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14 11/04

Die ganze verhurte Dramaturgie des Films - Ein Interview mit Klaus Lemke

Ein Telefongespräch. Berlin-München. Nach kurzem Klingeln eine sonore Stimme: "Martin, bevor wir miteinander sprechen, würde ich Dir gern drei Statements diktieren. Mir ist es egal, was Du damit machst. Nutze sie. Oder wirf sie weg. Aber wenn Du sie benutzt, bitte, übernimm sie genau so." Die Stimme am anderen Ende gehört Klaus Lemke. Der Anarcho-Regisseur. Der Unverbesserliche. Der ewige Rebell. Ein Filmfetischist, der seit Jahrzehnten inbrünstig und unaufhörlich gegen das deutsche Filmfördersystem wettert - und Jahr für Jahr einen neuen Film produziert. Vor diesem Interview also drei Punkte, die sich nahtlos in Lemkes vor einigen Jahren formuliertes "Hamburger Manifest" eingliedern.

(Klaus Lemke, Copyright: Alessandra Schellnegger)

"Die Berlinale/Babelsberg sind das falsche Geschäftsmodell für die Erneuerung des deutschen Films, weil Subvention für Film bestenfalls nur so effektiv sein kann wie Schwarzfahren gegen den Hunger in der Welt, so bleiben wir für immer nur die top Langweiler - weltweit. Wie museal darf der deutsche Film noch werden? So vollsubventioniert wie das deutsche Theater? Oder verbeamtet wie ein Rundfunkorchester? Wir bauen feinste Autos, wir haben die schönsten Frauen, aber unsere Filme sind wie Grabsteine."

"Ich bin gerne im Gehen was Dominik Graf, Petzold und Buck machen und ich halte Kaptn Oskar von Tom Lass für das Aufregendste seit Dominik Grafs Im Angesicht des Verbrechens. Je besser mir etwas gefällt, je besser gefalle ich mir selbst. Und das ist auch die ganze verhurte Dramaturgie des Films."

"Die Chefin der Filmakademie fordert mehr Mut. Die Mitglieder mehr Staatsknete. Dass sich das gegenseitig ausschließt, ist in den letzten 40 Jahren Obrigkeitskino niemandem aufgefallen. Aber so ist es eben. Denn, wenn er nicht gewollt hätte, dass sie geschoren wären, hätte der liebe Gott deutsche Regisseure nicht zu Schafen gemacht."

Klaus Lemke: Gut, Du hast alles? Wie gesagt, Du musst davon nichts verwenden. Wirklich.

Es umreißt aber gut die Dinge, über die ich so oder so mit Dir sprechen wollte. Du sprichst Tom Lass an, er ist ja nur einer von zahlreichen jungen Berliner Filmemachern, die mit ähnlichen Mitteln arbeiten wie Du selbst. Man kann sagen: mit fast nichts in der Tasche.

Absolut. Der letzte Film von Tom Lass ist wirklich gelungen.

Sein Film ist allerdings mit weitaus weniger Geld entstanden als Deiner. Du verkaufst Deine Filme mit einiger Sicherheit immer ans ZDF.

Ich produziere meine Filme für dreißig- bis vierzigtausend Euro und verkaufe sie dann. Richtig. Die Gagen werden erst ausgezahlt, wenn ich den Film verkauft habe. Aber ich hoffe sehr, dass die Lass-Brüder nicht den Weg einschlagen, den alle anderen einschlagen. Wenn die Geld haben, ist alles kaputt. Es wäre das Ende ihrer inspirierenden Ära.

Das klingt ziemlich fatalistisch.

Nein. Es ist einfach völlig idiotisch, jungen Menschen eine halbe Millionen für einen Film zu geben, wenn sie doch etwas viel Intensiveres erleben würden, wenn sie nur zehntausend hätten. Da müssen sie kämpfen. Wenn sie eine halbe Million bekommen, müssen sie gucken, dass sie überall Ausgaben haben, müssen ihre Arbeit rechtfertigen, tun, was die Filmförderung sagt und sich in einer voreiligen Art und Weise unterwerfen. Sie denken, sie würden nur Geld nehmen? In Wirklichkeit nehmen sie sich die Chance auf das Leben.

