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15 27/11

Der Verlust der physischen Realität (Teil 1)

Die Digitalisierung des Alltags stellt das Kino vor ein Problem: Unsere Lebenswelt entzieht sich immer mehr der filmischen Darstellbarkeit.

 
(Szenenbild aus Modern Times von Charlie Chaplin; Copyright Public Domain)

Stellen Sie sich vor, Sie wollten ein Remake von Charlie Chaplins Modern Times drehen, einem der bedeutendsten Klassiker der Filmgeschichte. Natürlich nicht einfach eine Neuverfilmung, sondern eine Aktualisierung der Geschichte aus dem Jahr 1936 für die Gegenwart. Zur Erinnerung: In Modern Times kritisiert Chaplin die moderne Industriegesellschaft mit den Mitteln einer Stummfilmkomödie, also mit Hilfe von viel Slapstick und Körperhumor. Die Zurichtung des Individuums zur Arbeitsmaschine wird vor allem in der berühmten Eröffnungssequenz auf den Punkt gebracht. Menschenmassen steigen einen U-Bahnschacht herauf. Sie hetzen eine Straße entlang, im Hintergrund erhebt sich eine kathedralengroße Fabrik. Rausch steigt aus ihren Schornsteinen. Die Arbeitermassen stempeln ihre Zeitkarten ab und hetzen weiter, vorbei an riesigen Maschinen. Ein muskulöser Mann mit nacktem Oberkörper legt einen schweren Hebel um. Funken sprühen. Der Arbeitstag beginnt. Mit einem Schwenk durch eine Werkhalle voller tonnenschwerer Schwungräder und schwitzenden Arbeitern wird der Protagonist vorgestellt.

Chaplin steht an einem Fließband und zieht mit zwei Schraubschlüsseln in mörderischem Tempo Muttern fest. Als er sich kurz kratzen muss, kommt er gleich in Verzug und bringt den ganzen Arbeitsablauf durcheinander. Immer wieder kann er die Geschwindigkeit des Fließbands nicht halten, bis es ihn irgendwann mitreißt. Erst als er schon von der Maschine verschluckt wurde, stoppt sie endlich. Doch Chaplin hat offenbar den Verstand verloren. Eingeklemmt zwischen den riesigen stillstehenden Zahnrädern dreht er immer noch wie in Trance alle Muttern in seiner Reichweite fest.

Wie könnte dieser Filmanfang heute aussehen? Wie ließe sich der mittlerweile postindustrielle Arbeitsalltag darstellen? Der heutige Chaplin würde wahrscheinlich nicht einmal seine Wohnung verlassen. Er hat seinen Home-Office-Tag. Verschlafen geht er von der Küche in sein Arbeitszimmer. Mit einem leisen Signalton fährt sein Computer hoch. Im Posteingang seines E-Mail-Programms warten schon dutzende Anfragen. Fenster poppen auf dem Bildschirm auf, die Finger fliegen über die Tastatur, die Maus kreist auf dem Schreibtisch. Der Computer stürzt ab, doch immer weiter klickt der rechte Zeigefinger auf die Maustaste. So könnte ein plausibler Anfang der Geschichte aussehen.

Stellen Sie sich vor, Sie wären Filmemacher: Wären Sie überzeugt, mit diesen Bildern ein Publikum zu begeistern? Es gäbe keine Menschenmassen mehr, keine Maschinenhallen, keine dampfenden, funkensprühenden Ungetüme, keinen Schweiß, kein Muskelspiel, keinen Lärm - stattdessen lediglich einen Protagonisten, der stumm und fast regungslos mit einem Bildschirm kommuniziert. Nicht nur Bild und Ton wären langweilig im Vergleich zu Modern Times, auch für Körperhumor à la Chaplin böten sich kaum Gelegenheiten. Seine Physis würde ja kaum mehr eine Rolle spielen.

"Das Kino kann als ein Medium definiert werden, das besonders dazu befähigt ist, die Errettung physischer Realität zu fördern" - so lautet einer der zentralen Sätze aus Siegfried Kracauers Theorie des Films. Schon vor mehr als fünfzig Jahren, als der Journalist, Soziologe und Filmtheoretiker sein Hauptwerk schrieb, sah er unser Denken bestimmt von wissenschaftlichen und technischen Abstraktionen, die uns zwar auf physische Phänomene verweisen, aber gleichzeitig von deren Qualitäten weglocken. Als eine Art Gegenmittel zu dieser Entwicklung propagierte er das Kino, das uns ermöglicht, "die Objekte und Geschehnisse, die den Fluss des materiellen Lebens ausmachen, mit uns fortzutragen". Ziel müsse es sein: "die Realität nicht nur mit den Fingerspitzen zu berühren, sondern sie zu ergreifen und ihre Hand zu schütteln".

