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16 03/02

Die Absurdität des Vorbehaltsfilms im digitalen Zeitalter - die kino-zeit.de-Kolumne

Was für ein brillanter Euphemismus das Wort "Vorbehaltsfilm" doch ist: Ein Film, zu dem man Vorbehalte hat, also Bedenken geltend macht. Und auch ein Film, den man anderen vorenthält, dessen Verbreitung man einschränkt. Diese Vorbehalte doppelter Art gibt es für die ca. 46 verbliebenen Filme aus der Nazi-Zeit, Filme wie Veit Harlans Jud Süss, Hans Steinhoffs Hitlerjunge Quex oder Wolfgang Liebeneiners Ich klage an. 


(Filmstill aus Verbotene Filme von Felix Moeller, Copyright: Salzgeber)

Der doppelte Vorbehalt gilt ihrem Inhalt, der Propaganda, der offenkundigen Menschenverachtung, dem nationalsozialistischen Gedankengut, das sie durchzieht. Und so sind sie, die Vorbehaltsfilme, seit dem Ende des Nationalsozialismus vom öffentlichen Filmdiskurs getrennt und ausgeschlossen. Ihre öffentliche Vorführung ist nur unter bestimmten, sehr restriktiven Umständen erlaubt. Veranstaltungen „mit wissenschaftlich kompetenter Einführung und anschließender Nachbesprechung" werden zugelassen. Ansonsten sind die Filme nicht zu sehen, außer man begibt sich, ebenfalls für wissenschaftliche Zwecke, zur Friedrich-Wilhelm-Murnau Stiftung, der Erfinderin der euphemistischen Beschreibung und Hüterin eines Großteils diese vorbehaltenen Filme - und sichtet vor Ort.

Die conditio humana hatte schon immer eine ganze spezifische Reaktion auf Verbotenes. Prohibition löst Verlangen aus; verbotene Früchte sind immer die leckersten. Und so hat die Kategorisierung als Werk, das des "Vorbehalts" schuldig ist, den knapp vier Dutzend verbliebenen Filmen eine Aura des ultimativ Bösen, des Verbotenen beschert, die diese Filme als so psychologisch toxisch konnotiert, dass man sofort der schmackhaft-saftigen Propaganda-Frucht verfällt, so man eines dieser Werke ohne die seelenrettende Einführung und Nachbesprechung konsumiert. Jedoch muss man dabei bedenken, dass diese knapp über 40 Filme einst fast 300 waren. Viele, die einst als bedenklich eingestuft waren, wurden über die Jahre per Bild- und Tonschnitt "entnazifiziert" und in den Kanon des deutschen Kinos reintegriert.


(Filmstill aus Verbotene Filme von Felix Moeller; Copyright: Salzgeber)

Als das renommierte Berliner Zeughauskino vor einer Weile Der alte und der neue König zeigte, wurde das Filmtheater überrannt. Den Saal hätten sie zwei Mal füllen können, so viel Interesse bestand an diesem Historiendrama über Friedrich den Zweiten aus dem Jahr 1935. Der Film ist kein Vorbehaltsfilm mehr, er wurde von der Liste entfernt und damit als für den demokratischen Standard akzeptabel eingestuft. Das sahen aber nicht alle so. Bei seiner ersten Wiederaufführung in den 1961er Jahren schrieb das Magazin Filmkritik: „Der Film ist vollgestopft mit nazistischer Ideologie, und doch benutzt er dazu nicht willkürlich die preußische Legende vom Ungehorsam und von der Folgsamkeit des Kronprinzen Friedrich. Selbst ohne die aktuellen Ausschmückungen der Ära Goebbels verrät der Film eine fatale Affinität von dekadentem Preußentum und Faschismus". Wahrlich, jedes Bild trieft von Ideologie. Das ist ja das grundsätzlich Absurde am Konzept des Vorbehaltsfilms. Genau diejenigen Filme, die ihre menschenverachtende Ideologie nicht ganz offensichtlich heraus posaunen, sie aber in jedem Bild mitdenken, als wären sie ein Standard des Denkens und Lebens, genau diese Filme sind meist von der Liste entfernt worden. Und auch andere Filme, die durch einen Entnazifizierungsprozess per Bild- und Tonschnitt gegangen sind und aus denen die offensichtlichen Bilder entfernt wurden, selbst diese sind immer noch inhärent mit dieser unseligen Ideologie vollgestopft. Genau diese eher suggestiv agierenden Filme, deren Narrativ ganz unterschwellig mit ihrer Weltsicht arbeitet, deren trivialen Momente und seduktive Bildsprache die Aufmerksamkeitsschwelle gar nicht erreicht, sondern eher subkutan und im Unterbewusstsein arbeitet, sind es jedoch, von denen wirklich eine progagandistische Gefahr ausgeht. Denn sie umgehen das Bewusstsein und damit das kritische Denken. Der Fakt, dass solche Filme im Fernsehen seit Jahrzehnten rauf und runter gespielt werden, andere Filme mit expliziterem Inhalt aber der Öffentlichkeit vorenthalten werden und damit auch einen breiten öffentlichen Diskurs, der auch außerhalb der üblichen akademischen Kreise stattfindet, verhindern,  ist wahrlich absurd. 