"Kein großes Ding" ist programmatisch zu verstehen?

Ja. Ich mache meine Filme ohne Drehbuch und ohne jeden Plan. Ich mache das, was mir entgegen kommt. Ein Dreh dauert drei Monate. Ich fange manchmal an und höre dann wieder auf oder verwerfe den kompletten Film. Auf jeden, den ich drehe, kommt so einer, den ich wegwerfe.

Wieviel von dem Film existiert, bevor Du mit dem Dreh beginnst?

Ich habe vor drei Jahren schon mal einen Film mit dem Titel Kein großes Ding gemacht. Fertig gedreht, geschnitten - und weggeworfen. Das ist das Geheimnis meiner Filme. Wenn mir nicht gefällt, sieht ihn auch niemand anderes.

Es gibt einen weiteren Standard: Du arbeitest meist mit jungen Leuten.

Ich arbeite nur mit jungen Leuten. Menschen, die älter sind als 30 Jahre haben keine Zeit, mit mir zwei Monate zu verbringen.

Darf man bei Dir mittlerweile am Set essen, oder ist das immer noch verboten?

Essen ist das Allerletzte. Wer das tut, ist sofort gefeuert. Sex im Team geht auch nicht. Wer das nicht in sein Hirn bekommt, der soll die Scheiße weitermachen, die er vorher gemacht hat.

Hat Dich Dein Hauptdarsteller, Thomas Mahmoud, deshalb in weiser Voraussicht mit Tomaten beworfen?

Eine tolle Geschichte. Ich bin zum ersten Mal in Kreuzberg und besuche einen alten Freund, der in der Wrangelstraße ein Café betreibt. Ich geh ein wenig spazieren und da hagelt es plötzlich Tomaten von oben. Jemand brüllt unverständliches Zeugs, was darauf hinausläuft, dass die Touristen sich aus Kreuzberg verpissen sollen. Ich renne also ins Haus. Will explodieren. Mache Sport, ich kann das auch noch, und dann gehe ich rein und sehe Mahmoud. Ich wusste sofort: Das ist mein Mann. Da konnte ich ihm dann nicht mehr in die Fresse schlagen.

Er entpuppt sich als glaubwürdiger, wohl aber einziger Michael-Jackson-James-Brown-Imitator der Welt ...

Wie man mit so einem Irrsinn klarkommen kann, Wahnsinn. Er ist genau so wie im Film, immer an der Grenze. Ihn kann man nicht niederschreien. Aber seine Vitalität reißt einen irgendwann mit. Das ist es, was den Zuschauer durch den Film trägt. Einmal will man ihm den Kopf abhacken und das andere Mal liegt man ihm zu Füßen. Aber das ist Berlin. Man steigt völlig frustriert in die S-Bahn und dann passiert etwas. Da sitzen die Leute nicht wie in München in Séparées sondern gegenüber. Was man da alles sehen kann, das ist schon das ganze Leben.

Du findest Deine Themen also im Vorbeifahren.

Nein, ich plane nichts. Ich suche nichts. Es kommt zu mir. In Berlin kennt mich so gut wie niemand. Ich kann da also unbeschwert durchgehen. Dann sehe ich etwas, meistens am Schlesischen Tor. An diesem U-Bahnhof hat man soviel Glück. Unfassbar.

Kein großes Ding ist Dein zweiter Berlin-Film. Findest Du den Hype, der in den vergangenen Jahren um Berlin gemacht wurde, nicht ermüdend?

Überhaupt nicht. Trotz der ganzen Künstler und dieser Halbprominenz überall, trotz dieses manierierten Kreuzbergs hat diese Stadt etwas, was hoffentlich auch mein Film hat. Berlin hat das, was eine Großstadt ausmacht - sie rettet sich von einer Katastrophe in die nächste. Nimm den Flughafen, nimm Wowereit und jedes andere Detail. Berlin ist nicht zu bremsen. Auch nicht durch die subventionierten Künstler. Und auch nicht durch mich. Berlin ist immer stärker als man selbst. Besonders dann, wenn man glaubt, man hätte es im Griff.