Die Aufgabe wird immer schwieriger für das Kino. Der Mensch schaut immer längere Zeit seines Lebens auf Bildschirme oder interagiert mit ihnen, nicht nur während der Arbeit, sondern auch in der Freizeit - selbst wenn er nicht alleine ist, sondern sich mit Familie oder Freunden trifft. Er arbeitet, erschafft, kommuniziert nur noch mit seinen "Fingerspitzen" und immer weniger mit dem ganzen Körper. Es findet also eine radikale Reduzierung der Gegenstände statt, mit denen er in Beziehung tritt. Deren Stelle nimmt die Universalmaschine Computer ein, die Musik macht, den Weg weist und das Spielzeug ersetzt - um nur ein paar Beispiele zu nennen. Ein Laptop, ein Tablet, ein Smartphone ist für die Kamera aber fast so undurchdringlich wie der schwarze Monolith aus Kubricks 2001. Ein zunehmendes Problem für jeden Regisseur. 

Erstaunlicherweise wurde dieses Thema bisher aber kaum öffentlich diskutiert. Das Für und Wider digitaler Effekte, das Ende von analogem 35mm-Material als Industriestandard, der Umstieg auf die digitale Projektion, die Gefahren einer digitalen Archivierung der Filmgeschichte - alle diese Entwicklungen werden seit Jahren kontrovers und mit viel Leidenschaft erörtert. Es erscheinen unzählige Artikel, Aufsätze und Bücher; in Diskussionen und auf Symposien streiten sich Experten; Gutachten werden geschrieben und neue Fördertöpfe geschaffen. Unterdessen hat sich das Kinoerlebnis für den normalen Zuschauer kaum geändert - sieht man von etwas schärferen Bildern und besserem 3D-Erlebnis ab. Die digitale Revolution im Kino ist eine weitgehend unsichtbare - das macht sie so gespenstisch. Die fortschreitende Digitalisierung unserer Lebenswelt verändert dagegen das, was wir auf der Leinwand sehen, nachhaltig.

Per E-Mail frage ich Christoph Hochhäusler, wie er mit diesem Problem umgeht. Der Berliner Regisseur und Drehbuchautor will eher von einem Phänomen sprechen, das ihn aber eigentlich täglich beschäftige. Monitore und Menschen vor Monitoren ließen sich schlecht filmen, schreibt er. Das habe er bei seinem letzten Film Die Lügen der Sieger festgestellt - einem Thriller, in dem ein investigativer Journalist die Hauptfigur ist. Dann wird er grundsätzlich: "Überhaupt frage ich mich oft, ob das Zeitalter des Sichtbaren (oder des Glaubens daran) endgültig vorüber ist, wenn man betrachtet, wie algorithmisch die Welt geworden ist, wie unsichtbar die Netzwerke sind, die Aktien steigen oder Länderratings fallen lassen. Die dem Kino inhärente Ideologie, wonach die Welt sichtbar (gemacht) werden kann, stößt jedenfalls immer öfter an ihre Grenzen, scheint mir."

Ähnlich äußert sich auch Christian Petzold am Telefon. Dessen letzten beiden Kinofilme Barbara und Phoenix spielen zwar in der Vergangenheit, er bereitet aber gerade seinen zweiten Polizeiruf 110 für den Bayerischen Rundfunk vor. Auch er bemüht sich, nicht kulturpessimistisch zu klingen. Er verweist darauf, dass die Digitalisierung eine verbesserte Tonmischung ermöglicht, die das heutige Filmerlebnis körperlicher mache als noch in der analogen Ära. Er stellt allerdings fest, dass durch die Technisierung unserer Umwelt Erzählweisen konventioneller würden. Da vieles nicht mehr für eine Kamera abbildbar sei, wird seiner Ansicht nach mehr über Dialoge erklärt. "Was man ganz oft sieht: Zwei Kommissare stehen vor einem Monitor. Zu sehen ist der Rücken des Bildschirms, weil das, was er zeigt, ja stinklangweilig ist. Also wird dann über den Monitor hinweg auf die Darsteller gefilmt, die wahnsinnig viel erzählen müssen, um ihr Beeindrucktsein von der Technik darzustellen." Das Fernsehen kann solch eine Dialoglastigkeit natürlich besser kaschieren als das Kino mit seiner überwältigenden Bildgröße.

Ein besonderes Problem stellt die "Virtualisierung" unserer Lebenswelt natürlich für den Dokumentarfilm dar, der ja nur sehr begrenzt Einfluss nehmen kann auf die dargestellte Realität. Pessimistisch äußert sich der Kameramann und Dokumentarfilmer Hajo Schomerus, der 2010 für seinen Film Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen mit dem Preis der deutschen Filmkritik ausgezeichnet wurde. Er sei häufig ratlos beim Dreh. In der Praxis ärgere er sich ständig über das Problem, dass Monitore immer Fremdkörper im Bild bleiben. Entweder sie seien zu hell oder zu dunkel oder es komme zu Moiré-Effekten, Streifen oder Interferenzen. Und vor allem: "Es gibt eigentlich nur eine Möglichkeit, Monitore zu filmen: frontal. Bei einem Blatt Papier fallen mir dagegen gleich sechs, sieben verschiedene Stilmittel ein, die ich nutzen kann, um das Bild attraktiv zu machen."