(Trailer zu Verbotene Filme von Felix Moeller) 

Gerade vor ein paar Tagen ist das Urheberrecht für Adolf Hitlers Mein Kampf abgelaufen. Damit endete ein 70 Jahre anhaltender Bann auf das Buch für den das Urheberrecht als Zensurmechanismus benutzt wurde. Jetzt, in diesem Augenblick, liegt das Buch in einer massive annotierten Auflage in Buchläden aus. Vor dieser Neuveröffentlichung konnte man sich eine Kopie des Buches bei Oma und Opa oder im Internet ganz einfach besorgen. Jetzt gerade ist auch ein Großteil der Vorbehaltsfilme putzmunter und frei im Internet verfügbar, YouTube ist voll davon. Die Qualität ist meistens schrecklich, die Versionen und Fassungen sind eher zweifelhafter Natur, aber egal. Sie sind da und werden weltweit gesehen, mit Untertiteln versehen und gern von neonazistischen Gruppen oder anderen Individuen vereinnahmt. Sie werden kopiert und weitergereicht und überleben durch ihre Aura der Faszination am schon fast mythologischen Bösen, dass ihnen solange zugesprochen wurde. Es gibt keinen richtigen Diskurs über diese Filme und deren Inhalte, sie sind nicht eingebettet in irgendeine Kontextualisierung oder Erklärung, es gibt keine konterkarierenden oder erklärenden Stimmen von Überlebenden oder Zeugen dieser Zeit, die den Inhalten etwas entgegensetzen. Die Filme sind einfach da, sie waren es schon vor dem Internet.  Aber spätestens jetzt ist die Idee sie mit einem Vorbehalt zu versehen und  wegzuschließen, vollends sinnlos. Denn wo ein williges Publikum ist, das der Aura nachspüren will, da ist auch immer ein Weg. 

Die Neuauflage von Mein Kampf ist fast doppelt so dick wie das Original. Das liegt an der intensiven Kommentierung. Natürlich werden diese Kommentare Menschen, die das Buch gekauft haben, weil sie mit der Ideologie Hitlers d'accord gehen, eher nicht interessieren. Aber andere schon. Andere werden sie lesen und studieren. Sie werden sich informieren. Und beide Gruppen können jetzt darüber debattieren und in Diskurs treten, einfach weil sie Zugang haben.  Und beide Gruppen werden vielleicht überrascht sein, dass dieses Buch voller langatmiger Militärstrategien ist, die von Massen an selbstmitleidigen Schimpfattacken unterbrochen werden. Das Buch ist mehr langweilig als auratisch oder böse. 

In Felix Moellers Verbotene Filme  erzählen zwei Neo-Nazi Aussteiger, wie sie den Vorbehaltsfilm Der ewige Jude neuen Rekruten gezeigt hätten (den Film hatten sie garantiert aus dem Internet). Sie bemerken weiterhin, dass das nicht wirklich geholfen habe bei ihrem Ansinnen, denn selbst die Sympathisanten der heutigen Zeit erkennen die Überzogenheit, den Wahnsinn und die schlichtweg krude Propaganda als solche und nehmen sie nicht mehr ernst. Wenn man endlich diese merkwürdige Idee der Aura des Bösen dieser Filme durchbricht und sie einfach als das wahrnimmt, was sie sind, so wird man zwangsläufig feststellen: Diese Filme sind allesamt extrem schlecht gealtert, sie sind zumeist unfassbar langweilig für ein modernes Publikum und völlig overacted. Da ist keine Spur vom Bösen, das den Geist sofort und auf ewig kontaminiert.

Es ist höchste Zeit, die Vorbehaltspraxis einzustellen. Aufgrund des Internets und dessen Strukturen ist sie eh völlig obsolet geworden. Anstelle des Vorbehalts ist es viel eher an der Zeit, diese Filme publik zu machen und sie als das zu zeigen, was sie wirklich sind und damit den stetigen mythologischen Nimbus des Bösen zu entfernen, der diesen Werken mehr Macht verleiht, als sie eigentlich besitzen. Diese Filme müssen wieder von der Öffentlichkeit vereinnahmt werden können. Und zwar in Kooperation mit exzellenter historischer Kontextualisierung. Man muss sie in Kinos sehen können mit Diskussionen über ihre Inhalte, man braucht sie in Museen mit Einordnungen in die Zeit und die Ideen, die ihnen zugrunde liegen. Man sollte sie auf Blu-Ray erwerben können, versehen mit kundigen Audiokommentaren. Man sollte über sie schreiben, sie besprechen, sie entlarven, als das was sie wirklich sind.  Und zwar gerade jetzt, wo Deutschland sich wieder mit neofaschistischen Ideen befasst und diese wieder salonfähig werden.

Beatrice Behn