Fangfrage: Hast Du in den vergangenen Jahren jemals daran gedacht, Fördergelder für Deine Filme zu beantragen?

Wer das macht, killt sich.

Ich frage das, denn, wenn man über Berlin und Film spricht, fällt mindestens im dritten Satz das Wort "Medienboard", wahlweise auch "Filmförderung", "Standortmarketing" oder "Ökonomie".

Das ist alles gelogen. Absolute Beschäftigungstherapie. Es ist wie mit euren tausenden Galerien, die noch nie ein Bild verkauft haben. Das alles existiert nur, damit es so aussieht, als würde was passieren. So hat New York auch angefangen. Und auch Barcelona. Berlin hat aber diese irren, genialen Seiten, diese fabelhaften Hostels für Leute, die kein Geld haben und die da hinkommen können, um auf dem Flur zu ficken. Die ganzen Weiber und Drogen - alles gibt es umsonst in Berlin. So etwas vergisst man nicht. Zwei Wochen Paradies.

Aber Sauftouristen zehren schon ziemlich an den Nerven.

Es ist aber ein Teil der Großstadt. Leute, die kein Geld haben, müssen eben gehen. Eine Großstadt ist kein Altenheim. Das muss man kapieren. Die Deutschen wollen keine Veränderung. Das ist auch bei der Filmförderung so. Aus welchem Regisseur irgendeiner Hochschule ist in den letzten 30 Jahren etwas geworden?

Berliner Schule ...

Nichts dagegen. Ich liebe Petzold so wie Dominik Graf und Detlev Buck. Aber, wie museal darf denn das alles noch werden? Das Kunstding, nicht die normalen Leute, wird ja immer spießiger. Die Leute haben längst die Künstler überholt, denn die leben auf Kosten des Staates. Es gibt aber in Berlin sehr viele Leute, die auf ihre eigene Kosten leben. Die Künstler, die von der Stadt bezahlt werden, die sollen den Leuten erklären, wie das Leben geht? Ehrlich, es ist genau umgekehrt.

Wie lange bist Du denn immer in Berlin?

Vor Berlin für Helden war ich vierzig Jahre nicht in der Stadt. Wenn mein Film zu Ende ist, gehe ich auch sofort wieder nach München. Denn wenn ich zu nah rankomme, verliere ich den Blick. Mein Auge muss frisch sein. Ich muss offen sein, darf keine Ideologie im Kopf haben, nicht zu viele Vorurteile ausleben. Ich muss bescheiden sein und das geht eben nur, wenn man nicht in Berlin wohnt. Sonst entwickelt man Hass, Neid und einen starken Überlebenswillen. Den braucht man in München nicht.

Ich dachte immer, in München wohnen die manierierten Menschen ...

München ist eine norditalienische Stadt, also katholisch. Katholisch bedeutet, dass einem der liebe Gott vergibt. Preußisch ist das absolute Gegenteil von katholisch. Gott zeigt einem hier, wie gut es einem geht, an dem, was man hat. Das ist der Unterschied zwischen Calvinismus und Katholizismus. München ist eine wunderbare, übermütige, verkommene und von sich selbst besoffene Kleinstadt.

Deine Filme leben von ihrer Direktheit und zeigen eine gierige Jugend, Nacktheit, Sex. Hast Du jemals daran gedacht, expliziter oder pornografischer zu werden?

Daran denke ich sehr oft. Aber es macht keinen Sinn, Filme zu machen, die das Prädikat "Ab 18" erhalten. Da bekommt man nicht mal mehr einen Video-Verleiher, geschweige denn einen Fernsehfilm bezahlt. Ich muss die Filme, die ich drehe, verkaufen, wenn sie fertig sind.

