts- und sinnstiftendes Moment betrifft heute viele, und ob es dabei um Veganismus, Fitnesstraining, Fußball oder Star Trek geht, ist eigentlich egal.

Gerade angesichts der Tatsache, dass der Nerd so schwer zu definieren sind, ist es interessant, wie gewaltig die Masse an Kulturprodukten ist, die dezidiert auf ihn abzielt. Mit einem möglicherweise unfairen, aber zielführenden Reduktionismus kann man in der Kategorie „Nerd" (und "Geek") heute vor allem zweierlei sehen: Eine neue Marketingzielgruppe und eine strategische Selbststigmatisierung. Es gibt natürlich noch mehr Deutungsweisen als diese: Der Nerd soziologisch erfasst als "neue kreative Klasse", als neuer Rockstars und so weiter. (Die Reduktion auf die oben genannten Wesensmerkmale sollte keinen Nerd verärgern, reduziert er sich und sein Wesen doch schon durch die Definition als Nerd ungleich stärker.)

Eine dankbare Zielgruppe ist der Nerd vor allem, weil sich seine "Kultur", wie sie sich heute darstellt, vor allem um den Konsum dreht. Nerd-Shops überschütten ihn mit sammelbaren Plastikfigürchen und T-Shirts mit "lustigen" Sprüchen; Produkte von Nahrungsmitteln bis hin zu Sexspielzeugen sind in dezidierten Nerd-Varianten erhältlich, an der Kommodifizierung der Liebe nimmt der Nerd über spezielle Datingseiten teil.

Selbststigmatisierung betreibt der Nerd, wenn er aus seiner sozialen Isolation einen Mythos schöpft, der ihn zum gesellschaftlich Marginalisierten erklärt, zum Genie aus Kindheit und Leben in stiller Einsamkeit heraus. Wenn er soziale Unzulänglichkeiten oder schlichte Egozentrik zur Überlegenheit erklärt gegenüber dem vermeintlich gleichförmigen Mainstream, aus dem er jedoch mit vollen Händen schöpft.


(Filmstill aus Die Rache der Eierköpfe. Copyright: Twentieth Century Fox)

Man könnte polemisch sein: Die Nerdkultur nervt. Wie sie ihre eigene Infantilität und Kaufsucht mit idiotischem Stolz proklamiert, die ewig zyklische Nostalgie, die Comicunendlichkeit ihrer Unterhaltung, die nie zu einem Ende führen darf, weil damit auch die eigene Jugend vorbei wäre. Die Sektiererei, die hyperbürokratische Verwaltungsgier, die landvermessende Spießbürgerlichkeit. Die Überhöhung banaler Geschichten in banaler Form zur Selbstbestätigung, die aggressive Grundhaltung gegenüber jeglicher Kritik. Mit fast terroristischer Larmoyanz erklärt der Nerd jede Neuauflage einer alten Zeichentrickserie zur "Vergewaltigung der eigenen Kindheit". Mit von Wachstumsschmerzen genährtem Zorn wird gegen jede noch so sanfte Veränderung seiner heiligen Texte angewettert. Wie ein übereifriger Torwächter verteidigt der Nerd sein Selbstbild, das doch längst von anderen bestimmt wird - vor allem schließt er dabei aus, was ihm fremdartig, neu und „normal" erscheint. Spätestens seit Die Rache der Eierköpfe von 1984 - im Original Revenge of the Nerds - darf er zurückschlagen gegen jene, die ihn verlachen - mit oftmals verschwimmenden Grenzen zwischen Verteidigung und Angriffskrieg. (Man muss sich nur die absurden, von Persekutionskomplexen getriebenen Internet-Kleinkriege der letzten Jahre ansehen ...)

Den Kinosaal schätzen Nerds nicht, ihre Filme sind nie für den Moment, sondern immer nur für die Zukunft gemacht. Mehr als die eigentliche Erfahrung lieben sie die besinnungslose Antizipation, Vorfreude ist ihnen nicht die schönste, sondern die einzige Freude. Sie verwandeln das Kino in ein Purgatorium der ewigen Kindheit ohne Erwachen. Oder: Das Kino wird für sie, zu ihren Gunsten, in eine solche verwandelt.

Doch natürlich ist dieser Nerd eigentlich kein tatsächliches Individuum, sondern eine konstruierte Zielgruppe, die irgendwann entstanden ist, weil es ein Angebot für sie gab. Es war 1924, als Siegfried Kracauer sein Essay Die kleinen Ladenmädchen gehen ins Kino veröffentlichte und das Kino zum "Spiegel der bestehenden" Gesellschaft erklärte. Die "blödsinnigen und irrealen Filmphantasien" waren für ihn "Tagträume der Gesellschaft". Große Teile des heutigen Kinos sind demnach Nerdträume. Gerade in ihrer Fantastik geben sie die Welt wieder, denn (wieder Kracauer) "je unrichtiger sie die Oberfläche darstellen, desto richtiger werden sie, desto deutlicher scheint in ihnen der [...] Mechanismus der Gesellschaft wieder". Doch heute ist nicht so klar, ob es wirklich die Nerds selbst sind, die träumen oder nur jene, die (eine Identität) an die Nerds verkaufen, ob die Wechselwirkung wirklich noch so funktioniert wie damals.

Manchmal hat man das Gefühl, dass das große, teure Kino sich einem Nebelwesen hingegeben hat, von dem es nicht einmal weiß, ob es wirklich existiert. Einem ordnenden Prinzip mit schwachen und schwächer werdenden Wurzeln in der Wirklichkeit. Vielleicht glaubt es an den Nerd, weil es so oft von ihm erzählt und nicht als Lügner verstanden werden will. 

Wenn der Nerd irgendwann als die Sagengestalt enttarnt wird, die er ist, dann kann das Kino - und die übrige Popkultur - aufhören, einem wirren Phantom nachzujagen. Oder sich ein Neues suchen, wieder einmal. Denn wo kämen wir denn hin, wenn auf einmal Kino für Menschen gemacht würde?

(Lucas Barwenczik)