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14 30/07

Der Tod, mal wieder – Bewegliche Ziele: Die kino-zeit.de Kolumne

Wir müssen mal wieder über den Tod reden. Nein, keine Angst, es folgt keine Abhandlung über die Vergänglichkeit allen Lebens, auch wenn die derzeit trüben Tage schon so etwas wie Herbstgefühle aufkommen lassen. Es geht viel mehr (mal wieder) um den Tod des Kinos, denn kaum hat man sich versehen, wurde schon wieder die nächste Grabrede auf das Kino, wie wir es kennen, gehalten. Und ehrlich gesagt nervt das gerade sehr. 


(Bild von Michael Kötter / cmdrcord bei Flickr CC BY-NC-SA 2.0)

Dieses Mal war es Peter Greenaway, der Ende Juni im MuSa (Museo Virtuale della Scultura e dell'Archittetura) in Pietrasanta einen Vortrag hielt, bei dem es um nichts weniger als den Tod des Kinos ging. Das Neue daran sind weniger die Aussagen Peter Greenaways, denn die gibt der britische Filmemacher seit rund 15 Jahren in nahezu gleich bleibender Form zu Gehör. Und zugleich sollte man bei den Aussagen Greenaways auch dessen durchaus elitär aufzufassende Sichtweise des Films berücksichtigen, die als natürliche Heimstatt von Werken wie den seinen eher den musealen Raum als das Lichtspieltheater (oder Multiplexkino - Gott behüte!) sieht. Schon allein die vier Grundthesen, die Peter Greenaway in seinem von Giorgio Palazzi paraphrasierten Vortrag benennt, deuten an, dass die Vorstellungen des Filmemachers für ein "neues Kino" mit den bisherigen Räumen kaum zusammen zu denken sind: Die Tyranneien des Textes, des Bildausschnitts, des Schauspielers und der Kamera mögen zwar einem Freigeist wie Greenaway als Beschränkungen erscheinen, für den überwiegenden Teil der Filme und des Publikums sind sie aber notwendige Rahmenbedingungen, ohne die das Medium nicht funktioniert. Und es fällt mir ehrlich gesagt sehr schwer, mir ein auf breiter Basis relevantes Kino außerhalb eines reinen Kunstkontextes vorzustellen, das in gleicher Weise die Menschen (und ich spreche hier von VIELEN Menschen) fasziniert, wie das Kino das seit mehr als 100 Jahren vermag.

Wie bereits erwähnt ist dies alles nichts Neues aus dem Munde Greenaways und man darf ihm schon gerne ein recht ausgeprägtes Misstrauen gegen die kleinbürgerliche Herkunft des Kintopps als Belustigungsanstalt für die einfachen Menschen unterstellen, um seine Suada richtig einzuordnen. Das Neue ist vor allem die Beharrlichkeit und Frequenz, mit der Epitaphe wie diese aufgegriffen und weitergegeben werden - und es wäre falsch, dies nur mit den Mechaniken sozialer Netzwerke zu begründen. Ganz offensichtlich treffen Äußerungen wie diese einen Nerv, ein Empfinden: das Unbehagen, das wir uns jetzt gerade in einer Zeit befinden, in der sich die Bedeutung des Films, vor allem aber seines bisher bevorzugten Trägermediums, des Kinos, radikal wandelt. Dieser Wandel erzeugt Ängste und Abwehrreaktionen - und genau das sollte man ernst nehmen. 

Vielleicht wäre Greenaways Vortrag auch nicht so hochgekocht, wenn er nicht in einer Reihe anderer prominenten Grabredner des Kinos, wie wir es kennen, stünde. Quentin Tarantino beispielsweise hat dieses Jahr in Cannes mit der Aussage für Aufsehen gesorgt, die digitale Projektion sei der Tod des Kinos. Weitere prominente Kassandrarufer der letzten Zeit waren oder sind Jean-Luc Godard (eigentlich schon immer) und Steven Soderbergh (besonders deutlich hier nachzulesen) und sicherliche einige andere, deren Einlassungen ich übersehen habe (sachdienliche Hinweise nehme ich aber unter jkurz@kino-zeit.de gerne entgegen). 


(Verlassenes Kino in St. Petersburg, Foto von Spitzruten / CC BY-SA 3.0 / wikicommons)

Manchmal erscheint es mir fast so, als seien die vielen Nachrufe und düsteren Prognosen, die lustvolle Selbstgeißelung und das allgemeine Wehklagen eine Übersetzung der "Broken Windows"-Theorie in die Kinolandschaft, eine Lust am Untergang, ein Tanz auf dem Vulkan. Und ehrlich gesagt schmerzt es mich ziemlich, ständig mit Weltuntergangsszenarien konfrontiert zu werden, die auch noch die letzten unbeschädigten Fenster mit Lust zerdeppern. 

Vielleicht sollten wir es mit dem früheren Musikmanager und heutigen Berliner Kulturstaatssekretärs Tim Renner halten, dessen Buch über das in ähnlicher Weise herbeigeredete und -geschriebene Ende der Musikindustrie den Titel trug: "Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm!" 

Vielleicht braucht man dazu einfach nur ein buddhistisches Mindset und den festen Glauben an eine glorreiche Wiedergeburt - und bis dahin einen langen Atem, um all die Grabreden zu überstehen und sich auf einen zünftigen Leichenschmaus zu freuen ("a schöne Leich'"). Und dann die Ärmel hochzukrempeln und anzupacken, um aus den Trümmern des "alten Kinos" ein neues zu erschaffen.

(Joachim Kurz)

(Joachim Kurz ist studierter Filmwissenschaftler, Redaktionsleiter bei kino-zeit.de und überlegt sich gerade, ob er auf seiner Visitenkarte nicht die Berufsbezeichnung "Filmjournalist" gegen "Leichenbestatter" austauschen soll. Aber das ist dann vielleicht doch nicht so eine gute Idee und eher unsexy.