Kein großes Ding strotzt nur so vor vulgär-albernen Bonmots. Auf mich wirkt das sehr perfekt inszeniert. Lässt Lemke seine Laien vorher zehn "Must-haves" auswendig lernen?

Das ist alles improvisiert. Man sieht es auch in den Szenen, alle Leute sind ja völlig geschockt, als Mahmoud mit Sätzen wie "Sieht aus wie ein Sack Muscheln und macht hier auf Fotzenkaiser" aus sich rausgeht. Das ist nicht so wie bei den Lass-Brüdern, wo die Leute versuchen so zu reden, wie im Leben. Das ist das Leben. Aber es bedeutet auch, dass ich von vier Tagen, die ich drehe, drei wegwerfen muss. Auf Kommando passiert gar nichts. Das macht die Filme so lebendig und deswegen schmeiße ich viel weg. Ich habe bei Heidegger studiert und vieles von dem, was er geschrieben hat, überhaupt nicht verstanden. Aber eines habe ich gelernt: Die Sprache spricht sich von selbst. Das sieht man auch in den amerikanischen Filmen. In Deutschen sprechen die Leute immer noch wie bei Goethe. Sprache ist aber nicht sinnvoll. Sie ist voller Überraschungen und Gegensätze.

Die deutsche Filmkritik ist da ja oft nicht minder restaurativ mit ihrer selbst auferlegten Pflicht alles intellektualisieren zu müssen.

Ja. Genau. Das ist ja das Tolle an amerikanischen Filmen, sie lassen die Welt oft unerklärbarer zurück, als man sie vorgefunden hat. Man kann nichts erklären. Wenn man erklärt, ist man schon in einer anderen Welt.

Wann fängt Dein nächster Dreh in Berlin an?

Ende April beginne ich mit Unterwäsche - Lügen. Du ahnst, was das sein könnte. Das wird ein Film über die wirklichen Darkrooms der weiblichen Seele in Berlin. Aber das ist alles, was ich weiß. Das andere kommt, wenn ich komme. Wenn ich nicht komme, fahre ich wieder zurück nach München.

Hat Dir die Digitalisierung der Filmtechnik neue Wege eröffnet?

Ich habe keinen Tonmann, kein Licht, es gibt kein Catering. Ich arbeite mit nur einem Kameramann. Oft bekommt es niemand mit, dass wir überhaupt drehen. Deshalb kann ich auch ohne Absperrung drehen, ohne Aufnahmeleitung und diesen ganzen Filmdreck, der alles kaputt macht. Man braucht überhaupt kein Licht dank der modernen Technik. Licht braucht man nur, damit die Produzenten mehr verdienen. Ich wollte Ende der 1990er aufhören. Wirklich. Ich hatte nur zwei Filme in zehn Jahren gemacht und hatte überhaupt keine Lust mehr. Dieser ganze Ballast, der einer Filmproduktion anhängt, drei Assistenten - wer braucht die? Ende der 1990er musste man immer mehr Geld ausgeben, damit man glaubte, es wäre Kino. Es war aber das genaue Gegenteil. Alles tot und vorbei. Seit es die neuen Kameras gibt, drehe ich jedes Jahr einen Film. Es ist eine Befreiung. Und jedes Jahr werden meine Filme von der Berlinale abgelehnt, was mich stets ein Stück berühmter macht.

Das nennt man wohl eine funktionierende Hassliebe ...

Na klar. Alle, die an der Berlinale beteiligt sind, wissen, dass ich Recht habe mit dem, was ich über dieses Konstrukt sage. Aber die müssen ihre Häuser und ihre Kinder bezahlen. Und zum Film gehen eh nur die Doofen, also die, die wirklich krank sind. Auf den Filmhochschulen gibt es nur die Söhne von Steuerberatern und Filmproduzenten, bei denen die Eltern sagen: "Der ist zu doof, um Rechtsanwalt zu werden, den schicken wir auf die Filmhochschule. Da zahlt der Staat durchgehend bis zum Tod."

(Martin Daßinnies)