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17 03/07

Die anderen Zeiten des Kinos: Das 31. Il Cinema Ritrovato in Bologna

Das Il Cinema Ritrovato in Bologna ist kein Festival wie die meisten anderen. Das liegt nicht nur daran, dass statt aktuellen Filmen neue und ältere Restaurationen (digital und analog) gezeigt werden, sondern auch an den Besuchern, die sich jedes Jahr in die italienische Hitze wagen. Es sind Historiker, Kuratoren, Enthusiasten und nur ganz vereinzelt Kritiker, die das Branchenpublikum ausmachen. Im Gegensatz zum gewöhnlichen Filmkritiker hat der Historiker deutlich mehr Zeit, bringt also auch mehr Raum für den Genuss italienischer Vorzüge mit sich. Zudem scheint die Art der Neugier auf das Kino anders geprägt. Statt dem schnellen Sehen geht es oft darum, dass man überhaupt sieht und gesehen hat. 


Das Festival erlaubt sich das, was womöglich selbstverständlich sein sollte: Es gibt zum Teil lange, mehr oder weniger gute Einführungen, bei denen über Restaurierungsprozesse, Filmgeschichte und so weiter erzählt wird. Es ist zum Teil ein Festival, dass die Filmgeschichte feiert, zum Teil eines, das die Bewahrung und Vermittlung dieser Geschichte in den Vordergrund stellt und zu großen Teilen feiert es einfach sich selbst. Leider spürt man in vielen Einführung ein Problem dieses Teils der Branche: Filme werden behandelt wie Besitz. Ein gutes Beispiel ist Thierry Frémaux, der Cannes-Direktor, der seit vielen Jahren in Bologna Lumière-Filme zeigt. Er tut dies mit einem Gestus, der besagt, dass er der Vermittler dieses frühen Kinos ist, weil er, wie die Gebrüder Lumière aus Lyon kommt. Außerdem sind die Projektionen oft nicht auf dem Niveau, das man von einem sich selbst als bestes Festival der Welt bezeichnenden Restaurierungsfestivals erwarten kann. Eine Projektion von Med Hondos Sarraouina wurde zum Beispiel deutlich zu laut und mit einer ganzen Rolle unscharf gezeigt. Blickt man zudem auf die Programmierung und sieht wie stark die immer gleichen Länder bemüht werden (in Asien gibt es hauptsächlich Japan und den Iran) oder achtet ein wenig auf die Anzahl restaurierter Filme, die von Frauen gemacht wurden (es ist nicht mal eine Handvoll im riesigen Programm), dann findet man einige Probleme, die nicht zuletzt auch damit zu tun haben, dass in Bologna kaum frischer Wind zugelassen wird und seit Jahren die gleichen Figuren als Kuratoren und Organisatoren auftreten.

Nur ist das, was man in Bologna sehen kann so rar und zum Teil einfach überwältigend gut, dass es schwer fällt eine solche Kritik durchgehend zu vertreten. Das Festival wirkt etwas wild zusammengeworfen, es gibt verschiedene Themen, Schwerpunkte und einige Jubiläen. So werden  Jahr für Jahr Filme gezeigt, die vor exakt 100 Jahren herausgebracht wurden, in diesem Jahr also 1917. Da kann man zum Beispiel einen herzbrechenden frühen Western von Frank Borzage sehen mit Until They Get Me oder die wunderbare Schönheit des skandinavischen Kinos der 1910er Jahre mit Mauritz Stiller oder Victor Sjöström. Weitere Schwerpunkte in diesem Jahr gelten zum Beispiel Helmut Käutner oder Robert Mitchum. Einen roten Faden im Programm zu finden, ist äußerst schwer, darum geht es aber vielleicht auch nicht. Das Festival sagt vielleicht in erster Linie: Das Kino ist größer, als was man sehen kann. Am Abend geht man nicht zuletzt wegen der kühler werdenden Luft oft auf den Piazza Maggiore. Dort werden Klassiker wie Atalante, Monterey Pop oder Johnny Guitar, aber auch Entdeckungen wie der kuriose Break-Up von Marco Ferreri gezeigt. In ihm sieht man größtenteils wie Marcello Mastroianni Luftballons aufbläst. Ein typischer Ferreri-Move, um ein existenzialistisches Problem und Wirrungen von Männlichkeit zu zeigen. Mastroiannis Figur ist besessen davon, herauszufinden wie viel Luft in einen Ballon passt und warum der eine Ballon mehr fassen kann als der andere. Der Film ist so voller Ballons, dass das Festival Luftballons auf die Stühle des Kinos legte, was zu einigen witzigen Szenen während der Projektion führte. Die Bewohner der Stadt nehmen das Angebot dieses Freiluftkinos äußerst begeistert auf. Die Eventisierung funktioniert in Bologna ansonsten häufig über die Einmaligkeit. Oft beschleicht einen das Gefühl, dass man nur eine Chance hat, diesen oder jenen Film zu sehen. Also hetzt man dann doch gleich jedem anderen Festival von Screening zu Screening, in die fünf verschiedenen Innenkinos, von denen vier beinahe obszön von Klimaanlagen gekühlt werden und eines nicht. 

Jenseits der Besitzansprüche von Cannes-Direktoren bewegen vor allem die ganz frühen Zeugnisse des Kinos. Sie erinnern einen, an die einfache Schönheit des Sehens, an ein kino, dass das zeigt, was vor der Linse passiert, nicht mehr und nicht weniger. Eines der absoluten Highlights in diesem Jahr war daher auch ein nicht ganz eine Minute dauernder Film von Étienne-Jules Marey, der den Place de la Concorde in Paris zeigt und eigentlich nie als Film oder für öffentliche Vorführungen gedacht war, sondern nur für Studienzwecke. In Prag wurde das Material zusammengestellt und man findet sich wahrhaftig mitten in Paris vor 120 Jahren. In solchen Augenblicken wird klar, was das Kino wirklich zu leisten im Stande ist. Es entsteht ein enthusiastischer und trauriger Sog zugleich, der das bewusst und gegenwärtig macht, was vergangen ist. Bewegend ist das auch, wenn Filmemacher wie Med Hondo oder D. A. Pennebaker vor Ort sind und von diesen anderen Zeiten des Kinos berichten. Insbesondere Hondo gab einige tränenreiche, leidenschaftliche Einführungen zu seinen Filmen, die durch Martin Scorseses World Cinema Project nun mehr in Umlauf geraten werden. Es gäbe wohl noch einiges mehr zu berichten, aber letztlich ist dieser Bericht, der während des Festivals entstanden ist, vor allem eine Zeugnis der Überforderung. Es bleibt wohl nur zu empfehlen: Ein Besuch hier sollte bei allen Kinobegeisterten auf dem Zettel stehen. (aber kommt nicht alle auf einmal, es gibt sowieso schon zu viele Screenings, die überfüllt sind...)

(Patrick Holzapfel)