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15 22/07

Die Kindheit ist zu kurz für schlechte Filme - Sitzplatzerhöhung: Die Kinderfilm-Kolumne

Im Herzen, mehr noch in den Gedanken eines Filmkritikers, bezeichnen wir ihn mal willkürlich mit den Initialen R.W., gibt es einen großen Riss, sobald er beginnt über Kinderfilme zu schreiben (und das tut er oft). Denn dieser Filmkritiker sieht einen Film, findet ihn eigentlich eher schlimm bis völlig unerträglich, und fragt sich aber doch: Ob er den Kindern nicht vielleicht gefällt, auch wenn er mir das Gekröse verkrampft? Die Kleinen lieben doch Action, sie mögen doch planlosen Slapstick, da ist alles andere doch nicht so wichtig!


(Bild aus dem 1930er-Jahre-Kurzfilm Hi'-Neighbor! aus der "Our Gang"-Reihe; Quelle: www.flickr.com/photos/tom-margie/2085070470/in/photostream)

Das Ergebnis dieser gewissermaßen gespaltenen Kritikerpersönlichkeit sind dann Formulierungen wie "Den kleinen Zuschauern wird der Film allerdings bestimmt dennoch gefallen", oder: "Auch wenn Erwachsene es nur als Leid empfinden, die Kinder ziehen später bestimmt mit Jubel und Juchzen aus dem Kino aus."

Gewiss, ich überspitze das womöglich ein wenig, aber es ist auch so: Ich hasse das. Und bin womöglich dieses Vergehens auch schon schuldig geworden, in einem Moment kritischer Nachlässigkeit und medienpädagogischen Vollversagens. Dabei könnte ich mich darüber stundenlang aufregen.

Um das mal klar zu sagen: Solche Sätze sind auf schmerzhafte Weise herablassend gegenüber Kindern, die (auch wenn sie Slapstick wirklich sehr mögen) zuweilen mit einem wesentlich präziseren und vor allem weniger verbauten Geschmacksurteil daherkommen als Erwachsene. Hinter solchem Text liegt jedoch eine große Unsicherheit darüber, welche Aufgabe die Filmkritik in Bezug auf Kinderfilme eigentlich hat – und Grund für diese Unsicherheit ist meiner Meinung nach eine gewisse Plan- und Konzeptlosigkeit darüber, was eigentlich einen guten Kinderfilm ausmacht, was ein Kinderfilm soll, kann oder womöglich gar muss.

Aber der Reihe nach. Zu welchem Zweck betreiben wir eigentlich Filmkritik am Kinderfilm? Schon was Filmkritik eigentlich soll oder kann ist ja nicht besonders leicht zu beantworten, sondern füllt Essaybände, Zeitungskolumnen und Onlineforen. Man kann sich vielleicht noch irgendwie darauf einigen, dass die etwas anspruchsvollere Kritik einen Film als Kunstwerk betrachten soll, als ästhetisches Objekt und Produkt in seinem jeweils spezifischen Gesamtkontext von Welt, Produktionsbedingungen, Genre, vielleicht Diskursen. Das wird sehr schnell groß und sehr vage, auch weil sich Kritik idealerweise ihre Form und ihren Kern jeweils am Gegenstand, sprich: am Film ausrichtet.

Für den Kinderfilm kommt stets hinzu, dass von der Kritik auch Beratung erwartet wird: Taugt dieser Film was für mein Kind? Macht ihm der Angst, wird er ihm gefallen? Zwar erweisen sich diese Fragen, wenn man z.B. mal ein paar unterschiedliche Kinder gleichen Alters kennengelernt hat, schnell als recht oberflächlich, aber grundsätzlich richten gestresste Eltern (also alle Eltern) an eine Kritik genau solche Begehrlichkeiten, und mit einigem Recht – denn ihnen fehlen Zeit und Möglichkeiten, einen Film vorab zu sehen.

Altersempfehlungen (von Seiten der FSK sind sie eher eine Katastrophe) sind für die meisten Eltern enorm wichtig, auch wenn es dennoch schwierig bleibt, daraus eine Handlungsempfehlung fürs eigene Kind zu destillieren, weil die Empfehlung zumindest andeutet, ob ein Kind nach dem Film womöglich mit sehr vielen Fragen nach Hause kommt. Kinder sind schlichtweg ein anderes Publikum als Erwachsene.

Aber sie sind kein dümmeres Publikum. Es gibt meiner Meinung nach in der Filmkritik zwei verbreitete Missverständnisse über den Kinderfilm: Dass er pädagogisch wertvoll sein müsse – oder dass man den Kindern auch Sachen vorsetzen könne, die "wir" Erwachsene nicht ertragen wollten. Aber wer über Honig im Kopf die Nase rümpft, kann seine Kinder nicht ernsthaft in Der kleine Medicus schicken.


(Trailer zu Der kleine Medicus)

Ich glaube nicht, dass jeder Film ein pädagogisches Ziel erreichen, das Kind also zu einem besseren oder klügeren Menschen machen muss – im Gegenzug glaube ich aber auch nicht, dass jeder Film ein gezielter Beitrag zur filmästhetischen Bildung meiner Kinder sein müsse. Deshalb werden sie sich dieser Tage Minions ansehen, weil nicht jeder Animationsfilm ein Meisterwerk aus dem Studio Ghibli sein muss.


(Trailer zu Minions)

Ein guter "Kinderfilm" ist idealerweise so anspruchsvoll und schön wie ein "Erwachsenenfilm" – oder ist einfach ein guter Film, der sich auch für Kinder eignet, auf ihrer Augenhöhe erzählt. Und der trotzdem eben Eltern und Großeltern auch das Gehirn durchpustet: Denn aus einem wirklich richtig guten Film kommt man heraus und die Welt ist, wenigstens ein kleines Bisschen, nicht mehr ganz so, wie sie vorher war.

Und natürlich bin ich pädagogisch genug, meinen Kindern jetzt möglichst viele Filme unterschieben zu wollen, die diese Kriterien erfüllen. Denn spätestens mit zwölf hören sie eh nicht mehr auf mich und geben ihr Taschengeld für Filme aus, mit denen ich nichts anfangen können soll – falls sie dann überhaupt noch ins Kino gehen.

Es bleiben also ein paar Jahre, um ihnen die Liebe zum Kino einzupflanzen. Die Kindheit ist zu kurz für schlechte Filme.

(Rochus Wolff)

Rochus Wolff sucht in seinem Kinderfilmblog, wenn seine Zeit es ihm erlaubt, nach dem guten, schönen, wahren Kinderkino.