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16 12/03

Diagonale 2016: Liebesleid, Mordlust und die Gretchenfrage des österreichischen Kinos

Wie die Zeit doch dahinrast ... Gefühlt hat die Diagonale gerade erst Fahrt aufgenommen, da neigt sie sich schon wieder deutlich spürbar dem Ende zu. Das liegt natürlich daran, dass sie gerade mal halb so lang ist wie die Berlinale - Österreich ist halt ein kleines Filmland, wobei das durchaus mit der Diagonale vergleichbare Filmfestival Max Ophüls Preis auch nicht viel länger dauert. 


(Filmstill aus History of Now von Nadiv Molcho; Copyright: Konrad Tho Fiedler)

Man hat stets ein wenig den Eindruck, als stünde der österreichische Spielfilm - vor allem aus der Außenperspektive betrachtet - stets unter einer Art unsichtbaren Regentschaft zweier großer zeitgenössischer Regisseure, die so verschieden gar nicht sind in ihrer Herangehensweise: Ulrich Seidl und Michael Haneke. Vor allem letzterer ist in den letzten Jahren so deutlich als Impuls- und Bildgeber für den österreichischen Filmnachwuchs in Erscheinung getreten, dass es nachgerade als Gretchenfrage erscheint, dem Verhältnis zu dem Übervater immer wieder nachzuspüren und zu fragen: "Wie hältst du es mit Haneke?"

Zugleich aber bemerkt man auch, dass manchem Nachwuchsregisseur dieser Schatten dann doch zu viel wird. Wobei auch solch eine Negierung nichts weiter ist, als eine Bezugnahme, wenngleich vor allem ex negativo. Genau das konnte man beispielsweise gestern wieder beobachten, in jeweils sehr verschiedenen Ausprägungen. 

Nadiv Molchos History of Now klingt nicht nur, als sei es ein Titel für eine US-Indie-Komödie; zieht man das Setting ab (der Film spielt in Wien und in Marokko), dann fühlt er sich auch genauso an - nur eben mit einem europäischen Twist. Und der beinhaltet halt auch, dass hier mehr Wein getrunken, mehr gekifft und gevögelt wird als im puritanischen Amerika. Nadiv Molcho ist ein junger Mann mit einem großen Namen - sein Vater Samy ist ein weltberühmter Pantomime, der hier bei einem Kurzauftritt aber durchaus wortreich dem Sohn ins Gewissen redet, er solle es mit dem Heiraten nicht zu sehr übereilen - was Eltern eben so sagen, wenn die Kinder eigentlich erwachsen sind und dennoch kurz davor, einen falschen Weg einzuschlagen. 

Wobei der Weg, den Eli (dargestellt vom Regisseur) wählt, eigentlich ja nicht so falsch ist: Obwohl seine berufliche Karriere noch auf recht wackligen Beinen steht - Medizin studiert er zwar, doch eigentlich träumt er von einer Karriere als Schriftsteller ("Junge, tu dir das nicht an!") - denkt der Protagonist ans Heiraten, weil er davon überzeugt ist, mit der jungen Israelin Maya (Aya Beldi) die Frau fürs Leben gefunden zu haben. Doch wann ist der richtige Zeitpunkt, ihr einen Antrag zu machen? Und ist die Beziehung wirklich so stabil, wie Eli sich das ersehnt?


(Filmstill aus History of Now von Nadiv Molcho; Copyright: Konrad Tho Fiedler)

In der Rückschau erzählt Molcho diese Liebesgeschichte, die irgendwie auch seine eigene ist, wie er bei der Vorstellung des Films bekennt. Das Seltsame nur: Man merkt so gar nichts von dieser persönlichen Verstrickung, von den Erfahrungen, den guten wie den schmerzhaften, die Molcho im Lauf seines jungen Lebens machen musste. Vielmehr wirkt History of Now wie ein Lifestyle-Bilderbogen für den arrivierten Hipster, der eigentlich alles hat und nichts vermisst. Vielmehr sieht man, untermalt von milde melancholischen Midtempo-Indiesongs im emotionalen Niemandsland zwischen Dur und Moll, jungen, überwiegend schönen Menschen in schönen Umgebungen dabei zu, wie sie ganz banale Erfahrungen machen, ein wenig leiden und dann geht's weiter im Leben. Sicher, History of Now schaut sich flott weg, hinterlässt aber, wenn überhaupt, allenfalls einen faden Beigeschmack ob seiner Belanglosigkeit.

Gar nicht belanglos hingegen, schon aufgrund seiner Thematik, möchte Agonie von David Clay Diaz gerne sein, der schon in der Reihe "Perspektive Deutsches Kino" während der diesjährigen Berlinale zu sehen war. Der Film wurde hier ein wenig mit Stephan Richters beim Filmfestival Max Ophüls Preis ausgezeichneten Drama Einer von uns verglichen, was sich wohl vor allem darauf bezieht, dass beide Filme versuchen, die Hintergründe eines Aufsehen erregenden Verbrechens zu beleuchten. Im Falle von Agonie war das der ohne jegliches Motiv, aber mit großer Brutalität ausgeführte Mord und die anschließende Zerstückelung einer jungen Frau durch ihren Liebhaber. 


(Filmstill aus Agonie von David Clay Diaz; Copyright: Julian Krubasik, David Clay Diaz)

Agonie erzählt die Geschichte aus gleich zwei Perspektiven: Da ist einerseits Christian, der 24-jährige Mörder, ein Jura-Student aus gutem Hause, der alles in seinem Leben sorgsam geplant hat - und dessen Welt aus den Fugen gerät, als diese peinliche Ordnung in sich zusammenfällt wie ein Kartenhaus. Und da ist der 17-jährige Alex, ein Junge aus schwierigen Verhältnissen, voller unterdrückter Wut, der auf den ersten Blick viel eher das Zeug zum Mörder hat. Doch an Ende wendet der seine Aggressivität gegen sich selbst.

Angewendet auf Agonie muss die Antwort auf die Gretchenfrage (wir erinnern uns: "Wie hältst du es mit Haneke?") wohl deutlich zugunsten eines sichtbaren Einflusses ausfallen. Kühl taxierend seziert Diaz die Lebenswelt seiner beiden Hauptfiguren, taucht sie in genau abgezirkelte Bilder, an Bruchstücke aus den Wochen vor der Tat, die beispielsweise an 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls erinnern. Allerdings fehlt es dem Film an der Zwangsläufigkeit seines Vorbildes, die angestrebte Psychologisierung durch das Weglassen (oder allenfalls Andeuten) der Beweggründe lässt die Tat fast beliebig erscheinen - ebenso wie die Entscheidung für eine Parallelgeschichte am Ende wie ein billiger Trick erscheint, um den Zuschauer auf die falsche Fährte der eigenen Vorurteile zu führen.

Andererseits: Wenn man sich vor Augen hält, dass Agonie kein Abschlussfilm ist, sondern im dritten Studienjahr entstand, relativiert das einige der Unstimmigkeiten.

(Joachim Kurz)