Schomerus lehrt gerade an der Internationalen Filmschule Köln Kameraarbeit. Ihm ist aufgefallen, dass in drei Abschlussfilmen des aktuellen Jahrgangs zunächst Telefonzellen eine wichtige Rolle spielen sollten - die aber alle in den fertigen Filmen nicht mehr auftauchten. "Wahrscheinlich haben sie sich im Abgleich mit der Realität doch als Fremdkörper herausgestellt". Das ist das Dilemma: In der Realität wirkt die Telefonzelle - ein entscheidender Ort in Dutzenden von Filmklassikern - mittlerweile wie ein Relikt, im Film aber ist das Smartphone der Fremdkörper.

Die Filmschüler haben sich für die Realität entschieden, im gegenwärtigen Kino kann man eher das Umgekehrte beobachten. Häufig wird die Gegenwart analoger dargestellt, als sie ist. Wer darauf achtet, findet regelmäßig Beispiele: Immer noch werden in Filmen etwa gerne Schallplatten aufgelegt, auch wenn der Marktanteil von Vinyl - trotz des Booms der letzten Jahre - bei zwei Prozent liegt. Im Einzelfall mag das stimmig sein, aber die Gefahr besteht, dass die Glaubwürdigkeit strapaziert wird. In der aktuellen US-Komödie The Overnight etwa feiern zwei Paare eine spontane Poolparty. Der neureiche Hausherr will die Stimmung mit Musik auflockern - und holt einen Ghettoblaster aus den 1980er Jahren heraus. Dass die oberen Zehntausend ihre alten Kassettensammlungen aus Schülerzeiten aufbewahrt haben, um damit ihre Schwimmbäder zu beschallen, ist eher unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist, dass der Filmemacher einfach das Objekt des klobigen Kassettenspielers filmischer fand als eine drahtlos bediente, irgendwo im Inneren des Hauses versteckt Musikanlage.

Den Hausherrn spielt übrigens Jason Schwartzman, der in den letzten Jahren fast nur in Filmen besetzt wurde, die die digitale Ära mehr oder minder ausblenden. In Listen Up Philip (2014) spielt er einen Schriftsteller, der - ebenso wie sein gesamtes Umfeld - fast völlig in einer prädigitalen Welt hängengeblieben zu sein scheint. Und natürlich ist Schwartzman einer der Lieblingsschauspieler von Wes Anderson, dessen Filme in einem unserer Welt sehr ähnlichen Paralleluniversum angesiedelt sind, dessen Entwicklungsstand meist schwer zeitlich zu bestimmen ist: Smartphones oder Flatscreens sind hier jedenfalls noch unbekannt.

Die "Analogisierung" der Welt macht nicht einmal vor Zukunftsvisionen halt - Science-Fiction erzählt bekanntlich immer mehr von der Gegenwart als der Zukunft. Die beiden von der deutschen Kritik dieses Jahr vielleicht am meisten gefeierten Filme des Genres verzichten völlig auf Darstellungen digitaler Technik. George Millers Mad Max - Fury Road besteht fast ausschließlich aus einer Verfolgungsjagd mit Autos, die auch aus den 19070er Jahren stammen könnten. Also aus einer Zeit, als die Funktionsweise eines Motors auch noch für Laien nachvollziehbar war. Jedenfalls haben die Gefährte des Films wenig gemein mit den aseptischen Computern auf vier Rädern, die heute in Autohäusern zu kaufen sind.

Noch extremer "retro" gibt sich Es ist schwer, ein Gott zu sein des 2014 verstorbenen russischen Regisseurs Alexej German. Nominell spielt er in der Zukunft. Die Handlung findet jedoch auf einem Planeten statt, der auf einer mittelalterlichen Entwicklungsstufe stehengeblieben ist, eine verdreckte, trostlose Welt, die an Gemälde von Hieronymus Bosch oder Pieter Brueghel d. Ä. erinnert. Dass diese Filme die überwältigendsten Kinoerfahrungen des Jahres waren, hängt eng damit zusammen, dass sie sich geradezu schwelgerisch im Schlamm suhlen, Metall aufeinander krachen lassen und das Chaos feiern - nicht nur unter Ausblendung aller Computer, sondern auch mit möglichst wenigen im Computer errechneten Spezialeffekten.

Natürlich ducken sich nicht alle Filmemacher weg vor unserer durchdigitalisierten Gegenwart. Welche Wege das Kino in den letzten Jahren gefunden hat, das Geschehen auf Bildschirmen und in Rechnern transparenter und visuell ansprechender darzustellen, erfahren Sie im zweiten Teil des Essays.

(Sven von Reden)

Das vorliegende Essay entstand während eines Stipendiums, das Sven von Reden im Rahmen des Siegfried Kracauer Preises der MFG Filmförderung Baden-Württemberg in Zusammenarbeit mit dem Verband der deutschen Filmkritik VdFK erhielt.